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Die von Gründingen.
Roman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Von dein Tage an mußte Dagmar noch liebenswürdiger, noch freundlicher gegen ihn sein, um nicht zum zweitenmal einen Verdacht bei den Eltern oder bei Alexa aufkommen zu lassen, denn auch die betrachtete die Schwester oft mit fragenden Nutzen, seitdem Hans ihr erklärt hatte, der Baron habe zwar eine wilde Jugend hinter sich, aber er brauche sich keines seiner Streiche zu schämen.
Das hatte Alexa eigentlich etwas enttäuscht. Sie hatte sich schon so schön hineingedacht in die Rolle der Beschützerin und Fürsprecherin, sie hatte sich darauf gefreut, für ihn einzutreten und ihrer stolzen Schwester einmal ganz gehörig ihre Meinung zu sagen, — und nun war es damit nichts. Wer die Enttäuschung hielt nicht lange an: sie war glücklich, daß Hans so gut über den Baron gesprochen und daß dieser der tadellose Ehrenmann war, für den sie ihn immer gehalten hatte.
Alexa war froh, daß der Baron hier war. Sie freute sich seiner Gesellschaft, sie war stolz auf die kaum glaublichen Fortschritte, die er unter ihrer Leitung beim Tennis machte, so daß sie sich oft als besiegt erklären mußte, sie freute sich, daß sie unter seiner Leitung eine so gute Reiterin wurde, und sie mochte gar nicht an den Tag denken, an dem der Baron nicht mehr bei ihnen sein würde.
Dagmar dagegen sehnte den Tag um so ungeduldiger herbei. Dieses ewige Komödiespielen machte sie müde und nervös.
Sie wußte: er durchschaute sie ganz genau! Er allein merkte das Zittern ihrer Hand, wenn sie an der Schale, die er ihr hinhielt, die Asche der Zigarette abstreiste, wenn sie auf seine Bitte hin ihm noch eine Tasse Mokka einschenkte. Er allein hörte auch, wie ihre Stimme doch zuweilen vor innerer Empörung zitterte, wenn sie sich auch noch so viel zusammennahm. Sie hätte alles tun mögen, um ihm zu entaehert, ihm für immer zu entfliehen — und doch blieb sie sitzen und plauderte und lachte und scherzte, um ihm nicht den Triumph zu gönnen: Dagmar weicht dem Kampfe aus, sie verläßt das Schlacht- feld!
Am heutigen Wend wär das Gespräch besonders Ic6^ haft. Am Morgen war ein Brief vom Landrat gekommen: er fei endlich von seiner langen Dienst- und Urlaubsreise zuruckgekehrt und bäte um Erlaubnis, am nächsten Tag das Diner in der gräflichen Familie einzunehwen. Natürlich hatte man um seinen Besuch gebeten, und jetzt — wie schon vorher bei Tisch! — wurde lebhaft die dem Landrat zuteil gewordene Auszeichnung besprochen: Seine Majestät hatte ihm den erblichen Adel verliehen.
Die Ansichten hierüber waren ganz verschieden.
Die Gräfin freute sich, daß sie jetzt einen bürgerlichen Umgang weniger hätte, und daß der Landrat nun beinahe gleichberechtigt war, wenngleich zwischen i>em. niedrigen und dem hohen Adel natürlich noch, ein gewaltiger Unterschied bestand. Aber doch war ihre Freude nicht so ganz echt. Nach ihrer Auffassung konnte der Adel gar nicht verliehen werden, sondern mußte angeboren sein, sonst war er nicht echt. Sie vertrat den Standpunkt: man kann nicht heute zu einem Menschen sagen: von dieser Minute au bist du adelig, und noch weniger kann man von ihm verlangen, daß er dann auch plötzlich als Adeliger fühle und empfinde. So etwas mußte dem Menschen von Kindheit an im Blute liegen. Der Gras widersprach. Ausnahmsweise vertrat er seine eigene Ansicht, obgleich er als freier Mann ja tun und lassen konnte, was er wollte, und folglich auch der Meinung feiner Frau hätte beistimmen können. '
„Was du sagst, Konstanze, ist ja bis zu einem gewissen Grade richtig, aber dennoch--. Ich möchte sagen: du
hast recht, wenn es sich um die Verleihung des persönlichen Adels handelt, der nur der einen Person gilt und mit deren Tode auch wieder erlischt. Aber bei dem erblichen Adel ist es doch etwas anderes. Denke an deine eigene Familie und an meine. Wir haben doch auch einen Ahnen, der bürgerlich war."
„Wie kannst du so etwas sagen, Eduard," rief die Gräfin ganz entsetzt. „Wir haben keine bürgerlichen Ahnen, auch nicht in der weiblichen Linie, unser blaues Blut ist rein und wird es immer bleiben."
„Schöne Aussichten sür Hans!" dachte der Baron, dann meinte er: „Ich muß Ihrem Herrn Gemahl doch beipflichten, Frau Gräfin, denn als der Stammher "Ihres Hauses in'den Adelsstand erhoben wurde, wär er vorher doch auch bürgerlich."
Wer davon wollte die Gräfin nichts wissen: „Vergessen Sie bitte nicht, lieber Baron, daß unser Urahne Lei seiner Robilitierung einen anderen Namen erhielt. Was er früher war, wie er früher hieß, das geht uns ja nichts an."
„Dasselbe können Sie doch auch vom Landrat sagen: jetzt ist er Herr von Sendberg. Was er friiher war, gehört der Vergangenheit und, wenn Sie wollen, auch der Vergessenheit an." m
Die Gräfin wußte nicht recht, was sie dem Baron erwidern sollte: „Gewiß ja, aber trotzdem. Wenn er mit dem Adel auch feinen Namen !geändert hätte, dann ja, aber so? Das „von" allein macht doch noch keinen anderen Menschen aus ihm."
„Und wie denken Sie darüber, Komtesse?" wandte der Baron sich an Dagmar. ,
„Ich stimme bis zu einem gewissen Grade dir 6et, Mama," sagte sie, sich direkt an ihre Mutter wendend, als hätte sie die Fraae des Barons gar Nicht gehört. „Denn


