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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabern.
(Nachdruck »erboten.) (Fortsetzung.)
Mit steigender Verkounderung hatte Herr Görtz-Schilling tn den letzten Tagen den plötzlich so kameradschaftlich vertrauten Verkehr zwischen der jungen Frau und ihrem isländischen Bekannten währgenommen. Er hatte das zwar immer nur aus der Entfernung beobachten können, denn dieser „unverschämte Mensch" — so titulierte er bei sich Dr. Amthor — hatte ja eine Art, ihn bei jeder Annäherung gleich wieder in aller Gelassenheit abzuschütteln, die unerhört war. Seine Abneigung gegen diesen „unzivilisierten Patron" ohne „alle gesellschaftlichen Dehors" wuchs sich daher nachgerade zum Haß aus.
Nun bot sich heute abend aber die willkommene Gelegenheit, die verdächtigen Zwei aus nächster Nähe zu beobachten, und diese nützte Herr Görtz-Schilling gründlich aus. So entging es ihm natürlich nicht, wie die beiden heimlich lächelnd Blicke tauschten, und wenn es noch eines letzten bedurft hätte, um sein Urteil unumstößlich zu machen, so waren es gerade diese stillen, unbewacht-glücklichen Blicke der jungen Frau gewesen. Nun stand es für ihn „bomben"- fest: zwischen den beiden war es „allright!" Bliebe höchstens noch die Frage offen, bis zu welchem Grade ihre Intimität bereits vorgeschritten sei. Aber, na — das war ja schließlich nur eine Frage der Zeit! Ein leises zynisches Lächeln spielte nm Herrn Görtz' Mundwinkel. Jedenfalls, wenn ein Mann so kurzerhand sich entschließt, einer Frau zuliebe solche Reise mitzumachen, na — er ließ spielend sein Monokel baumeln — so würde er ja tooM wissen, warum er das tat. Gerade so die Stillen vom Schlage dieses anscheinend so kalten Isländers sind ja im Innern die Tollsten — brennen lichterloh! Er kannte ja die Menschen.
Ja, er kannte sie wirklich! So resümierte der Regierungsrat seine heimlichen Beobachtungen, und eine hämische Freude überkam ihn: hatte er nicht gleich damals als er hörte, daß Frau Söllnitz geschieden sei, solch dunkles Geftihl gehabt, daß da bei ihr irgend etwas mcht stimmte? Na also, nun wars ja klar am Tage! Auch sie war nicht unzugänglich die sich so furchtbar unnahbar gebärdet, ihn so kühl ab gelehnt hatte. Es muhte eben nur der Richtige kommen, einer nach ihrem Geschmacke.
Ein Empfinden verletzter Eitelkeit und Eifersucht stieg in Görtz-Schllling auf. Daß sie nun doch auch ihren dunklen Punkt hatte, das hätte er ihr durchaus nicht übel genommen, im Gegenteil, das machte siet in seinen Augen erst recht pikant. Aber daß sie ihn hatte so abfallen lassen und einen so minder- wertigen Menschen ohne jede höhere Kultur ihm Vvrzog, das kränkte, das empörte ihn und erweckte in ihm ein Verlangen, sich zu rachen. Ja, das wollte er! Da für
ihn nichts nrehr zu hoffen war, so wollte er wenigstens ihrem Stolz eine unheilbare Wunde schlagen, wollte ihr zeigen, daß er alles durchschaute, und ihr kaltverächtlich zu verstehen geben, wie er nun von ihr denke — daß sie wahrhaftig keinen Grund habe, sich nun noch aufs hohe Pferd zu setzen.
Der Regierungsrat ivartete nur auf die nächste Gelegenheit, sein Vorhaben auszuführen; aber sie bot sich ihr« nicht so bald. Mit. steigender Eifersucht und Gehässigkeit sah er vielmehr, wie Amthor und die junge Frau sich alL mählich in ein eingehenderes sie offenbar interessierendes Gespräch vertieften, wie sie dabei aufstanden und, in ihre Unterhaltung verloren, etwas abseits gingen, bis an das Eisengeländer des Decks, wo Amthor, gedankenvoll den Kops gesenkt, sich aufstützte, während Frau Söllnitz neben ihm stand und, weiter sprechend, mit ernstem Ausdruck ins Weite, aufs Meer, hinausschaute. Er konnte zwar leider nicht hören, was sie sich da erzählten, aber die Situation war ihm ganz klar: es waren offenbar Dinge, für das Ohr eines dritten nicht bestimmt. Dies genügte ihm aber wöllig, nach allem, was er bisher schon an den beiden beobachtet hatte.
„Sehen Sie," wandte sich indessen gerade Eva Söllnitz an Amthor, „Ihre Worte von neulich sind mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich habe bisher immer geglaubt, ich hätte das letzte an meinem Kinde getan, meine Pflicht bis zum äußersten erfüllt. Nun aber haben mir Ihre Worte diese feste Ueberzeugung erschüttert und mich von neuem in qualvolle Unschlüssigkeit gestürzt. Ich habe ja so unausgesetzt nachgedacht über das, was Sie sagten: dem Kinde fehle der Vater. Und ich kann mich der Erkenntnis nicht entziehen — Sie haben wohl recht."
Sie machte eine Pause, mit einem Gefühl schwerer Bedrücktheit; dann fuhr sie leiser, verloren fort, wieder hinaus ins Weite schauend:
„Ich könnte mir jetzt selbst vorstellen, wenn eine feste und doch gütige Hand über dem Jungen wäre, wenn ein ernster und doch liebevoller Mann wie ein rechter Vater sich seiner annähme, ein Mann, vor dem er tiefsten Respekt und, wenn nötig, auch heilsame Furcht hätte, den er insgeheim aber doch bewundern müßte — daß dann seine Unzugänglichkeit allmählich schwinden, daß er sich dann wohl lenken lassen würde. Ich glaube es wahrhaftig immer mehr, je länger ich darüber nachdenke."
„Das freut mich aus ganzem Herzen!" freudig überrascht wandte sich Amthor ihr zu. „Sehen Sie, ich wußte es ja, Ihr Interesse an dem Kinde konnte ja nicht tot sein es schlummerte nur."
Aber da zog wieder 'der alte Schatten über ihr Gesicht.
„Also, Sie halten es wirklich für meine Pflicht, denk Kinde wieder einen Vater zu geben?"
Er antwortete nicht gleich; dann aber erwiderte er langsam;


