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„Ich glaube allerdings, daß es nach allem für das Wind das einzige Rettungsmittel fein würde. Und auch für Sie selbst."
Sie machte eine heftig-abwehrende Bewegung:
„An mich denke ich dabei nicht. Im Gegenteil, mir ist die Lust vergangen, noch einmal das Glück der Ehe zu erproben. Noch fühle ich alle die Wunden allzu schmerzlich. Wenn ich mich wirklich dazu entschließen könnte, noch einmal zu heiraten, so geschähe es nur tun des Kindes willen — es wäre ein großes Opfer, das größte und letzte, das ich ihm bringen könnte." Ein schweres Seufzen hob ihre Brust; dann schloß sie traurig mit leisem Ton: „Und der Gedanke läßt mich nun nach Ihren Worten nicht mehr zur Ruhe kommen, daß ich mich dieser Pflicht nicht entziehen darf — daß ich dieses Opfer bringen muß."
Amthor wurde sehr ernst. Es legte sich lastend auf ihn das Bewußtwerden, welch schwere Verantwortlichkeit er mit seinem Rat auf sie lud. Sollte er diese unglückliche, schwer heimgesuchte Fran lvirklich dazu bestimmen, noch einmal sich in all die Gefahren zu begeben, denen sie kaum erst entronnen war? Lange erwog er das bei sich, dann erst erwiderte er, nun aber entschlossen:
„So hab ich das nicht gemeint. Dies Opfer, von dem Sie sprechen, darf Ihnen nie und nimmer zugemutet werden. Sie haben auch Pflichten gegen sich selbst — Sie dürfen sich nicht einfach zugrunde richten. — Nein, was mir vorschwebte als rettende Lösung, das wäre ein Mann, dem Sie aus eigner Neigung die Erziehung Ihres Kindes an- vertranen und die Sorge um Sie selbst dazu — ein Mann, der Ihnen volle Sympathie einflößte und dem Sie mit innerstem Vertrauen die hohe, schöne Aufgabe in die Hand legen könnten, Ihrem Kinde ein rechter Vater, Ihnen selbst ein treuer Gefährte zu werden. — Nur so, nicht anders könnte ich mir Are Zukunft denken."
Eva Söllnitz schwieg. Während seiner Worte war ihr unbewußt ein Ausdruck tiefen Sehnens auf ihre Züge getreten. Was er da eben sagte, das weckte ja ein geheimstes Empfinden in ihrer Brust, das bei all dem Grübeln der letzten Tage als ein leiser Unterton mitgeilungen hatte. Ja, das wäre freilich die rechte Lösung — das wäre ja noch einmal das Glück, an bas sie nicht mehr ernstlich gewagt hatte zu denken! Und wunderbar! Wie er so sprach, da stieg wieder dasselbe Bild auf, das ihr vorhin nnwilMrlich vor die Seele getreten war, als sie die ideale Gestalt eines väterlichen Erziehers für ihren Jungen selbst geschildert hatte — sein eigenes Bild! Und plötzlich schoß es ihr durch den Sinn, ein Gedanke, fern und slüchtig, traumhaft wie ein in stiller Nacht aufleuchtendes Meteor: wenn er dieser Manil wäre — wenn er diese Aufgabe auf sich, nehmen wollte! Ja, ihm gäbe sie sich unbedenklich> mit innigem Vertrauen in die Hand, sich unb ihr Kind.
Im nächsten Augenblick aber war der Gedanke schon wieder entschwunden, davcmgeschreckt von der unerbittlichen Vernunft. Amthor dachte ja nicht daran! Freundschaftlich teilnehmend, aber doch innerlich völlig ruhig stand er da neben ihr. Da richtete sie sich energisch auf — es war nicht gut, am Hellen Tage zu träumen! — und an ihm vorüber zu der kleinen Gesellschaft sehend, sagte sie, das Thema abschließend:
„Das wäre freilich eine glückliche Lösung der Frage. Mer sie wird vielleicht immer auf sich warten lassen."
Langsam trat sie, von ihm begleitet, dann wieder zu den anderen zurück.
Die Zeit war dahingeflogen, und die Stimmung des kleinen Kreises war immer ausgelassener geworden, denn der Kapitän ließ den schäumenden Trank in den Kelchen immer wieder nachfüllen.
Frau Eva wurde der übermütige Ton der, bis auf Amthor und den Gastgeber sämtlich sekterhitzten Herren zu viel. Sie beschloß daher, sich unbemerkt, um nicht den allgemeinen Aufbruch nach sich zu ziehen, zu entfernen. Mit einem heimlichen Gruß hatte sie sich von ihrem Nachbar Amthor verabschiedet, wie sie wähnte, ganz unauffällig; dann war sie aufgestanden, sich Kühlung zufächelnd, und war, wie um ein Weilchen sich zu erfrischen, abseits- geschritten, um dort noch ein paar Augenblicke über die Brüstung zu lehnen, ehe sie sich ganz fortbegab. Mer Herr Görtz-Schilling hatte sie nicht aus dem Auge gelassen. Endlich war ja nun seine Gelegenheit gekommen, und leise jßing er ihr also nach.
„Nun, meine Gnädigste, Sie wollen ilns schon verlassen?" tönte ihr plötzlich seine Frage ins Ohr, und nachlässig lehnte er sich, dicht neben ihr, gleichfalls über das Geländer.
Ans seinem Ton, seiner ganzen Haltung fühlte die junge Frau bereits eine geheime feindliche Absicht heraus.
„Woher toi ff en Sie, daß ich Sie verlassen will?" entgegnete sie kühl, aber doch klang eine leichte Ueberraschung aus ihrer Gegenfrage.
„Mir ist eben Jbr diskreter Abschied von Herrn Dr. Amthor nicht entgangen — leider."
Sie fuhr bef seinem ironischen Ton zusammen, aber sie wahrte ihre Fassimg. Amthors Mahnung von neulich klang ihr plötzlich im Öhr: wenn die Meute Sie anfallen will,' packen Sie fest ztr! So sah sie dem Regierungsrat denn voll ins Gesicht:
„Warum leider?"
Er war offenbar über ihre Fassung erstaunt. Aha, sie spielte die Unbefangene, also er mußte deutlicher werden.
„Nuri, ich hatte so das Gefühl —" ein leises, perfides Lächeln spielte um seine Lippen -- „es wäre nicht ganz in ihren Intentionen gewesen, gnädigste Frau, daß dieser Abschiedsgruß von uns anderen bemerkt würde."
„Ihr bewunderswert feines Gefühl hat Sie in der Tat nicht getäuscht, Herr Regierungsrat," spöttelte sie, ihn mit einem verächtlichen Blick streifend. „Ich wollte mich wirklich ganz diskret von Herrn Doktor Amthor verabschieden, um nicht das Signal zum altgemeinen Aufbruch zu geben."
„Ah, wirklich?" machte er ironisch. „Und Sie würdigten nur Herrn Doktor Amthor eines freundschaftlichen Abschieds. Vermutlich, weil er Ihr nächster Nachbar war?!"
„Allerdings — oder glaubten Sie etwa anderes?" Seine wahre Meinung kühn herausfordertid, sah sie ihn an.
Er war wirklich verblüfft. Solche Kaltblütigkeit! Teufel auch — die kleine Frau war eine ganz Geriebene! Nun, da hieß es, nicht länger ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
(Fortsetzung folgt.)
Gießen vor hundert Jahren.
(Nach ungedruckten Berichte«.)'
Von M. Ploch - Darmstadt.
(Fortsetzung.)
10. November. „Der Zug von einer großen Menge Russen Nachzügler, mit einer großen Anzahl vvn Wagen, Pferden, Vieh dauert fort. Man hört viel von Straßeiiraub. Bauern und andere wurden auf dem Weg nach der Stadt beraubt."
12. November. ,,600 bei Hanai: in Gefangenschaft jtratene Franzosen wurden gestern eingebracht, und kamen 'ins Rathaus. Sie waren ganz ausgehungert und ein Bild des höchsten Elends. Heute früh waren 13 tot. Gegen 70 der elendesten behielt mau hier im Lazarett, die meist starben. Die anbeten kamen nach Fulda. Wegen des Gestankes, den sie im Rathaus verursacht hatten, mußte das Billettamt für etliche Tage von da verlegt werden."
14. November. „Im Löwen starb ein russischer Major von Erzerow, 29 Jahre alt, an Leberentzündung. Er wollte keine Arznei nehmen und hatte seine Krankheit durch Trinken von Wein und Branntwein verschlimmert. Er wmche beute von unserem! Militär beerdigt, worauf von dem Nachlaß sämttichen, die Leiche begleitenden Offizieren im Sterbehause eine Kollation gegeben wurde."
15. November. „Die Vorlesungen der Professoren sollten heute beginnen. Aber wegen .der starken Einquartierung konnte niemand daran denken."
17. November. „Das Korps des Generls Fürsten Czarbatow, 12 000 Mann stark, welches zn dem Korps v-. Langeron stößt, rückte in Stadt usid Gegend ein. Sie führteir ungemein große weiße ukrainische Ochsen mit starkeir Hörnern nach. Wegen der starken Truppenmärsche blieb heute die Post von Darmstadt aus."
18. November. „Der -69 Jahre alte zweite Hofkammer- direktor Langsdorf ließ sich heute, trotz der schlimmen Zeiten, die dritte Frau antrauen."
19. .November. „Wägen der vielfachen Beschwerden über die Unsittlichkeit der Russen wurde auf Befehl des Fürsten Czarbatow durch die Schelle bekannt gemacht, daß ein Jeder täglich nur drei Gläser Branntwein, eins früh, eins mittags, eins abends den Leuten reichen dürfe. Mer niemand befolgt es."
20. November. „Heute war der ersehnte Tag, an dem die 2000 Mann des Czarbatowschen Korps abzogen. Es war rohes, wüstes Volk. Die Leute litten sehr darunter. Viermal täglrch mußte ihnen .Fleisch totb Kraut gekocht werden, das einemal


