Ausgabe 
24.1.1912
 
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1740 bett brandenburg-pveußischen ßttttben 50- bis 60000 brauch­bare Kräfte von außen zugeführt worden. Aber immerhin galt es noch, die einzelnen Organe sich zu erziehen, alle Kräfte des Staates zu genteinsamer Tätigkeit zusammenzufassen, zu stärken und zu beleben. Dazu traten noch neue Aufgaben an den großen Preußenkönig heran, nachdem er in Mjährigem, heißem Ringen seinem kleinen Staate die Großmachtstellung unter den Staaten Europas erkämpft hatte; es galt, durch Tüchtigkeit im Innern das zu ersetzen, was dem Staate am äußeren Umfange fehlte. Dieses erhabene Ziel hat der große Staatswirt durch seine inneren Kolonisationen erreicht.

In der harten Schule zu .Küstrin hatte Friedrich gelernt, -»sich selbst zu bezwingen, seinen Genius dem dienstbar zu machen. Was der Staat beburfte". So war denn auch das erste, nachdem er die Regierung angetreten hatte, daß er die einzelnen Dßtrikte seines Königreiches mit brauchbaren Kolonisten besetzte betrachtete er doch die Arbeitskraft des Kolonisten als ein gutes Anlagekapital, das reichlich Zinsen tragen würde und daneben Gesittung und neues Leben unter die alten Insassen bringen Werde".

Um Kolonisten zu bekommen, wurden besondereEdikte" erlassen, die von des Königs Emissären weiter verbreitet wurden. In Frankfurt a. Main und Hamburg wurden ständige Stationen errichtet, die sich mit dem Anwerben von Kolonisten zu be­schäftigen hatten. Kein zur Kolonisation geeigneter Umstand ent­ging dem scharfen.Blick des rastlosen Königs. So schreibt er an seinen Minister Michaelis am 21. Oktober 1750:In den kleinen Städten, da fehlt es noch an Menschen, da können wir noch Haussen unterbringen und dazu haben wir die Gelegenheit, da die Stadt Gera ganz abgebrannt ist, daher können wir ein Haussen Fabricanten ins Land ziehen und solche daun in den Städten etabliren."

Die 'Edikte enthielten gewisse Benefizien und Freiheiten, die den neuen Bürgern gewährt werden sollten. Alle stellen als Hauptwohltat dieWerbe- und En rollte ruugsfrei- h e i t", die Befreiung vom Militärdienst, in Aussicht. Ferner ge­nossen die Kolonisten für ihre ins Land mitgebrachten Habselig­keiten (Silber, Glas, Porzellan) Zollbefreiung. Nach ihrer Niederlassung wurde ihnenEinquartierungs - und Ser - vissreiheit" gewährt. Jeder Kolonist konnte nach seiner Brauchbarkeit Anstellung int königlichen Dienste finden. Wer als Handwerker in einer Stadt eine wüste Stelle bebaute,, er­hielt 150 Taler Gnadengeschenk und Baufreiheits­gelder, die nach dem Bauanschlag mit 2023 Proz. ver­gütet wurden. Fabrikanten erhielten zuweilen auch fertige Häuser erb- und eigentümlich zum Besitz. Waren dieFabri- fonten Wollarbeiter, so bekamen sie aus den eigens errichteten WollmagazinenWollvorschüsse". Den auf dem Lande ange­siedelten Professionisten wurde zum Hausbau das nötige Holz aus den königlichen Forsten frei geliefert. Die Häuser blieben ihnen als erbliches Eigentum, worüber ihnen sogleich Erbver- schreibungen eingehändigt wurden. Ferner wurden den Kolo­nisten alle möglichen Reiseerleichterungen zuteil; so wurden an -Meilengeldern" für eine Familie von 4 Personen 8 Groschen gezahlt.

Was die Plazierung einer ländlichen Familie betrifft, so beliefen sich die Kosten durchschnittlich auf 400 Taler. Fand der Ansiedler bei seiner Niederlassung nicht ein fertiges Haus vor, so erhielt er zur Erbauung des Hauses, der Scheune und der Stallung an barem Gelde 360 Taler. Außer den Wirtschaftsräumen wurden dem Kolonisten noch dietote und lebende Hofw ehr", das nötige Wirtschaftsgerät und er­forderliche Wirtschaftsvieh, bewilligt. DieseHofwehr" wurde mit 78 Talern vergütet. Dielebende" Hofwehr bestand aus 2 Pferden, 2 Ochsen, 4 Kühen. Außerdem erhielt der Kolonie­bauer für Saatgetreide an barem Gelde 35 Taler. In der Regel wurden dem Neubürger 30 Morgen Land zur Bewirt­schaftung zugewiesen. In den ersten Jahren seiner Niederlas­sung stand das Land dem Kolonienbauer zur freien Benutzung zu; dann mußte er eine mäßige Pacht bezahlen. Bon dem Anlagekapital von 400 Talern wurden in der Re^el 7 Proz. Zinsen entrichtet. Im ganzen hat der König Friedrich II. wäh­rend seiner Regierung 50 Millionen Taler für Kolouistenzwecke verausgabt. In dieser Summe sind allerdings die sehr nam­haften Zuschüsse für Landes-Meliorationen enthalten Durch den späteren Berkaus der ganzen Wirtschaft an den Kolo­nisten kam der Staat freilich wieder zu seiner ursprünglich auf- aewendeten Summe. Auch stieg durch die Aufwendungen für Meliorationen die Ertragsfähigkeit des Bodens und damit der Wert der Güter. Mit dem gehobenen Wohlstand wuchs außerdem die Steuerkraft des Landes.

Durch Mollwitz, Hohenfriedbcrg, Soor und .Kesselsdorf wurde der Besitz Schlesiens erkauft, und die Friedensschlüsse von Breslau (1742) und Dresden (1745) bestätigten die Errungen­schaften. Der König kam dadurch in den Besitz einer Provinz, Der seinem Staate etwa 600 Ouadratmeileu und 1500 000 Ein­wohner zubrachte. Der neue Besitzer machte sich sofort an die Arbeit. Das neuerworbene Land wurde in 48 Landratskreise ein­geteilt. Zur Beschaffung der Mittel für die notwendigen Aus­gaben wurden 10 Steuer kreise eingerichtet, eine besondere

Klassifikations-Haupt kommt ssion" eingesetzt, die die Einschätzung der Steuerpflichtigen vorzunehmen hatte. Bon der Steuereinnahme wurden jährlich 554932 Taler für Kolonistenzwecke verwendet. Die zehnjährige segensreiche Friedensarbeit wurde durch einen neuen Kampf um Schlesiens Besitz gestört. Grst der Hubertsburger Friede (1763) sicherte dem König den ungestörten Besitz des neuerworbenen Landers zu.

Die Kolonisationstätigkeit des Königs in Schlesien umfaßt zwei Abschnitte: Vom Dresdener Frieden bis zum Beginn des sieben­jährigen Krieges (17451756) und vom Frieden von. Huberts- burg bis zu Friedrichs Tode (17561786). Während der ersten schlesischen Kolonisationsperiode wurden etwa 7000 Personen an* gesiedelt; in der zweiten Periode kamen 53 000 Neubürger in das Land, so daß die Zahl der Kolonisten für Schlesien von 17421786: 60 000 Personen betrug. Die in Schlesien ein- gewanderteu Kolonisten setzten sich nach ihrer Nationalität zu­sammen aus: 27 510 Oesterreichern, bezw. Böhmen, aus 19 000 Deutscki-Polerr, 10 056 Sachsen und aus 6000 Personen aus verschiedenen Staaten. Von den Sachsen wurden hauptsächlich die Städte ausgesucht. Die Sachsen haben durch die Weberei und Tuchmacherei das industrielle Leben der Provinz gehoben und haben ferner durch ihren Fleiß auf die anderen Bewohner an­regend gewirkt. Diemährischen Brüder" gründeten die be­kannten Kolonien: Gnadenfrei, Gnadenberg und Neusalz. Letz­teres nahm auchBrüder" der Kolonie Marienborn-Herrnhag aus dem Jseuburg-Midingenschen auf.

Für Hebung seiner Marken, für seine Provinzen P o m> mern, Magdeburg, Ostpreußen war der König nicht weniger besorgt, wie für fein Lieblingskind Schlesien. Vor dem 7jährigen Kriege waren in der Kurmark allein 50.000 Kolo­nisten eingewandert. Der unheilvolle Krieg vernichtete diese segens­reiche Bcvälkerungsvermehrung in der Mark vollständig. Es war des Königs Sorge, wieder gut zu machen, was der leidige Krieg verdorben hatte. Besonders galt es, das Land zu bevölkern und Meliorationen durch Trockenlegung der Bttiche durchzuführen. Die Zahl der Kolonisten in der K u r mark betrug von 1763 bis 1786: 3 3 000 Personen.

Die N e u m a r k hatte durch die Belagerung, von Küstrin, durch die Schlacht bei Zorndorf und die beständigen Truppen­durchmärsche so sehr gelitten, daß ein Verlust von 57 000 Men­schen festgestellt werden kann. Die Zahl der ländlichen Kolo­nisten in der Neumark läßt sich auf 16000 Personen schätzen, während die Städte gegen 8000 Neubürger aufnahmen.

In Pommern hatte gleichfalls der Krieg furchtbare Spuren der Verwüstung zurückgelassen: 465 Häuser waren abgebrannt, und die Bevölkerung hatte eine Einbuße von 56 000 Seelen erlitten. Durch alle möglichen Mittel suchte der weise Monarch, d:e Spuren des Krieges zu verwischen und die alte Blüte der Provinz wieder herzustellen, sodaß int Jahre 1774 der Verlust an Menschen nicht nur gedeckt, sondern sogar ein erhebliches Plus von 30 584 Seelen gegen 1756 vorhanden war.

Für die Provinzen Magdeburg und Halber st adt war der König ebenfalls fürsorglich bedacht. Hier galt es weniger, die Schäden des Krieges zu heilen, als das Land zu. verbessern und zupeuplieren". Die Gesamtzahl der Kolonisten für Magde­burg und Halberstadt betrug 20 000 Seelen.

Die Bemühungen des Königs für Ostpreußen und Lit­ten en stehen in keinem Verhältnisse zu der Fürsorge für andere Teile der Monarchie. Hier hatte fein Vater, König Friedrich Wilhelm I Großes geleistet. Immerhin betrug die Zahl der o st preußischen Kolonisten von 17401770: 75 000 Personen.

Was die Stärke der durch die friederieianischen Kolonisten in den alten Provinzen toertretenen Nationalitäten anbelangt, so ergibt sich folgendes Verhältnis: In der Neumark über­wiegen die Deutsch-Polen mit 1745 Familien. In der K n r m a r k stellen das sächsische Kontingent die K n r s a ch s e r. mit 766 Familien. In Pommern überwiegen die Pfälzer mit 341 Familien, in Magdeburg die Kursachsen mit 415 Familien. Für Ostpreußen fehlen die Heimatsnachweise.

1772 erfolgte die erste Teilung Polens. Preußen erhielt etwa 660 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 600 000 Ein­wohnern, nämlich das LandWestpreußen" außer Danzig und Thorn, ferner denNetzedistrikt", den nördlichen Teil der heu­tigen Provinz Pofen. Die wirtschaftliche Lage der neuen fri- derizianischen Gebietserwerbmig war keine günstige. Die Mehr­zahl der Bauern lebte in einem Zustande der Sklaverei, der schrankenlosen Willkür ihrer Starosten anfjeimgegeben, sodaß der große König mit Recht nach Erwerb des Landes andern konnte:Ich habe dieses Preußen gesehen, ich glaube, Canada ist besser kultiviert. Man hat mir ein Stück Anarchie gegeben, mit dessen Umwandlung ich mich beschäftigen muß". . Es galt, deni verwilderten und verwahrlosten Lande eineuropäijches, ein germanisches Aussehen" zu verleihen; es galt, ein neues Terrain für deutsche Bildung und deutsche Kultur zu erwerben. Mit der ganzen Kraft seines Verbesserungstalentes ging der König an die Pflege dieses jüngsten Müdes seiner Monarchie, und wie er einst für Schlesien Tag und Nacht besorgt war, so sollte letzt dieser neue Pflegebefohlene eine wahrhaft väterliche Fürsorae erfahren