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kleinen Station der naheliegenden Kreisstadt und warteten auf den Schnellzug, der Emma Bellos nach Sankt Petersburg und von dort nach Berlin bringen sollte Es hatte seit Tagen unablässig geschneit. Auf die vom harte» Frost eisstarrende, in graues Schneelicht gehüllte Landschaft waren die weißen Schneemassen gefallen und festgefroren. Meterhoch umgaben sie den elenden Bahnhof. Ueberall standen Schnellfeuerroste, Schneeschmelzen, und überall arbeiteten »nb schaufelten Soldaten, Gefangene und Dwor- nicks, um wenigstens die hauptsächlichsten Bahnstrecken unter unglaublichen Anstrengungen sreizuhalten. — „Sie hätten wirklich noch das Weihnachtsfest bei uns verleben sollen!" meinte Wonsakin; aber sie schüttelte den Kopf, unfähig zu antworten. — Da ertönte ein Signal, der Vorsteher kam aus seiner Amtsstube, in seinem dicken Schafspelz mit Mütze und Baschlick wie eine unförmige Masse aussehend. Ein Beamter gab das Signal weiter. Ein zweiter läutete unablässig die große Glocke, und der Zug kam prustend, ächzend und schütterud, vom Schnee belastet, von Eiszapfen garniert, eingefahren. Der Aufenthalt war nur sehr kürz.
Ehe das Mädchen zur Besinnung kam, saß sie mit ihrem vielen Handgepäck, den Schlafdecken und Eßvorräten in dem überheizten. Coup« und brauste davon. „Gute Reise, auf Wiedersehen, und grüßen Sie meinen Schwager!" — Das hörte sie noch von Wonsakins Stentorstinnne schreien, dann wurde es.still. Sie war allein und gab sich fassungslosem Weinen hin. Ganz allmählich erst "wurde sie ruhiger und richtete sich empor. Die Stille ringsum, die glcich- « mäßige Bewegung des Zuges mit ihren immer wiederkeh
renden Geräuschen taten ihr förmlich wohl. Sie trocknete die Augen, machte es sich bequem uud schaute vor sich hin. War es Wirklichkeit oder nur ein Traum, daß sie endlich die Heimat Wiedersehen sollte? — Der Schmerz trat etwas zurück und machte Erwägungen Platz. Bor fünf Jahren war sie in tiefer Trauer um ihre Eltern nach Balianowka gekommen. Sie hatte dort eine Heimat gefunden. Frau Wonsakin war eine Deutsche, die Tochter eines Oberförsters aus Ostpreußen. Sie empfing die junge Lehrerin und Landsmännin wie eine freudig erwartete Verwandte. Sehr schnell lebte sich Emma stuf -dem einsamen Gute ein. Die Zeit verstrich, gut ausgefüllt durch ihre Pflichten. Sie liebte ihre Zöglinge und deren Eltern. Sie wurde wiedergeliebt. So verging friedlich ein Jahr nach dem andern. Der Briefwechsel mit den Berliner Freunden schlummerte beinahe ein. Nur die Knude, daß ihr einziger Bruder, ein junger Arzt, sich in einem Vororte von Berlin niederge- , lassen und geheiratet habe, erregte Emma lebhaft. Als daun
die Nachricht von der Geburt eines Neffen und ein Jahr darauf die von dem Eintreffen einer Nichte kam, da be- . gann die Sehnsucht in der jungen Gouvernante aufzu
keimen. lind langsam verstärkte sich ihr Heimweh, bis es zu einem wahren Schmerz ausartete. Sie wurde bleich und mager, sie verlor ihre Heiterkeit. Wonsakius sorgten sich um "sie, konnten ihr aber nicht helfen.
Da kam eines schönen Morgens in das eingeschneite Guts haus von Balianowka ein Brief des Doktor Bellos, der Emmas Entschluß schnell reifte. Bruder und Schwägerin luden sie ein, das Weihnachtsfest bei ihnen zu verleben und baten sie, sich doch in ihrer Nähe eine Stellung zu suchen. — Nun gab es kein Halten mehr! — Man mußte sie ziehen lassen, ehe noch die neue Erzieherin der Kinder eintraf. Die beschleunigte Abreise hatte noch einen Grund. Frau Wonsakins Bruder, ein Gutsbesitzer aus Westpreußen, der große Mühlen besaß, war geschäftlich in Petersburg. Mau hatte sich brieflich verständigt. Herr Plessen wollte Emma an der Newa erwarten und mit ihr gemeinsam die Reise bis Königsberg, also über die Grenze , fort, machen. — Sie kannte den ernsten, gütigen Mann
schon persönlich. Er war im ersten Jahre ihres Aufenthalts mit seiner schönen Gattin auf Balianowka gewesen. Frau Plessen war kurze Zeit danach gestorben. Ein Unfall mit dem Pferde hatte der kühnen Reiterin das Leben gekostet. Der tief unglückliche Witwer hinterblieb mit zwei kleinen Kindern und nahm eine alte unverheiratete Cousine zu sich, die ihm nun müde und unlustig den großen Haushalt führte. Seitdem war er nie wieder bei der Schwester gc- weseu, sondern hatte sich nur alljährlich! mit Wonsakins in Petersburg oder in Warschau getroffen. — Der Zug stampfte mühsam durch die Schneeberge. Von der Landschaft sah man nur durch- das Schneegeriesel schwarze Bauui- tvipfel ragen oder erblickte dicken schwarzen Rauch, der aus
den Schornsteinen verschneiter Hütten drang. Ab und zu ächzten Windstöße, oder Schlittengeläut erklang von fern. Bisweilen hörte man dumpfes Geheul hungernder Wölfe, die aus ihren Schlupfwinkeln kamen. Vor jeder kleinen Station, gab es oft stundenlangen Aufenthalt, weil die Einfahrt erst freigemacht werden mußte. Manchmal blieb der ganze Zug trotz zweier Lokomotiven Vorspann im Schnee stecken, und die Beamten gruben die Schienen erst aus, wobei ihnen sogar die Passagiere halfen. —
Emma schlief, speiste, las oder gab sich ihren Gedanken hin. Immer mehr versank Balianowka mit seinen Jüsassen, immer leuchtender tauchte das deutsche Vaterland vor ihr auf. Die Erinnerungen kamen verklärt und verklärend. Die Hoffnungen und Wünsche stiegen in dem noch so jungen Mädcheuherzeu empor. Selig flüsterte sie die Namen der Angehörigen, der früheren Freunde und besonders das Wort „Deutschland" vor sich hin. — Tiefe Nacht, nur von elender Kerzen Schein durchleuchtet, wechselte mit trübgrauem Schneedämmer. Der Zug stampfte langsam weiter; aber Emma verlor die Empfindung für Ort und,Si nnde. Sie vegetierte vor sich hin in einem Halbwachen' Schlaf, der mit tiefer, völliger Bewußtlosigkeit wechselte. —
Endlich fuhr man schneller und ohne Unterbrechung. Man war vor der Hauptstadt, die Geleiswege waren^ frei. Und nach wenigen Stunden war Petersburg erreicht. Emma raffte sich abgespannt und tote trunken aus ihrem Dämmerzustände auf, packte ihre Sachen zusammen und ordnete ihre Toilette. Als sie in den Bahnhof eingefahren waren, wurden die Waggontüreu aufgerissen. Sie sah einen stattlichen Herrn in Nerzpelz und Nerzmütze, der suchend von Coup« zu Coup« eilte und zuletzt auch zu ihr trat. „Ah, endlich! Da sind Sie ja, Fräulein Bellos, willkommen! Ich fürchtete schon, Sie seien ganz im Schnee stecken geblieben! Solch ein Winter! Und dreißig Stunden Verspätung, das ist eine Wirtschaft!" ---„Herr Plessen, wie freundllch von Ihnen,
Herzlichen Dank!" — Er hob sie hinaus und setzte sie zu Boden. Sie taumelte förmlich. „Nanana," lachte er gutmütig, „Sie schwanken wie ein Seebär! Das kommt von dem "Gehottete! Nassiltschik, Sie tragen die Sachen zu meinem Schlitten draußen, für deir Koffer ist ein Lamawoischlit- ten da. Schnell, die Gepäckquittung, Fräulein Bellos!" .— Sie reichte ihm den Schein, froh, daß ein anderer für sie dis- pouierte. — „Nun kommt -eine unangenehme Ueberraschuug, liebes Fräulein," fuhr er fort, während sie zu ihrem Gefährt schritten, „meine Schwester backte es sich so schön, daß Sie hier im Hotel eine Nacht ausruhen sollten. Heute ist aber schon ber zweiuubzwcmzigst-e; wenn wir am Heiligabend daheim sein wollen, müssen wir sofort zum Warschauer Bahnhof. Es ist gerade noch Zeit zu einem tüchtigen Essen, dann aber müssen wir schleunigst einsteigen und weiter!" — „Und da haben Sie meinetwegen so lange gewartet?" fragte sie entsetzt. — „Natürlich, erstens hatte ich es meiner Schwester versprochen, für ihren Liebling Sorge zu tragen, und bann freue ich mich- selbst auf meine Reisegefährtin. Sie müssen mir viel von Balianowka erzählen, Fräulein Bellos!" — „Von Herzen gern, Herr Plessen, ich bin Ihnen ja sc» dankbar! Aber — bitte, sagen Sie mir, kann ich denn schon morgen abend in Berlin sein? Meine Geschwister —" Ihre Stimme brach. Auf ihrem blassen Antlitz lagen deutlich die Zeichen von Angst und Enttäuschung. Der Schlitten trug sie durch die Stadt zum andern Bahnhofe. Ununterbrochen rieselte der Schnee. — Er klopfte unter der Pelzdecke ihre Hand. „Nur Mut!" tröstete er. „Wenn alles glatt geht, können Sie es schon erreichen. Am ersten Feiertag sind Sie sicher bei Ihren Lieben! Wenn es nur zu schneien aufhörte, sonst bleiben wir womöglich auch noch stecken!" — „Um Gottes willen!" — „Scheußlich wäre es, mein Hans und meine Grete freuen sich so auf das Christfest und die russischen Gaben, die mir das Christkindchen für sie mitgeben sollte!" — „Aber, lieber Herr Plessen, daun wäre ich ja schuld, wenu auch Sie um Ihr Weihuachtsfest kämen, das wäre ja schrecklich!" rief sie. — „Was können Sie dafür, wenn die Wege unpassierbar sind!" sagte er. „Regen Sie sich nicht unnütz auf, Fräulein Emmchen! Oder darf ich so nicht sagen?"
„Bitte, nennen Sie mich nur so!" bat sie errötend. „Das freut mich!" rief er und schaute das hübsche, sympathische Mädchen von der Seite an. „Sie sind meinen Sieben so nahe getreten. In jedem Brief fangen Wonsakins Ihr Loblied!" — „Meine Wonsakins, meine kleinen Sieb» linge!" murmelte sie erschüttert. Er störte sie jetzt nicht.


