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Montag, den 25. De-rmber
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Eine Weihnachtsreise.
Von Marie Silling.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mit zerzausten Haaren intb buitM roten Gesichtern langten alle endlich in dem Gasthause der Station an, dessen drei kleine Räume mit Menschen der verschiedensten Stände bereits angefüllt waren, und dessen überheizte, eiserne Schüttöfen eine sengende Glut verbreiteten, während der Wind zu den Fensteru hereinpfiff. Frau Caroc hatte kaum ihren Atem wiedergefunden, als sie auch schon rief:
„Alterchen, Ferdinand, Ihr müßt trockene Kleidung haben; ich werde von der Wirtin alles borgen; wir haben ja leider nichts in den Handtaschen" — und ehe noch die Männer dagegen protestieren konnten, war sie aus und davon und schnell wieder zurück.
„Ich mache nur Gebrauch von den Sachen, wenn du es auch tust, Mutter," sagte ärgerlich und ziemlich bestimmt der Sohn; doch auch dieser Ton hätte die alte Dame wohl kaum dazu bewogen, wenn nicht ein Arm sich leise in den ihrigen geschoben und eine sanfte Stimme gesagt hätte:
„Kommen Sie, verehrte Frau, wir wollen beide hier in der Fensterecke unsere Toilette machen, denn sie ist wirklich nötig, und den Herren den Ofenplatz gönnen." Ein dankbarer, fast bewundernder Blick flog aus den Augen des Sohnes zu der Fremden hinüber, die nach so kurzer Bekanntschaft schon sso viel mehr über seine Mutter vermochte, als er nach langen Jahren des Studiums erreichen konnte. Und während er gehorsam in die rosa Socken des Schwanenwirtes schlüpfte, rief es laut in seinem Herzen: „Die ist's, die mußt du dir erringen, und wenn sie mit Ketten an einen Lebenden oder Toten gefesselt wäre. Alle Geheimräte der Welt, mit ihrem ironischen Lächeln, sollen dich nicht verhindern, sie zu gewinnen."
Nachdem sich die Reisenden, so gut es die Küche der Wirtin gestattete, gelabt hatten, suchten sie sich über die Aussichten zur Fortsetzung der Reise aufzuklären; doch die Beamten der kleinen Haltestation wußten gar keine Auskunft zu geben. Draußen stürmte und schneite es fort, und was die wenigen angestellten Arbeiter in_ einer Stunde fortschaufelten, das wehte in einer halben Stunde wieder zu. Wohl war nach allen Richtungen um Hilfe telegraphiert worden, aber ^es fehlte bisher jede Antwort. Jedem vernünftig Denkenden mußte es klar werden, daß, solange dies Wetter andauere, an eine Befreiung nicht zu denken fei.
„Das wird ein trübes Weihnachtsfest für meinen Schwager," meinte die junge Frau. „Vor zwei Jahren verlor"er in diesen Tagen seine Frau, meine Schwester, im vergangenen Jahr starb ihm sein kleines Mädchen. Er wollte während der Festtage nicht ehtjant sein, deshalb versprach ich ihm, den Knaben aus der Pension mitzu
bringen, wohin er ihn, der bessern Aufsicht halber, gegeben."
„Wir müssen vor allen Dingen den Unsrigen telegraphieren," bemerkte der alte Herr Caroc, „damit sie nicht in Sorge um uns sind. Der Beamte hat mir versprochen, in dieser Notlage Privatdepeschen zu befördern, obgleich er eigentlich nur dienstliche Telegramme annehmen dürfe; hoffentlich sind die Beamten in Dresden intelligenter und wissen "bereits, wo die Passagiere der steckengebliebenen Züge sich befinden. Hier weiß keiner Rede und Antwort zu geben. Während der eine sagt, unser Zug liege, gänzlich eürgeschneit, bei Pristewitz fest, behauptet ein anderer, et* sei bereits in Dresden angekommen."
„Wir werden große pelüniäre Verluste haben, Vater, wenn ich morgen nicht in Leipzig sein kann," meinte der Sohn.
„Force majeure, lieber Junge," brummte der Alte, indem er seine Depeschen aufschrieb.
Inzwischen hatte sich das bunte Durcheinander der Gesellschaft ein tnenig geordnet. Während der größere Mittelraum von dem Brauutwein und Bier trinkenden, Tabak rauchenden Publikum eingenommen war, saß in der kleinen Nebenstube die Hautevolee: außer den bereits bekannten noch ein junges Ehepaar mit einem kleinen vierjährigen Mädchen und ein älterer, imponierend dreinschauender amerikanischer Großkaufmann. Die Herren waren viel gereist, hatten^Abenteuer in aller Herren Länder erlebt, aber ein solches Schneewetter, im Herzen Deutschlands, das war auch ihnen neu. Jeder gab den Zweck seiner Reise zum besten und zählte die Unannehmlichkeiten auf, welche für ihn und andere aus diesem unfreiwilligen Aufenthalt erwachsen möchten. Auch die Möglichkeit der nächtlichen Ruhe wurde vielfach erörtert, und man fand sich darein, einmal auf einem gemeinsamen Strohlager die müden Glieder ausstrecken zu müssen. Und es wurde Abend, ohne daß ein Telegramm Antwort auf die vielen abgesandten Depeschen gebracht, ohne daß ein Signal auf der verödeten Station ertönt hätte, und ohne daß die geringste Aenderung des Wetters eingetreten wäre.
Auf dem Fußboden wurden die Strohlager aufgeschüttet, in der Mitte des Zimmers Stühle uuD $i)iue aufeinandergestellt, und während aus der Nebenstube der bekannte Rundgesang:
„Wir sitzen so fröhlich beisammen Und haben einander so lieb"
ertönte, den ein Witzbold angestimmt hatte, als man auch dort die gemeinsame Lagerstätte bereitete, blieb es jedem überlassen, es sich auf der Streu so bequem als möglich zu machen.
' Frau Caroc hatte mittels einiger Zeitungsbogen gesucht, das Licht der Hängelampe zu dämpfen, und such neben ihrem grauen Köfferchen, in der Nähe des Ofens auf einen Stuhl gesetzt. Sie erklärte, die Nacht lieber nochmals sitzend »erbringen zu wollen, als sich auf dies Lager


