Ausgabe 
23.11.1912
 
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hören. Der öffentliche Ankläger hat nichts dagegen einz'uwenden. Der Zeuge spricht mit fester Stimme die Eidesformel nach. Als Fran Marie sich dann neben ihm auf der Zeugenbank niederlaßt, drückt sie ihm verstohlen die Hand. Sie weiß, daß keiner von all den Freundschaftsdiensten, die er ihr bisher geleistet, ihm so ferner gefallen ist wie dieser. Und Nm seiner seht bewiesenen Selbstlosigkeit willen verzeiht sie ihm von Herzen, was er vorhin in der Droschke zu ihr gesprochen.

Das Ptaidoyer des Staatsanwaltes ist nicht lang, wird die Beratung des Gerichtshofes währt kaum mehr als fünf Minuten.

Weiß wie ein Linnen, aber in aufrechter Haltung vernimmt der Angeklagte das Urteil. Er ist darauf gefaßt, für mehrere Jahre ins Zuchthaus geschickt zu werden, und er glaubt sich verhört zu haben, als es an sein Ohr schlägt: --unter Zubilligung

mildernder Umstände in eine Gefängnisstrafe von vier Monaten zu verurteilen sei, auf welche drei Monate der erlittenen Unter» suchungshaft in Anrechnung gebracht werden sollen."

Ein paar Beifallsrufe, die. der Vorsitzende energisch rügt, werden ans dern Zuhörerraum vernehmlich. Dann entleert sich unter großer Unruhe der Saal.

Der Vorsitzende icO-cr winkt die Frau des Verurteilten zu sich heran:Fassen Sie Mut, liebe Frau! Sie haben jetzt keine Ursache mehr, zu verzweifeln, denn in wenigen Wochen wird Ihr Mann Ihnen zurückgegeben sein. Und wenn Sie jetzt ein paar Worte mit ihm sprechen wollen, so hat ber Herr Staats­anwalt sicherlich nichts dagegen einzuwenden.

Sie sprechen nicht viel miteinander, aber sie halten sich minutenlang schluchzend 'umschlungen. Dann muß Frau Marie ihren Gatten endlich fteigeben und ebenfalls den Saal verlassen. Draußen auf dem Gange sieht sie sich von dem stattlichen Herrn angehalten, dessen Gesicht ihr vorhin so viel Furcht eingeflößt hat.

Geben Sie mir Ihre Adresse, liebe Frau, denn ich werde noch heute zst Ihnen kommen, um wegen Ihrer und Ihres Mannes Zukunft einiges mit Ihnen zu besprechen. Und weinen Sie nicht. Hier meine Hand darauf, ich will Ihnen rechtschaffen beistehen, über diese Prüfung hinwegzUkommeir."

Wie im Traume geht sie nach Haus. Und als sie daheim ihr Hänschen in die Arme schließt, da flüstert sie dem verständnis­losen Kinde ins Ohr, daß es sich niemals feines Vaters schämen dürfe, und wenn auch alle Welt ihm sagt, haß er ein Verbrecher^ gewesen sei.

Vermischtes.

* Randbemerkungen zu E. Challiers Kapitel über Musikalische Volksbibliotheken". (Im Gieß. Anz. vom 7. Nov.) Gegen die Behauptung, daß dieMusikalischen Volks­bibliotheken" Luftschlösser seien und keinerlei Zweck Hütten, möchten wir Einspruch erheben. Erstens sind die Bibliotheken keine Luftschlösser, sintemalen solche mir in der Ein- bildungs- und Traumwelt bestehen: die Bibliotheken dagegen realiter vorhanden sind. Zweitens haben sie einenZweck", nämlich dem Unbemittelten Noten zu dessen persönlichem Genuß und zu seiner 'Orientierung in der Literatur zu verschaffen. Dies ist die den Bibliotheken zu Grunde liegende Idee. Der ungemein dogmatisch gehaltene Aufsatz wendet sich gegen die Art der Schaffung einer solchen Institution, wie sie Dr. Marsop vorschlug. Challier spricht vonzusammengebettelten" under­trotzten" Noten. Die Aufforderung zur Beisteuerung schließt je nach der individuellen Auffassung ein Gefühl des Zwanges ein oder nicht. Der Einwurf, daß die Noterr durch den häufigen Gebrauch stark abgenutzt werden, spricht nicht gegen die Institution: Micher werden durch Gebrauch bekanntlich auch nicht besser. Die Frage, wo denn alldie Vorräte der Verschenklit-eratur" Her­kommen sollen, ist müßig im Hinblick auf die bereits bestehenden Bibliotheken. Ferner handelt es sich darum, daß viele sich auf diesem billigen Wege orientieren möchten, z. B. in der Opern- literatnr. Die Klavierauszüge sind nicht für 10 und 20 Pfg. zu haben: gar Manche (!) empfehlen sich wohl nicht überdies zur Anschaffung. Der unvornetzme AusdruckSchmarotzer" als Sam- tnelbegriff für das Gros der Entleiher muß zurückgewiesen werden. Gute Musik ist doch teuer, (wenn dies auch nach Challier eine grobe Unwahrheit ist!), iuerfen wir nur mal einen Blick auf die Preise der zeitgenössischen Kammermusik. Das Resümee des Aufsatzes ist, ergo find Musikalische Volks'biblivtheken unnötig; denn es bleiben höchstensnoch einige hundert ganz mittellose Musik­freunde übrig"! Fürdie armen Teufel" hat Challier nur ein lebhaftes Bedauern. Danken wir doch Dr. Marsop für seine tatkräftigen, selbstlosen Anregungen, die eines Idealisten tvürdig sind und derrealistischen Würdigung" nicht bedürfen. Diese gemeinnützigen Anstalten bedürfen noch sehr der breiteren Aus­gestaltung. Z. B. ist eine Musikalische Volksbibliothek in Blin­denschrift eine Förderung unserer an Humanitären Bestrebungen so reichen Zeit. Hans Mack.

W e g m i t d e mL a n d s ch a f t l i ch h e r v o r r a g e n d"! Wir entnehmen diese weitblickende Mahnung eines der ersten Führer der Heimatschutzbewegung, Ferdinand Avenarius, dem ersten November-Heft des Kunstwarts und Kulturwarts (Halb­monatschau für Ausdruckskultur auf allen Lebensgebieten, Ver­

lag Georg D. W. Callweh in München), Und möchten mit der Veröffentlichung dieses Artikels dazu beitragen, daß das betref­fende Gesetz die Aenderung erfährt, die im Sinne eines wirk­lichen Landschaftsschutzes dringend notwendig ist. Als das Gesetz zum Schutz des landschaftlichen Bildes gegen Reklamen usw. zur Beratung stand, habe ich dringend davor gewarnt, den Begriff landschaftlich hervorragend" hier einzusetzen. Erstens, weil wir heutzutage die Landschaften überhaupt nicht mehr nach erst- und zweitklassig unterscheiden, sondern uns bemühen, die besonders Schönheit jeder einzelnen zu genießen, zweitens, weil man jede Heimatpslege dadurch auf den Kopf stellt, daß man sagt: ihr habt an Schönheit sowieso wenig, da braucht euch das bißchen nicht erst geschützt zu toerben. Meine Warnung half nichts, die Bestim­mung kam ins Gesetz. Aber die Regierungspräsidenten waren gottlob weitherzig, sie erklärtenihre" Gegenden für landschaft­lich hervorragend schön, also schutzfähig, und die Gerichte lehnten es bisher ab, nachzuprüfen, ob die Gegend denn wirklich hervor­ragend schön sei, genug, wenn der Beweis vorlag, die Reklame verunziere sie.Die Rechtsprechung", schreibt dasBerliner Tage­blatt",war im Begriff, in der Praxis zu einer Erdrosselung aller Außenreklame zu führen." Entsetzlich, die erdrosselte Außen­reklame! Leider, meinen toir, kommt es dazu Wohl nicht, denn das preußische Kammergericht hat jetzt anerkannt: daß die Frage, ob die Gegend eine landschaftlich hervorragende fei, entgegen der bisherigen Uebung der Prüfung des Richters unterliegen müsse. Daß sich bas juristisch anfechten ließe, glaube ich nicht, denn es ist logisch und der Fehler liegt im Gesetz. Eben des­halb muß er aus dem Gesetz heraus. Wenn wir unsre lieben Tiefebenen und überhaupt alle Heimatgaue, die nicht alsher­vorragend" zu bezeichnen sind, vor den Widerlichkeiten der Außen- reklame schützen wollen, so ist unbedingt nötig, daß Regierung und Parlament so schnell wie mir möglich die Erweiterung des bestehenden Schutzes auf alle Gaue durchsetzen.

kf. W i e viel soll unsere Kleidung wiegen? Tie kürzlich ans der englischen Konferenz für plastische Erziehung auf- aestellle Behauptung des Dr. James Cantlie, daß auf sedenstone4 (ettu« 12 Pfund unseres Gewichts ein Pfund Kleidung eustallen müsse, hat in England zu lebhaften Erörterungen geführt In der »Dailp Mail" ergreift zu dieser Frage ein bekannter englischer Arzt das Wort. Er bezeichnet die Forderungen des Dr. Cantlie als übertrieben, und nimmt zum mindesten an, daß dieser einen in erheblichen Källeregionen lebenden Menschen als Beispiel für seine Bekleidungsforderungen genommen hat. In unserer gemäßigten Zone würde sich ein derart gekleideier Menieh auf gut deutsch ge­sagt totschwitzen. Der Londoner Arzt stellt als Durchschnittsgewichte für die einzelnen Kleidungsstücke des Mannes folgende Tabelle auf: Unterkleidung und Strümpfe sollen etivo i Pfund wiegen; auf Hemd, Kragen und Krawatte sollen% Pfund kommen; das Gewicht des Anzuges soll etwa Pfund betragen und die Schuhe sollen nicht mehr als 1V9 Pfund wiegen. Insgesamt würde das etwa 8X Pfund ansmacheii. Weiter behauvtet der Londoner tlrzt, daß die Kleidung eines Aiannes von feinem Körpergewicht völlig unabhängig sein könnte. Beileibe dürfe man nicht annehmeii, daß sie um so schwerer sein müsse, je höher das Körpergewicht sei. Eher sei der entgegengesetzte Fall möglich. In der meiblühen Kleidung ist es noch schwieriger, Normen aiüzuslellen. Beispielsweise in es erwiesen, daß trotz der außerordentlich leichten Kleidung der Frmi, die gegenwärtig Diode ist, diese bedeutend gesunder ist, als in den alten Zeiten, wo sie beispielsweise unter einem halben Dutzend Unterröcke sich nicht auf die Straße wagte.

* Stoßseufzer.Warum machst du denn immer so ein unglückliches Gesicht?"Ach, denke nur: In Schweinfurt bin ich geboren. Kam nach Schafstädt in die Lehre, ochse wie ein Pferd und stets nennt mich mein Chef einen Esel. Und da soll ich nicht verzweifeln?"

Skat-Aufgabe.

Mittelhand sagt mit folgender Karte Grand aut

Das Spiel geht verloren? Wie saßen die Karten der Gegner und wie wurde gespielt?

Auflösung in nächster Nummer.

4> *

Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer» Jugend, Rausch und Liebe sind Gleich drei schönen Frühlingstagen;

Statt um ihre Flucht zu klagen, Herz, genieße sie geschwind l Rückert.

Redaktion: K. Neurath, Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen»