Ausgabe 
23.11.1912
 
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Der Vorsitzende wendet sich wieder dem Angeklagten zN.9hm, Neinicke in Gegenwart Ihrer bedauernswerten Frau fordere ich Sie noch einmal auf, uns die ganze Wahrheit zu sagen. Ich wiederhole, daß es Ihre Lage nur verschlechtern kann, wenn Sie dabei verharren, Ihren Mitschuldigen zu schonen."

Ich kann ihn nicht nennen, Herr Präsident. Ich kenne ihn nicht, und ich habe ihn vor jenem Abend nie gesehen."

Es ist das erstemal während der Verhandlung, daß er sein starrköpfiges Schweigen aufgibt. Der Anblick seines unglücklichen Weibes, der langentbehrte Klang ihrer lieben Stimme hat seinen verzweifelten Trotz gebrochen. Er schämt sich, vor ihren Äugen noch schlechter dazustehen, als er es wirklich ist.

Sie sahen ihn zum ersten Male, und doch zögerten Sie nicht, sich mit ihm zur Begehung eines Verbrechens zu verbinden?"

Ich weih heute selber kaum noch, wie es geschehen konnte, Herr Präsident. Ich war wieder vergebens im Arbeitsamt ge­wesen, und als ich aus dem überfüllten Raum auf Ibic Straße trat, wurde mir vor Hunger und Verzweiflung sehr schlecht. Jcksimußte mich auf eine Ladentreppe setzen. Und da gesellte sich her Mann zu mir. Erst ließ er mich einen Schluck Branntwein aus seiner Flasche trinken, und wie er dann hörte, daß ich seit zwei Tagen nichts gegessen hätte, nahm er mich mit in eine Kneipe, wo er mir Speisen und Getränke geben ließ. Und dann dann ver­sprach er mir hundert Mark, wenn ich in der Macht mit ihm ginge und Posten stünde. Ich habe mich lange dagegen gesträubt, Herr Präsident. Aber als ich daran dachte, was aus meiner Frau und aus meinem armen Kinde werden sollte, ivenn ich wieder mit leeren Händen zurückkäme, da gab ich nach.",

Sie wollen also den Namen des Mannes nicht kennen. Aber Sie io erben uns doch wenigstens eine Beschreibung von ihm machen können?"

Ich weiß eigentlich nur, daß er einen großen schwarzen Bart hatte."

Und was geschah nun weiter?"

Wir blieben bis gegen Mitternacht in der Kneipe, bann brachen wir aus. In einem Torweg mußte ich meine Stiefel zurücklassen und ein Paar leichte Schuhe anziehen, die et in der Tasche gehabt hatte. Er führte mich in die Westvorstadt, und wir kletterten über das'Gartengitter der Villa."

Sie sagen, daß Ihr Genosse Sie nur zUm Postenstehen angeworben habe. Aber das ist doch wohl nicht die ganze Wahrheit, denn Sie werden nicht leugnen wollen, bafei Sie es waren, der die Gouvernante chloroformiert hat?"

Nein, Herr Präsident, das habe ich nicht getan."

Der Präsident fordert die Zeugin auf, an den Richter tisch heranzutreten, und hält ihr ein weißes Tuch entgegen.

Erkennen Sie dieses Taschentuch, Frau Reinickc?"

,^Ja. Es gehört meinem Mann."

Was sagen Sie dazu, Angeklagter? Wollen Sie äuch jetzt noch bestreiten, die Betäubung aiisgesührt zu haben? Denn dieses Tuch ist es doch gewesen, das dazu gedient hat. Und außerdem ist dieses leere Chlorosorinslüschchen bei Ihnen gesunden worden."

Paul Neinicke schweigt. Er fühlt, daß sich alles 'gegen ihn ver­schworen hat, und es entsinkt ihm wieder der Mut, einen hoffnungs­losen Kampf gegen das Schicksal zu führen.

Da erhebt sich von der Zeugenbank ein junges Mädchen mit fahtblondem, glatt über die Schläfen zurückgestrichenem Haar. -,Wenn ich noch etwas sagen dürfte "

Der Vorsitzende fordert sic aus, vorzutreten.Haben Sie Ihrer vorigen Aussage noch etwas hiiizuzusügen, Fräulein Artuer?"

Ja. Ich weife es jetzt ganz bestimmt, daß es nicht der Mann dort gewesen ist, der mich gewürgt und betäubt hat."

Allgemeines Erstaunen. Der Vorsitzende schüttelt den Kopf.

Sie wissen es bestimmt? Und noch vor einer halben Stunde erklärten Sie, Sie hätetn innerhalb der kurzen Zeitspanne, die zwischen Ihrem Erwachen und dem Eintritt der Narkose.gelegen, das Gesicht des Angreifers überhaupt nicht gesehen?"

Sein Gesicht nicht, Herr Präsident, wohl aber seine Hände. Und es waren nicht die Hände dieses Mannes, sondern große, plumpe, behaarte Fäuste. Ich werde sie nie in meinem Leben - vergessen."

Und warum sind Sie nicht früher auf dieses Erkennungs­zeichen verfallen?"'

Weil der Angeklagte vor einigen Minuten zUm ersten Male seine Hände auf die Schranke gelegt Hat. , Vorher konnte sch sie nicht sehen." >

Es ist also Ihre feste Ueberzengung, daß. ein anderer als der Angeklagte Sie betäubt hat? Sie nehmen das auf Ihren Eid?"

Ja, Herr Präsident."

Wenn die Zeugin sich da nicht in einem Irrtum befindet, wie können Sie es uns dann erklären, Neinicke, daß. sich das Tuch Nnd das Chloroformfläschchen in den Taschen Ihrer Kleider vor- sanden?"

Jetzt erzählte er der Wahrheit gemäss, wie es damit zu­gegangen ist. Er berichtete, Ivie der andere auch das Kind hatte betäuben wollen, und wie er ihn gezwungen hat, ühm .das Taschen­tuch und das Chloroform herauszugeben. Seine schlichte Dar­stellung trägt das Gepräge der Aufrichtigkeit, und ein paar Zwischensragen des Staatsanwalts, die darauf berechnet scheinen, ihn in Widerspräche zu verwickeln, beantwortet er, ohne zu zaudern, mit derselben ruhigen Sichen» -!~

Am Richtertisch gibt es zwischen dem Verhandlungsleiter und seinen Beisitzern ein kurzes Geflüster, dann darf die Zeugin Artner sich wieder setzen, und der Präsident fährt in der unterbrochenen! Vernehmung fort.

Sie erwähnten vorhin einer Krankheit Ihres Kindes, Fran Neinicke. Was hat ihm denn gefehlt?"

Es litt an einem sehr schweren Keuchhusten, Herr Präsi­dent. Viele Wochen lang wollte feilt Mittel helfen."

Nun sehen Sie mir einmal gerade ins Gesicht, liebe Frau, und werfen Sie keinen Blick zu Ihrem Manu hinüber. Wär unter den Linderungsmitteln, die Sie gegen die Krankheit Ihres Kindes in Anwendung brachten, vielleicht auch eines, das nicht in einer Arznei, sondern in einem bestimmten Handgriff bestand?"

Die Frau ist sichtlich erstaunt über die Frage, die ihr außer allem Zusammenhang scheint mit dem, was hier in Rede steht, aber sie besinnt sich trotzdem keinen Augenblick auf die Antwort. Jawohl. Es war das einzige, was unserem Hänschen währeich des Anfalles Erleichterung schaffte. Man mußte ihm mit dem Zeigefinger hinter die unteren Vorderzähnchen greifen und den Unterkiefer nach vorn und nach unten ziehen, während man den Kopf etwas zurückbog. Dann ging die schreckliche Erstickungsnot immer schnell vorüber."

Wieder geht eine starke Bewegung durch den Saal, diesmal ist es aber nicht, wie vorhin, eine Regung der Heiterkeit. Auch die Herren am Richtertische wechseln einige halblaute Worte.

Der Vorsitzende fragt weiter:Ich habe von dieser Mani­pulation nie zuvor gehört. Wer hat Ihnen dieselbe empfohlen?"

Eine alte Frau in unserem Haufe. Sie war lange Wirt­schafterin bei einem Arzt und kannte viele solche Mittel."

Wir werden diese Frauen vorladen. Wie heißt sie?"

Sie hieß. Dorette Schulz. Aber vorladen können Sie sie nicht mehr, Herr Präsident.Sie ist schon vor ungefähr einem halben Jahre gestorben."

Können Sie vielleicht sonst jemand namhaft machen, der uns aus eigener Anschauung bezeugen könnte, daß. Ihr Mann den von Ihnen erwähnten Handgriff öfter und mit Erfolg an Ihrem Kinde vorgenoimnen hat?"

Frau Neinicke denkt ein wenig nach. Dann schüttelt sie den Kopf.Nein, Herr Präsident mein Mann und ich waren doch beinahe immer allein."

Eine Minute lang ist es ganz still im Gerichtssaal. Dann erklingt aus dem Zuhörerraum ein Räuspern und gleich darauf eine etwas gepreßte Stimme:Ich melde mich als Zeuge."

Aller Blicke richteten sich auf beit großen, breitschultrigeij Mann, der bis hart an die trennenden Schranken vorgetreten ist.

Führen Sie den Mann vor, der da soeben gesprochen hat," befiehlt der Vorsitzende dem Gerichtsdiener. Und unter allge­meiner Spannung tritt der Unbekannte neben die Zeugin, die freundlich und mit einem leichten Kopfnicken zu ihm aufblickt.

Wer sind Sie? Und was wollen Sie aussagen?"

Ich heiße Robert Jrmisch und wohne seit mehr als einem halben Jahre bei dem Ehepaar Neinicke. Ich kann bezeugen, daß es buchstäblich wahr ist, was vorhin der Angeklagte und was feine Frau über beit bewußten Handgriff wie über feine Wirkung gesagt haben."

Sie würden bereit sein, das zu beschwören?"

Ohne weiteres."

Der Vorsitzende wendet sich gegen den bleichen Mann hinter den Schranken.9hm, Angeklagter, danach könnte es ja in der Tat beit Anschein gewinnen, als ob Sie uns in diesem Punkte die Wahrheit gesagt hätten. Sie wollen also, anstatt gleich Ihrem Genossen die Flucht zu ergreifen, au8 keinem anbereit Grunde in dem Zimmer zurückgeblieben sein, als um den von einem heftigen Keuchhustenanfall ergriffenen Kinde Beistand zu leisten?"

Ans keinem anderen Grunde, Herr Präsident."

Obwohl Sie das Bewußtsein hatten, sich damit einer großen Gefahr auszusetzen?"

Ich konnte nicht anders. Das Herz drehte sich mir um', als ich sah, wie sich der arme Kleine quälte. Er wäre sicher er­stickt. Und die Gouvernante konnte ihm doch nicht helfen. Ich dachte an meinen eigenen kleinen Jungen, Herr Präsident - intS da mußte ich hinein. Es war mir in dem Augenblick ganz einerlei, was daraus entstehen würde."

Totenstille liegt über dem Saale. Hinten nur aus dem Zu­hörerraum hört man ein halb unterdrücktes Schluchzen, und die Stimme des Vorsitzenden, die bisher so klar und so sicher war, klingt eigentümlich verschleiert, als er nach einer kurzen Pause sagt:Der Säbelhieb, beit Sie von dem Vater des Kindes emp­fingen, wäre bann allerdings ein recht übler Dank gewesen. Wollen Sie noch einmal vortreten, Herr Äeuenberg? Halten Sie es für möglich, daß die Darstellung des Angeklagten der Wahr­heit entspricht?"

Aber der Ausgerufene tritt nicht an den Zeugentisch, sondern an die Anklagebank heran und streckt dem verbundenen Mann über die Schranke hinweg seine Hand entgegen.Verzeihen Sie mir! Und so wahr mir Gott helfe, ich will Sie sschadlos halten für diesen Schlag, beit Sie so wenig verdient hatten."

Der Vorsitzende macht den Zeugen zuerst darauf aufmerksam, daß jetzt nicht die rechte Zeit für derartige Privatunterhaltungen sei, und wendet sich dann an den Staatsanwalt, um seine Mei­nung über eilte etwaige Vereidigung des Zeugen Jrmisch zu