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Lauf nicht um den Brei herum! Heraus mit der Sprache! Worum handelt sich's?
Er warf mir einen merkwürdig bekümmerten Blick zu, einen Blick, dessen Bedeutung ich verstand, wenn ich auch die Ursache dazu nicht einsah; dann trat er näher aus mich zu, trotzdem sich kein Mensch in Hörweite, möglicherweise niemand näher als im Wohnzimmer, das ein Stockwerk tiefer lag, befand, und flüsterte mir ins Ohr:
Ich habe eine kleine Flasche mit dem tödlichsten Gift, das je bereitet wurde, verloren, eine Kuriosität aus Venedig, Ich war so dumm, sie herauszunehmen und den Damen zu zeigen, da die herzförmige Brosche, in die sic eingepatzt war, ein außergewöhnlich feines Schmuckstück ist. Wer davon kostet, vielleicht sogar nur daran riecht, ist des Todes. Und nun ist es nicht mehr in meinem Besitz und —
Nun, ich will dir sagen, wie wir das wieder gut- machen können, unterbrach ich ihn rasch, entschlossen mit meiner gewohnten Offenheit. Laß die Musik abbrechen; versammle alle im Wohnzimmer und mache sie nrit der gefährlichen Natur des Dings bekannt. Wenn nachher trotzdem etwas geschehen sollte, ist es nicht dein Fehler, sondern die Person, die es sich so gedankenlos angeeignet hat, ist selber verantwortlich.
Seine Augen, die bisher starr auf die meinigen gerichtet waren, suchten in sichtlicher Verlegenheit meinem Blick auszuweichen.
Unmöglich! Das würde nur die Sachlage verschlimmern oder vielmehr meine Befürchtungen nicht vermindern. Die Person, die sie jetzt besitzt, kennt die Natur des Flascheninhalts ganz genau, und diese Person —
Dann weißt bu also, wer das Ding an sich, genommen hat? unterbrach ich ihn in steigendem Erstaunen. Ich glaubte aus deinem Benehmen schließen zu dürfen, daß —
Nein, verbesserte er sich unsicher, ich weiß nicht, wer es besitzt. Wenn ich es wüßte, wäre ich nicht an diesem Orte. Das heißt, ich weiß nicht genau, wer die Person ist. Nur —
Hier blickte er mir wieder ebenso scharf wie zuvor ins Auge. Als er bemerkte, daß ich ärgerlich zu werden anfing, begann er von neuem:
Bei meiner Ankunft, sagte er, habe ich eine Kiste mit Raritäten mitgebracht, die aus meinen reichhaltigen Sammlungen stammten. Als ich nun darin nach einem passenden Geschenk für Gilbertine kramte, fiel mir die kleine Brosche in die Hand, von der eben die Rede war. Sie ist ganz aus einem Stück Amethyst hergestellt und enthält — so wurde mir wenigstens versichert, als ich sie kaufte — ein winziges Fläschchen, mit altem, aber sehr gefährlichem Gifte. Wie ich dazu kam, sie mit den anderen wertvollen und schönen Gegenständen zusammenzupacken, die ich als Geschenke für sie ausgelesen hatte, weiß ich nicht. Tatsache ist, daß sie darunter war. Ta ich dachte, die Damen würden au dem kunstvollen Ding Freude haben, trug ich es in die Bibliothek, um es ihnen zu zeigen. In einer unglückseligen Stunde kamen denn auch drei oder vier von ihnen, um es zu besichtigen. Dies geschah, während ihr jungen Leute im Billardzimmer wäret. So konnten denn die Damen in aller Muße das kleine Amethystherzc,..^ y besichtigen, das in der Tat einer aufmerksamen Betrachtung wert ist.
Ich hatte es auf meiner Handfläche liegen; das violette Licht, das von dem Kleinod ausging, zog das Auge meiner Zuhörerinnen an; eine bemerkte, daß der durchsichtige Kristall in seinem Innern etwas beherbergte und fragte darnach. Die Frage war so selbstverständlich, daß es mir nicht einfiel, ihr auszuweichen. Außerdem habe ich meine Freude am gruseligen Entzücken der Frauen über das Wunderbare. Ich erwartete indes nicht mehr als staunende Augen und gerötete Wangen, als ich die Frage durch einen Druck auf die kleine Feder beantwortete, die sich in der Filigranarbeit, mit der der Edelstein eingefaßt ist, befindet. ?lls- bald sprang der niedliche Deckel auf und ließ ein kleines Amethystslüschchen erblicken, das so winzige Dimensionen besitzt, daß das übliche Erstaunen seiner Enthüllung folgte. Sie sehen, rief ich, es dient als Behälter für das da!"
~ Und indem ich das Ding in meiner Hand nahe am Gasleuchter hin-,und herbewegte, konnten sie den einzigen Tropfen der darin befindlichen Flüssigkeit gewahr werden. Gift! erklärte ich mit 'charfer Betonung. Dies Kleinod hat vielleicht den Busen :iner Borgia geschmückt, oder am Armband einer großen .enetianischen Dame geblitzt, als
sie ihren Facher zwischen ihrem eigenen verbitterten Herzen und dem Gegenstand ihres Hasses oder ihrer Eifersucht kunstvoll hin- und herbewegte.
Anfänglich hatte ich in sachlichem Tone gesprochen; aber den Rest zerstreut und aufs Geratewohl. Denn als ich das Wort „Gift" aus sprach, hatte ich hinter mir einen halb unterdrückten Schrei vernommen, der zwar schwach genug gewesen war, einem weniger schärfen Ohr, als ich eines besitze, zu entgehen, aber doch eine erstaunliche, wenn auch unwillkürlich geäußerte Note von solcher Leidenschaft enthielt, daß mein Herz sich mit Entsetzen füllte. Ich stand da und starrte verwirrt auf das angsterregende Ding, das mir verraten hatte, daß — nun was? Das möchte ich nun fragen, erst mich selbst, dann dich. Denn die zwei Frauen, die sich hinter mir befanden, waren —
Wer? unterbrach ich ihn scharf, da ich, ohne mir iiber den Grund dafür klar zu sein, seine Aufregung und Bestürzung zu teilen begann.
Gilbertine Murray und Dorothea Camerden! Seine Braut und das Mädchen, das ich liebte, wie auch er wußte, wenngleich ich mein Geheimnis mit Erfolg sonst vor jedermann behütet Hatte!
Den Blick, den wir miteinander austauschten, wird keiner von uns je vergessen.
Beschreibe mir den Ausruf genauer, sagte ich nunmehr.
Das ist mir nicht möglich, erwiderte er, ich kann dir nur meinen Eindruck davon mitteilen. Du hast, wie ich, an mehr als einem Scharmützel im Kriege auf Cuba teil- genommen. Erinnerst du dich noch an den Schrei, den Verwundete ausstoßen, wenn sie plötzlich einen Becher kühlen Wassers zu trinken erhalten, nach dem sie stundenlang geschmachtet haben? So klang der Laut, mit all seinen charakteristischen Eigenschaften, den eines der beiden Mädchen ausstieß, als es mir über die Schulter blickte. Bist du fähig, diese niederschmetternde, unerhörte Tatsache zu verstehen? Weißt du, welcher der beiden der Ruf entfuhr? Kannst du dir denken, welcher Art der Kummer ist, der diese scheinbar so glücklichen und unschuldigen Mädchen ein bedenkliches Universalmittel unwillkürlich mit anfivallcnder Befriedigung begrüßen läßt? Du würdest mir am Abend vor meiner" Hochzeit eine große Befürchtung vom Herzen nehmen, wenn du mir das erklären wolltest. Denn wenn dieser Aufschrei verborgenen Jammers von Gilbertine stammte — ’
Heißt das, rief ich in heftiger Abwehr, daß du wirklich im Zweifel darüber bist, welches dieser zwei Mädchen den Schrei ausstieß, der dir solches Entsetzen einjagte? Daß du schlechterdings nicht imstande bist zu sagen, ob es Gilbertine war oder — Dorothea.
(Fortsetzung folgt.)
Allch ein Verbrecher.
Erzählung von Reinhold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Ihr Mann ist von Beruf Holzbildhauer, und seine früheren Arbeitgeber haben ihm durchweg ein günstiges Zeugnis ausgestellt. Mer er war mehrere Monate hindurch ohne Beschäftigung, weil er erst ein paar Wochen lang krank war, und weil dann die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt sehr ungünstig lagen. Sie.sind dadurch in Ihren Verhältnissen zurückgekommen?"
„Ja, Herr Präsident. Eine Zeitlang konnte ich ja mit Nähen etwas verdienen, lute dann aber unser Kindchen so sehr krank wurde, hörte auch das auf. Und die Not wurde mit jedem Tage größer. Weil er in seinem Berufe keine Beschäftigung finden konnte, hat mein Mann jede Arbeit angenommen, die ihm geboten wurde. Wer es fand sich so selten welche, daßnch mehr als einmal kein Mittagessen kochen konnte, und an dem Tage, wo das Schreckliche passiert ist, waren wir ganz verzweifelt, denn wir hatten seit vierundzwanzig Stunden nicht einmal mehr ein Stück Brot ich Hause." ,
„Ahnten Sie an jeueni Tage, daß Ihr Manu etwas Unrechtes vorhäbe?" *
„Rein, Herr Präsident. Ich hatte ihn dann auch ganz gewiß nicht fortgehcn lassen — ich hätte ihm gesagt, daß wir lieber miteinander verhungern oder ins Wasser wringen wollten."
„Sic hegen auch keine Vermutung, wer sein Genosse gewesen sein könnte?" Fran Marie verneint, und der Eindruck, den sie auf den Gerichtshof gemacht hat, ist ein so günstiger, daß mau ihr Glauben schenkt.


