Ausgabe 
23.11.1912
 
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Samstag, den 25. November

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Das Amethyst-Fläschlein.

Eine Erzählung von A. K. Gre e n.

(Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Es war am Abend vor der Hochzeit. Trotzdem nicht ich, sondern Sinclair der Glückliche war, so hatte ich doch selber meine Gründe, erregt zu sein. Da ich die Hitze im Billardzimmer unerträglich fand, suchte ich die Veranda auf, um angesichts des vom Vollmond beschienen«: Meers in aller Ruhe eine Zigarre zi: rauchen.

Ich war in außergewöhnlich, wenn nicht unvernünftig fröhlicher Stimmung.' Am Nachmittage hatte eine kleine Hand gerade einen Augenblick länger, als es die Umstände unumgänglich erforderten, in der meinigen geruht. So gering nun dieser Gunstbeweis den«: scheinen könnte, die Dorothea Camerden nicht kennen, für mich, der mit ihrer Schönheit und- ihrem Stolze zugleich bekannt ist, war es ein Zeichen, daß meine zwar geheime, aber ausdauernde Ergebenheit und Verehrung auf dem Wege war, belohnt zu werden, und daß ich zum wenigsten Hoffnungen nähren durfte, deren Vernichtung mit dem Verlust meines Lebens- glückes gleichbedeutend gewesen wäre.

Ich genoß die ganze Seligkeit, die von meinen Zu- lunftsplänen ausströmte, und verglich im Geiste diese Stunde -glühender Hoffnungen mit anderen, deren Ent­täuschung und Bitterkeit mir noch frisch im Gedächtnis stand. Da fiel plötzlich ein Schatten über das breite Licht­band, das aus dem Fenster der Bibliothek herausdrang. Ich wandte mich nach der Türe um und erblickte Sinclair.

Er war offensichtlich erregt, sehr erregt, wie mir vor­kam, für einen Mann, der im Begriff steht, das Weib heim­zuführen, das für ihn nach seiner eigenen Aussage die eine tiefe Leidenschaft seines Lebens bedeutete. Aber da ich mich daran erinnerte, daß er öfters Gründe hatte, in Sorgen zu sein Gründe übrigens, die mit seiner Braut und ihren persönlichen Angelegenheiten nichts zu tun hatten ging ich ruhig weiter auf und ab, mit meiner Zigarre beschäf­tigt, bis ich seine Hand auf meiner Schulter fühlte und, als ich inich nach ihm umwandte, sah, daß etwas Ernstliches vorgefallen sein mußte.

Ich muß dir etwas sagen, flüsterte er. Wir wollen uns irgendwohin begeben, wo wir weniger Gefahr laufen, gestört zu werden, als hier.

Was gibt's Schlimmes? fragte ich, indem ich ihm er- taunt, ja besorgt ins Gesicht schaute. Ich habe dich nie o in Aufregung gesehen. Hat die alte Dame etwa die etzten Stunden abgewartet, um

Pst! bat er, indem er seine Warnung mit einer kurzen aber vieldeutigen Handbewegung begleitete, die ich nicht mißverstehen konnte. Das kleine Zimmer über dem ivest- lichen Portal ist jetzt gerade leer. Komm mit!

Mit einem Seufzer, der meiner eben angebrannten Zigarre galt, warf ich sie in die Büsche hinunter und trat nach ihm ein. Ich glaubte seinen Kummer zu. verstehen. Seine Braut Ivar jung kaum den Backfischjahren ent­wachsen liebenswürdig, schön und stolz; sie besaß indes kleine Eigenheiten in ihrem Wesen sowohl wie in ihrer Aus­drucksweise, die sie jedenfalls ihrer eigenartigen Erziehung und der noch nicht ganz vergessenen Ueberraschung ver­dankte, nach einer in Abgeschlossenheit und Nichtbeachtung verlebten Jugend zur Königin der Gesellschaft und zum Ziel der allgemeinen Bewunderung vorgerückt zu sein. Der Fehler lag nicht in ihrem Charakter. Wer )te hatte als Vormund (ach! mein teures Mädchen besaß den gleichen!) eine alte Tante, die ein rechter Drache war. Diese Tante hatte wahrscheinlich den Bräutigam schlecht behandelt, und er, schnell beleidigt, schneller als ich, wie es hieß hatte ohne Zweifel in einer Art und Weise geantwortet, die ge­eignet war, die Sachlage noch ernster zu gestalten. Er, sowie die anderen Gäste bei der Hochzeit waren alle im Hause der Frau Armstrong zu Gast, die darauf bestände« hatte, ihre wundervolle Villa in Newport für die Hoch­zeitsfeier und die Teilnehmer daran zur Verfügung zu stellen. Und so war nicht zu leugnen, daß die Lage nicht rosig für ihn aussah. Trotzdem war ich nicht in der Stimmung, einen großen Anteil an der Geschichte zu nehmen, obgleich ich mich ja selber möglicherweise eines Tages in der gleichen Lage wie er, mit all ihren Begleit­umständen, befinden konnte.

Wer als ich erst mit Sinclair in dem hellerleuchteten: Gemach oben zusammen war, begriff ich, daß ich besser daran täte, alle meine selbstsüchtigen Bedenken zu ver­gessen und meine ganze Aufmerksamkeit auf das zu richten, ivas er mir zu sagen hätte. Sein Auge, das beim Abend­essen mit ungewöhnlichem Glanze geleuchtet hatte, war jetzt verschleiert; sein Benehmen, das sich in den schwie­rigsten Lagen, wo alles den Kopf verloren hatte, gleich geblieben 'war, verriet eine Nervosität, die ich niemals bei ihm gesucht haben würde, seit jenem Tage, wo er, ohne seine Seelenruhe im geringsten zu verlieren, sein Pferd unmittelbar vor einem Abgründe gewendet hatte, der nicht nur ihm, sondern auch zwei anderen Reitern, die ihm ver­trauensvoll in dichtester Whe nachdrängten, beim Sturze den sicheren Tod gebracht haben würde.

Walter, stammelte er, es ist etwas passiert etwas Schreckliches, etwas Unerwartetes und Unabsehbares! Du wirst mich für närrisch halten der Himmel weiß, daß ich es mit der größten Freude sein möchte! aber -die Ge­schichte hat mich ins Innerste erschreckt. Ich er machte eine kleine Pause, um sich zu sammeln ich will dir die ganze Sache erzählen, dann kannst du ja selber urteilen. Ich bin nicht in der Lage, die Folgen richtig abzuschätzen. Ich frage mich, ob du dazu fähig bist, wenn du die Geschichte kennst