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noch am selben Abend- ihre Sachen zu packen, weil sie in ein paar Stunden bereits' abfahren sollten. Gegen elf Uhr hatte er Marcella ein Kuvert mit Geld sowie ein Schreiben, das er für sie und ihn selbst als von größter Wichtigkeit bezeichnet hatte, überreicht und ihr eingeschärft, beide Briefe unter allen Umständen persönlich an einen gewissen Doktor Edward Williams, Bartholomäus-Hospital in London, abzuliefern. Dann hatte er seine Tochter noch mit den: nötigen Reisegeld versehen, ihr eine Note an einen Freund in San Franzisko eingehändigt und ihnen besonders ans Herz gelegt, sich auf der Reise von fremden Annäherungen gänzlich fernzuhalten.
Um Mitternacht waren sie bereits in einem geschlossenen Wagen, von zwei bewaffneten Reitern begleitet, nach Carson City aufgebrochen und bei Tagesanbruch mit dem Schnellzug nach Frisco weitergedampft. In wenigen Stunden hatte der Freund ihres Vaters die Billetts für die Eisenbahn sowie die Schiffskarten besorgt.
Soweit war alles sehr glatt von statten gegangen. Erst am Bahnhof, als sie der väterliche Freund in ihr- Sonderabteil begleitete, hatten ihre Abenteuer begonnen, deren Tragweite sie damals freilich nicht erkannten.
Auf einen dunklen, unsympatisch aussehenden Manu deutend, der auf der Plattform des Waggons gestanden habe, hatte ihnen ihr fürsorglicher Freund zugeflüstert:
Nehmen Sie sich vor diesem Menschen in acht. Er heißt Bertholdi — ein gefährlicher Bursche und kein Freund Ihres Vaters. Es ist mir sehr unangenehm, Sie mit diesem Manu im selben Zug zu wissen. Seien Sie auf Ihrer Hut und gehen Sie nach Ihrer Ankunft in New Orleans direkt auf den Dampfer; Sie haben gleich Anschluß,. Ebenso machen Sie es in Havana. Ich habe Ihre Reise so eingerichtet, daß jeder unnötige Aufenthalt und jede überflüssige Gefahr vermieden wird. Auf See haben Sie dann nichts mehr zu riskieren. Ich habe die Offiziere bereits telegraphisch gebeten, sich Ihrer anzunehmen. Sie reisen unter dem Namen Fräulein Marcella nebst Ihrer Begleiterin.
Marcella hatte gerade noch Zeit gehabt, ihrem Berater zu danken, als das Abfahrtssignal gegeben wurde. Nach einer langen, ermüdenden Fahrt durch Kalifornien, Arizona, Neu-Mexiko und Texas, immer wieder von der dunklen Gestalt Bertholdis beobachtet, waren sie endlich in New Orleans angelangt, wo der Schaffner ihres Wagens sie und ihr Gepäck wohlbehalten in eine Droschke gebracht hatte. Das Schiff lag schon zur Abfahrt bereit, der Kapitän begrüßte sie freundlich, und sie atmeten, in der Hoffnung, ihren unheimlichen Begleiter nun los zu sein, erleichtert auf.
Doch als der Dampfer hinausglitt in die offene See und es zur Tafel läutete, wer trat in den Salon? Kein anderer als Bertholdi! Er wählte sich einen Platz ihnen gerade gegenüber, machte jedoch im übrigen während der ganzen Reise keinerlei Annäherungsversuche, sondern schien sie ebensowenig zu beachten wie die anderen Passagiere auch.
In Havana, wo die Mädchen das Europa-Boot bestiegen, wurden sie von den Offizieren des amerikäni- scheu Dampfers an Bord begleitet und von den: englischen Kapitän freundlich ausgenommen. Aber auch hierhin war ihnen der schreckliche Bertholdi gefolgt. Er nahm zwar ebenfalls wieder keinerlei Notiz von ihnen, doch passierte ihnen eines Tages eine eigentümliche Sache. Das Wetter war prächtig, die See spiegelglatt, und alle Reisenden befanden sich auf Deck. Marcella plauderte munter mit einem der Offiziere über ein Tennysonsches Gedicht; es entstand eine Meinungsverschiedenheit über eine Stelle, und Lucy erbot sich freiwillig, das betreffende Buch von unten zu holen, um darin nachzusehen. Zu ihrem Erstaunen fand sie, daß ihr Gepäck durchstöbert war. Sofort fiel der Verdacht auf Bertholdi, und sie vermutete nun gleich, daß dieser Bertholdi die Natur von Marcellas Mission nach England kannte und sie verfolgen müsse, um dieselbe zu vereiteln. Da jedoch Geld und Brief unversehrt waren, wollte sie ihre Freundin nicht beunruhigen. Sie nahm sich daher nur vor, doppelt gut aufzupassen, und kehrte lächelnd, ohne sich das geringste merken zu lassen, mit dem Buch in der Hand auf Deck zurück.
Am nächsten Tage waren sie in Southampton gelandet und noch am selben Abend im Hotel Cecil abgestiegen, ohne auch nur eine Spur von Bertholdi wieder gesehen zu haben. Den Rest von Lucys Erzählung will ich lieber seiner größeren Wichtigkeit wegen wörtlich wiedergeben:
Mr waren sehr froh, daß wir endliche in London an
gekommen waren, Marcella war lustig wie ein Vogel. Wir aßen in unseren Zimmern und legten uns, nachdem wir zu unserer Befriedigung noch erfahren hatten, daß es nach dem Hospital-nur eine Viertelstunde mit einer Droschke sei, wohlgemut frühzeitig zu Bett, um uns von den Reisestrapazen gründlich auszurnhen. Trotzdem hatte ich am Morgen heftiges Kopfweh. Das hätte mich jedoch nicht abgehalten, aufzustehen und Marcella zu begleiten, wenn sie es pur zugelassen hätte. Sie erklärte aber jede Besorgnis für überflüssig, da sie ja hin und zurück einen Wagen benutzen und- die ganze Sache in höchstens einer Stunde erledigen könnte. Mit einem Kusse verabschiedete sie sich von mir, wtd seitdem habe ich sie nicht wiedergesehen.
Als sie nach ein paar Stunden noch nicht znrückg-ekehrt war, bemächtigte sich meiner eine furchtbare Angst, zumal mir jetzt w-ied-er -entfiel, daß sie schon früher plötzliche Anfälle von Gedächtnisschwund gehabt hatte. Je später es wurde, um so mehr steigerte sich meine Besorgnis. Die Nacht brach herein. Mein Zustand- war entsetzlich-; ich dachte, ich müßte wahnsinnig werden. Im Hause und bei der Polizei Lärm zu schlagen, wagte ich nicht aus Furcht, Marcella öffentlich zu kompromittieren, denn das Benehl- men Garcias wie der ganze geheimnisvolle Auftrag kant mir verdächtig vor. Wer konnte wissen, was in dem Brief stand! Welche Folgen konnte -es haben, toenn er in die Hände der Polizei fiele! So verbrachte ich unter den furchtbarsten Qualen jene Nacht, die ich nie wieder ver- gessen werde. Auch am andern Vormittag traf keine Nachricht von ihr ein. Ich war ganz außer mir. Da, als ich eben im Begriff stand, nach dem Hospital zu fahren, um mich dort nach dem Adressaten des Briefes zu erkundigen, klopfte es an die Tür. Ich sprang hin, uird ein Laufbursche meldete mir: Herr Doktor Williams wünscht Sie zu sprechen, und in demselben Moment trat auch schon der schreckliche von Eißen ins Zimmer. Ich hatte den Menschen nie zuvor gesehen, und als er sagte, er sei Doktor Williams, Marcella sei in seinem Hause und wünsche, daß ich sofort zu ihr komme, -ging ich selbstverständlich in die Falle. Wohin er mich brachte, weiß ich heute noch nicht genau, sondern nur, daß es gar nicht weit von London war. Dort sah ich auch das Weib, das sie Ihnen heute nachmittag als Marcella auszug-eben versuchten. Daß mir da schnell die Augen aufgingen, können Sie mir glauben.
Welch entsetzliche Seelenqualen ich seither ausgestanden habe, läßt sich nicht mit Worten beschreiben. Durch Auf^ schnappen dieses und jenes Brockens ihrer Unterhaltung konnte ich mir erst die Wahrheit in ihrer ganzen Schrecklichkeit zusamm-enreimen. Was ich bis dahin nur geahnt hatte, daß G-arcia irgend -etwas auf dem Kerbholz haben müsse, wofür sich seine Feinde nun an seiner armen Tochter rächen wollten, war mir jetzt zur Gewißheit geworden. Ebenso erfuhr ich, daß sie bis in Ihr Haus gekommen, hier vergiftet und nach einem abgelegenen -Orte in der Nähe der Hampsteader Heide verschleppt sei, wo sie zweifellos jetzt noch ist und- fiep in größter Lebensgefahr befindet.
(Fortsetzung folgt.)
Bilder aus dem Volksleben zu Alsfeld im Mittelalter.')
Die folgenden Ausführungen erheben nicht den Anspruch, ein vollkommenes Bild des Volkslebens zu g-ebey, wie es sich im Mittelalter in Alsfeld entwickelte. Sie wollen nur einige Seiten dieses Lebens zeichnen, besonders -die derben, kräftigen Seiten. Sie sind ausschließlich Urkunden des Stadtarchivs entnommen, besonders der ältesten städtischen Rechnung, die uns erhalten ist, einer Abrecht- nnng über landesherrliche Einkunststeile, die Lairdgraf Hermann der Stadt als Entschädigung für eine übernommene Zahlung überlassen hatte, und dem ältesten Gerichtsbuch?) DeM Rechts- gelehrten und dem Kulturgeschichtl-er werden diese Bilder manchen willkommenen Beitrag geben.
Kriegswesen.
Der Schutz der Stadt und ihrer Burg war zunächst den Burg- mannen anvertraut, die von dem Landgrafen dafür ein Burglehen
Abdruck aus der „Darmstädter Zeitung". Vortrag bei der geselligen Vereinigung gelegentlich der Tagung der „Historischen Kommission für Hessen". „ , _ TT„
!) Tie Anführungen in den Anmerkungen „Ebel I, II" beziehen sich auf die von Karl Ebel in den „MittÄlungen des Oberhessischen Geschichtsvereins", Band 5 und 7 veröffentlichten' Regesten zur Geschichte der Stadt Alsfeld-, „Nachtrag" aus dce vyn mir im neuesten Band dazu gegebenen -Ergänzungen'


