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nicht ganz dieselbe, so wenigstens eine sehr ähnliche, sehen Sie nur einmal nach, Sie werden schon etwas finden."
„Es hat wirklich gar keinen Zweck, erst nachzuschen," widersprach der Optiker, dann aber zog er doch eine der großen Schubladen auf und stand plötzlich da, tote Lots selige Witwe, als sie zur Salzsäule erstarrte.
Tann aber schlug er sich mit der Hand derartig vor die Strrn, daß ich davon Kopfschmerzen bekam.
„Machen Sie nicht solche Geschichten," bat ich, „mein Schädel tut mir ohnehin weh genug, !vas gibt es denn?" ;
Und dann kam es heraus, dort vor ihm in der Schublade lag die Brille meiner Frau. Jetzt fiel es ihm erst wieder 'ein, meine Frau hatte sie gestern mitnehmen wollen, sie auch schon in der Hand gehabt, aber im letzten Augenblick doch gebeten, sie ihr lieber zuzuschicken, damit sie sie nicht vielleicht doch irgendwo versehentlich liegen lasse.
'Die Brille war da! <
In einem Auto sauste ich irach Hause. Niemand hatte mein Weggehen bemerkt, niemand merkte meine Wiederkehr. Aus der Küche hörte ich die scheltende Stimme meiner Fran, und ich segnete die Unordnung der Mädchen.
Dann schlich ich leise die Treppe hinauf und legte die Brille pben in den Arbeitskorb meiner Frau.
Und dort fand meine Frau sie am nächsten Morgen, als ich absichtlich einen Hemdenknopf abgerissen hatte und sie bat, mir den wieder anzunähen. Da mußte sie den Korb zur Hand nehmen, und als sie es tat, sah sie die Brille. .
Ich hatte geglaubt, meine Frau würde aus dem Erstaunen picht herauskommen, sie würde wie vor einem Wunder, tote vor einem unfaßbaren stehen, das sie nicht begriff. Aber da hatte ich mich geirrt. Ms sei nichts vorgefallen, nahm sie die Brille zur Hand und setzte sie sich auf.
„Aber bist du denn gar nicht erstaunt, daß die Brille nun' plötzlich wieder da ist?" fragte ich meinerseits ganz verwundert.
Da sah meine Frau mich mit ganz großen Augen an: „Warunr soll ich denn da erstaunt sein?" Und wie etwas ganz Selbstverständliches setzte sie hinzu: „Die Brille mußte sich doch einmal in dem Korb wiederfinden, denn ich weiß es ganz genau, daß ich sie gestern hier hineingelegt habe!"--- —
Streiche der Tondichters Brahms.
Einen ehrenvollen Beitrag zur Charakteristik von JohauneZ Brahms erhält die Gemeinde der Brahmsverehrer in Gestalt einer deutschen Ausgabe der Fuller-Aiaitlandschen Brahmsbiographie, die dieser Tage in trefflicher Uebersetzung von A. W. Sturm voin Verlage Schuster & Löffler (Berlin und Leipzig) vornehnt ausgestaltet und mit vielen Bilder- und Faksimile-Beilagen versehen, erscheint.
Neben der Schilderung des äußeren Lebensganges des großen Hamburger Komponisten und einer gründlichen Analyse aller seiner Tonwerke enthält dieses Buch einen Abschnitt, der Brahms in seinen Beziehungen ztt seinen Zeitgenossen schildert und unter anderem auch einige hübsche Brahms-Anekdoten enthält. Brahms war als echter Norddeutscher sehr zurückhaltend. Dennoch halte er den Schelm im Nacken, wie folgenoe Streiche beweisen: einmal ruhte Brahms in seinem Garten unter einem Battme aus, als sich ihm ein Fremder näherte und ihm in wohlgesetzter Rede seine Bewunderung für die Erzeugnisse der Brahinsschen Muse zum Ausdruck brachte. Der berufsmäßige Aushorcher war gar zu erkenntlich itnb Brahms konnte der Versuchung nicht tvidersteheii, ihm einen Streich zu spielen. Er unterbrach den Redefluß mit den Worten: »Lieber Herr, hier muß ein Irrtum vorliegen. Wahrscheinlich suchen Sie meinen Brttder, den Komponisten. Der ist leider gerade ausgegangen. Wenn Sie sich aber beeilen und den Psad entlang dtwch ben Walb auf den Hügel laufen, können Sie thn vielleicht noch einholen." — In seiner Hamburger Zeit halte Brahms die Dirigentenstelle eines Dantenchors übernommen. Für diesen Chor hatte er eine ganze Reihe Gesänge komponiert, er hat aber auch Bereinssatzungen aufgestellt, die der gezierten Sprache des 18. Jahrhunderts aufs drolligste nachgebildet sind. Int Anfängeheißt es: „Avertimento. Sonder weilen es absolute deut Plaisire fördersant ist, wenn es fein ordentlich dabei einhergeht, als wird denen curieusen Geinüthern, so Mitglieder des sehr 1111(5= und lieblichen Frauenchors wünschen zu werden und zu bleiben jetzund kund und offenbar gethan, daß sie partoute die Clausula und Buncte hiefolgenden Geschreibsels unter zu zeichnen haben, ehe sie sich obgenannten Tituls erfreuen und an der inusika- liscken Erlustigung und Tivertirung parte nehmen können." Weiter unten in diesen scherzhaften Satzungen wurden Strafgelder für Zuspätkantmen festgesetzt, und dann folgte eine kleine Bosheit gegen eine Sängerin des Chores: „Ihrer großen Meriten um ben Frauenchor wegen und in Betracht ihrer vermutlich höchst mangelhaften und unglücklichen Complexion, soll nun hier für die nrcht genug zu favorirende und adortrende Demoiselle Laura Garbe em Abonnement hergestellt werden, wesmaßen sie nicht jedesmal zu bezahlen braucht, sondern aber ihro am Schluß des Quartals eine moberirte Rechnung präsentiret wirb." tlnterzeichnet waren fctqe merkwürdigen Satzungen: „Johannes Kreisler jun., — alias:
Brahms. — Gegeben auf Montag, den 30ten des Monats Avrili - A. D. 1860."
Komplimente von Leuten, die ihm keine zu machen hatten, wußte Brahms auf merkwürdige Weise abzulehnen. Einmal saß Brahms zum Beispiel in heiterer Geselllchast an der Tafel eines Wirtshauses. Er bestellte den besten Wein, den der Wirt hatte. „Hier ist ein Wein," sagte der Wirt, „der alle anderen ebenso-übertrifft, wie Brahms'sche Musik alle andere." — „Na, dann nehmen Sie ihn nur wieder mit," sagte Brahms trocken, „und bringen Sie uns eine Flasche Bach." — Eine Geschichte von Brahms ist zu bezeichnend für seine GeisteSart, als daß sie hier weggelassen werben bürste, odivohl sie die Bezeichnung Streich ganz und gar nicht verdient. Brahms war bei feinen Eltern zu Besuch gewesen und sagte beim Abschiede zu seinem Bater: „Du, Vater, wenn es dir einmal schlecht gehen sollte: der beste Trost ist immer die Musik. Lies nur fleißig in meinem alten Saul, da wirst du finden, was du brauchen kannst." Brahms hatte nämlich heimlich zwischen die Seiten von Haendels „Saul" ein Bündel Banknoten verteilt. ----------------
Ein Gießener Zunftdrief von 1725
„Unserer Metzgerzunft zu Gießen" bont Landgrafen 'Ernst Ludwig gncidigst erteilt, ist von dem Rentier.Christian Reibev in Frankfurt a. M. seiner Vaterstadt Gießen für das Museitin! zum Geschenk gemacht worden. Die einzelnen Bestimmungen der Verordnungen entbehren auch heute des Interesses nicht und zeigen, daß der Landesherr vor nunmehr bald 200 Jahren ein im Allgemeininteresse sehr fürsorglicher Herr war. Die amtlich erlassene Schlachtordnung für unsere Stadt verbot den Ochsen-' metzgern, Kuh- oder Rindfleisch zugleich mit Ochsenfleisch feil zu halten. Wollte er aber solches dennoch tun, so mußte er darum um eine besondere Erlaubnis einkommen. Mit dem Ham-' mel- und Schafvieh sollte es in gleicher Weise gehalten werden. Es geht aus diesen Bestimmungen hervor, daß die Metzger von damals mit dem Kuh-, Rind- oder Schajfleisch öfter gemogelt haben.
Daß die Gießener Meister int Anfang des 18. Jahrhunderts nicht sehr ehrlich mit den Fleischkäufern umgingen, besagt folgender Inhalt der Urkunde: Bei Verkauffung des Schweinen- vder Kalbfleisches, wann eins oder das andere rar ist, sollen die Metzger den Leuthcn kein ander Fleisch mit aufzwingen, absonderlich bei denen Kalbsbrathen kein Geströß oder Köpfse beilegen. Es waren damals 2 Fleischbeschauer in der Stadt, welche nach dem Inhalt des Zunftbriefes auf 4 (für jedes der Nott-Quardterg 1 Beschauer) vermehrt wurden. Dazu kamen noch 2 vereidete; Kontrolleure, welche die Schurn- und Wetzgerhäuser fleißig zu! visitieren hatten. Einer davon wurde von der Metzgerzuuft bestellt, doch sollte mit diesen Kontrolleuren alle Jahre gewechselt werden. Ten Kontrolleuren wurde aufgegeben, „daß sie sonderlich auf die Fleischtüge und jeweils außer der Zeit, ohn vermerkt ihres Ambtes zu walten haben.
Verboten war ferner, Rindsblut in die Würste zu nehmen, auch kein Schaf- oder Hammelgelinge mit in die Wurst zu hacken, dagegen könnte junges Rind- oder Kalbsgelinge mit zu Wurst; verarbeitet werden. Für Verfehlungen setzte der Landgraf für die erste Uebertretung der Zunftordnung eine namhafte Geldstrafe oder im Unvermögensfall, eine ordnungsmäßige Gefängnisstrafe oder öffentliche Strafe am 'Festungsbau an. Int Wiederholungsfall kann dem "Sünder außerdem auch ein zeitweiliges Verbot der Ausübung des Handwerks treffen. Wer aber das drittemal gegen die Ordnung frevelt, dem sollte das Handwerk überhaupt verboten sein. Ebenso sollte der Zunftgenosse, ivelcher des. Kollegen Frevel verhehlet, mit den gleichen Strafen belegt werdens
Am Schluß des Zuuftbriefes heißt es wörtlich: „und letzt- lichen behalten wir Uns, Unfern Fürstlichen Erben und Nach;- kommen am Regiment ausdrücklich bevor, diese Schlachtordnung jederzeit nach Belieben, wie es uns gefallen wird, zu mindern; und zu mehren, oder gar wieder aufzuheben".
Der Zunftbrief ist in sauberer gottscher Schrift von Johann Müller, Fürstl. Cantzley Buchdruckern in Gießen, gedruckt nutz tadellos erhalten. , ,r *
skat-Ausgabe.
Vorhand erhält folgende Karten:
❖X> LO O
Sie spielt Pique-Solo, kann aber nur 45 Augen Heimbringen. Welche Karten befaßen die Gegner und wie wurde gespielt?
Auflösung in nächster Nummer.
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Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: . Wer am Boden liegt, über beit geht alle Welt,
Redaktion: K. N e n r a t h. — Rotationsdruck und Verlag bet Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen,


