Ausgabe 
23.9.1912
 
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So, fuhr sie fort", nun geh ans Fenster und Paß aus, bis" W weinen Man ausgeführt habe/

Pflichtschuldig erfüllte ich ihren Wunsch sind hörte sie alsbald am Schreibtisch jherumkramen.

Endlich rief sie mich wieder zurück und reichte mir das sorgfältig zugesiegelte Kuvert, i

Nun kannst du es wieder an dich siehm'en unb: unter! dein Kissen legen; es' enthält weiter nichts als Löschpapier. Das Geld habe ich hier in einen Umschlag von mir gepackt, den ich jetzt gleich zwischen die anderen Briefschaften hinter den Spiegel stecken werde. Der größeren Sicherheit wegen kannst du währenddessen das Licht ausdrehen.

Ich tat das, und als ich das Gas wieder angezündct hätte und nach dem' Spiegel schaute, hatte ich selbst auch! das beruhigende Gefühl, daß in dem Papierwust dort nie­mand ein Vermögen suchen könnte. Ich gab! ihr das offen zu, und dann trennten wir uns, um schlafen zu gehen.

' " (Fortsetzung folgt.) .

Wenn Mauen etwas genau wissen.

Humoreske von Freiherr von Schlich t.

Die Brille meiner Frau war weg fort spurlos von der Erdoberfläche verschwunden, und dabei war sie gestern noch da­gewesen! Das wußte meine Frau ganz genau, ja, sie wußte sogar ganz genau, wo die Brille gestern noch gelegen hätte: In dem Schlafzimmer, in dem runden, blauen StrohUähkorb, der auf dem kleinen Tisch zu 'Füßen des Bettes stand. 1

Dort hätte die Brille gestern nachmittag noch gelegen, ja, stoch mehr, meine Frau hatte sie selbst dorthin gelegt, eigenhändig, oder wie man bei Hofe sagt, höchsteigenhändig. Meine Frau erinnerte sich aufs genaueste aller Einzelheiten. Es. handelte sich um eine neue Brille, die sie sich erst gestern nachmittag von den: Optiker geholt hatte. Dann war sie mit der Brille in der Tasche zur Stadt gegangen, um dort noch ein paar Besorgungen Zu machen, zuerst bei dem Juwelier, .dann in einem Weißwaren- geschäft, dann bei der Putzmacherin, dann noch hier und dort, und zum Schluß hatte sie eine Bekannte besucht. Von dort war sie direkt nach Hause gegangen, Hatte unten in dem Garderoben- tzimmer Mantel und Hut abgelegt und dann ihr Schlafziminer ausgesucht, um sich ein paar leichte Schuhe anzuziehen. Bevor sie das aber tat, hätte sie die neue Brille in den Nähkorb gelegt. Weine Frau wußte das ganz genau, es gab keinen Eid, den sie darauf nicht schwören konnte, sie wußte es genau, daß es eine! Beleidigung war, auch nur eine Sekunde daran zu zweifeln, jdaß sie es nicht genau wußte--aber trotzdem, die Brille war

nicht da, und doch hatte sie meine Frau selbst in den Korb' gelegt.

Wo war die Brille? Ob sie wollte oder nicht, sie mußte in dem Handarbeitskorb liegen, und so stülpte meine Frau bennj immer diesen von neuem um. Es fiel so vieles aus dem Korb heraus, so vieles, das gar nicht in ihn hineingehörte, nur die .Brille nicht. i

Wo war die? ,

Meine Frau suchte in dem Nähkorb, aber als ich dann endlich zu ihr in das Schlafzimmer trat, um mit ihr zu "suchen, stand sie nicht mehr vor dem Korb, sondern vor einem endlos breiten/ dreiteiligen Schrank. Jeder dieser drei Schränke hätte acht Bord­bretter. Jedes Bordbrett war durch senkrechte Seitenwände in drei Fächer abgeteilt, so daß der Schrank im ganzen 72 Fächer enthielt. Jedes dieser Fächer war bis zum Rand vollgepfropft, und vor diesen 72 vollgepfropften Fächern stand meine Frau und suchte nach der Brille. ,, '

Mich packte das Entsetzen:Um Gotteswillen, bat ich,du wirst doch "nicht etwa diesen ganzen Schrank auskramen wollen? Dann dauert es ja mindestens vier Wochen, bis dein "Zimmer wieder in Ordnung ist, und vor allen Dingen ist es ja "ganz zwecklos, die Brille hier zu suchen, denn wenn du ganz genau weißt, daß du sie in den Korb legtest, dann kann sie doch nicht plötzlich in einem dieser Fächer sein."

Meine Frau fing aus Nervosität beinahe an zu weinen: 7,Wer irgendwo m u ß t e sie doch sein. Daß. ich sie in den Korb gelegt habe, weiß, ich genau, aber vielleicht habe ich sie hinterher wieder herausgenomm'en und mit anderen Sachen hier in diesen Schrank gelegt. Ich halte das allerdings selbst für ganz ausge­schlossen, aber ich habe trotzdem keine Ruhe, ich muß. suchen."

Und meine Frau suchte.

' Wenn ein Mann sucht, findet er ganz gewiß gar nichts, wenn aber eine Frau sucht, findet sie alles mögliche, nur nicht Has, was sie sucht. .

So dauerte es denn auch gar nicht lange, bis meine sirau vollbeladen wie ein Weihnachtsmann zu mir rn das Zimmer trat:Sieh nur, was ich hier alles noch ganz zufällig Entdeckt habe, viele Sachen, von denen ich überhaupt gar nicht wußte, daß

Alles, was meine Frau bisher gefunden hätte, breitete sie ttüf meinem Schreibtisch vor mir aus, so daß es auf dem aussah, Wie in einem orientalischen Basar, Natürlich hätte ich keine.

Ahnung/ was ich mit all den Sachen anfangen sollte, bis meine Frau dann plötzlich und unvermittelt sagte:Weißt du, ich habe es mir eben überlegt, hat alles so lange in dem Schrank ge­legen, kann cs auch ruhig noch weiter liegen." Und alles wieder zusammenraffend, eilte sie von dannen, um weiter nach der Brille zu suchen. '

Sie stürzte sich plötzlich auf den Leinenschrank und begann! darin zu suchen.

Es ist eine Eigentümlichkeit' aller Frauen, daß sie die Zähl- wut bekommen, sobald sie vor denr geöffneten Wäscheschrank stehen.

Ob eine Frau will oder nicht, sie muß zählen, zuerst die Servietten, dann die Tischtücher, die großen Und die kleinen.! Dann die Handtücher, die Küchenwäsche, die Leibwäsche, die zählt in einem fort, und sie müßte keine Frau sein, wenn sie sich nicht vErzählte. Das! aber gibt keine Frau zu, und anstatt zusagen:Ich habe mich eben bei den Servietten um vierzehn Stück verzählt," fehlen die plötzlich. Und so dauerte es denn auch gar nicht lange, bis meine Frau ganz erregt zu mir in das Zimmer trat:Denke dir nur, es ist gar nicht zu glauben,, der Schrecken ist mir derartig "in die Beine gefahren, daß meine Hände zittern, denk dir nur, von den neuen runden Tischtüchern/ die wir erst kürzlich angeschafft haben, fehlen heute schon vier Stück."

7,Die werden in der Wäsche sein," Versuchte ich sie zu be­ruhigen.

Aber sie widersprach!:In der Wäsche sind nur zwei, vier fehlen, das wären sechs, und achtzehn liegen im Schrank."

Nein, 'zweiundzwanzig," widersprach ich.

Meine Frau sah! mich ganz' groß an:Aber ich habe sie doch gezählt, und ich' werde .doch wohl noch bis. achtzehn zählen können."

Aber vielleicht nicht bis zweiundzwanzig", warf ich ein".

Ganz beleidigt lief meine Fran hinaus, und als sie denn nach einer halben Stunde wiederkam, fehlten ihr sechs Taghemden/ genau ein halbes. Dutzend. Sechzig Stück müßten noch da fein,- statt dessen waren es nur vierundzwanzig. Wo konnten die übrigen sein? .

Vielleicht 'da, wo die fehlenden Tischtücher sind", warf ich ein.

Meine Frau machte ein ganz glückliches Gesicht: Meinst du wirklich, daß ich mich auch da verzählt habe?" Und dann setzte sie hinzu:Ein Wunder wäre es ja eigentlich nicht, ich habe von alledem so entsetzlich viel, allein sechs! Dutzend Tag­hemden, wer kann denn da auch bis 72 zählen, da muß man sich ja verzählen."

Meine Frau schluchzte herzzerbrechend, dann meinte sie plötz­lich:Glaubst du vielleicht, daß die Brille in bem Stiefel- schrank liegt?"

Wie sollte sie wohl dahin kommen?" fragte ich ganz Ver­wundert. . ~.,

Meine Frau strich sich über die Stirn:Ich weiß es,auch nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr, mein armer Kopf tut mir schon weh, daß. ich gar nicht mehr denken kann. Aber irgendwo muß die Brille doch sein, denn ich weiß es ganz genau, daß ich sie gestern in den Kandarbcitskorb legte."

Tann liegt sie aber doch "keinesfalls im Stiefelschrank", wider­sprach ich,ebenso gut könntest du doch unten im Küchenschrank nachsehen."

Und ehe ich cs verhindern konnte, tat meine Frau das auch. Ihr fiel plötzlich ein, daß sie gestern nod) in der Küche gewesen war, um mit der Köchin das Abendbrot zu besprechen. Sie hielt es! zwar selbst für ganz ausgeschlossen, daß sie dann die Brille noch in der Hand gehabt haben sollte, aber möglich wäre es doch

Frau suchte im Küchenschrank, und ich zählte unter­dessen die Schränke, in denen sie noch suchen würde: drei Bücher­schränke, vier Kleiderschränke, ein Weinschrank, ein Eisschrank, zwei Schränke mit Meißner Porzellan, zwei Büffetschränke, in bem Fruhstückszimmer zwei Eckschränke, in dem Eckzimmer zwei Nippesschränke! , ,

Das Grausen lief mir den Rücken entlang, und eins stand, plötzlich "für mich fest: die Brille mußte wiedergesunden werden/ und zwar heute noch.

Wenn eine Frau in die Küche geht, kommt sie in den nächsten vierundzwanzig Stunden nicht wieder an das Tageslicht. cLafur sorgen schon die Mädchen, denn wenn sie auch noch so ordentlich sind, so ordentlich sind sie denn doch nicht, daß sie nicht noch viel ordentlicher sein könnten. So würde meme Frau m der Küche zwar nicht die Brille, aber so vieles andere finden, daß sie, darüber mich und sonst alles! auf der Welt vergaß.

Mein Entschluß war gefaßt'. Ich raste zur Stadt zu dem Optiker, bei dem meine Frau gestern die Brille gekauft hatte.!

Ich wollte eine neue Brille, aber das war Nicht so einfach.. Gewiß, die richtigen Gläser waren ja vorrätig, aber Nicht die Brille selbst. Meine Frau trug eine ganz besondere Art, die mußte der Manii sich, ebenso wie die gestern abgeholte, erst aus Bersin koinnieii lassen, und darüber konnten immerhin vier bis fünf ^aSl/l!lnb8 inzwischen sucht meine Frau sämtliche fünsiindzwanzig Schränke in unserer Wohnung durch," widersprach ich,das gibt es nicht, Sie müssen eine Brille vorrätig .haben, wenn auch