lüontag, Seit 25. September
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Die Dame im Pelz.
Roman von G. W. App le ton.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Es unterlag nun keinem Zweifel, daß die schöne Unbekannte von London herausgekommen war, um mich zu besuchen. Die Situation war dadurch noch fataler für mich, Und ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte.
Helen bemerkte meine Erregung und rief:
Was hast du denn, du machst ja 'n ganz merkwürdiges Gesicht. Hast du einen Namen und eine Adresse gefunden?
Statt aller Antwort reichte ich ihr einfach das Papierfetzchen hin, worauf sie ebenso verwundert dreinschaute wie ich selbst.
Um Gottes willen! Was soll das alles bedeuten? rief sie.
Ich schüttelte verblüfft den Kopf, nahm ihr ganz mechanisch das Stückchen Papier wieder ab und zeigte es der Unbekannten.
Ist das die Person, die Sie aufsucheu wollten?
Sie blickte, offensichtlich bestürzt, auf den Zettel, und ich merkte sofort, daß ihr mein Name, wie alles übrige, gänzlich unbekannt war. Sie las laut: Doktor Edward Williams, Richmond, Surrey und sah mich dann ein.
Ich kenne den Namen absolut nicht, antwortete sie.
Ich war einfach starr, wie man so sagt. Was sollte ich tun? Was konnte ich tun? Was war ich verpflichtet zu tun? Ich befand mich in arger Verlegenheit. Für den Augenblick war ich ratlos.
' Die Sache wird ernst, Helen, sagte ich zu meiner Schwester.
Sehr, erwiderte sie. Was gedenkst du zu tun? ■ Ich weiß ganz und gar nicht, was ich anfangen soll. Zur Polizei gehen — möchte ich auch nicht gern.
Bei diesen Worten sprang unsere geheimnisvolle Besucherin plötzlich auf und ergriff meinen Arm. Ein paar dunkle, bittende Augen blickten mich wehmütig an, und leine vor Erregung bebende Stimme flehte mich an:
O, nein! Tun Sie das nicht! Haben Sie ein bißchen Geduld mit mir. Bitte, warten Sie noch etwas. Ich kann mich wirklich nicht entsinnen. Es ist mir mit einem Male alles entfallen, aber die Erinnerung wird zurückkehren — sie wird sicher zurückkehren. Sie sehen beide so gut und so lieb aus." Schicken Sie mich nicht weg. Warten Sie wenigstens noch ein wenig. Ich will mir alle Mühe geben Und mich besinnen. Wahrhaftig, ich will es. Sie haben ja meine Börse. Ich will Ihnen nicht zur Last fallen, p, bitte, haben Sie noch ein Weilchen Geduld!
Was sollte ich da tun? Ein schönes, junges Mädchen F— sie war höchstens neunzehn — das einen unbeschreiblich vornehmen und seinen Eindruck machte und mich sv inständig
um meinen Schutz anflehte, auf die Straße zu setzen, war ausgeschlossen. Man hätte ein Herz von Stein haben müssen, um solchem Zauber und solchen Bitten zu widerstehen. Eine Laune des Schicksals oder der Vorsehung hatte sie hilflos zu mir geführt. Zweifellos war sie nach Richmond gekommen, mich zu besuchen. Vielleicht war der Schleier morgen schon gelüftet; und wie bittere Vorwürfe würde ich mir dann machen, wenn ich sie jetzt den uu- barmherzigen Händen der Polizei überlieferte. Ich- schaute in die bittenden Angen, und mein Entschluß war gefaßt.
Helen, sagte ich, wir wollen sie vorläufig bei uns behalten und als unseren Gast betrachten.
Meine Schwester war nicht nur ein sehr liebes und gutes Mädchen, sondern der Wunsch ihres Bruders galt ihr auch stets als Befehl. Sie reichte der reizenden Aus-i länderin die Hand und sagte ihr freundlich lächelnd :
Also abgemacht. Wir werden Sie jetzt nicht von uns gehen lassen, sondern es Ihnen vielmehr hier so angenehm wie möglich zu machen suchen. Kommen Sie gleich mit mir nach Ihrem Zimmer, damit Sie Ihre Sachen ablegen können. Dann müssen Sie eine Tasse Tee trinken. Bis morgen werden Sie sich schon wieder erholt haben, das glaube ich sicher. Hier haben Sie Ihr Portemonnaie wieder. O, das müssen Sie nehmen! Hier sind Sie unser Gast. Und nun, Ted, fuhr sie zu mir gewendet fort, kannst du, glaub' ich, ruhig weggehen und deine Patienten besuchen.
Ich nickte zustimmend, und die beiden Mädchen verließen das Zimmer; unser Besuch warf mir im Gehen noch einen dankbaren Blick zu.
Meinen Kranken, fürchte ich, widmete ich an diesem Tage nicht ganz die gewohnte Aufmerksamkeit. Die Gedanken an das wundervolle Wesen, das wie von einem anderen Weltkörper plötzlich in mein Haus gekommen war, meinen Namen im Portemonnaie, das sonderbare Geheimnis, das sie umgab, und ihr noch sonderbarerer Gedächtnisschwund drängten sich hartnäckig an jedem Krankenbett immer wieder von neuem vor. Zu meiner Beruhigung hatte ich keine allzu ernsten Fälle zu behandeln.
Da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß nach einer guten Nachtruhe ihr Erinnerungsvermögen am nächsten Morgen wiedergekehrt sein würde, beschloß ich, die Sache vorläufig mit mir selbst abzumachen. Sollte meine Prognose freilich nicht eintreffen — merkwürdigerweise fühlte ich bei diesem Gedanken durchaus kein Mißbehagen —, so würde mir allerdings nichts anderes übrig bleiben, als meine Tante ins Vertrauen zu ziehen.
Als ich mit meiner Visite fertig war, ging ich unverzüglich nach .Hause. Ich fand meinen Gast in prächtiger Stimmung und mit Helen auf bestem Fuße. Ohne Mantel erschien sie mir noch herrlicher als vorher. An ihren Fingern blitzten herrliche Brillanten, und ihre Arme schmückten kostbare Armbänder. Während des Essens war sie lebhaft und heiter und unterhielt sich in einer Weise über Literatur und Kunst, daß ich -ganz erstaunt war und ihre vollständige


