Donnerstag den 25. Mal
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Die von Gründingrn.
Boman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Wirklich erschien wenige Minuten darauf der Baron km Salon, von dem aus man auf Die Terrasse gelangte. Der Graf ging ihm entgegen, um ihn dann zuerst seiner Frau vorzustellen.
„Baron von Scheidegg der so liebenswürdig war, Meine Ginladung anzunehmen, und als Gast einige Monate hei uns weilen wird."
Der Graf glaubte, seine Sache gut gemacht zu haben, über der Blick der Gräfin bewies ihm das Gegenteil. Für hie hatte er die Worte „als Gast" zu stark betont — bas war gegen die Abmachung. Er erriet ihre Gedanken, aber nun war es zu spät; was gesagt war, war gesagt, Rüdern konnte er es nicht mehr, und so sagte er denn Mrr noch: „Na, laß schon."
Aber die Gräfin hörte es gar nicht. Sie hatte dem Baron die Hand gereicht, die dieser zum Kuß an die Lipsten nihrte, und stellte ihn dann ihren Kindern vor: „Meine Tochter Alexa —, meine Tochter Dagmar."
Mit herzlicher Freundlichkeit streckte Alexa ihm ihre Hand entgegen, während Dagmar sich zwar höflich, aber tztwäs kühl und zurückhaltend verneigte.
Also doch! Er war es wirklich-.
Nun stand er ihr gegenüber und blickte sie so ruhig, so kalt, so gleichgültig an,' als sähe er sie heute zum erstenmal. Und doch war ihm, als müsse sie den lauten Schlag seines Herzens vernehmen.
। Dagmar war empört. Nicht so sehr darüber, daß er es wirklich gewagt hatte, hierher zu kommen, als darüber, daß er in keiner Weise verriet, was in ihm vorging.
Verstellung — dein Name ist Weib! Nach diesem Wort war es ihr Vorrecht, ihn nicht wiederzuerkennen, so zu tun, als begrüße sie einen Fremden. Aber daß auch er so tat, s— das wollte ihr nicht in den Sinn. Sie hatte sich auf diesen Augenblick gefreut, in bent er sie verlegen und verwirrt begrüßen würde. Sie hatte geglaubt, er würde von einem zufälligen Wiedersehen sprechen und dann versuchen, gleichgültig zu erscheinen, und doch in Wirklichkeit verlegen und verwirrt sein. Und nun nichts von alledem ---
Wollte er sie nicht wiedererkennen, oder erkannte er sie tatsächlich nicht?
Das eine erschien ihr ebenso unmöglich wie das andere. Es lag ihr auf den Lippen, darnach zu fragen, und doch wußte sie, daß es ihre Eitelkeit auf das tätlichste verletzen würde, wenn er auf ihre Frage mit einem „Nein" antworten sollte. Aber sie mußte Gewißheit haben — und doch hatte sie nicht den Mut, um Auskunft zu bitten.
Ob Alexa ihn denn gar nicht wieder erkannte? Mus deren Munde wäre eine Frage viel gleichgültiger und harmloser gewesen als aus dem ihrigen. Doch diese schien sich seiner wirklich nicht zu erinnern. Allerdings hätte fte nie mit Alexa über ihn gesprochen, und außerdem hatte ihr in der Reitbahn stets ein Ulan -auf Tod und Leben den Hof gemacht, so daß Alexa selbst, wenn sie gewollt hätte, kaum Zeit gefunden haben würde, sich um andere Leute in der Bahn zu kümmern. Bis sie dann eines Tages erfuhr, daß der Ulan ganz plötzlich den Abschied bekommen und nach „drüben" gegangen sei. Drei Tage lang hatte sie ihm nachgetrauert, denn er war ein hübscher, liebenswürdiger, flotter, junger Mensch gewesen, dann hatte sie sich -getröstet, schneller, als die Schwester es glaubte, i es mußte doch wohl nicht die richtige Liebe gewesen fern. Aber das Reiten hatte ihr bald ohne seine ständige Begleitung keinen Spaß mehr gemacht, sie mußte dann immer an sein Helles Lachen und seine lustigen Scherze denken, und in ihrer Gutmütigkeit sah sie ihn wochenlang hindurch im Zwischendeck fahren, Not und Entbehrungen leidend, wahrend er in Wirklichkeit nur sieben Tage in der Kabine -erster Klasse auf einem der elegantesten Amerika- Dampfer -verlebte, um dann das „Land der Zukunft im allgemeinen" und das „Land seiner Zukunft im besonderen" zu betreten.
Nein, sie hätte den Baron wirklich nie gesehen, trotzdem aber richtete sie im Lause des Abends, als Dagmar sie unter einem Vorwand darum bat, die Frage an ihn, ob sie sich nicht früher schon irgendwo begegnet wären. Es war Absicht von Dagmar, daß sie den Tattersall gar nicht erwähnte. - rr
Der Baron sah mit glänzend gespieltem Erstaunen auf: „Also -auch Sie wollen mich bereits irgendwo gesehen haben, Komtesse? Dem Herrn Grafen ging es vorhin auch schon so. Nachgerade glaubte ich wirklich, daß ich ein sogenanntes „bekanntes" Gesicht habe, daß ich zu jenen Menschen gehöre, bei deren Anblick man sich unwillkürlich sagt: Herrgott — den hast du doch schon 'mal gesehen "
„Und ich habe Sie auch schon gesehen," rief der Graf plötzlich. „Nun weiß ich auch: wo! In der Reitbahn, die auch meine Töchter besuchten. Jetzt weiß ich es ganz genau: ich habe Ihnen sogar einmal lange zugesehen, als Sie den Rappen zuritten, ich hörte auch damals den Namen des Gauls — wie hieß er doch noch- gleich — ?"
„Romeo", wollte der Baron ihw zurufen. Er erinnerte sich des Pferdes noch ganz genau, schon deshalb, weil gerade an jedem Morgen, als er ihn zum letztenmal ritt, der Graf und Komtesse -Dagmar erschienen, um ihm gleich vielen anderen zuzusehen. Sonst Pflegte er für die Leute, die in der Bahn selbst oder -auf der Galerie herum- standen, gar kein Interesse zu haben, denn feine ganze Aufmerksamkeit -galt ste-ts nur dem Pferde, — aber an dem Morgen hatten Dagmars Augen es ihm so angetan, daß


