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schlug der Sterbende die Augen auf. Er erkannte Hans Zöchen und lächelte mit überirdischer Milde.
„Du guter Junge," sagte er matt. Dann schien ihn ungeheure Angst zu packen. „Wo ist Kathinka?" fragte er hastig. „Der alte Hämmerling erwartet mich und verlangt Rechenschaft von mir über sein Kind."
Kathinka schluchzte laut. Aber Jochen umschlanA das Mädchen und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Sie ist in guten Händen, Vater."
Der Herzog griff nach Käthinkas Hand und sagte: „Mein gutes Mädel." Seine Hand fiel zurück. Er war verschieden.
Zwei Minuten später rauschte die herzogliche Flagge der Schloßzinne aus Halbmast.
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Die Trauerfeierlichkeiten waren vorüber. Das Leben litt Residenzschlosse gewann nach und nach wieder das alte Aussehen. Der neue Herzog hatte das Regiment übernommen und schien in der Arbeit Trost zu suchen für den herben Verlust. Die höchsten Beamten hatten, altem Herkommen gemäß, ihre Demission angeboten, aber Hans Jochen behielt alle in seinen Diensten, selbst Gras zu Hollen. Auch in der Hofordnung war alles beim alten geblieben, nur das Diner Pflegte der junge Herzog regelmäßig im Gartenpalais bei der Fürstin einzunehmen. Kathinka hatte er seit der Beisetzung nicht wieder gesehen. Sie war am nächsten Tage an den Hof zu N. abgereist, um bei Prinzeß Clarissa bis zum nächsten Frühjahr zu verweilen. So vergingen Herbst und Winter in stiller Trauer und anstrengender Regierungsarbeit.
Kurz nach Ostern verlegte der Hof zu N. sein Hoflager nach dem Lustschlosse zu Wallichsee, — und hier wollte auch Hans Jochen der herzoglichen Familie fernen ersten offiziellen Besuch abstatten.
Exzellenz Graul, Merkwitz, Dr. Brian und Staatsminister Löwe begleiteten ihn, während die Kabinettsordre keinerlei Notiz über die Verwendung Hollens enthielt.
Vier Tage dauerte die Abwesenheit des Hofes, und in dieser Zeit hatte sich Gras Hollen einen Plan geschmiedet, durch dessen Ausführung er nicht nur seine wankende Stellung bei Hofe befestigen, sondern sich sogar noch weiter an die Stufen des Thrones bringen wollte.
Kurz nach der Rückkehr des Hofes vom Schlosse Wallich- see wurde des Herzogs Verlobung mit Prinzessin Clarissa zu N. proklamiert, und bald darauf zog auch Kathinka von Hämmerling wieder in der heimatlichen Residenzstadt ein und nahm tote zuvor im Gartenpalais bei 'Ihrer Durchlaucht Wohnung. Durch des alten Herzogs Tod hatte sich das Verhältnis der Hofdame und ihrer Herrin noch inniger gestaltet.
In Kathinka wär während ihres Aufenthaltes bei Prinzeß Clarissa eine Wandlung vorgegangen. Ihre Liebe zum Herzog hatte sich durchaus nicht vermindert, sondern sie war eine tiefere, reinere geworden, eine Liebe, die den verklärenden Schein der Entsagung trägt. Kathinka war ernster, ruhiger geworden. Ihr monatelanger Verkehr mit Prinzeß Clarissa hatte sie zum Nachdenken geführt. Sie liebte des Herzogs Braut und diese schwesterliche Liebe hatte sie erkennen lassen, daß die kleine Prinzessin wohl verdiene, Hans Jochens Gattin zu werden. Die beiden glücklich zu machen, war jetzt ihr höchstes Streben.
Freilich kamen auch Stunden, in denen sich ihr liebendes Herz wiederum bäumte gegen die edle Entsagung, — die alte Liebe brach durch und verlangte nach Erfüllung ihrer Wünsche, und nur schwer vermochte sie diese Anwandlungen egoistischer Schwäche niederzukämpfen. JU solchen Stunden wurde ihr die Fürstin Clothilde zur mütterlichen Trösterin. Die alte Dame schien zu wissen oder doch zu ahnen, was des Mädchens Herz bewegte. Sie spracht dann oft von ihrer Jugend, von schönen, aber törichten Liebesträumen, die sie selbst durchlebt und Kathinka fand sich dann wieder.
Den Gedanken, die Residenz zu verlassen und im Auslande eine Stellung als Gesellschafterin zu suchen, der ihr in Stunden größter Schwäche kam, verwarf sie endgültig. Das wäre undankbar gegen die Fürstin und schwach gegen sich selbst gewesen. Sie wollte ausharren.
Von dem Tage ihrer Rückkehr an kam der Herzog seltener in das Gartenpalais, und auch das Diner nahm er nun im Schlosse ein. Traf er mit Kathinka zusammen, so sprachen sie über gleichgültige Dinge, und wie in stillem
Einverständnis würde die Hofetikette von beiden Seiteü beachtet.
Die allMorgendliche Promenade der Fürstin und Käthin- kas wurde nach und nach auf die Stadt ausgedehüt. Die beiden Damen besuchten arme Kranke und brachten allerhand Nahrungsmittel und Erfrischungen, die Kathinka in einem Körbchen trug.
Merkwürdigerweise begegnete ihnen in der letzten Zeit auf diesen Gängen KamMerherr Graf zu Hollen recht häufig«. Er bat sogar um den Vorzug, die Damen begleiten zu dürfen und zeigte dann ein in ihm nie gesuchtes Interesse für die Not armer Menschen. Und als dann einige Tage später Kathinka allein ihre Kranken besuchen ging, weil die Fürstin infolge ihres Rheumas an das Bett gefesselt war, stellte sich der Kammerherr regelmäßig ein. Die Hofdame Ihrer Durchlaucht behandelte ihn zwar wie einen vollständig Fremden, so kühl und abweisend, aber der Graf ließ sich dadurch nicht beirren. Er war durchaus nicht aufdringlich, sondern zurückhaltend und devot. Er hatte eine Art, mit bitterem Schmerze seiner Ungnade beim Herzog zu gedenken, die in Kathinka beinahe Mitleid für ihn ertoedte, Und das war es, was Hollen bezweckte.
Eines Tgges begrüßte er Kathinka mit den Worten: „Sie wundern sich, daß ich schon wieder zur Stelle bin, gnädiges Fräulein? — O stellen Sie es nicht in Abrede, ich sehe es ihrem Gesichte an." Er beugte sich ein wenig zu Kathinka und sagte gedämpft: „«Sie sind noch zu jung, Gnädigste — und noch zu wenig von Hoftuft durchweht, als daß sie die hehre Kunst des Verstellens schon beherrschten. Aber fassen sie mein Hiersein nicht falsch auf, Sre täten mir unrecht. Meine ewige Dienstlosigkeit ist nicht eine Ungnade Sr. Hoheit, — o nein, — das ist der Ausdruck größter Gnade: Ich soll Zeit haben, hier Ihrer zu erwarten."
„Herr Gras," rief Kathinka zornig und wandte sich ab.
„Ich wollte Sie nicht kränken. Verzeihen Sie einem armen gequälten Manne. Und gestatten Sie mir noch ein offenes Wort."
Kathinka sah ihn scheu von der Seite an. Angst packte sie und sie beschleunigte ihre Schritte.
Trotzdem begann der Kammerherr: „Sie wissen ebenso gut als ich, mein Fräulein, daß der Herzog mir nicht hold gesinnt ist, Sie wissen aber nicht, wie unrecht mir Sr. Hoheit tun. Ich bin ein treuer Diener gewesen, — 19 Jahre «dem ictH'ett Fürsten, — und wollte es fern bis an mein Ende dem jungen. Aber man will mich nicht, man hat mich stillschweigend vom Dienste dispensiert in der Voraussicht, daß ich um meine Entlassung bitte. Aber das tue ich nicht."
„Was sollen alle diese Worte, — ich bitte Sie, Herr Graf, solche rein persönliche Angelegenheiten?"
„Hören Sie mich, Gnädigste. Die Maßnahmen des Herzogs haben den Stachel tiefster Kränkung in mein Herz« versenkt — und doch bin ich dessen fröhlich,"
Sie befanden sich auf einem ei)amen Weg dicht hinter dem Wallgraben. Hollen war stehen geblieben und blickte Kathinka starr an: „Ja— und doch bin ich fröhlich, denn durch meine dienstfreie Zeit ist mir das Glück geworden. Sie — beste Freundin, alltäglich zu treffen — und meine Wertschätzung, die ich schon am ersten Tage Ihres Hierseins in der Residenz für Sie hege : in Liebe zu verwandeln,"
(Fortsetzung folgt.)
Yoghurt.
Der Boghurt, ein in den Balkanstaaten seit altersher beliebtes Getränk, ist eine saure Milch, die sich von gewöhnlicher sauerer Milch dadurch unterscheidet, daß sie erstens von gekochter Milch gewonnen und zweitens nicht durch die gewöhnlichen Milch- säurebakterien, sondern durch die Boghurtbakterien, unter denen der bedeutendste der Bacillus bulgaricus ist, gebildet wird. Die Bereitung des Boghurt geht in der Weise vor sich, daß Milch abgekocht, auf 450 C abgekühlt, sodann mit einer kleinen Menge (etwa 1 Proz.) bereits vorhandenen Aoghurts versetzt und dann Bet einer Temperatur von 450 C mehrere Stunden aufbewahrt wird, bis die Milch geronnen und somit der Boghurt fertig ist. Tie kleine Menge Boghurt, welche man der Milch zusetzt, um neuen Boghurt zu bereiten, nennen die Bulgaren „Maya". Letztere enthält die Boghurtbakterien meist in Reinkultur: doch werden zuverlässige Boghurtkulturen auch in Deutschland von verschiedenen Instituten abgegeben. Hat man aufgekochte, d. h. sterilisierte, Milch bei «einer Temperatur «von 40—450 C mit Bogüur*


