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Nmweg über Island zum Nordkap, wo die Gegend erst wieder anständig wird, wahrhaftig nicht gelohnt."
„Aber warten Sie doch erst mal ab, bis wer überhaupt in Island sein werden," lehnte Frau Söllnitz ab. „Sie sind ja noch schlimmer als der Reisende im Plötz, der von einem rothaarigen Kellner im ersten Gasthof aus die ganze Bevölkerung Frankreichs schloß."
„Jrainmatik I-a!" lobte witzelnd Herr v. Kreßmann. „Gnädige haben Ihr Schulgeld mit Erfolg angelegt. Tadellos! — Ich habe keinen Schimmer mehr vom sel'gen Plötz.
„Sollten Sie wirklich jeinals einen gehabt haben?" spöttelte Frau Söllnitz. Sie hatte ihre schlanke Gestalt im marineblauen Kostüm mit verschränkten Armen über bte Reling gebeugt und lehnte so bequem, in das Kielwasser hinuntersehend, das lichtgrün, mit weißen Schaumadern durchzogen, beständig an der Flanke des Schiffs entlang vom Bug nach hinten schoß.
„Pardon, Gnädigste!" entrüstete sich scherzhaft der Leutnant, während Herr Görtz-Schilling sein helles, geziertes Lachen ertönen ließ. „Wie kommen Sie zu der Meinung?"
„Nun, seitdem ich gestern, beim Flirt mit Mademoiselle Dusour, Ihr wundervolles Französisch gehört habe." Ein flüchtiger Blick der jungen Frau traf ihn, aber mit einem spöttischen Aufleuchten. Sic wollte ihm doch zu verstehen geben, daß ihr seine angelegentliche Kurmacherei bei der kleinen Französin nicht entgangen sei, wenn schon seine ihr selbst sonst so ostentativen Aufmerksamkeiten ihr mehr lästig als angenehm waren.
Der junge Offizier aber glaubte in seinem Selbstgefühl, aus der kleinen Attacke das Motiv geheimer Eifersucht herauszuhören. Er lächelte geschmeichelt. Aha, es war ihr also doch nicht ganz egal, wenn er seine Huldigungen anderweit darbrachtc!
„Ja, freilich — mein Französisch ist ein bißchen eingerostet; aber es genügt eventuell noch, um Herzen zu brechen."
Uebermütig lachte er sie an, die schon wieder ihren Blick vor sich hin in die Tiefe gesenkt hatte. Nun aber sah sie doch zu ihm hin.
„Sie sind doch unglaublich eingebildet!" Aus dem scherzhasten Ton klang doch etwas wahre Meinung. „Haben Ihnen die Frauen wirtlich Veranlassung dazu gegeben?"
Der kleine Leutnant warf sich in die Brust; er war wirklich ein hübscher, elegant gewachsener Junge, und seine Unverfrorenheit sicherte ihm obenein Erfolge. Aber er sagte:
„Meine Bescheidenheit verbietet mir, Ihnen zu antworten, gnädigste Frau."
„Bescheidenheit ist gut!" platzte der Regierungsrat heraus. „Wenn Sie sonst keine Beschwerde drückt, lieber Kreßmann — an der werden Sie sicher mal nicht sterben!"
Aber Frau Söllnitz erwiderte, und diesmal zeigten ihre Worte unverhüllt den Ernst, ja eine tiefe Geringschätzung:
„Ich wäre wirklich begierig, Ihre Eroberungen kennen zu lernen — oder nein, lieber doch nicht!"' 1
„Bitte sehr, meine Gnädigste!" Und nunmehr war es auch dem Leutnant mit seinem Protest ernst. Als rechter Kavalier ließ er aus die Damen seiner intimeren Bekanntschaft nichts kommen. „Ich habe den Vorzug, nur mit Damen der besten Gesellschaft bekannt zu sein." Und er !nahm eine sehr imposante Haltung an.
„Wirklich?" spottete die junge Frau, langsam den Blick zu ihm wendend, ohne sich aber aus ihrer nachlässigen Stellung zu rühren. Dann aber zeigte sich um ihren seinge- chnittenen, doch herben Mund jener so oft hervortretende tolz-verächtliche Zug, der das geheime«Entzücken des Regierungsrats bildete. Unglaublich vornehm! — so sand er sie auch diesmal wieder. Gerade dies Unnahbare in ihrem Wesen reizte so kolossal. Sie aber fuhr mit kaltem, fortwerfenden Ton fort — man hatte das Gefühl, daß sie eben mit einer Miene des Abscheus, hochgerafften Saumes, über den Schmutz der Straße Hinwegschritt —: „Nun, mag sein. Das Aushängeschild „Gesellschaft" verdeckt ja heutzutage vieles."
Nun aber geriet 'Kretzmann in Harnisch.
„Meine gnädigste Frau — bei allem schuldigen Respekt f— Sie gebrauchen da eben Worte, die ich notgedrungen auf !bte Damen meiner Bekanntschaft beziehen muß —"
„Bitte!" scharf schnitt sie ihm das Wort ab. „Wir sprachen eben nur von einem gewissen Teil Ihrer Bekanntschaften — Sie wissen recht gut, wen ich meine." Ihr
verächtlicher Ton war deutlich genug. „Und Sie würden int Ernst doch wohl nicht wagen, mir eine dieser Damen zuzuführen — und wenn sie zehnmal äußerlich zur Gesellschaft gehören!"
Ihre Miene war so streng, daß der sonst so dreiste Leutnant doch jetzt verstummte. Ein Teufelsweib! Man mußte doch Respekt vor ihr haben. — Der Regierungsrat aber ergriff rasch die Gelegenheit, sich als einen Mann von altpreußisch-gediegenen Anschauungen über Moral und Gesellschaft zu'empfehlen.
„Ausgezeichnet, meine gnädige Frau! Mir ganz aus dem Herzen gesprochen! Es wäre nur dringend zu wünschen, daß alle unsere Frauen solche Anschauungen hätten und betätigten. Dann würde der wirklich erschreckend um sich greifenden Zerfressenheit unserer Gesellschaftsmoral ein wirksamer Hemmschuh entgegengesetzt werden."
Erwartungsvoll sah er nach diesen würdigen Worten zu ihr hin, eines Lobes gewärtig; statt dessen lachte sie chm plötzlich hell ins Gesicht, in dies jugendlich-unreife Referendargesicht, dem die angenommene Würde so herzlich wenig stand.
„Gut gebrüllt, Löwe!" Die schlanke Frau richtete sich von der Brüstung auf, und noch immer lachend, spottete sie: „Sie reden ja wie ein Regierungskommissar auf der Sittlichkeitskonferenz. — Gott nein, find Sie komisch!"
Herrn Görtz-Schilling entfiel — diesmal unwillkürlich — das Augenglas. Nichts weniger als geistreich starrte er die Sprecherin an. Was sollte er nun bloß davon denken? Eben noch ernsteste Sittenwächterin und nun frivole Spötterin? — Wer ganz gleich! Komisch fand sie ihn, das genügte! Seine persönliche wie amtliche Würde erforderte eine scharfe Verwahrung.
Aber ehe er noch das erste Wort gefunden, hatte Frau Söllnitz sich schon zum Gehen gewandt. Wieder ganz bestrickende Liebenswürdigkeit, nickte sie den beiden jungen! Leuten völlig harmlos zu.
„Nun, vielleicht einigen sich die Herren über das Thema."
Und schon war sie hinweg, mit energisch aufgesetztem Fuß schnell den Promenadeweg hinaufschreitend. Es lag etwas Herrscherinnenhaftes, wie in ihrem ganzen Wesen, so auch in ihrem Gang. Und wenn man auch eben erst schlecht von ihr behandelt war, es reizte einen schon wieder von neuem, um ihre Gunst zu werben. Sir war doch ein ganz einziges Weib.
„Ein tolles Frauenzimmer!" Bewundernd bemerkte es der kleine Leutnant.
„Der Deibel soll aus ihr klug werden!" grollte immer noch, trotz aller heimlichen Bewunderung auch auf seiner Seite, der Regierungsrat. „Wie sie mit einem umspringt, das ist wirklich mehr als toll! Von Rechts wegen müßte man sie ja einfach keines Wortes mehr würdigen."
„Tun Sie's doch, Görtz," rief spöttelnd Kreßmann.
„Ja — wenn sie nur nicht so verdammt apart wäre! Kein anderes Weib hier an Bord kommt neben ihr auf."
„Na also!" zog der Leutnant das Resümee und hockte sich auf die Reling, gemütlich mit den Beinen in weißen Seglerhosen und -schuhen baumelnd, während er das silberne Zigarettenetui zog.
(Fortsetzung folgt.)
Eine Heldin.
Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz^ (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der greise Herzog lag mit geschlossenen Augen untJ ganz schwach atmend im Bett, an dessen' Fußende der Hofprediger in stummem Gebete kniete. Aus einem niedrigen Schemel saß der Erbprinz. Er hielt die Hand des Vaters in seinen beiden Händen und blickte ihm fast starr ins Gesicht. Die Aufregung und Ueberanspannung der verflossenen Stunden hatte tiefe Furchen in Hans Jochens Antlitz gegraben. Er wandte sich nicht, als die Damett eintraten. Merkwitz verließ, als er die Fürstin und Kathinka erblickte, das Zimmer, ebenso der Hosprediger.
Kathinka kniete neben Hans Jochen nieder und weinte leise, während die alte Fürstin an die andere Bettseitg trat. So mochte fast eine Stunde vergangen sein. Da>


