Ausgabe 
23.3.1912
 
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Der König von Thule.

Roman von Paul Grabein.

Machdruck verboten.)

I.

Island in Sicht!"

Von irgend einer unbekannten Stelle ausgegangen, Machte das Wort plötzlich die Runde an Bord derHam­burg", und alle Krimstecher richteten sich eifrig in den schweren, grauen Nebelvorhang, der sich rings um oas mäch­tige, rastlos vorwärtsstampfende Schiff gesenkt hatte. Den ganzen Morgen fuhr man schon so in dem langweiligen Nebel hin; es war also höchste Zeit, daß man endlich wieder etwas zu sehen bekam. Aber wo? Wo zeigte sich die sagenhafte Insel, der man nun schon fünf Tage mit Erwartung entgegenfuhr? Ein eiliges Hin- und Herlaufen entstand auf dem oberen Promenadendeck nach Backbord und Steuerbord hin; jeder wollte zuerst die InselThule" entdecken.

Hier, meine gnädige Frau auf dieser Seite bitte!"

Der stattliche, wettergebräunte Herr mit graumeliertem Spitzbart, im Bordanzug des Kaiserlichen Jachtklubs, winkte der Dame dienstfertig zu, die eben, zwei jüngeren Herren folgend, nach der rechten Schiffsseite hinübergehen wollte.

Sehen Sie schon was, Herr Kapitän?" Gespannt trat die Angerufene an seine Seite.

Bitte hier!" Der Herr reichte ihr sein Tritzder hin und gab ihm die rechte Stellung.

Ah, wahrhaftig ja, mit dem wundervollen Glase! Ganz deutlich unter dem Nebelvorhang sieht man dunkle Felsen, die isländische Küste!"

Die Küste doch noch nicht. Das dauert noch ein Weil­chen," erklärte Kapitän Neidhardt, der seebefahrene alte Marineoffizier.Was Sie da sehen, gnädige Frau, ist die erste der Westmännerinseln, einer Gruppe kleiner Inselchen, die dem eigentlichen Island ein paar Meilen vorgelagert sind." -

Ah so!" Jüteressiert blickte Frau Professor Söllnitz wieder hinüber.Wir kommen immer näher. Man sieht schon deutlich die Zeichnung der Felsen. Kolossale Klippen! Sie fallen ganz senkrecht ins Meer. Und wie düster diese schwarzen, gigantischen Wände!ch Ein dekoratives Ein­gangstor zur alten Insel Thule."

Ja, meine gnädige Frau." Der Kapitän nahm wieder das Glas aus ihrer Hand.Düster, wie ihre Geschichte."

Wieso?"

Bei der Besiedelung Jslmrds haben diese einsamen Eilande eine blutige Rolle gespielt. Den ersten norwegischen Entdecker der Insel, der sich auf Island ansiedelte, erschlugen seine Sklaven und flüchteten sich dann hierher. Doch der Blutsbruder des Toten rächte rhn, fuhr mit seinem'Drachen den Mördern nach und tat sie seinerseits 0,6. Der Boden da drüben ist mit Blut getränkt,"

Frau Eva Söllnitz schickte den Blick abermals zu der Felseninsel hinüber, die sich jetzt ganz klar dem Blick zeigte.

Welch starre, öde Einsamkeit! Ob dort jetzt wohl auch noch Menschen Hausen mögen?"

Wie zur Antwort aus ihre Frage drehte das Schiff etwas nach links, und alsbald zeigte sich hinter dem Felsen- Vorsprung eine windgeschützte Talkehle, von deren sattgrünem Untergrund sich weiße Häuschen abzeichneten. Neidhardt wies mit dem Glas hinüber.

Wahrhaftig, Häuser! Also wirklich bewohnt," entfuhr es ihr.Mein Gott, wie können es nur Menschen aus­halten, auf diesem Felsen im Meer zu sitzen, immer rntti ewig ab geschnitten von aller Welt durch die Meeres­wüste !"

Mährend ihrer Worte waren die beiden jüngeren Herren, die sich mit der Schar der übrigen Schiffsgäste nach der Ausblickseite begeben hatten, zu den beiden getreten.

Eine gottverlassene Felsquetsche! Da macht' ich j« nicht mal begraben fein," bekräftigte Leutnant von Kreß^- mann die Worte der jungen Frau.Schätzen Sie solche Solitüde, Görtz?"

Um Himmels willen!" wehrte der junge, ein sehr elegantes Schiffsdreß tragende Regierungsrat Görtz-Schib- ling ab und ließ entsetzt sein Monokel fallen. Er kam sich mit seinem jugendlichen Referendargesicht bei dem stolzen Titel selber sehr interessant vor.Ich habe doch kein Talent zum Meergreis!"

Ja, das sagen Sie so, meine Herren," lächelte Neid- ,Hardt.Und doch geht das alles, wenn's sein muß. Kreuzer: Sie mal zwei Jahre auf der Südsee, mit so 'nem kleinen Kippeltähn vonMöve", nnd seien Sie Kommandant, also ganz aus Ihre Kajüte und sich allein angewiesen ich sage Ihnen, meine Herren, dann sehnen Sie sich sogar nach so 'nem Meergreisidyll!"

Herzhaft lachte der alte Seemann vor sich hin. Die beiden jungen Leute antworteten aber nicht. Ihnen war der Kapitän mit seinem gelegentlichen Belehren nnd Korri­gieren nicht gerade sehr sympathisch. Zu schade, daß sich die schickste und interessanteste Frau an Bord, Frau Professor Söllnitz, gerade an Neidhardt, ihren Tischherrn, besonders angefchlossen hatte! Und deralte Knauer" so titulierte ihr Neid den noch ganz jugendlichen, elastischen Wann rr belegte sie ja mit Beschlag, wo er konnte.

Kapitän Neidhardt begann eine kleine Bordpromenade. In Gegenwart dritter schätzte er die Unterhaltung mit der scharmanten Frau nicht. Er verkehrte zwar auch gern mit Männern, aber nur im Herrenzimmer, bei der Zigarette und beim Burgunder; bei den Damen sah er sich lieber allein.

Jetzt versuchte der Regierungsrat sich geltend zu machen. Er wandte sich an Frau Söllnitz:

Gnädige Frau scheinen wicht gerade sehr entzückt von diesem Vorgeschmack Islands. Ich muß auch gestehen, wenn dies die ganze Herrlichkeit sein soll, hat sich der endlose