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Mßen Haffes blitzte der jungen Frau entgegen: Sei auf deiner Hut — b!u —!
Pah • • . was frag ich nach dir . . . nach deinem Haß . . . nach deinem Rachegelüst. . .! antwortete Cäciliens Blick.
Eine Minute später gab sie den Rheinländer an Herrn Frobenius . . . war er nicht Martins Freund . . .? würde sie nicht von Martin plaudern können mit ihm. . .? H (Fortsetzung folgt.)
verstiegen.
Skizze von Lothar Brenkendorf.
. Tas Herz war ih'm wahrlich nicht leicht gewesen bei Lew Abschied, dem nach seinem eigenen Willen niemals ein Wiedersehen folgen sollte. Aber er war nach langem Ueberlegen zu dem Schluß gekommen, daß es nicht anders sein könne. Wohl war seine Liebe zu dem schönen, stillen Mädchen keineswegs erstorben, oder auch Nur merklich kühler geworden. Seine Freiheit jedoch dünkte ihm kostbarer als ein Glück, an dessen Dauer er nun einmal nicht zu glauben vermochte. Und es war jedenfalls am besten gewesen, sich den lieblichen Rosenfesseln mit raschem Entschlüsse zu entwinden, ehe sie zu schwer zerreißbaren Ketten geworden sind.
Tenn Noch war ja eigentlich nichts geschehen — nichts wenigstens, das nach seinen Begriffen eine ernsthafte Verpflichtung gegen das Mädchen in sich geschlossen hätte. Er hatte der hübschen Gesellschafterin der alten grilligen Geheimrätin ein paar Sommerwochen hindurch die Kur gemacht — und an einem berauschend schönen Abend hatte er sie in seine Arme genommen, um ihre scheuen, keuschen Lippen wieder und wieder zu küssen. Aber er hatte ihr keine Versprechungen gemacht und keine trügerisch lockenden Zukunftsbilder vor ihre Seele gezaubert. Wenn sie sich in irgend welche törichten Hoffnungen eingewiegt hätte, ihm konnte die Verantwortung dafür wahrlich nicht auferlegt werden. Es war ein reizendes Idyll gewesen, das er während dreier köstlicher Wochen in dem lieblichen Berchtesgaden hatte erleben dürfen, nun aber mußte es zugleich mit dem prangenden Hochsommer zu Ende sein, damit er als freier, unabhängiger Mensch zurückkehren dürfe in das rauschende Leben.
Im Laufe des gestrigen Tages schon hätte er sein Gepäck nach München vorausgeschickt, und zu derselben Zeit, die seit Wochen die Stunde ihres abendlichen Stelldicheins gewesen war, gatte er sich in dem verschwiegenen Garten der geheimrätlichen Villa eingefunden, um ^Abschied zu nehmen. Gleich nachdem er die ersten Worte gesprochen, hätte Eva trotz der schonenden Umschreibungen gewußt, daß es ein Abschied fürs Leben sein solle. Und er konnte ihr die Anerkennung nicht versagen, daß sie sich geradezu musterhaft benommen hatte. Keine Klagen, keine Vorwürfe und keine Tränen. Ucber die Bläfse ihrer Wangen und den todestraurigen Blick ihrer schönen Augen hatte sie freilich keine Gewalt gehabt. Und er hatte ein Barbar sein müssen, wenn sie ihm' nicht zu Herzen gegangen wären. Aber daß es nicht ohne einigen Kummer abgehen würde, hätte er ja vorher gewußt, und am Ende litt er für den Augenblick sicherlich nicht viel weniger als sie, die ihm eine tiefere und innigere Zuneigung erweckt hätte, als je zuvor eine andere ihres Geschlechtes. Es war härt, aber sie mußten es eben beide überwinden. Daran, daß das „Ende des Romans" für sie etwas ganz anderes bedeuten könne als für ihn, hatte er kaum gedacht, so lange sie noch in ruhig ernstem Gespräch beieinander saßen. Er hätte sonst wohl schwerlich versucht, ihre Gedanken dadurch abzulenken, daß er ihr lang und breit von den zwei oder drei Hochtouren erzählte, die er vor seiner Rückkehr nach München im Berchtesgadener Lande noch unternehmen werde. Der beinahe ungefährliche Hohe Göll sollte am nächsten Tage den Anfang machen, und der Watzmänn an den beiden folgenden den Beschluß. Um sechs Uhr in der Frühe schon wollte er auf- brechen, und es war nicht wahrscheinlich, daß er während dieser drei Tage noch einmal in Berchtesgaden Nachtquartier nehmen würde. Sie hätte keine andere Erwiderung gehabt, als die inständige Bitte, daß er vorsichtig sein und sich nicht in tollkühnem Wagemut Gesahren aussetzen solle, von denen sie, die Unkundige, sehr übertriebene Vorstellungen zu haben schien. Mit feucht glänzenden Augen hatte sie ihn beschworen, wenigstens nicht allein zu gehen. Aber er hatte ihrer Besorgnisse gelacht und sie mit der Versicherung zu beruhigen versucht, daß die projektierten Besteigungen bloßes Kinderspiel seien gegen die Hochtouren, die er in den Dolomiten ohne jede Begleitung unternommen. Ta hatte sie geschwiegen, und schließlich war sie es selbst gewesen, die ihn zum Aufbruch drängte. Bis an das Gitter des Gartens hätte sie ihm das Geleit gegeben. Und da hatte sie noch immer gestanden, als er, wie von unwiderstehlicher Gewalt dazu gezwungen, wach den ersten zwanzig oder dreißig Schritten noch einmal den Kopf gewendet. So hell war das Mondlicht auf sie gefallen, daß seine adlerfcharfen Augen deutlich jede Linie ihres blassen Gesichtchens hatten erkennen können. Und da erst war es ihm plötzlich wie eine Vorstellung gekommen von dem, was sie vielleicht in diesen Augenblicken durch ihn Nnd um seinetwillen litt. Er wußte ja, daß die längst Verwaiste ganz allein und verlassen dastand.
daß sie völlig vereinsamt war inmitten fremder, liebloser Menschen. Und eine heiße Regung des Mitleids, die ihn für den Moment all ferner sonst so kühlen Ueberlegtheit beraubte, hatte ihn noch einmal an das Gartengitter zurückgetrieben.
„Es soll nicht unser letztes Lebewohl sein, Eva," hatte er gesagt. , „Morgen abend, wenn ich vom Hohen Göll zurückkehre, komme ich noch einmal hierher. Werde ich dich finden?"
Und mit einem rührenden Blick zärtlichster Dankbarkeit hatte sie die in Tränen schwimmenden Augen zu ihm erhoben.
„Ja, Rudolf, ich werde auf dich warten."
Das war das Letzte gewesen. Und jetzt, während er im leichten Touristenkostüm rüstigen Fußes durch den herrlichen Spätsommertag der Höhe zustrebte, war es gerade die Erinnerung an dies Letzte, die ihn voll Unbehagen machte und voll ärgerlicher Unzufriedenheit mit sich selbst. Er sah wenig oder nichts von all den Schönheiten, die sich, reicher und immer reicher drunten zu seinen Füßen entfalteten. Alle seine Gedanken waren bei Eva und bei dem törichten Versprechen, das er ihr gegeben. Denn über alle Maßen töricht war es ihm schon am Morgen beim Erwachen erschienen. Und als 'er um die Mittagszeit das kleinere der beiden Gipfelkreuze vor sich ausragen sah, hatte er sich nach stundenlangem Zweifeln nnd Ueberlegen zu dem Entschlüsse durchgerungen, sein Versprechen nicht zu halten. Es wäre ja doch nichts anderes gewesen als eine nutzlose Wiederholung der gestern ausgestandenen Pein, und so wenig ein Gewinn für Eva wie für ihn selbst. Nachher, von München aus, konnte er ja an sie schreiben und sein Ausbleiben mit irgend einem plausiblen Vorwande entschuldigen. Hatte sie ihm das Andere, Schwerere, verziehen, würde sie dem im Grunde so bedeutungslosen Wortbruch ihre Vergebung gewiß nicht versagen.
Er schrieb seinen Namen in das Gipfelbuch und setzte nach kurzer Rast seine einsame Wanderung fort, um über das Hohe Brett nach Vorderbrand abzusteigen. Er hätte die Tour nie zuvor gemacht und sich ausschließlich auf die Wegmarkierung und auf sein oft erprobtes touristisches Orientierungs-Vermögen verlassen. Es beunruhigte ihn nicht im mindesten, daß jenseits des großen Langschneefeldes, über das er in sausender Fahrt herabgeglitten war, von einer Markierung nichts mehr zu entdecken war. Er brauchte ja nur zu dem langgestreckten Grat empor und dann nach rechts in der Brettriedel-Scharte abzusteigen, die nach den Angaben seines touristischen Handbuches nicht zu verfehlen war.. Bei alledem war er immer nur darauf bedacht, den kürzesten Weg zu nehmen, denn die unerfreulichen Gedanken, von denen er sich Nun einmal trotz alles Bemühens nicht losmachen konnte, beraubten ihn jedes Genusses, und noch nie hatte eine Bergfahrt ihm so wenig Freude bereitet wie diese.
Einzig seiner Ungeduld war es dann auch wohl zuzuschreiben, daß er in die erste abwärts führende Felsenscharte einstieg, ohne sich zuvor durch sorgfältige Prüfung vergewissert zu haben, daß er wirklich auf dem rechten Wege sei. Der Abstieg war nicht schlechter, als er 'ihn zu finden erwartet hatte. Und so sicher war er seiner Sache, daß er unbedenklich über etliche drei und vier Meter hohe steile Felsterassen absprang, die eine Rückkehr auf diesem Wege unmöglich gemacht hätten. Unten am' Ende der Scharte winkte ihm ja eine größere, schräg abfallende Platte, unterhalb deren sich nach seiner Ueberzeugung ein gangbarer Weg fortsetzen mußte. Mühelos gelangte er bis dahin, um zu seiner Ueberraschung inne zu werden, daß er sich auf einem Kelsenvorsprung befand, von dem nach drei Seiten hin die Wände beinahe senkrecht viele hundert Meter tief abfielen. Hier war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken, und es gab nichts anderes als ein gebieterisches „Zurück!" Aber schon nach den ersten Versuchen mußte der erfahrene Hochtourist zu der Ueberzeugung gelangen, daß es ihm niemals möglich sein würde, aus eigener Kraft und ohne fremde Hilfe den Grat wieder zu gewinnen. Er war gleichsam festgenagelt an der steilen Wand, Und er hegte nicht den geringsten Zweifel, daß er hier würde ausharren müssen, bis irgend ein menschliches. Wesen auf seins verzweifelte Lage aufmerksam geworden war.
Tie fünfte Nachmittagsstunde war noch nicht vorüber, als seine ersten Hilferufe von den Hängen und aus den Klüften widerhallten. Und um zehn Uhr abends kauerte er sich müde und erschöpft unter eine überhängende Schneewächte, um frierend und hungrig die endlose Nacht in der unheimlich grandiosen Hochgcbirgs- einsamkeit zu durchwachen.
Stundenlange fruchtlose Bemühungen, auf irgend einem Wege dennoch die Höhe wieder zu erreichen, verzehrten in den Morgenstunden des folgenden Tages den Rest seiner Kraft. Seinen Durst zwar vermochte er mit .Schneewasser zu stillen; sein geringer Proviant aber war längst ausgezehrt und der Hunger wühlte wie ein gierig nagendes Tier in seinen Eingeweiden. Noch lebte die Hoffnung auf Befreiung in seinem Herzen, und von Zeit zu Zeit rief er aufs Neue mit bent Aufgebot seiner ganzen Luiigenkraft um Hilfe. Da — um die Mittagszeit — quoll plötzlich das heißeste Glücksgefühl, das er je empfunden, in seiner Seele auf. Er hatte auf der Höhe des Grates die Umrisse einer menschlichen Gestalt erspäht, die sich scharf von dem lichtblauen Himmel abhoben. War seine Stimme vorhin schon beinahe klanglos gewesen vom vielen Schreien, so tönte sie jetzt noch einmal scharf und klar durch dis majestätische Stille.
„Hil—je! — Hil—fe!"
Ein gellender Juchzer gab ihm Ilntwvrt von oben. Es' war


