Ausgabe 
22.8.1912
 
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fchmacklosigkeit! Wenn ich das nun meinem Mann erzählte?!"

Das . . . würde sich wohl kaum empfehlen, gnädige Frau... Ich bin der beste Schütze im Regiment!"

Sie sind verrückt!"

Mit bebenden Lippen wandte die schöne Frau dem Frechen den Rücken.

Himmel. . . wenn nur Major Blasberg nichts gehört hatte! Aber nein . . . der war tief, tief in sich versunken . . . stumm sah er die Perlen in seinem Sektglase aufsteigen . . . Frau Cäcilie wußte: der eiskalte, unzulängliche Mann dachte an nichts als an seine Frau, die seit zwei Jahren in kalter Friedhofserde lag . . . an die Mutter seiner drei Bub en. . a

Gott, wie verschieden doch die Herzen. . . die Charak­tere aller dieser Männer, die einen Rock trugen! - - eine Sprache sprachen . . . das gleiche, mathematisch abgemessene und umzrrkelte Leben führten . . .

Wenn sie selber nun heute stürbe?!, Fritz, das wußte sie, würde dann auch so sitzen , . . viele, viele Jahre lang . . . und kein Weib mehr anschauen nach ihr . . .

Und jener andere nach dem jede Fiber ihres Leibes . . . jeder Herzschlag . . . jeder Gedanke sich sehnte?

Er würde sich gratulieren, daß er sie noch gerade vor ihrem Verschwinden aus der großen Modellsammlung des Lebens eiugefangen . . . für seine Leinwand, die im nächsten Sommer als Reklame seines Pinsels von Ausstellung zu Ausstellung wandern sollte. . . würde in die Arme der harrenden Braut eilen . . . und weiter malen. . . eine Schönheit nach der andern in sich hineinsaugen mit den braunen, durstigen' Künstleraugen. . . und den vergäng­lichen Schmelz ihrer Jugendherrlichkeit, die verschwiegenen Tiefen ihrer Seelen zu ewiger Dauer auf seine Tafeln bannen . . .<

Ach, wie ruhevoll und befriedend doch der Gedanke, daß ein treues Herz, ein ritterliches, makelloses Gemüt nur für uns lebt

Sie suchte den Blick ihres Mannes. Fritz saß ihr schräg gegenüber an der andern Hufeisenseite neben der bildschönen Frau des Bezirkskommandeurs. Er hatte kein Auge für die aufdringlich zur Schau getragenen Reize der überjungen Frau, die der alternde, zur Disposition gestellte Stabs- -iffizier in allzu großem Selbstvertrauen an sich gefesselt . . .

Nun fühlte Fritz den langersehnten Blick seines Weibes . . . beglückt hob er das Glas . . . trank ihr zu, strahlend wie ein Bräutigam. . .

Ach, und doch- und doch

Die Baronin von Weizsäcker hob die Tafel auf.

Paar hinter Paar. . . seideraschelnd . . . sporenklir­rend schob die Gesellschaft aus dem Speisesaal in die Empfangsräume. Hier hielt die Frau Dbeift Cercle. Alles drängte sich heran . . . die Offiziere, die jungen Mädchen wetteiferten, der Gestrengen die brillantberingte Hand zu küssen.

Sie war die typische Kommaudeuse: geistig unbedeutend von Antlitz neben dem leuchtenden Gatten, doch äußerst wmpös, beständig das Lorgnon an der Nase, voll zucker- üßer Herablassung gegenüber Gutangeschriebenen, hunde- chnäuzig ablehnend einem jeden gegenüber, dessen Eonduite zu wünschen übrig ließ, und in all diesen feinen Nuancen bererts erstaunlich Bescheid wissend. Ihr Benehmen konnte jedem einzelnen geradezu als Barometer seiner eigenen Stellung int Regimente dienen.

Die Reserveoffiziere waren für sie ohne jegliches Inter­esse .. . existierten einfach nicht. Und dies ihr Benehmen gab für alle Damen, die auf Korrektheit Wert legten, das Signal, die eingezogenen Herren mit kältester Zurückhal­tung zu behandeln.

Martin Flamberg stand abseits und beobachtete, das leise, ironische Lächeln des Menschenkenners auf den Lippen, mit scharfem Auge, dem nichts entging ... das durch all die korrekten Formen und Formeln in die Tiefe drang und das Ganze des Menschen packte, der sich hinter'ihnen

Und wahrend sein Verstand sich mit skeptischer Er- gotzung am Bilde der menschlichen Komödie weidete, erbaute

Malerauge an dem buntfarbenen Bilde des äußeren Geschehens...

Wie das wvgte ringsum . . . wie das flimmerte von

Kraft und Anmut . . . vvn Farbenglut Und flirrendes I Lichterspiel . . .

W und zu warf Martin auch einen Blick durch die halb- offene Tür in den Speisesaal. Hier waltete eine Schar von Heinzelmännchen in Ordonnanzlivree und Füsilierrock ihres Amtes. Mit jener Präzision, welche den braunwangigeni Burschen auf dem Exerzierplatz eingedrillt worden war-, verwandelten sie den Speisesaal in einen Tempel der Tanz­muse. Mit Zauberschnelle verschwanden die geschmückten- silber- und blumenbeladenen Tafeln, mächtige Besen würden geschwungen, Staubwolken flogen, Stuhlreihen umkränzten die Saalwände.

In den Empfangsräumen trennte sich inzwischen 'die Gesellschaft nach Geschlechtern, die Damen ins Billard-: zimmer, wo die Ordonnanzen Tee und Süßigkeiten dar­reichten, die Herren ins Rauchzimmer zu Schnaps und Nikotin.

Aber einige der kecken Damen überschritten doch bald wieder den Trennstrich der Geschlechter, unter dem Vor­wand, sich eine Zigarette zu holen, und blieben im Rauch­zimmer kleben.

Frau Cäcilie suchte ihren Gatten auf, hängte sich an seinen Arm in dem starken Bedürfnis, sich an ihü anzu- schmiegcn, jenes Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie bei Tafel so jählings zu ihm hingezogen, auch äußerlich zu betätigen...

Diesen Augenblick hielt Martin Flamberg für geeignet, sich für die Rosendedikation am seine Braut zu bedaitken . . .

Mit umschleierten Augen sah Frau Cäcilie ihm ent­gegen . . . Sie hätte ihn seit demFirnistag" nicht mehr gesehen . . zehn Tage lang nicht mehr gesehen . . .

AlscOglücklich vom Urlaub zurück, Herr Flamberg?! Wie geht's was machtGretchen"?"

Sie hat mich beauftragt, ihren Dank noch, einmal mündlich zu wiederholeu!"

Nuu, war's schöu daheim? Was treibt Fräulein Agathe?"

Sie baut.an unserm Ehenest!"

Ah wird's hübsch?"

Wird noch nicht vorgezeigt, gnädige Frau ich hab' nicht hingedurft!"

Der Hauptinann lachte übers ganze Gesicht... er war wie trunken von der "Huld seines Weibes:Na, lieber Flamberg, ich wünsche, daß es gerade so hübsch wird bei Ihnen wie bei uns . . . und daß ihr zwei mal gerade so glücklich werdet wie die da und ich . . . was, Alte -,?!"-

Frau Cäcilie lächelte . . . ein Lächeln, das Martin durch­schauerte.

Tja, und übermorgen geht's nun fort," schwatzte Braitdeis weiter,na, für Sie ist das ja nur 'ne Etappe näher auf dem Anmarsch zrnn Traualtar . . . aber für uns zwei? drei Wochen bittrer Trennung! Na, Cilly wo bleibt die Abschiedsträue? Warteu Sie nur, lieber Flamberg, das werden Sie auch noch kennen lernen.\ Gut, daß Sie und ich iuenigstens zusammen unterm selben Zeltdach schlafen werden. . . was, Flamberg? dann werdet: wir uns vor dem Ciuduseln im Stroh von unfern Herzallerliebsten vorschwärmen . . . was ?! Ich bin fein hieraus . . . meine Schwärmerei findet wenigstens volles Verständnis, da Herr Flamberg dich ja kennt. . . und sogar einigermaßen gründlich! wann aber werde ich mal den Vorzug haben?'

»Nun wer weiß . . . unverhofft kommt oft. . .! Darf ich um Ihre Tanzkarte bitten, gnädige Frau?"

Bitte.!" ,

Den zweiten Walzer darf ich ?"

Eie nickte, und er kritzelte seinen Namen auf das glän­zende Blättchen.

Andere Bewerber drängten ftdj hierzu. Cäciliens Ge­sucht versteinerte sich., als auch Mendhausen sich heran­wagte:Ich bedaure, Herr Oberleutnant!"

Wie zu spät gekommen schon alles besetzt?!'< Er hatte, als sei das selbstverständlich, die Tänzkärte von! einem Kameraden übernommen, warf einen Blick darauf: Sieh da . . . ein Rheinländer noch frei . . . darf ich darum bitten?"

Den Rheinländer lasse ich aus!"

Ich bin untröstlich!" i

Blick traf in Blick eine Sekunde lang . . . eine Flamme