451
Girls sprach; als' sie das statt! fünfzigsten Male gesagt hatte, bemerkte die Mama: -Find, man sagt doch nicht immerzu dasselbe!" , n
! „Wie?" rief die Kleine, „ich habe immerzu dasselbe gesagt? .So? Das' weiß ich nicht. Aber daß ich nicht immerzu dasselbe gedacht Habe, davon kannst du überzeugt fein. Lufthäfen, die nur aus buntem, auch'nachts zu erleuchtendeut Glase beständen, Hütten doch einen sehr plausiblen Grund: sie würden zU erkennen sein — Auch auf weite Entfernnngeit hin — so wie Leuchttürme.
„Da hat die Kleine Recht!" sagte Mr. Adrian.
Eine Zwischenlandung auf Kreta war vorgesehen.' Man landete glatt und soupierte in einetn Hotel.1
Am nächsten Tage stieg man wieder 'auf.
Und hoch über den kleinen griechischen Inseln kam' toteber Mr. Ndrian zu Mrs. Cartouche nebst Tochter. Und da sagte der
„Man sollte doch nicht glauben, woher uns oftmals die erlösenden Ideen kommen! Die kleine Adelina hat durchaus' das .Richtige getroffen: die Lufthäfen müßten in Glas in bttntem — weithin leuchtendem Glase ausgeführt werden. Das ist neu. Mit diesen Lufthäfen können gleich Hotels verbunden werden. Das würde tatsächlich ziehen. Wir wären dann besser aufgehoben als auf der alten Insel'Kreta in der vergangenen Nacht; ich habe sehr schlecht geschlafen." ' .
Nun kamen andere Herren von der Luftschiffahrt-Gesellschast hinzu und sprachen auch über die Lufthüfen. Und dabei sagten alle der kleinen Adelina sehr viel Schmeichelhaftes'.
Und die Kleine dachte nur Folgendes:1
„Wodurch kann ich ihnen noch mehr imponieren? Wodurch kann ich ihuen noch mehr imponieren?"'
Und sie dachte über die Hotels der Lufthäfen nach.
Und kurz vor Athen kam die 'Kleine strahlend zur Mama find
Mr. Adrian und rief: 1 .
„Die Hotels müßten auf den Dächern 'des Lufthafens errrchtet werden. Und die Hotels müßten auch alle aus Glas hergestellt werden, daß sie in der Nacht 'einen bunten Schimmer nach oben ausstrahlen." 1
Da lachten die Passagiere, und die Mitglreder der englischen Luftschiffahrt-Gesellschast lachten ebenfalls.
Und die Mama streichelte ihrer Tochter die Wange.
Die Tochter jedoch fing furchtbar an zu weinen; sie konnte sich gar nicht beruhigen.
I Da machte Mr. Adrian die kleine'Adelina auf den herrlichen Sonnenuntergang hinter den Bergen des alten Griechenland auf- rnerksam.
Und da wurde das Kind wieder ganz still und bewunderte.
Mr. Adrian jedoch meinte:
„Eine solche Tochter möchte ich auch haben."
Das hörten viele andere Passagiere, und die kleine Adeltna horte es auch. Diese lächelte aber nicht wie die andern.
Und Adelina drehte plötzlich den kleinen Kopf zu Mr. Adrian und rief ganz laut: . , .
„Na — daun heiraten Sie doch Mama. Dann bin ich ja Ihre Tochter. Nichts ist so einfach wie das!"
Da wurde die Heiterkeit auf dem Luftschiff dicht vor Athen einfach stürmisch.
Mr. Adrian rief mit tiefer Stimme den Oberkellner und bestellte Champagner — zehn Flaschen.
Und Mrs. Cartouche sagte:
„Meine Tochter ist wirklich naseweis. Verzeihen Sie ihr.
Aber sie ist ja noch ein Kind."
„Jawohl," sagte leise Mr. Adrian, „wenn ich ihr Vater sein Darf, dann verzeih ich ihr."
Da wurde Mrs. Cartouche ganz rot.
Aber fünf Minuten vor der Landung — dicht vor den Propyläen trank man auf dem Luftschiff auf das Wohl eines „älteren" Brautpaares. , . '
Adelina lächelte wie eine Königin . - B
Die Träume.
Von Emile Verharren.
Deutsche Nachdichtung von Stefan Zweig.
Der belgische Dichter Emile Verharren hat seit einigen Jahren in Deutschland eine so ansehnliche Gemeinde erworben, daß er sein letztes Drama „Helenas Heimkehr"" znerst in einer nach dem Manuskript hergestellten deutschen Uebertragnug, sein jüngstes Gedichtbuch „Les henres du soir"" sogar in der französischen Uransgabe in Deutschland erscheinen ließ. Jetzt gibt der Insel- Verlag, dem das Bekanntwerden des Dichters tu Deutschland überhaupt verdankt wird, unter dem Titel „Hymnen an das Leben" eine Auswahl der besten Stücke seines jüngsten Schaffens heraus. Es ist einer der ersten Bände der in diesen Tagen erscheinenden „Insel-Bücherei"", einer Sammlung von klassischen unb modernen Werken der Weltliteratur, von der jeder Band gebunden zu dem staunenswert billigen Preise von 50 Pfg. dargeboten wird. Durch das Entgegenkommen des Verlages sind wir in der Lage, ein Gedicht schon heute unseren Lesern zugänglich zu machen.
O, die verlornen Inseln irgendwo im Weltenraum!, Mit ihren seligen Ländern Und Stranden und Städten, Deren Bilder im spiegelnden Widerschein Bis in die Wolken hinein Prangen, Und die mit silbernen Ketten
Und weiten, wehenden, goldenen Bändern An den Nägeln der ewigen Sterne hangen:
Wie oft gedenkt mein Herz, mein Geist ihrer itai Traum!
Und sprach mein Herz: lieber ihre Wälder streichen Die Winde mit viel lindern und weichen Händen Hin als anderwärts, Der Schatten ist dort voll Glanz und voll Güte Unb durchdüftet sich an der Schwelle mit Dem Atem der rings gebreiteten Blüten, Eh er ins Dunkel der Häuser tritt.
Das Licht, das die Sonne ins Meer hinein Schleudert, zerstiebt dort, ein goldener Reifen, Und jede Welle trägt Edelgesteiu.
Keine Klaue von Lärm wagt ins Schweigen zu greifen. Die Stunden wiegen sich, ohne zu lasten, Wie Lianen zwischen den schläfernden Bäumen In weicher Wärme von Frühe zur Nacht, Und der blauen Wälder versunkenes Träumen Ergreift auch die fttnfelnben Heiden sacht.
Der Wind, der Honig den Blüten entlüftet, Streift gedankenlos über das Feld, Und fernferne Berge zittern vom Rande Des Himmels, itt Gold unb Bernstein geioanbet. In den beschwingten Morgen ber Welt.
Und sprach mein Geist:
Die schöttsten Gelände des Lebens Sind selig, unter Rosen unb Blüten Die wahrhaft Weisen geruhig zu hüten. Vergebens
Erweist sich irbisch BeiNühn, als glühender SchimNt'er Aus irdischer Nacht die Welt zu erhellen Und ztt entflüchten ber weißen Zelle, Die seilte eigne Vernunft ihm gezimmert.
Alles ist Schein: Rattm, Zeit unb die Zwecke, Und müht sich aus der Geist, seit seinem ersten RegeN Der finstern Stirne der unfaßbar einsamen Natur Sein schwächlich eignes Denken aufzuprägen. Sein Weiterschreiten schwankt und führt ins Wesenlose nur» Noch keine Faust, noch feilte Müh vermochten Der Wahrheit Nägel wegzurühren von dem' Flecke, In die sie einst ein dunkler Wille schlug. All unser Schaun und Urteil gilt dem Trug, Und wer dem nachsinnt, ber verknäult nur noch den Irrtum Mehr, Die Welt ist tief in Träume eingeslochten. Und unser bestes Glück stamurt von bett Lügen her.
So sprach mein Herz und sprach mein Geist An einem Abend voll Gram und Ermatten, Als die Sonne nur träge sich Wie ein greiser unb grünlicher Schatten Um die Ränder ber Erde schlich.
Doch mein ganzes Wesen, das plötzlich, kraft Den roten Schätzen,
Des irdischen Werts und Vertrauens eutrafst. Ballte sich gegen sie auf und versetzte:
Ich fühle Trunkenheit mich heilig durchrauschen. Meine Stirn ist zu trotzig, mein Sinn zu verwegen. Um mein Leben Mit dem eines lauen, Geschicks, Eines zweifelnden Sinnes, eines wissenden Glücks Dort fern auf den seligen Inseln zu tauschen. Den Kampf will ich, will tausendmal lieber Seiner brennenden Not, seinem zehrenden Fieber Dräuend begegnen auf mörderischen Wegen, Denn mein Lebensgefühl lehrt mich die Zuversicht. Und denkt der Geist richtig oder denkt er nicht, Die Lebensgewalt vermengt in ihrer klaren Und rauschenden Welle alles Falsche und Wahre.
Alles bestehen, Mensch, .bedeutet mehr als es verstehn.
Des Lebens Stufe steigt nicht nieder, nein, fte steigt empor, Ein prunkend Stiegenwerk, das Fackeln stolz nmwehn. Verzweiflung, Schrei, Verbrechen, Angst, der Chor Von hell und dunklen Dingen schlingen wild und drehn Sick» dort zu gold- und eisernen Gewinden, Die alles dies in eilte finstre Schönheit binden.
Und was besagts, zu leiden, wenn es glückt, Selbst aus der Qual Begeisterung und Lust zu pressen Und selbst in martervollen Stunden niemals zu vergessen, Wie sehr man sich doch liebt und an sich selbst entzückt.


