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Er hatte sie ganz ruhig angehört, hatte aber auf ihren Vorschlag, Dagmar zu heiraten, mit einem so herzlichen Lachen geantwortet, daß sie beinahe zu weinen anfing.
„Aber Dagmar liebt Sie! Ich weiß es genau! Das habe ich bei federn Zusammentreffen aufs neue gemerkt," hatte sie ganz verzweifelt gerufen.
Er hatte nur von neuem gelacht: „Komtesse Dagmar liebt mich ebensowenig wie ich sie." —
Marianne war starr gewesen. Auf den Gedanken, daß der Baron nicht bis über beide Ohren verliebt sei, war sie noch gar nicht gekommen. Sie konnte es auch jetzt nicht glauben, und völlig fassungslos sah sie ihn an.
Aber er hielt ihren Blick so ruhig aus, daß sie sich täuschen ließ. Er sprach nach ihrer gewissenhaften Ueber- zeugung die Wahrheit, und sie wurde ganz verzagt. Es war ihr Lieblingslvunsch getvesen, auch einmal eine Heirat zu stiften, wie so viele andere Damen es auch taten. Hier hätte sie die beste Gelegenheit gehabt. Und nun war es doch nichts ■--.
Ganz verzweifelt sah sie dem Baron nach, als dieser fortschritt.
Hätte sie ihn hören können, wie er wenig später lustig vor sich hinsang und -Pfiff, während er auf der Chaussee dahintrabte, hätte sie etwas geahnt von dem stürmischen Glücksgefühl, das seine Brust erfüllte, — so Hütte sie nicht so verzagt zu Hause gesessen.
Der Barvn war darauf gefaßt gewesen, daß sie ihm von Dagmar sprechen würde, und er war sich über fein Verhalten für diesen Fall und über seine Antworten bereits klar, bevor er zu ihr ritt. Unter keinen Umständen durfte er sie in dem Glauben lassen, daß Dagmar etwas für ihn empfand, und er selbst durste seine Leidenschaft erst recht nicht verraten. Er wußte: Marianne würde nichts Eiligeres zu tun haben, als die Freundin den Inhalt des Gesprächs mrtzuteilen. Erfuhr Dagmar da, daß er von seiner Liebe gesprochen, so würde ihr Trotz von neuem erwachen, sie würde der Freundin aufs neue ihr „Niemals!" schwören; und je mehr sie sich in ihre verachtende Gleichgültigkeit und in ihren Zorn gegen ihn verrannte, um so schwerer würde der Sieg sein — —.
Daß sie seinem Bekenntnis, sie nicht zu lieben, keinen Glauben schenken würde, war gelviß. Aber sie hätte mit Recht gering von ihm denken können, wenn er nach Primanerart von seiner Liebe sprach, wenn er vielleicht gar Mariannens Hilfe erbeten hätte, um Dagmar zu gewinnen — wenn er ihr damit gezeigt hätte: allein bin ich dir doch nicht gewachsen, ich brauche Unterstützung. Dann hätte er ihr spöttisches, verächtliches Lächeln ruhig ertragen und es hinnehmen müssen, wenn sie seinem Werben ein immer energischeres „Nein" entgegensetzte.
Und wenn die Welt untergeyen soll — du gewinnst Dagmar doch!
Mit absoluter Gewißheit war dieses Gefühl über ihn gekommen. Er sang und trällerte den ganzen Tag; er schämte sich manchmal vor sich selbst, daß er wieder ein langer Leutnant zu sein schien, aber er ließ seinem Ueber- mut doch die Zügel schießen.
Und er ließ sich seinen Frohsinn auch dadurch nicht rauben, daß Dagmar über sein Wesen empört war
Ihr Stolz verbot ihr, Marianne zu fragen, was sie mrt dem Baron besprochen, was dieser geantwortet habe Und bte Freundin selbst schwieg.
Dagmar glaubte trotzdem, alles zu.erraten: Marianne hatte ihm von der Wette erzählt, der Baron hatte bar- aus und aus dem Mitgefühl, das sie an jenem Abend für ihn empfunben, bte Gewißheit gewonnen, baß sie ihn lrebe, unb in seiner sicheren Sorglosigkeit war er nun übermütig unb lustig.
Sie war empört über bie Zuversicht, bie er zur Schau trug, unb sein Lachen war ihr verhaßt, weil sie wußte, wcw Ursache seiner glücklichen Stimmung
Unb er zwang sie mitzulachen, auf seinen übermütigen Ton emzugehen, sie mußte es tun, wenn sie sich nicht verraten wollte.
Aber sie mochte sich noch so viel Mühe geben, er tanrtie boch ben Wiberstanb, bett sie ihm entgegensetzte, er taugte, tote schwer es ihr würbe, ihm ihren Zorn unb ihre Verachtung nicht zu zeigen. Unb bas stimmte ihn erst recht übermütig. Ohne baß er es beabsichtigte, hatte er lie fetzt so wett, wie er sie haben wollte — jetzt wurde
es eilt Kampf zwischen einem neuen Petruccio und einer neuen Katharina! Jetzt war sie die „Widerspenstige", die er bezähmen und bezwingen mußte, damit sie ihn als ihren Herrn und Meister anerkannte. — —
Dagmar haßte den Baron, sie haßte ihn um so mehr, weil sie nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor allen anderen beständig Komödie spielen mußte! Wenn sie am liebsten aufgesprungen wäre, um seine Stimme und sein Lachen nicht mehr zu Hören, bann mußte sie ruhig neben ihm sitzen bleiben. Wenn sie vor Zorn unb Empörung hätte weinen können, mußte sie mit lachen und sich stellen, als ob sie sich köstlich amüsiere! Wenn er schwieg, um auch andere einmal zu Wort kommen zu lassen, mußte sie ihn bitten, in seiner Erzählung fortzufahren. Wenn er ihr bei dem Klavierspiel die Noten umwendete, wenn sie sich mit Gewalt beherrschen mußte, in seiner Nähe nicht unruhig zu werden unb dann eine falsche Taste anzuschlagen, dann mußte sie tun, als wäre seine Gegenwart ihr äußerst willkommen, als sei sie ihm dankbar dafür, daß er bie Notenblätter Umschläge —.
Früher hatte sie sich eingeredet und es auch geglaubt, daß sein Besuch auf Schloß Gründingen in ihren Augen zwar eine Keckheit sei, daß seine Anwesenheit sie aber sonst gang kalt ließe. Jetzt aber haßte sie ihn, und daß er es merkte, daß sie sich gar keine Mühe gab, ihre Stimmung gegen ihn zu ändern, daß er nichts tat, um sie zu versöhnen, sondern daß er über sie lachte und sich über sie amüsierte, das erfüllte sie immer wieder von neuem mit leidenschaftlichem Zorn unb mit Verachtung gegen ihn.
Einmal hatte sie sich fast verraten. Sie mochte eines Abenbs boch wohl etwas aus der Rolle gefallen sein, denn am nächsten Morgen fragte die Gräfin sie: „Es kam mir gestern so vor, als wärest du in deinem Benehmen gegen den Baron gereizt gewesen. Ihr habt euch boch nicht etwa gezankt? Hast du ihm etwas übet genommen?"
Sie hätte am liebsten spöttisch aufgelacht und gesagt; „Aber ich bitte dich, Manta, mit dem Baron zu zanken, — das lohnt sich boch wirklich nicht." —
Im letzten Augenblick hatte sie sich indessen eines anderen besonnen und einfach erklärt: „Du irrst dih, Mama. Du mußt irgend eines meiner Worte falsch auL- gelegt haben. Das Verhältnis zwischen mir und dem Baron ist bas benkbar beste."
„Das freut mich, mein Kind," hatte die Gräfin er» widert, „der Baron ist ein selten liebenswürdiger, feiner Aristokrat. Ich freue mich für ihn, daß er nach lan schweren Jahren endlich seinen Humor wiedergefunden und es hätte mich deshalb doppelt betrübt, wenn uuc ernste Verstimmung zwischen euch beiden unser gemütliches Zusammenleben gestört oder auch nur vorüber gehend getrübt hätte."
(Fortsetzung folgt.)
Die Signalvorrichtung.
Eine Schmugglergeschichte von Alfred Manns (Bremen).
Im südlichen Teil des Böhmerwaldes liegt, eine knappe Stunde von der bayrischen Grenze entfernt, ein kleines Gebäude, das den diensttuenden Grenzsoldaten des Distrikts als Behausung dient, ^sn dem kahlen Wohnraum saßen an einem Spätsommerabende die beiden Bewohner des Häuschens, zwei gediente Unter» omztere, denen man es ansah, daß sie weder vor dem Teufel, noch vor einer Hand voll Pascher, noch vor einem guten Glase Schnaps sonderliche Furcht hatten.
Franzel, der bei einem Garde-Regiment gestanden hatte, stützte den Kopf in beide Hände und, die Zigarette fesch im Mundwinkel balancierend, sprach er viel von Damen, von persönlicheuk Mut unb auch von seiner Schlauheit, letzteres in bescheidenem Jvne,_ der ihm, tote er wußte, besonders gut stand. Franzel war em schöner Mensch, nur schade, daß er das ebenfalls wußte.
„Hm," machte der riesige, bärenstarke Lenz mit dem grim» nttgen Gesicht und den gutmütigen Augen, „schlau, oder nicht wstau ist ja ganz einerlei jetzt. Seit an der Grenze hier die versteckten Alarm- und Signalvorrichtungen sind, traut sich kein Pascher mehr durch."
"icht, Lenz, daß sie auch ein wenig wittern, wen sie vor sich haben in uns Zweien?" fragte der schöne Franzel und dachte dabei nur an sich.
Lenz zuckte ein wenig zweifelnd die Schultern. „Na, weißt du, gertstene Bruder smd das schon, aber sie werden sich jetzt halt bequemere Plätze aussuchen."


