<912 - Nr. 96
Samstag (en 22. Juni
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Dir von Gründingen.
Roman von Freiherr von Schlicht, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der Baron sah ein, es blieb ihm nichts anderes übrig, als^ auf ihren übermütigen Ton einzugehen. Und doch errret er, daß etwas Ernstes dahinter wäre. Wußte auch Iw, daß er um Dagmar warb? Wollte sie ihm die Kameradschaft, von der sie ihm schon manchmal gesprochen, dadurch beweisen, daß sie ihm hals, sein Ziel zu erreichen? Es lag ihm auf den Lippen, auch ihr, wie vorhin zu Hans, zu sagen: gib dir keine Mühe — entweder komme ich allein Dahin, wohin ich will, oder gar nicht. Aber das wäre nicht nur unhöflich gewesen. Vor allen Dingen hatte er dann gezeigt, daß er ihre Worte wirklich ernst nahm.
„ So sagte er denn nur: „Wann ich komme, gnädiges Fräulein, — Sic brauchen nur zu bestimmen. Am liebsten jetzt gleich. Spätestens morgen früh. Sie können sich denken, wie neugierig ich bin, meine spätere Frau kennen zu lernen---ich werde die ganze Nacht vor Aufregung
nicht schlafen können."
„Ich werde Auftrag geben, daß man Ihnen ein Glas Zuckerwasser ans Bett stellt," rief der Graf, der sich über Marianne wieder einmal köstlich amüsierte.
Marianne merkte gar nicht, daß sie geneckt wurde. Sie war Feuer und Flamme dafür, daß die Beiden sich heiraten sollten. Sie vergaß darüber sogar die Wette, sie sah nur Die Beiden, die nach ihrer Ueberzeugung so gut zueinander paßten; da war es doch Christenpflicht, sie zusammenzu- bringen.
„Also schon, Herr Baron. Morgen früh. Ich erwarte Sie. Um wieviel Uhr?"
Der Baron dachte einen Augenblick nach: „Ra — sagen wir mal, morgen früh um fünf."
„Aber Baron, seien Sie doch ernsthaft," schalt Marianne. „Ich meine es wirklich gut mit Ihnen, und Sie werden mir noch eines Tages dankbar sein, wenn ich Sie glücklich unter die Haube gebracht habe. Kommen Sie nm zehn."
„Da hält der Dienst mich hier fest — da gebe ich Rcit- nnterricht."
„Dann kommen Sie gleich hinterher und frühstücken Sie bei uns."
„Das geht nicht, da muß der Baron mit mir Tennis spielen," rief Alexa.
Der Baron machte ein ganz verzweifeltes Gesicht: „Da sehen Sie es ja, gnädiges Fräulein! Ist es nicht gräßlich! Da soll man nun heiraten und kann nicht! Lediglich, weil man keine Zeit hat, auf Brautschau zu gehen." Dann aber, ernsthaft werdend, setzte er hinzu: „Wenn Sie gestatten, komme ich morgen nachmittag gegen vier Uhr — ich bin
Ihrem Herrn Vater sowieso schon lange einen Besuch schuldig."
Marianne stimmte lebhaft bei: „Das freut mich riesig! Daun trinken Sie bei uns Kaffee — aber Kuchen gibt es nicht, dann hätten Sie sich früher anmelden müssen."
Es war spät, als Marianne endlich ihren Wagen anspannen ließ. Im stillen hatte sie doch noch gehofft, daß ihr Vater sie auf dem Rückweg von der Stadt abholen würde. Aber wenn der einmal in seiner geliebten Weinstube saß und den Flaschen den Hals brach, da stand er fürs erste nicht wieder auf.
Sv fuhr sie denu allein ihrem väterlichen Gute ent- gegewund lehnte selbst die Begleitung des Barons ab, der sich erboten hatte, sein Pferd satteln zu lassen, so gerne sie auch schon heute abend mit ihm über Dagmar gesprochen hätte!
VIII.
Hans war schon seit acht Tagen fort.
Am Anfänge hatten alle gefürchtet, sie würden sein übermütiges Lachen und seine tollen Scherze entbehren. Aber das erwies sich als unbegründet. Denn Hans hatte plötzlich einen- Nachfolger gefunden, der ihm an liebermut in nichts nachstand: das war der Baron.
Keiner erkannte ihn wieder. Er war zwar immer noch der ernste, gereifte Mann, der das Leben kennen gelernt hat und es keineswegs auf die leichte Schulter nimmt. Aber oft schien er jetzt doch wieder der junge, leichtlebige Leutnant von früher zu sein.
Und die Metamorphose war mit'ihm vorgegangen, seitdem er von seiner „Brautschau" zurückgekehrt war. Er hatte eine überaus lustige Schilderung seines Besuches bei Marianne gegeben und hatte mit den Worten geschlossen: „Wenn ich auch trotz dieses Besuches aller Wahrscheinlichkeit nach bis an mein Lebensende Junggeselle bleibe, so hat Fräulein Weidemann mir doch bewiesen, daß ich alle Ursache habe, mich meines Lebens zu freuen, und daß ich es noch viel fchöner finden würde, als ich es jetzt tue, wenn ich es etwas leichter nehmen würde. Da habe ich mir gelobt, wieder der Alte zu werden, und ich werde mir die größte Mühe geben, mein mir selbst gegebenes Versprechen zu halten."
Was er mit Marianne in Wirklichkeit gesprochen, erfuhr vorläufig kein Mensch. Auch Dagmar nicht. Daß an der Erzählung des Barons kein wahres Wort war, erriet sie sofort. Aber das, was sie wissen wollte, wußte sie damit doch nicht.
In Wirklichkeit hätte Marianne ihm natürlich Dagmars Bild gezeigt, nur von iHv gesprochen, ihm in ihrer Offenherzigkeit von ihrer Wette erzählt, ihm den Schmuck gezeigt, den sie aufs Spiel gesetzt, und ihm kategorisch erklärt, es sei einfach seine Pflicht, sich mit Dagmar zu verloben, schon damit sie „Old Fellow!" gewänne.


