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' Stetten ivar unvermutet auf einige Tage stellvertretender Häuptling geworden, da der Kompagniechef plötzlich erkrankt war. Nun hatte er also die Kompagnie zu führen/ Und das gerade auch noch morgen, wo eine Regimentsübung angesetzt war, zu der der Divisionskommandeur sein Erscheinen zugesagt hatte.
Stetten unterbrach diese wenig trostreichen Erwägungen durch eilt halblautes „Donnerwetter". Aber es war nicht so sehr die plötzliche Leitung der Kompagnie, die ihm Sorgen machte, als vielmehr die unangenehme Aussicht, morgen vielleicht nicht int Hause seiner Angebeteten vorsprechen zu können, um sich das Jawort zu holen. Und wenn das nicht bald geschah, wer weiß, ö-B nicht ein anderer sie ihm wegschnappte, diese kapriziöfe, schwerreiche Bankierstochter? Er hatte nämlich eine gefährliche Konkurrenz in Gestalt eines Dragonerleutuants, dessen patenter Erscheinung gegenüber Stetten ein wenig in den Hintergrund trat, so daß er alle Raffinements der Toilettentechnik gebrauchte, um sich als „Sr. Majestät schneidigsten Leutnant" herauszustellen.
„Der von den Offizieren nicht minder als von der Mannschaft gefürchtete Tag der Regimentsübung war gekommen. Schon am frühen Morgen machte sich eine Hitze bemerkbar, die für die Weiteren Vormittagsstunden das Allerschönste versprach.
Nach einem mühevollen Marsch war das Regiment in der Gegend angelangt, in der der markierte Feind vermutlich an- gjUtreffen war. Von allen Seiten hatte man schon mit ihm Fühlung genommen. Im Laufschritt..ging es bald über Sturzäcker Uder über sandige Heideflächen hinweg.
„ Oberleutnant v. Stetten lag mit seiner Kompagnie am rechten Flügel. Bon dem Adonis des Morgens war nicht viel mehr übrig geblieben: Hitze und Staub hatten das ihrige getan, um aus dem „schneidigsten" Leutnant eine feldmarschmäßig aussehende Kriegergestalt zu machen.
Jetzt kam auch für seine Kompagnie der Befehl, Kur letzten Attacke vorzurücken. Stetten faßte seinen Säbel fester. Befriedigt leuchteten seine Augen auf, denn bis jetzt war alles gut gegangen : er war nicht ausgefallen!
„Sprung, auf! — Marsch, marsch!"
Hell und laut ertönte die Kommando stimme des jugendlichen Kriegers. Plötzlich zeigte sich vor der anlaufenden Kompagnie ein breiter Graben. Stetten setzte mit einem gewaltigen Sprunge hinüber, er kam auch glücklich drüben an. Nur schien es ihm, als habe es irgendwo an seiner Uniform bedenkliche geknackt. Auch die braven Musketiere landeten am anderen Ufer unter mehr ober minder bedenklichen Abenteuern.
„Hinlegen! — Schützenfeuer!"
„Was mögen die verdammten Kerle nur zu grinsen haben?" dachte Stetten im Stillen, als seine Kompagnie ausgeschwärmt war und sich nun daran machte, dem' 'markierten Feind das Lebenslicht auszublasen.
Tastend suchten seine Finger an der Uniform Umher; ihm fiel wieder das knackende Geräusch ein, das, er beim Sprunge Über den Graben gehört hatte.
„Sieh mal meinen Anzug nach!, ob der in Ordnung ist!" rief er einem neben ihm liegenden Pollacken zu.
„Js sich in Orrdnung, Panje Oberleutnant, aberst. . ." grinste dieser.
„Nun? Raus damit!"
„Äderst, kommt sich Watte aus das Bein!"
Das also wars! War da vor den Augen seiner Kompagnie seine Hose aus dem Leim gegangen, die — wie alle seine Hosen sorgfältigst wattiert war, um dem etwas kümmerlich veranlagten Untergestell pralle, stramme Formen zu verleihen.
Mer er hatte nicht lange Zeit, seinen trüben Gedanken nach- zUgehen, dem: plötzlich kam das Kommando:
„Seitengewehr Pflanzt auf!"
Und mit brüllendem Hurra gings in die Stellung des Feindes hinein.
Weithin hallte bann das Signal:
„Das Ganze — halt!" Und kurz hinterher der Kommaudv- xuf: „Die Herrn — berittenen Offizier!"
Stetten kletterte schimpfend auf seinen Gaul. Wie sollte er es nun anfangen, die aus dem Leim gegangene Hosenstelle zu verdecken? Da kam ihm plötzlich ein rettender Gedanke. Leutnants haben in Fällen der Not immer rettende Gedanken. Rasch ließ er sich von seinem Burschen seinen Umhang reichen, warf diesen über und galoppierte der Stelle zu, wo der Brigadier hielt, Um den sich bereits die anderen berittenen Offiziere ver- fammelt hatten.
Aller Augen waren auf den Ankömmling gerichtet. Besonders aber die Besichtigungsaugen der gestrengen Exzellenz.
„Herr Oberleutnant, sind Sie krank?" >
! „Nein, Exzellenz!"
„Ja, in Deubels Namen, wozu haben Sie denn in dieser Hitze den Umhang um?"
Langsam senkte sich der Umhang von der 'Kriegergestalt, Und langsam huschte über die Gesichter aller, selbst über das des Brigadekommandeurs, ein spöttisches, grausames Lächeln, denn der Riß hatte sich' beim Aufsteigen auf den Gaul noch erweitert, so daß die Watte, wie die Baumwolle aus einer reifen Kapsel, dick hervorqnoll--. ,
Abends große Gesellschaft bei dem Bankier. Oberleutnant v. Stetten war am Erscheinen leider Verhindert, da sein Regi
mentskommandeur ihin 24 Stunden Stubenarrest aufgebrumml hatte. Stetten hatte nun Muße, Berechnungen darüber anzustellen, mit welcher Geschwindigkeit sich das Erlebnis mit der wattierten Hose verbreiten würde. Am anderen Abend las er in der Zeitung:
Die Verlobung ihrer Tochter Alice mit dem Leutnant im 7. Dragonerregemint, „König von Italien", Heinz von Drütt- mann, beehren sich anzuzeigen.
Bankier Müller und Frau.
Imperator.
Tas grauenhafte Geschick der „Titanic" gibt der in einigen Tagen stattfindenden Feier, die dem Stapellauf des „Imperator" gelten soll,. einen düster untermalten Hintergrund. Jene Stelle des Atlantic, an der das englische Mammutschisf versank, ist etwas wie ein Waterloo der Technik. Tie Technik, so lange die gehorsame Dienerin der Kultur, hat sich in unserem Zeitalter der Steinkohle und der Dampfmaschine allmählich emanzipiert. Bereits einmal hatte sie die Vormachtstellung: als sie dem Menschen Sprache, Kleidung; Feuer, Waffen und Werkzeuge gab. Tann aber, als unseren Vorfahren eine wirtschaftlich erträgliche Existenz gesichert war, machten religiöse Sehnsucht, das Verlangen nach Schönheit und Kunst sich geltend — die Zivilisation erhöh sich zur Kultur. Auf rein technischem Gebiet wurden in dieser Blütezeit des menschlichen Geistes nur etwa das Schießpulver und der Buchdruck erfunden. Mit der Erfindung der Tarnp-f- maschine begann jedoch die Technik wieder um ihr Herrscherrecht zu ringen und seit etwa fünfzig Jahren hat sie den Sieg an sich gerissen: heute stehen wir mitten in der zweiten technischen Wcltcppche. Und abermals sind — wie im Beginn der menschlichen Geschichte, die von dem Turmbau zu Babel, von den Pyraniidenbauten und anderen Wunderwerken genugsam zn berichten weiß — die Riesenbauten an der Tagesordnung: die „Titanic" bewies es. Noch gigantischer ist der „Imperator", der jetzt auf dem Stapel der Vulkanwerst liegt. Ob sich diese Riesenbauten auf die Tauer bewahren werden? Wer weiß es! Zweifellos ist an der entsetzlichen „Titanic"-Katastrophe weniger der Ueber'mnt der Technik, als die Rekordwut der englischen Reeder und Seeleute schuld. Immerhin ist auch der Herr und Meister der Technik, der Ingenieur, vielleicht in zu hohem' Grade Hindernis-Renner geworden. Tenn schon ist auf seinen Rissen und in seinem Hirn auch der „Imperator" mit seinen 50 000 Tonnen (die „Titanic" war 45 000 Tonnen groß) nicht mehr der größte Ozcan-Goliath Zwei andere Riesendampfer, die ebenfalls an der Hambnrg-Amerika-Linie geplant werden, sollen ihn an Größe noch übertreffen. 1 ,
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Gewiß wird der 24. Mai für Hamburg und für Deutschland ein Tag des Stolzes sein. Wenn der Kiel des gewaltigen Dampfers ins Wasser gleitet, ist der Tag nicht mehr fern, an dem Hamburg wieder einmal die Führerschaft auf dem Weltmeer übernimmt. Sie heißt „Imperator". Ein gut gewählter Name: international verständlich und bildkräftig. Kaiser der See!
Es ist jetzt reichlich ein Jahr her, daß man den ungeheuren Bau auf der neu errichteten Vnlcan-Werft in Hamburg zusammen- zusügen begann. Tic Werft übersiedelte dieses Schiffes wegen von Stettin nach der Hansastadt: in der Ostsee wäre der Goliath nicht durch die Sundpforten gekommen, in Stettin wäre er nicht zu erbauen gewesen: die Helgen der Werft reichten nicht ans. Wer an den Riesenhelgen der Elbinsel Roß im letzten Jahre vorüberkam, konnte das stählerne Ungeheuer allgemach wachsen sehen: ein Mammutschaltier, das, mit dem Schwänze das Elbwasser berührend, 268 Meter landein liegt. Gleichwohl macht die drückende Wnchl dieses Rumpfes cs schwer, darin den zukünftigen Lnxns- bampser, bas Meeresschloß, die schwimmende Stadt zu erblicken. Noch mutet alles chaotisch an. Nur der Ingenieur findet sich in dem endlosen Labyrinth der eisernen Kammern, Gange, Schächte und Hallen zurecht. Nach dem Stapellauf erst wird sich die Jnnen- arbeit vollenden. So ein moderner Ozeanriese, der Waren, Menschen, Ideen verschiedener Weltteile zum Austausch bringt und während der Dauer der Ueberfahrt allen Lebensbedingungen einer hochentwickelten Gesellschaftlichkeit entsprechen muß, ist zugleich das Ergebnis einer ungeheuren Summe von Erfahrungen, Arbeiten, technischen Organisationen, von Stahlwerken, Maschinenfabriken, von Möbel-, Tuch-, Konfervenindustricn, kurz, von zahllosen Arbeitskreisen.
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Man hofft, den „Imperator" ,im Frühjahr 1913 reifefertig zu sehen. Dann wird sichrer Wunberba'u zum ersten Mal mit Passagieren bevölkern. Rund 1100 .Mann Besatzung werden dann 4000 Reisende in den Kajüten seiner elf Stockwerke unterbringen. Erst Sann wird der Laie.den wahren Eindruck seiner imponierenden, Größe empfangen. Dann wird sich die zyklopische Ungeheuerlichi- keit des jetzigen Rohbaues in tausend sinnvollen Einzelheiten gegliedert zeigen, von Schönheit und Eleganz wundervoll gebändigt sein. Dann wird sich, was heute ungeheuer wirkt, als Große offenbaren. Dann wird das Schiff nicht mehr ein begafftes Spek- taknlnm fein, sondern ein ruhmvolles Zeugnis für Deutschlands


