Ausgabe 
22.5.1912
 
Einzelbild herunterladen

WU

MM UM

BwO&Ä

- t ----- J.-[ .---------------

Mittwoch drn 22. Mai

- Nr. 79

jrße«M«>l'n>bl

Die von Gründingrn.

Roman von Freiherr von Schlicht.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Mit Gewalt und mit Prügeln hat noch nie einer etwas bei Pferden erreicht," ermahnte der Baron den Kutscher, der seine ganze Kraft anwenden mußte, um die jJucker wieder zu einem langsameren Tempo zu zwingen.

Ich weiß, Herr Baron," gab der endlich zur Ant­wort, als er die Pferde wieder in der Hand hatte,und ich ärgere mich auch jedesmal über mich selbst. Aber wenn ich, mit Respekt zu vermelden, dies verfluchte Auto­mobil sehe und daran denke, daß der Herr Landrat die schönsten Pferde hat und sie alle verkaufen will, weil er fich ein neues, noch größeres Automobil! bestellte, da m u ß man doch wütend werden."

Von Ihrem Standpunkt aus, ja, Friedrich. Aber Man soll seine eigene Wut nie an unschuldigen Tieren 'auslassen. Und vor allen Dingen gewöhnen sich auf diese Art die Pferde nie an das Auto."

Das sollen fie meinetwegen auch gar nicht, §err Baron! Ich kann es ihnen bei Gott nicht verdenken, daß sie sich daran nicht gewöhnen können, das ist ihr gutes Recht."

Und wenn mal ein Unglück passiert?"

Dann ist der Herr Landrat da ganz allein selbst daran schuld."

Der Baron mußte unwillkürlich lächeln wegen des verhaltenen Ingrimms, der aus diesen Worten sprach. Dann aber brach er das Gespräch ab' und ließ seine Blicke wieder umherschweifen.

Der Wagen bog bald von der Chaussee in eine Allee von uralten Lindenbäumen ab, und in nicht zu weiter Ferne tauchte das Schloß auf.

Und mit 'einem' Male überfiel ihü wieder dasselbe .Gefühl der Beklemmung und der Unruhe, das ihn während der letzten Tgge nicht verlassen und das er doch vorhin in 6er Bahn, wie fer sich sagte, für immer, abgeschüttelt hatte. Es war doch eigentlich auch ein tolles Stück, sich in den größten Tageszeitungen als Reitlehrer zu offerieren, ledig­lich, weil zwei große, dunkle Augen es ihm angetan hatten. Und weil es ihn ärgerte, daß eine so hübsche, junge, ele­gante Dame, noch dazu von hohem Adel, so miserabel ritt. Hundertmal hätte er sich gesagt: was geht das dich an, laß sie doch auf dem Gaule fitzen wie sie will! Aber dann hatte er sich fest eingeredet: er fei viel zu viel Ka­vallerist, um so etwas mit ansehen zu können. Und doch waren es nur hie dunklen Augen, die ihn entflammt hatten, die ihm keine Ruhe mehr ließen, Und die er selbst auf die Pefahr hin noch einmal Wiedersehen wollte, daß sie ihn voller Haß und Verachtung bei der ersten Begegnung ast- blicken wurden.

Ueberhaupt diese erste Begegnung auf die war er gespannt! War es nicht mehr als ein Zufall, daß Gründingens die Annonce überhaupt gelesen hatten? Na­türlich hatte er nur in der Hoffnung inseriert, daß feine Offerte gerade von ihnen beachtet werden möchte. Aber immerhin: er selbst hatte kaum int Ernst an diese Möglich­keit geglaubt. Und nun war sie doch zur Wirklichkeit ge­worden.

Tagelang hatte er sich überlegt, tote er sich Dagmar gegenüber zuerst wohl verhalten solle. Da gab' es drei. Wege. Entweder mußte er mit der Miene des Siegers erscheinen, der da sagt:Sie sehen, verehrte Komtesse, Ihre kühle Ablehnung hat nichts geholfen, hier bin ich, hier bleibe ich und das weitere wird sich finden." Oder er mußte so tun, als ob er dem ZufaU dankbar wäre, daß er ihn gerade hierher geführt hätte. Oder aber: er mußte Dagmar nicht wiedererkennen,- er mußte so tun, als sei sie ihm völlig fremd, als sähe er sie heute zum erstenmal. Das würde ihren Stolz kränken, sie in ihrer Eitelkeit verletzen, und aus diesen Empfindungen heraus würde sie seiner An­näherung vielleicht weniger Widerstand entgegensetzen und es ihm ermöglichen, ihr seine Liebe zu gestehen.

Er lachte bitter in sich hinein: ihr feine Liebe ge­stehen! Er, der arme Baron, der nicht viel mehr besaß, als die paar Koffer, die da in dem Gepäckwagen auf der Chaussee angefahren kamen, und die paar tausend Mark, die er noch kurz vor seiner Abreise durch den glücklichen Verkauf einiger Pferde verdient hatte! Ja, wenn erst seine Tante auf Kuba er schämte sich fast vor sich selbst, daß er der alten Dame jetzt fast täglich ein seliges Ende wünschte! das erinnerte ihn wieder an die Zeiten, in denen er noch ein blutjunger Leutnant war und von dem Ernst des Lebens keine Ahnung hatte. Wie viel Wind hatte er sich nicht inzwischen um seine Nase wehen lassen, er war ein ernster Mann geworden und ertappt« sich doch noch jetzt fortwährend bei jungen Leutnants­gedanken. Aber das war nicht seine Schuld, sondern die der dunklen Mädchenaugen, die ließen fetzt den Wunsch stets in ihm wach werden, wieder reich zu sein, wie damals,, als das Geld für ihn keine Rolle spielte.

i Immer näher rollte das Gefährt dem Schlosse ent­gegen, immer deutlicher traten dessen Konturen hervor. Und endlich fuhr Friedrich in einem eleganten Bogen vor der Freitreppe vor.

1 Da also sind wir!

Nikolaus Hans Horst Freiherr von und zu Scheidegg . nun heißt es frech sein und nicht aus der Rolle fallen^ sonst hast du verspielt und bist blamiert für alle Zeiten!

Er war so in Gedanken, daß er ganz erstaunt auf­blickte, als er plötzlich den Diener, den Hut in der Hauch vor sich stehen sah.

Als er die Freitreppe halb hinaufgeschritten war, kam ihm der Graf entgegen. Der hätte ihn am liebsten von der Bahn abgeholt. Aber die Gräfin hatte das. nicht