Ausgabe 
22.4.1912
 
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4. Nov.Prinz Wilhelm von Preußen kam an und wurde im V. Gatzert'schen" jetzt Gail'schenHause in der Neustadt bei dem peinlichen Gerichtssekretär Franz einquartiert."

Der Prinz war der jüngste Bruder des Königs Friedrich Wilhelm III., später (1834) General-Gouverneur von Mainz, Vater der Prinzessin Karl von Hessen und Urgroßvater des Großherzogs Ernst Ludwig.

4. Nov.Es erfolgten heute starke Requisitionen. Für die Preußen 40 000 Ellen Tuch, 10 000 Ellen Leinwand und Leder. Für die Russen 10 000 Ellen Tuch, 2000 Ellen Leinwand und Leder."

Die Russen betragen sich in Ansehung ihres Quartiers sehr unordentlich. Mancher Mann, der glaubte 10 zu haben, sah 3040, die er kaum befriedigen konnte."

5. Nov.Die Stadt wimmelte von Preußen und Russen. Geschütze und Train biwakierten vor dem Neuenweg und der Neustadt. Viele Leute von diesen drängten sich noch in Quartiere ein. In Großen-Linden lag der preußische Generalleutuant Uork. Auch dieser wollte mit seinem Hauptquartier nach hierher kom­men, aber Blücher wendete es ab. Wegen der ungeheueren Menge von Branntwein, den der gemeine Russe bouteillenweise trank, war fast bei keinem Wirte mehr welcher zu haben. Jeder Ein­wohner hatte in seiner Wohnstube oder in einer Kammer einen Uusjchank von Schnaps, Wein oder Bier."

Man erhielt Nachricht, daß der Großherzog der Allianz beigetreten sei."

Am 6. Nov. brachte das Großh. Hess. Regierungsblatt durch einen Erlaß des Staatsministeriums die Bestätigung dieser Nachricht.

6. Nov.Alles seufzte nach Erlösung von der ungeheueren Einquartierung, aber immer vergeblich. Auf dem Lande ging es noch weit ärger zu als in der Stadt. Heu und ausgedroschene Früchte wurden zertreten und verstreut. Kein Handwerker ar­beitete, außer Schmiede und Schneider, die durch Exekution dazu angehalten wurden. Kein Bäcker hatte Wecke auf den: Laden, weil sie die Kosaken mit ihren Lanzen holten. Brot und Branntwein waren fast gar nicht zu haben. Auf dem heutigen Wocheumarkte war kaum Butter, das Pfund wurde mit 18 Batzen" letzt über 2 Mark 'bezahlt. Heute kam zum erstenmal die Post aus Darmstadt wieder au. Alle herrschaftlichen Kassen waren in Verwahrung genommen. Doch mochte vorher manches auf diesen Fäll hin in Verwahrung gebracht worden sein. Die fremden Gäste nahmen ungefähr 20 000 preußische Taler mit. Sie hatten die Artigkeit, zu sagen, daß es ein Darlehen sein solle."

Der Professor Steffens aus Breslau, der in Blüchers Hauptquartier den Feldzug als Boloutär mitgemacht hatte, hielt in dem juristischen Auditorium eine Vorlesung über den dies­jährigen Feldzug, mit der Tendenz, auch die hiesigen Einwohner zu Freiwilligen, Landsturm usw. zu begeistern. Aber dieses paßt schlecht zu dem eisernen Drucke der ungeheueren Einquartierungs­last." Bgl. Bock, A.Aus einer kleinen Universitätsstadt".

7. Nov.Heute endlich war der ersehnte Tag, an welchem uns das Blücher'sche Hauptquartier verließ. Um halb acht Uhr ritt Blücher mit seinem Gefolge weg; darauf auch Prinz Wilhelm von Preußen. Blücher rief am Einhorn einigen hiesigen Ein­wohnern zu:Man kann Euch gratulieren, Euer Fürst ist der Allianz beigetveten." Darauf "folgten die ost- und westpreußischen Infanterie-Regimenter und eine Menge von Wagen und Ge­schützen, Kalnmckeu, Baschkiren mit spitzen chinesischen Hüten."

Eine ziemlich allgemeine Unzufriedenheit hörte man über das Billetamt. Neben Unordnung herrschte die größte Will­kür. Manche Einwohner wurden durch die furchtbare Last der EinquarUerung beinahe erdrückt, manche mißhandelt, beraubt, während das zahlreiche Personal der Kriegskommission, des Bil- letamts mit Verwandten und Angehörigen beinahe ganz frei ausging. Mit den Preußen war man überall ganz wohl zu­frieden, aber über die Russen, besonders die Dienerschaft, hörte man große Klagen. Indessen ging es in der Stadt noch sehr ordentlich zu im Vergleich zu dem Lande. Eine Menge Fourage ward fortgeschleppt, zerstreut, niedergetreten, das Vieh wegge­führt und geschlachtet usw."

'Much der neue preußische Kommandant Graf Schmettau zog weg und General ». Nagel trat wieder an seine Stelle."

8. November.Der preußische Generalchirurg Velzka und ein Oberstabsmedikus reiften ab, nachdem sie die Einleitung wegen des zu errichtenden Lazarettes getroffen hatten.

'9. November.Das neue Entbindungshaus und das Zeug­haus" jetzt Kserne an: Landgraf-Philipp-Platzwurden zum Lazarett für preußische und russische Kranke eingerichtet. Deswegen wurden aus dem letzteren alle Armaturen und die alten Registraturen des Hofgerichts auf das Kollegiengebäude gebracht. Die Direktion hat der Medizinalrat Hegar, die Leitung eine eigene Lazarettkommission, wozu Geheimerat Herd, Uni= versitäts-Oekonom Oßwald, Reg.-Assessor v. Krug und Hofkammer­assessor Büchner bestimmt wurden. Das Bureau wurde ins- waldsche Haus verlegt" jetzt Aliceschule.

Heute starb Elisabeth, des vormaligen Grenadiers Koch Witwe. Sie hatte in dem ZimMerchen, worin sie starb, vier gemeine Russen als Einquartiernng, welche, da sie kein anderes Obdach hatten, blieben."

(Fortsetzung folgt.)

Srledrich von Lallet.

Friedrich von Sallet wurde vor 100 Jahren^ am 2 0. April 1812, gehören. Aus seiner Geburtsstadt Neiße kam er schon als Kind nach Breslau, und seine frühesten Erinnerungen sind mit den weitläufigen, schönen Räumen der Breslauer Universität, des einstigen J-esuitenkollegiums, ver­bunden. Er entstammte einer alten Hugenottenfamilie und wurde zur militärischen Laufbahn bestimmt, für die er auf den Kadetten­anstalten zu Potsdam und Berlin vorbereitet wurde. Dann kam er es war im Jahre 1829 als Leutnant nach Mainz. Wer dem jungen Schlesier, in dem schon von frühen Tagen an die literarische und dichterische Begabung stark gewesen war, konnte das Einerlei des Garnisonlebens in keiner Weise zusagen. Sein Interesse lag auf geistigem, besonders auf Poe-, tischem Gebiete; er hatte die Gabe einer so unglaublich schnellen dichterischen Hervorbringung, daß er einmal ein ganzes Lustspiel, dessen Gedanke ihm am Morgen aufgestiegen war, schon bis zum Nachmittage fertigstellte.

Die Unlust am Offiziersberufe äußerte er in einer novellistisch gehaltenen Satire über den Militärstand, die jn engeren Kreisen vielen Beifall fand, unglücklicherweise aber auch durch die Ver- öffentlichung dem Publikum bekannt wurde. Die Folge war ein Prozeß gegen Sallet, bei dem ihn das Kriegsgericht zur Kassation und zehn Jahren Festungsarrest verurteilte. Dieses! erstaunlich harte Urteil wurde durch ein zweites Gericht und später noch einmal durch den König auf eine Festungshaft von zwei Monaten gemildert. Eine glücklichere Zeit begann für Sallet, als er int Jahre 1834 zur Kriegsschule nach Berlin versetzt wurde. Mit größter Energie warf er suhl hier auf seine geistige Ausbildung; er vernachlässigte aber darüber den Besuch der Vor­lesungen der Kriegsschule in dem Maße, daß er noch vor Ablauf des Kursus nach; Trier zu seinem Regiment zurückversetzt wurde.

Ein Jahr später nahm Sallet dann endgültig seinen Ab­schied, gründete sich durch den Ehebund mit einer geliebtem Base ein glückliches Heim und war nun endlich in das Fahrwasser einer Lebensführung eingelaufen, wie sie ihm zusagte, als ihn bereits am 21. Februar 1843 im Alter von 31 Jahren der Tod ereilte.

In seiner literarischen Persönlichkeit vereinigen sich Züge von widersprechender Natur. Wohl stand er der Romantik nahe und hat sanften, innigen Tönen den wohltuenden tiefen Zauber der Natur besungen, aber damit mischte sich eine kecke sati­rische Begabung, der es an glücklichen Einfällen, an witzigen Schlagworten und an Sinn für das Komische nicht fehlte. Diese Neigung zu kritischer Betrachtung der Dinge hat ihn später auch dem politischen Leben näher geführt, für das er von Hause aus wohl wenig Interesse hatte, und wenn er midji nicht zur Gruppe! der Jungdeutschen gerechnet werden ckann, so hat doch auch er vieles Faule und Unerfreuliche in der Zeit von 18 -0 in scharfen Versen kühn gegeißelt.

Das Werk, mit dem fein Name am innigsten verbunden bleibt, ist das noch heute nicht vergesseneL a ienb r ev i er". Es legt Zeugnis von dem tiefsten Einfluß ab, den Sallet iit seinem Leben erfahren Hat; dem Einfluß der H e g e l s ch e n Phi­losophie. Das Laienbrevier stellt eine poetische Umschreibung des Evangeliums auf dem Boden der Hegelscheu Denkweise dar. Dabei widerfährt es dem Dichter freilich nicht selten, daß der feste Kern der christlichen Gedanken ganz hegelfch-philosophisch ver­flüchtigt wird, aber den schönsten Teilen des Gedichtes sind tiefe Innerlichkeit, wahrhaft religiöses Verständnis und Schwung und Schönheit der Form nachzurühmen. Zu feiner Zeit erregte das Laienbrevier großes Aufsehen, und es gab Männer, die bekannten, durch dieses Buch zum Christentum zurückgeführt worden zu sein. Eine hohe Auffassung von der Dichtung und den Verpflichtungen des Dichters geht durch Sallets ganzes Schaffen, und er hat ein gutes Teil seiner Persönlichkeit selbst charakterisiert, als er die kernigen Verse schrieb:

Es hat die Kunst audji ihre Moral, Die Pfuscher sind eitle Schufte zumal. Bors allererste sei ein Mann!

Dann mach dich an die Kunst heran.":

Vermischtes.

* Ein Bund gegen die Geishas. Auch für Japan scheint nunmehr die Zeit zur Gründung von Sittlichl- keitsvereinen gekommen zu sein. Wie dieTsingtauer Neuesten Nachrichten" aus Tokio melden, weist die dort erscheinende Zeitung Jiji" in einem Leitartikel darauf hin, daßdie Moral in Japan nicht Schritt gehalten habe mit den übrigen Fortschritten im Lande". Die Zeitung hebt hervor, daß dieser bedauerliche Zustand das Land in den Augen der Fremden herabsetze. So seien z. B. dis Geishas eine ewige Quelle von Beunruhigung für Leute, denen! das Wohl des Landes am Herzen liege. Tie Anzahl der Geishas sei in stetem Wachsen begriffen, und dieses sei int Verhältnis! größer als die Zunahme der übrigen Bevölkerung im Bezirk "von Joschiwara. Viele Leute hätten die Angewohnheit, ihre Ge­schäftsfreunde nach Restaurants einzuladen, wo deren Aufmerk­samkeit häufig genug durch die Geishas von den Geschäften abp ' gelenkt iuürbe. Außerdem spricht sich die Zeitung scharf aus