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man seine Bewegung überhaupt nicht spürte. Man hätte meinen können, in südlichen Breiten und nicht nahe dem ewigen Eise zu sein, wenn nicht der bleich-gelbe Schein der tiefstehenden Sonne jetzt gegen die zehnte Abendstunde daran erinnert hätte, daß man das Polarmeer durchquerte.
In heiterster Laune fast, nun die kleine Gesellschaft auf der Back beisammen, wo heute nur ein angenehm fächelnder Hauch ging, Damen und Herren in sommerlich leichten Strandkostümen. Sie waren hier oben ganz unter sich, die übrige Schisfsgesellschaft respektierte ihre Absonderung und überlieh ihnen den kleinen Teil des Decks ganz allein. Auch der Steward, der die Sektflaschen sorglich frappiert und dann eingeschenkt hatte, war vom Kapitän jetzt weg- geschickt worden. „Danke, wir bedienen nns selbst!" So war man denn jetzt ganz unter sich.
„Nun, Herr Kapitän. Bitte, so fangen Sie an mit die Jnstruktschon."
Lächelnd bat so Mrs. Sanderham den Wirt, bei dem sie hier zu Gast waren. Er sollte sie ja heute in die Geheimnisse der Nautik einweihen, die ihnen so oft schon ein verwundertes Kopfschütteln abgenötigt hatten.
„Wie Sie befehlen. — Also Mrs. Sanderham, machen wir gleich bei Ihnen den Anfang! Sitzen Sie an Backbord oder Steuerbord?"
„O!" Die junge Amerikanerin, ganz unvorbereitet, sah sich hilfesuchend um. Leutnant v. Kreßmann, der, ihr nahe, auf einer aufgerollten Trosse saß, wollte sich vorbeugend soufflieren, aber der Kapitän bemerkte es:
„Halt da, Herr Leutnant! Vorsagen ist Hintergehung eines Vorgesetzten. Ich lasse sie gleich ins Eisen legen und krumm schließen!" drohte er.
„O — dear me!" Die kleine Frau markierte hohes Entsetzen. „Was sind Sie grausam, Herr Käp'tän! Sie werden mir doch nicht etwa auch gleich irrt Eisenschließen, wenn ich falsch sage?"
„Nein — aber Ihr Herr Gemahl wird Ihnen drei Tage lang entzogen. Also raten Sie richtig!"
„O terrible! —• ,Poor Dick!" Sie faltete schmerzlichsehnsüchtig die Hände zu dem jungen Gatten hin, der auf der anderen Seite neben ihr saß.
„Alle guten Geister, so steht jetzt bei mir: also — (sieuetbDtb riet sie
„Falsch! Back'-rd, denn Sie sitzen links," entschied der Kapitän, und trat wirklich auf den jungen Amerikaner §u. „Bitte, Mr. Sanderham, Sie müssen mir Jhrert Platz überlassen. — Strafe muß sein!"
„O dreadful!" jammerte in komischer Verzweiflung die kleine Frau dem scheidenden Gatten nach, der in der Tat dem Kapitän lachend seinen Feldstuhl abtrat und sich nun abseits aufs Schiffsgeländer hockte und gleichmütig — trotz des Trennungsschmerzes seiner Gattin — sich von neuem die unentbehrliche shag-pipe stopfte.
„O — is er nicht ein Scheusal?" wies Mrs. Sanderham, es bemerkend, auf ihn hin. „Ich traure um ihn, und er raucht! Shocking! — Kommen Sie, Herr Käp'tän, trösten Sie mir über diese unwürdige Mann!"
Der übermütig-lustige Ton steckte bald auch die übrige Gesellschaft an. Nur Eva Söllnitz und Amthor, die nebeneinander saßen, waren etwas stiller. Wären sie mit dem Kapitän und dem ihnen auch noch sympathischen Ehepaar allein gewesen, so hätten sie wohl fröhlich mitgetan; aber die Anwesenheit der anderen, besonders der beiden Herren Görtz-Schclling und Kreßmcmn, ließ sie nicht so aus sich Herausgehen. Sie waren, Amthors Entschluß getreu, allen ihnen unsympathischen Persönlichkeiten in den letzten Tagen einfach aus dem Wege gegangen oder hatten sich ihrer kühl entledigt, wenn diese sich der juygen Frau dennoch genähert hatten. Heut abend aber zwang sie die liebenswürdige Einladung des Kapitäns, die sie nicht hatten aus- schlaqcn. können, nun doch zu einem Beisammensein mit ihnen.
Indessen ließen sie sich die Laune dadurch doch nicht stören; sie waren vielmehr ans ihre Art froh. Sie amüsierten sich über die drolligen Neckereien der kleinen Ameri- kanerin mit dem Kapitän und über den trockenen Humor Hr. Sanderhams, der gelegentlich dabei immer die Shag- Pfeife im glattrasierten Gesicht, mit einem schalkhaften Aufblitzen seiner klugen Augen hinter den Brillengläsern, eine stets schlagfertige, satirische Bemerkung in die laut schwirrende Unterhaltung warf.
Sie selbst wechselten ab und zu ein halblautes Scherz-
tvort unter sich, und dann und wann tauschten sie lächelnd einen schnellen, verständnisvollen Blick. Sie wußten auch so, wem er galt! Wie zwei gute alte Freunde verkehrten sie so vertraulich miteinander, und auch Frau Eva gab sich nicht mehr die .Mühe, das irgendwie zu verbergen. Er empfand es mit hoher Freude, und mehrfache dankte er ihr für ihren Freimut mit einem herzlich warmen Lobes- blick, der sie jedesmal stolz und froh machte.
Ihr war heute überhaupt so leicht und glücklich zumute, wie sie es seit langen Jahren nicht mehr gekannt hatte. Sie war ja nun nicht mehr allein inmitten einer falschen und gehässigen Welt! Sie nannte ja einen treuen Freund ihr eigen, der ihr seinen starken Schutz gewähren würde/ so bald sie ihn nötig haben sollte. Wie köstlich war das doch, dies geheime Gefühl der Geborgenheit! Wie quoll es jedesmal innig warnt in ihr auf, wenn sie ihn still ansah mit dem frohen Bewußtsein: er ist dein Freund, dein Beschützer! Es drängte sie so oft, seine Hand zu ergreifen und dankerfüllt zu pressen, und wenn sie es nicht tat/ geschah es nicht mehr aus Furcht vor den Menschen —i mochten sie doch jetzt über sie reden, was sie wollten! —! sondern aus einem ganz anderen Gefühl heraus: es keimte da etwas so Zartes, Feines int tiefsten Grunde ihres Herzens, ihr selbst noch dunkel und unerkannt, das sie sich aber instinktiv scheute den Blicken anderer preiszugeben. So begnügte sie sich denn damit, wenn er ihr das Gesicht ab- gewandt hatte, ihn oftmals mit einem still-glücklichen, innigen Ausdruck anzusehen und sich immer wieder seine ruhigen männlichen Züge einzuprägen, in denen sich ein so milder Ernst, eine so tiefe Güte spiegelten.
Aber noch einen anderen stillen Beobachter barg der lustige Kreis, den Regierungsrat, der trotz seiner lebhaften äußerlichen Teilnahme an der Unterhaltung doch unausgesetzt ein Auge aus Frau Söllnitz hatte, ohne daß sie in ihrem Glücksgefühl es merkte.
(Fortsetzung folgt.)
Gietzen vor hundert Jahren.
(Nach ungedruckten Berichten.)
Bon M. P l o ch - Darmstadt.
(Fortsetzung.)
1. Nov. „Ein Offizier mit 10 Mann Kosacken ritt hier ein. Die Leute liefen haufenweise, sie zu sehen. Ter Offizier blieb im Löwen."
2. Nov. „Es zog eine Menge Truppen ein, zum Teil mit schöner Musik, so daß abends wenigstens 6000 Mann in der Stadt waren, nämlich das Korps des Generalleutnants v. Sacken, welcher im Posthause einquartiert Ivar und der Feldmarschal/ v. Blücher mit seinem Hauptquartiere, welches im Einhorn aufgeschlagen wurde. Manche Hausbesitzer hatten 12—24 Mann Einquartierung, manche 6—8 Offiziere mit Bedienten und Pferden, Diese letzteren wurden in die Hausehrn, Scheunen, Holzställe gestellt. Selbst die ärmsten Handwerksleute, Taglöhner und dergl., die nur eine Stube bewohnten, hatten 4—6 Mann Einquartierung. Der Weg, welchen die Armeen genommen hatten, war von Fulda über Ulrichstein und Grünberg. Nur die kraftvollen, köstlichen russischen Pferde waren imstande, die ungeheuere Bagage, Artillerie und Troß auf diesen Wegen fortzubringen. Blücher zog unter den Vivatrufen der Studenten und Einwohner ein. Ein ungeheures Getümmel war in der Stadt, gleich dem, welches 1797 bei dem Einzug der Franzosen unter Hoche und 1805 der hannöverschen Armee unter Bernadotte hier herrschte. Es wurde noch sehr dadurch vermehrt, daß viele hunderte von Kosaken auf den Straßen und in den Höfen, im Freien blieben, schlachteten, bei Feuern saßen und kochten, sich an den Fenstern ums Türen Brot und Branntwein forderten."
3. Nov. „Heute zog der russische Generalleutnant LangeroN mit 6 Regimentern Infanterie, schöne Leute, die aber ziemlich geschmolzen waren, mit schöner, zahlreich besetzter Musik hier ein. Langeron hatte im Löwen Quartier."
„Unser Kommandant v. Nagel wurde in Ruhe gesetzt und der preußische Major Graf Schmettau, der bei Hast in der Schloßgasse" — jetzt Nrv 9 — „wohnt, statt seiner ernannt."
„Die Russen und Preußen, besonders aber die ersteren, betrugen sich roh Und ausschweifend, tranken besonders erstaunlich viel Branntwein. Man wollte bemerken, daß sie bisher Hunger gelitten hatten. Indessen, wenn man das Betragen, unseres Militärs in Preußen Und Rußland erwägt, so geschah uns durchaus nicht unrecht. Schade nur, daß es Unschuldige trifft!"
„Man sah viel Rindvieh und Schweine der Armee nachtreiben. Fünf Wagen mit kgl. westf. Effekten: Spiegeln, Gläsern, Büchern, wurden konfisziert. Die Post vvn Frankfurt kam heute wieder an, die von Darmstadt blieb aus."


