Ausgabe 
22.2.1912
 
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An der Piazza del Popolo war sie gewesen, hatte auf der Rückseite des Hotels de Russie fast sehnsüchtig das Fenster des kleinen Zimmers gesucht, in dem sie einst ge­haust nicht viel besser als in einem Domestikenzimmer hatte ein paar Judasbäume am Pinciohang im beschei­denen ersten Blühen gesehen, war vor der Villa Medici einem Trupp fröhlich lachender Kunstjünger begegnet, die ungeniert stehen blieben, um sie anzuschauen, stieg nun vom Triniti be Monti die Spanische Treppe hinunter. Einen großen Strauß Blumen wollte sie kaufen.

Und wie sie wählte und mit einem fremden Vergnügen ein wenig feilschte, eigentlich nur, um wieder einmal ordentlich italienisch sprechen zu dürfen, in beiden Händen schon die Rosen, Rosen in allen Farben, da stand plötzlich Hartwig Braunstein vor ihr, zog tief den §ut, lächelte ein wenig verlegen:Guten Morgen, gnädigstes Fräulein! Welch glückliche Vorbedeutung! Gestern abend bin ich angekommen, heut beim ersten Ausgange treffe ich Sie."

Signe gehörte nicht zu denen, die leicht überrascht werden. Aber sie hätte alles eher erwartet, als dieses Wiedersehen hier au der spanischen Treppe, auf dem großen Blumenmarkt Roms. Von Braunstein hatte sie zuletzt gehört, er sei auf Kreta, grabe am Palast des Minos aus.

Einen Augenblick stand sie sprachlos. Dann mußte sie über ihr jähes Erschrecken und doch auch über die Art der Begegnung lächeln.Sie hier, Herr von Braun­stein?" Sie suchte die Rosen mit einer Hand zu fassen, um ihm die andere zu reichen. Er griff schnell zu:Er­lauben Sie, gnädiges Fräulein!" Dabei siel ihr kleines Portemonnaie auf den Boden, ein Dutzend Silber- und Kupfermünzen rollten über das Pflaster, fünf, sechs Jungen lagen sofort auf dem Bauch, die Verkäufer schrien; auch Braunstein und Signe bückten sich und lachten. Schließ­lich warf er noch eine Hand voll kleiner Münzen unter die liebe Jugend, und das Hallo wurde größer und größer. Sie waren froh, als sie zusammen weiterschleudern konn­ten, nach dem Korso zu und diesen hinab. Er erzählte und erklärte dabei, daß man die Ausgrabuugsarbeiten wegen der Unruhen auf Kreta hätte einstellen müssen, daß er nun einige Wochen hierbleiben wollte.Wo wohnen Sie?" fragte sie dazwischen.Auch in einem der großen Kasten?"

Der Himmel bewahr mich. In der Via Babuino, wo ich schon als Student hauste, fünf Treppen hoch, Mar­morfußboden und unheizbar, über dafür eine Aussicht eine Wunderaussicht über halb Rom. Und ein Original von Wirtin, die an sich ein Genuß ist: ganz abgesehen davon, daß sie die schönste Pasta asciutta ai pomi d'oro bereitet, die man in Rom bekommen kann. Zuschauen darf man freilich bei ihren Kochkünsten nicht."

Der kleine Zwischenfall hatte eine heitere Stimmung zwischen ihnen geschaffen, und sie hielt an. Er plauderte

Donnerstag den 22. Zevruar

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Glückslasten.

Komarr von Hanns von Zobelti & (Nachdruck verboten,) (Fortsetzung.)

Sie wußte wohl: es lag nicht an Rom. Es lag auch nicht nur daran, daß sie die schlecht verstandene Führerin für Mutter spielen sollte. Ihre eigene Stimmung trug die Schuld. Die unfrohe Mattigkeit ihrer Seele wollte nicht weichen, und die Unrast, die sie dazwischen packte, quälte sie noch mehr.Römisches Fieber" dachte sie bisweilen.

Es war, im Grunde ja auch nicht anders als daheim. Ein Einerlei bei allem Wechsel. Das Einerlei: die Mahl­zeiten im großen Speisesaal, das Toilettemachen, das Ausfahren, bas Anaestaunt- und Angestarrtwerden. Der Wechsel:, eine Sammlung heut, eine Kirche morgen. Früher hatte, sie dann und wann wenigstens auf einsamen Spaziergängen ein Stück echten Volkslebens erspäht, jetzt schrie Mutter bei dem Gedanken auf, eine der Töchter könnte allein über die Straße gehen.

Ja, manchmal kam ihr der bittere Gedanke: eigentlich hattest du damals, als du d'en ersten Winter in Rom ver­lebtest, auch noch in anderer Beziehung mehr Anregung als jetzt. In dem kleinen Salon der Fürstin waren doch mancherlei Erscheinungen aufgetaucht, die interessieren konn­ten. Ein älterer Diplomat mit den ab geschliffensten Ma­nieren der Welt, ein junger Historiker, der irgend eine Empfehlung besaß, ein römischer Kirchenfürst, der Verbin­dungen mit der deutschen Aristokratie Pflegte, ein Bild­hauer, der um des heimischen Stipendiums halber seine Reverenz machte. Schließlich zählte auch Hoburg in diese Reihe. Wie manche Stunde hatte sie mit ihm verplaudert. Es war nicht tief gegangen dazu war er nicht der Mann aber es hatte doch die Zeit getötet.

Heut lebte sie inmitten des geräuschvollen Hoteldaseins Mit den Eltern ,wie aüs einsamer Insel. Vater hatte wohl ein paar oberflächliche Bekanntschaften mit älteren Herren gemacht, die Unterhaltungen mit ihnen konzentrierten sich aber im, wesentlichen auf die Weinkarte und auf Klagen über, kleine Unzuträglichleiten des Menus; Mutter hielt es für vornehm, möglichst zurückhaltend zu bleiben, schon aus Sorge vor den fremdsprachlichen Elementen, ließ er eine knappe Vorstellung, allenfalls über ein flüchtiges Gruß- verhältnis kam sie nicht hinaus. Und Dodo schien das ganz recht. Die saß, wenn sie nur irgend Zeit hatte, und schrieb lange Reisebriefe au ihre Freundin Ellh.

Eines Morgens hatte sich Signe doch fortgestohlen. Nach einer schlaflosen Nacht. Sie mußte sich endlich ein­mal müde laufen, endlich einmal frische Luft schöpfen. Diese vielberufene und doch so herrliche römische Luft, wie sie mild und würzig von ben Albanerbergen herüberwehte.