Ausgabe 
22.1.1912
 
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als sie beit Abendmantel ablegte, Hatten einige Herren ostentativ Front gemacht; beim Durchqueren des vorderen Saales fühlte sie, wie sich die Augen auf sie richteten? jetzt begegnete sie, wenn sie nur aufsah, neugierigen Blicken. Weniger noch bewundernd, als neugierig: wer ist denn nur diese neue auffallende Erscheinung? Man wird sie zu registrieren haben! Und man stieß sich an, tuschelte, fragte, lachte. Sigue war es ja gewohnt, aufzufallen. Nicht selten schmeichelte es ihr. Aber die Art, Ivie das hier zum Aus­druck kam, empfand sie als eine besondere Berliner Un­gezogenheit, die sie verletzte und ihre Stimmung noch um einige Grade herabdrückte.

Dann sah sie plötzlich den Prinzen.

Er mußte soeben erst gekommen sein, stand an einem kleinen Tisch am Fenster zwischen einem jungen Herrn augenscheinlich Offizier in Zivil und einer pikanten Brünetten, anscheinend grad im Begriff, sich zu den bei­den zu setzen. Da., schien es, fragte die Dame ihn noch ir­gend etwas. Er wandte sich um, mit dem Einglas im Auge, gab eine hastige Antwort zurück, schob, wie unsicher, ob er Platz nehmen sollte oder nicht, an seinem Stuhl herum, sprach dann noch ein paar Worte und kam quer durch den Saal auf Signe zu.

Oder doch auf den Tisch, an dem sie saß. Dann wandte er sich, nach einer Verbeugung, die wohl nur ihr galt, gleich au den Vater. Ganz korrekt, nur mit allzu sichtbarer Anstrengung, liebenswürdig zu erscheinen:Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner noch erinnern, Herr von Gudarcza? Ich- hatte den Vorzug, Ihnen durch das gnä­dige Fräulein vorgestellt zu werden auf dem Bahnhof . . . Hoburg . . ."

Wenn Vater ihn doch nur ordentlich abfallen lassen wollte. .

Aber der gute Gudarcza war viel zu sehr überrascht und auch nicht Weltmann genug, um dafür sofort eine mögliche Form zu finden. Er erhob sich, murmelte etwas vonSehr erfreut, Durchlaucht," nahm die dargeboteuo Hand. Und als der Prinz bat, ihn der gnädigen Fran vorzustellen, tat er das mit schmerzhafter Umständlichkeit. Mama wurde ein wenig rot lieber Himmel, der erste Prinz ihres Lebens, benahm sich aber durchaus würdig. Weniger würdig fand Sigue, daß Eberhard sofort einen Stuhl besorgte, nachdem Hoburg etwas wie einen suchen­den Blick hatte umherwandern lassen. Auch Friedel hatte sich eilfertig erhoben. Die Brüder mußten doch wissen, was solch ein kleiner Prinz bedeutete. . .

So kam Hoburg zwischen die Schwestern zu sitzen. Und Signe dachte:Du sollst es gut haben, Prinzlein!" Sie legte die Maske von Stein vor und sah über ihn ! weg, als wäre er nicht vorhanden. Auf seine Fragen antwortete sie grad so viel, wie es die unbedingteste Höf­lichkeit gegen einen Gast erforderte, der an ihrer Eltern Tifche saß oder noch, weniger.

Ich hatte bereits das Glück, Sie int Opernhaus zu sehen, gnädiges Fräulein."

Eilt unmerkliches Neigen des Kopfes.

Wagner beim großen Zeus, ich konnte es nicht mehr aushalten und bin nach dem zweiten Akt in den Klub geflüchtet."

Wagner ist nicht jedermanns Sache."

Hatten Sie einmal Nachricht von meiner chöre tanke?" Einige flüchtige Zeilen."

Sie haben sich in Berlin gut eingelebt, gnädiges Fräulein?"

Es geht."

Und dann:Denken Sie noch bisweilen an Florenz, Alt unsere Abendstunden am Kamin?"

Da glitt ein ganz spitziges Lächeln um ihre Lippen, aus einen Augenblick nur:Ich fand wirklich noch keine Gelegenheit dazu. .

Eigentlich, fand sie selber im gleichen Moment, war das zu grobkörnig. Eigentlich bewies es gerade das Ge- I genteil. Für den Prinzen aber tat es feine Wirkung. Er kniff den Mund zusammen, nestelte ein wenig! an den Knöpfen feiner Weste und wandte sich an Dodo, um mit ihr ein paar gleichgültige Worte zu wechseln, sprach zur Mutter hinüber, sprach mit den Brüdern. Sichtlich erleichtert, denn nun fand er schnell einige Anknüpfungspunkte; er war Reserveoffizier in Eberhards Regiment und Alter Herr in Friedels Korps,

Es wurde eine leidlich angeregte Unterhaltung. Nur Signe nahm nicht teil daran. Und wenn Hoburg, wieder und wieder, den Versuch einer Anknüpfung wagte, hatte sie immer nur die knappsten Antworten. Er wurde ganz nervös darüber, spielte mit seinem Sektglase, strich mit seiner schmalen gelblichen Hand über die Frackklappe, drehte den Brillanten im Stahlring, den er am kleinen Finger trug, nach innen und wieder nach außen. Schließlich sagte er:Gnädiges Fräulein sind aber wirklich bei schlechtem! Humor . . ." und sie gab scharf zurück:O nein. Ich amü­siere mich sogar ausgezeichnet."Und worüber, wenn ich fragen darf?"lieber das, worüber man sich immer am besten amüsiert über Menschen."O . . machte er und schwieg.

Und dann stand er auf, sprach korrekt ein paar Worte des Dankes, verbeugte sich sehr korrekt und ging an den anderen Tisch zurück.

. Vater zahlte gerade. Muter und Friedel fragten fast gleichzeitig, wo und wie Signe den Prinzen kennen gelernt hätte . . .Du hast ja noch gar nichts davon erzählt" . . Wer Mama, wenn ich von allen Leuten, die ich bei der Fürstin kennen lernte, erzählen wollte! Sie wollte hinzu- setzen:Und der hier ist wirklich nur einer von vielen," aber sie brach gb. Wozu solch ein Urteil das behielt man besser für sich.

Als sie zum Ausgang schritten, schob der Zufall Eber­hard an Signes Seite. Sie sah, daß der nach dem andern Tisch hinübergrüßte und daß nicht nur Hoburg und nicht nur der Offizier in Zivil wiedergrüßten, sondern auch die Dame mit dem koketten Federstutz im blau-schwarzen Haar. Wer ist das?" fragte sie möglichst beiläufig.Graf Syburg vou meinem Regiment und Fräulein Atting vom Residenz­theater."

Draußen stand Dodo schon, die immer am schnellsten in ihren Mantel kam, schöpfte tief Atem und erklärter Geliebtes Elternpaar, die Luft da drin . . . einfach zum Ersticken. Was?" Und während sie als letzte in den Wagen schlüpfte:Aber es lohnte doch . . . man hat endlich einmal einen veritablen Prinzen kennen gelernt, Na, solchen hab ich mir auch anders vorgestellt. Mit gebührendem Respekt zu vermelden."

(Fortsetzung folgt.)

Der ölte §ritz und die gute alte Zeit.

Bilder aus König Friedrichs Friedensarbeit.

Bon Dr. Karl M i f ch k c.

Friedrich der Große der alte Fritz.

In unseren Köpfen lebt der große König als der Held, der zuerst in dumpfer, fauler Zeit zu frischer Tat ausholte: nach der Katastrophe des dreißigjährigen Krieges und der Demütigung durch die französischen Ludwige der erste deutsche Mann, der wieder die Hoffnungen des ganzen Volkes auf sich vereinigte und den ersten Schritt zu einer stolzen Entwicklung tat, die heute noch nicht zu Ende ist, der kühne Kriegsheld, der sich- gegen Europa behauptete und vier Großmächte niederzwang: Friedrich der Große.

Tie Zeitgenossen aber sahen ihn in den Zwischenzeiten zwischen dem zweiten Schlesischen Kriege und dem Siebenjährigen, sowie in der Periode nach dem Siebenjährigen Kriege in rastloser Klein­arbeit die Wunden heilen, die das große Unternehmen dem flehten Lande geschlagen hatte, sie sahen ihn Moore austrocknen, Kanäle graben, Maulbeerbäume pflanzen, französische Gedichte schreiben, Einwanderer ins Land ziehen, sie sahen ihn eigensinnig verhaßte Steuern eintreiben, Beamte und Richter despotisch koramiereu, seine Truppe exerzieren, und in abgetragener Uniform, über und über mit Schnupftabak bestreut, daherreiten, grimmig und ver­bissen, fast ein Menschenfeind: der alte Fritz.

Welcher von beiden war größer? Der Kriegsheld- oder der Friedensfürst, der Vater des Volkes?

Ueberall hatte er sein Auge, er sah alles, wußte alles, ordnete- alles an, kontrollierte alles. Das ging damals noch; es war eine andere Zeit, das Land war noch klein, und man wußte itoch nichts von Eisenbahnen, von Dampfschiffen, v-on Telegraphen und Ueberseepolitik.

Ein Oberamtmann Fromm hat uns eine recht lebhafte Schil­derung von einer Reise hinterlassen, die der König im Juli 1779. als hoher Sechziger in die Ruppiner Gegend unternahm. ®r hatte dort, in der Dosse, einen öden Bruch urbar machen lassen und wollte das Gebiet, auf dem nun dreihundert Familien wohnten, inspizieren. Bei dieser Gelegenheit kümmerte er sich aber auch um alles andere, und die Beamten, die ihn stlhrten, hatten manch-' mal einen schweren Stand; freilich wären die guten Märker auch nicht auf den Mund gefallen und verstanden den Alten zu, be­handeln.