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hat mich gelehrt, daß es falsch ist, für die Gestaltung von Weitz- Nachtsbäurnen ganz bestimmte Rezepte zu geben und der Erfindungsgabe Schranken zu ziehen; falsch auch dann, wenn die Rezepte von erlesenem ästhetischetl Empfinden diktiert sein sollten. Wirksam und auch geschmackvolle Christbäume taffen sich mit den allcrverschiedensten Mitteln erreichen, wenn nur gewisse Grundregeln befolgt werden, die sich ganz natürlich aus dein Wesen des Christbaums, aus feinem Zwecke, seiner Art, Form, Farbe und Größe ergeben.
Am kürzesten können wir uns in bezug auf die Farben des Ehristbaumschmuckes fassen. Sie müssen zum dunkelgrünen Gewände des Baumes passen. Man wird also in der Hauptsache rote, blaue, braune und gelbe, und zwar mehr stumpfe Töne bevorzugen, dazu Gold oder Silber. Und damit sich diese Farben nicht gegenseitig beeinträchtigen, wird man ihrer nicht zu viele verwenden. Mit grellbrmtem, schreiendem Zuckerwerk und Marzipan z. B. kann man nie einen schönen Znsammenklang der Töne, eine harmonische'Farbeneinheit von Baum und Schmuck Herstellen.
Auch auf die Form des Baumes ist dabei Rücksicht zu nehmen. Das Eigenartige der Tanne z. B. ist, von Ausnahmen abgesehen, das fast regelmäßige, pyramidenförmige Sichverjüngen nach oben und das quirlartige Auseinailberstrahlen der Aeste. Diese Klarheit mrd Eigenart des Wuchses darf nie durch ein Zubunt, durch ein Zuviel oder durch eine störende Anordnung des Schmuckes verdunkelt oder gar vernichtet werden. Im Gegenteil, man kann diese natürliche Architektur des Baumes dtirch zweckmäßige Anordnung des Schmuckes sogar tioch betonen. So geben die roten oder blauen Garnfäden zunr Aufhängen des Christbaumschmuckes, wenn sie nicht zu lang oder zu kurz (etwa 15 Zentimeter), von gleicher Farbe und gleicher Größe sind, durch die senkrechte Richtung, durch den Ausdruck des Hängens nach unten einen wirksamen Gegensatz zu den wagerecht seitwärts strebenden Besten. Eine ähnliche Wirkung bringen auch herabhängende mattsilberne La- mettasäden hervor. Das sternförmige Anseinanderstrahlen der Hauptästc wird betont, indem man unten Aepfel und Nüsse, oben die Lichter an ihnen entlang reiht. Natürlich sind die schwereren Schmuckformen in der Nähe des Stammes, die leichteren nach deir Astspitzen zu aufzuhängen. Wer Schmuck unb Lichter überall dort befestigt, tvo überhaupt ein Platz dafür vorhanden ist, hängt zwar den Baum hübsch voll, zerstört aber die Klarheit seines Baues. Wenigstens darf man Äebenaste nicht mit schweren oder stark farbigen Dingen belasten. Aus den gleichen Gründen ist die vielfach übliche Befestigung der Lichter auf besonderen in den Stamm eingebohrten Eisendrahtarmen zu verwerfen.
Bon Bedeutung ist ferner die Art des Schmuckes. Ob Man bloß Aepfel, Nüsse und Pfefferkuchen, oder auch Schokolade, Zucker, Marzipan, kleine matte Glaskugeln und Papier verwendet, ist weniger wichtig (so können einfache Ketten ans Gvldpapierrmgen sehr hübsch wirken). Hauptsache ist, daß der Schmuck nicht wider- f innig an sich ist. Aepsel und Nüsse oder Zapfen sind natürlich und siimvoll, aber Möhren, Zwiebeln, Rettiche und Radicsehen aus Marzipail oder sonst in der Erde wachsendes Gemüse an den Christbaum zu hängen, ist Unsinn. Dasselbe gilt von Attrappen, von Schuhten, Hüten, Tieren, Häuschen, Windmühlen und Schiffchen aus Zucker, Papier, Holz oder Blech, In einem neueren Büchlein über Christbaumschmuck fand ich sogar folgende Dinge vorge- schlageu: Parfüm- oder Maggifläschchen mit Bildchen beklebt und mit Himbeersaft gefüllt, Püppchen und Wickelkinder mit Kleidern unb Wäsche aus Seidenpapier, Köpfe ans Flaschenkorken, bronzierte Mohnköpfe, Tüllen ans bronzierten Kartoffeln, aus Gips geformte Lilien, Heckenrosen, Glockenblumen und Jasmin; Bildchen zum Aushängen, aus Katalogen geschnitten, ausgemalt unb mit Golbsaden als Rahmen. Ein so geschmückter Baum wäre zwar höchst „individuell", aber auch sinn- und geschmacklos.
Noch ein paar Worte über beit Lichtschmuck, unb zwar deshalb, weil man heutzutage sogar elektrische Glühbirnen verwendet. An Riesenchristbäumen bei Vercinsfestlichkeiten in Tanzsälen mag das bei der Größe der Bäume und der Länge der Brenndauer noch hingeheu, ebenso beim Schausensterchristbaum wegen der Feuersgefahr. Aus der Familie aber sollte der elektrische ChristbauM, der mit einem Knips erleuchtet unb verlöscht werden kann, verbannt werden. Gerade das anheimelnde rotgelbe Kerzenlicht, das von der aufsteigenden Wärme bewirkte Flimmern unb Glitzern, das aus brennenden Wachslichtern und erhitzten Nadeln entströmende würzige,Duftgemisch sind unlösbar mit wirklicher Weihnachtsstimmung verbunden ünd vermitteln dem Gemüt unverlösch- bare Eindrücke. Das Lichterslimmcrn, das allmähliche Erlöschen der Kerzen, das Versinken des Raumes in traute Dämmerung gehört zum Wesen des deutschen Christbaums unb Weihnachtsabends'. Es kann durch das zwar hellere, aber auch kältere, ungemütlichere elektrische Licht nun imb nimmer ersetzt werden.
Und mm Mm Schlüsse noch die Hauptfrage: Soll der Christbaum überhaupt geschmückt werden oder nicht.? Ich selbst war bisher für den geschmückten Bannt, wenigstens dort, wo Kinder int Hanse sind. Nicht bloß deshalb erwärme ich mich für diesen angeputzten Lichterbaum, weil die Augen unb Herz«, bet Nuder an buntem Tand hängen, nicht bloß weil die Kleinen gar zu gern in die roten Aepsel beißen unb am süßen Naschwerk knabbern, das doch vom Baum ganz anders schmeckt als aus der Tüte, sondern weil die Arbeit am Christbaumschmuck, das Ausschueibeu, Kleben, Leimen, Vergolden und Einfädeln und das Anputzen
selbst erzieherische Werte birgt und sicher zU den schönsten Erinne- ruugett gehört, die Kinder aus dem Elternhause mit ins Leben hinausnehmen. Wer es gibt auch Leute mit anderer Meinung. Sie sagen: Am schönsten ist der Tanneirbaum in seinem grünen Gewände, so wie er aus dem Walde hereinkommt. Schmuck und Naschwerk lenken nur von der Schönheit des Baumes ab unb machen bas zur Hauptsache, toas darauftzängt. Und fast möchte man derselben Meinung werden, wenn man liest, welch tiefeS Freuen unb Staunen Peter Rosegger bei Vater und Mutter, Knecht und Magd und vor allem bei seinem Bruder Nickcrl hervorrief, wie er den ersten Christbaum in die Waldheimat brachte. Ein schlicht grün Bäumchen war's ohne jeden Schmuck mit zwölf Lichtlein, die der Peter vom roten Mariazeller Wachsstock schnitt und unter; Mühen an die Aeste klebte. Als die Lichtlein brannten, führte der große Peter Has kleine Nickerl an der Hand zum Tisch:, „Tn Dich nicht fürchten, Brüderl. Schau, das' lieb Christ- finblein hat Dir einen Christbaum gebracht. Ter ist brüt." Und da Hub der Kleine an zu wiehern vor Freude und Rührung, und die Hände hielt er gefaltet wie in der Kirche.
M. Brethfeld.
Line Episode aus dem Leben des „Marschalls vorwärts"
Daß Blücher, dessen Geburtstag — 16. Dezember — das deutsche Volk im Hinblick auf die Nahende Säkularfeier der Leipziger Völkerschlacht in diefenr Jahre mit besonders freudigem Gedenken begeht, wie fast alle die führenden Männer der Befreiungsbewegung: Stein, Hardenberg, Schön, Frey, Heidemann, Hippel, Fichte, Dräseke, Schenkeudorf, Rückert, Scharnhorst, Botzen, Ribbentrop, L'Estocq, Henckel von Donnersmark, Kleist von Nol- lendorf, Massenbach, Quednow, Hiller von Gärtringen u. a., dem Freimaurerbunde angchörte, dürfte vielleicht allgemein bekannt sein. Der Kulturhistoriker, der wirklich geistige Zusammenhänge sucht, hat Grund, an dieser Tatsache zusammen mit der, daß Männer wie Lessing, Herder, Goethe, Fichte ebenfalls Freimaurer waren, nicht achtlos vorüberzugehen. Hier ist nicht der Platz, um darauf näher einzugehen. Nur das eine dürfte her- voraehoben werden, als Beiveis, wie das Geschlecht jener Zeit bis in seine höchsten Spitzen und führenden Geister hinauf ein lebhaftes Empfinden dafür bekundete, daß die eigentliche schöpferische Kraft, die dem Ganzen dienen will, sich natnrgegeben einer Gesinnungsgemeinschaft zu wenden müßte, in der sie sich vertrauensvoll nur als Mensch geben unb fühlen konnte. In all bem Wirrsal jener Zeit, im Mißtrauen des einen gegen beit anderen unter dem Druck der von Napoleon geradezu raffiniert organisierten polizeilichen Ueberwachung des einzelnen, in einer Zeit, wo der Gesinnungslose die besten Geschäfte machte, mußten die Logen, als Horte verschwiegenen Vertrauens, naturgegeben die Anziehungskraft ausüben, die sie stets wieder bewähren werden in! Zeiten, wo der Mensch Grund hat, nach solchem Anschluß zu verlangen. Weniger bekannt ist vielleicht die Tatsache, daß der alte Blücher den kulturschöpferischen Geist der Freimaurerei wie wenige seiner Zeitgenossen erfaßt hatte, daß er die manrerischen Pflichten sehr ernst 'nahm, und daß. er vor allem mitten im Kriegsgetümmel und besonders vor den entscheidenden Schlachten in den Logen geistige Stärkung und Begeisterung suchte.
Es war am 15. April 1813, in jenen Tagen des Völkerfrühlings. Die Heere der Verbündeten, Preußen und Russen, rückten Napoleon entgegen, unb in Mienburg, der Residenz des Herzogs August, der ein entschiedener Anhänger des großen Korsen war, hatten die Generäle Blücher, Scharnhorst und Gnei- fenau Quartier bezogen. Die Bürger der Stadt mochten dem Gang der Ereignisse mit gemischten Gefühlen folgen; sie kannten die Gesinnungen ihres Laubesherrn, mußten jedoch, ihres Deutsch- tuinS gedenkend, im innersten Herzen der Sache der Verbünbeten Ersolg wünschen. 1
Die Mitglieder bet dortigen, schon 1742 gegrünbeten Loge „Archimebes zu den drei Reißbrettern", einer ber ältesten Deutschlands, hielten am Abend ihre regelmäßige Monatsversammlung ab, als drei fremde Brüder gemeldet wurden, die der Handlung beizu- wohnen wünschten. Man ließ sie eintreten, unb zu ihrem Erstaunen erkannten die Altenburger Brüder in den Besuchenden, die in voller Uniform, gestiefelt und gespornt erschienen waren, Blücher, Scharnhorst unb den General-Intendanten v. Ribbentrop. Blücher erklärte, daß er noch einmal, vielleicht zum letzten Male, als Mensch unter Menschen, als Bruder unter Brüdern sich freuen und fein Gelübde für das geliebte Vaterland im Tempel der Loge nieberlcgen wolle; zugleich sprach er auch feilte Hoffnung für eilte glückliche Zukunft ans.
Um den greifen Helden zu ehren, veranstalteten die Altenburger Freimaurer wenige Tage später, am! 20. April, eine Festtafel. Blücher hatte sein Erscheinen zugefagt, mußte sich aber durch Ribbentrop vertreten lassen, da er durch dienstliche Geschäfte ab- gchalten wurde. Bei dieser Tafelloge kaut es zu einem Zwischenfall, der für die verschiedenen Stimmungen und Anschauungen, die damals herrschten, bezeichneitd ist. Einer ber Logenbeamten, der sich in jener unruhigen Zeit verpflichtet fühlen mochte, auf den alten Grundsatz ber deutschen Freimaurer hiitzuweisett, politische Erörterungen ans der Loge fernzuhalten, hielt eine Rede, um, wie es im Protokolle heißt: „einige gewichtige Worte über den hohen, dem Maurer doppelt heiligen Mert treuer Anhänglich-


