Ausgabe 
21.12.1912
 
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vom Lhristbaumanputzen.

(Aus der Dürer-Bundes-Korrespondenz.)

: Die allerverschiedensten Christbäume habe ich schon gesehene deckenhohe, kerzenstrotzende im Salon wohlhabender Familien; winzig kleine, mit ein paar Pfenniglichtlein und bunten Papier­rosen im Stübchen armer Leute; in wahlloser Fülle und Bunt­heit beputzte und solche von echt künstlerischer Einheit und Fein­heit. Dann wieder in der Weihnachtsmesse eines Kunstgewerbe­vereins eine Reihe von Weihnachtsbäumm, die ihr eigenartiges Gepräge dadurch bekommen hatten, daß, ihr ganzer Schmuck bis zu den Lichthaltern von Kindern selbst hergestellt und nach einem bestimmten Gedanken am Baume angeordnet war, oder da­durch, daß man den volkstümlichen Anputz bestimmter Gegenden nachgeahmt hatte. Aber keiner von allen chat mir so gefallen, wie der schlichte Weihnachtsbaum meiner Kindheit: die duftende, dunkelgrüne Tanne mit ein, zwei Dutzend Lichtern, mit roten Aepfeln, vergoldeten Nüssen und mit Ringen und Sternen aus braunem Pfefferkuchenteig. Damit soll nun nicht gesagt sein, daß ich seine Art für die einzig richtige hielte. Die Erfahrung

Auch der Küabe, welcher sich freilich auf seinem un­bequemen Platz von einer Seite zur andern wälzte, schlief ein, und der alte Herr -gab bald ein aus den verschiedensten Tonarten bestehendes Schnarchkonzert zum besten. Frau Caroc saß steif in ihrer Ecke, sie hätte um die Welt m diesem Zustand nicht schlafen können; während sie alle möglichen Folgen dieser angstvollen Reise überdachte, ver- Öfie nicht, von Zeit zu Zeit Mann und Sohn fester rn

Plaid zu hüllen, doch litt sie nicht, daß ihr eme ähn­liche Aufmerksamkeit erwiesen wurde. Als der fremde Knabe-einmal im Schlaf auf die Dame fiel, mußte ihn der junge Caroe leise auf seiner Mutter Sitzplatz legen, und sie setzte sich neben ihn, um seine Beinchen noch mit ihrem Mantel zu beschützen. Herr Caroc junior lag blinzelnd in seiner Ecke, und so oft er aufsah, mußte er, seitdem der Küabe neben seiner Mutter lag, in das vom Gaslicht hell beleuchtete Antlitz der Fremden blicken. Welche anmutigen Züge waren das, seitdem der Schlaf die Augen geschlossen. Vorher war ihm der Ausdruck kalt und streng erschienen. Und wie jugendlich frisch das Gesicht noch war; einige zwanzig Jahre würde er der Dame gegeben haben, doch dem widersprach der große Knabe. Wie wunderlich, es doch war, daß sie zuerst an ihre eigene Bequemlichkeit ge­dacht und so wenig an das Kind. Das hätte seine Mutter nicht getan! Und' doch gefiel ihm dieser natürliche Egois­mus wie ihre Ruhe in der doch auch gewiß für sie nicht angenehmen Situation. Hatte es ihn doch so ost, auch heute -erst wieder, geärgert, daß feine Mutter so gar nichts für sich beanspruchte, für sich selbst gar nicht existierte m der Sorge für andere und eigentlich niemals aus der Angst und Aufregung herauskam. Wer die Fremde wohl sein möchte? Sie sprach gut und hatte ein leises, tiefes, sym­pathisches Organ, das hatte er an den Frauen so gern. Ob sie wohl lachen könnte? Auf der einen Backe hatte sie em Grübchen, wie hübsch das war! Daß ihm doch immer die Verheirateten Frauen gefallen mußten! Schein und Wirk­lichkeit kämpften miteinander, bis der Schlaf die Oberhand gewann und ihn mit allerlei Träumen mngaukelte, die er als Wünsche längst vergessen geglaubt. Als er erwachte, dämmerte -es bereits, und es war bitter kalt geworden im Coups, denn der Heizapparat war nicht mehr in Tätigkeit.

Der Knabe hat Sie gewiß sehr gestört, gnäbige Frau; wie leid mir das tut, aber wie gut von Ihnen, sich seiner anzunehmen, während ich der Müdigkeit nachgab," hörte er die klangvolle Stimme sagen und daneben die Beteuerun­gen seiner Mutter.Komm her, Fritzchen, dich- friert gewiß?"

Nur die Füße sind mir kalt, Tante," meinte der Knabe. Also sie ist nicht seine Mutter, dachte Herr Caroe junior und folgerte weiter: vielleicht ist sie gar nicht ver­heiratet; es gibt doch auch unverheiratete Tanten, und mir könnte wohl einmal ein Mädchen gefallen haben.

Komm, Fritzchen, wir versorgen dich noch mit tvarmen 'Sachen aus der Reisetasche." Während sie sich ntit dem Kinde beschäftigte, erwachte auch Papa Caroc.

Es ist unverantwortlich, daß sich niemand um uns kümmert," brummte -er,mein Magen sängt bedenklich an zu knurren, du könntest -einmal ausschauen, Ferdinand."

Mit großer Schwierigkeit wurde das Fenster geöffnet; doch der kaum hinausgestreckte Kopf des Sohnes fuhr gleich wieder in das Coups zurück:Wir sind allein, aus freiem Felde mutterseelenallein;"die Lokomotive ist mit den übrigen Wagen fort!"

Das ist nicht möglich," rief's von allen Seiten,ich will selber nachsehen!"

Doch so viel auch die andern Augen ausschauten, wenn auch Tränen diejenigen der guten Frau Caroc verdunkelten, die Lokomotive war fort, und zwei Wagen, in denen sie die einzigen Passagiere waren, standen einsam aus freiem, weißem Schneefelde, während ein eiliger, stürmischer Wind die kleinen Flocken vor sich her trieb, die bis zur Tür die Wagen verschneit hatten.

Vergessen und verlassen,"eingeschneit,"unsere armen Kinder in Dresden,"was wird d-er Papa sagen, wenn der Zug ohne uns ankommt!" Das waren die ersten Gedanken, die den verschiedenen Lippen entschlüpften.

Dort steht noch ein anderer Zug," rief der junge Herr Caroc, nach der -entgegengesetzten Seite blickend.Der muß von Dresden gekommen sein, -es dampft ja auch noch die Lokomotive; seht nur, tote wenig sie aus dem Schnee­wall herausragt. He, ist denn niemand dort?" Doch die

Stimme verhallte im Winde, kein lebendes Wesen lieh sich blicken, es blieb alles still.

Die Menschen müssen aber doch irgendwo geblieben ein, wir müssen uns in der Nähe menschlicher Wohnungen befinden! Gewiß, so ist's," rief er freudig,wir müssen üchen, sie zu erreichen!"

Dagegen protestierte aber die Mutter, welche in einer Promenade durch den hohen Schnee, bei dem heftigen Winde, den sicheren Tod ihres Mannes erblickte. Als der Sohn zu einer ärgerlichen Erwiderung auffahren wollte, legte sich eine Hand beschwichlln nd aus seinen Arm, und eine ihm schon bekannte Stimme fragte:

Und wie sollen wir Frauen mit unseren langen Klei- i)ern durch den Schnee kommen?! Nein, nein, wir müssen warten, bis Hilfe kommt!"

Herr Caroc fah nur auf die Hand, welche- ohne Hand- chuh soeben dem Knaben bei seiner Toilette geholfen hatte. Dieselbe war schlank und weiß, und daran glänzten zwei übereinander gesteckte goldene Reifen. Also eine Witwe war die junge Fran, die vor ihm stand. Was hatte er doch dem alten Freunde auf dessen Vorschlag geantwortet?

Wir wollen suchen, die Scheiben zu reinigen, um hin­durchsehen zu können," schlug die junge Frau vor,denn wir müssen das Fenster schließen, es ist hier schon kalt genug!"

Der Vorschlag wurde angenommen, doch- lange Zeit sah man durch die Scheiben in den dichtgefallenen Schnee, der zehn Schritte- weiter undurchdringlich die Gegend verhüllte, und erwog die Situation und die zu ergreifenden Befriedigungsmöglichkeiten. Da, gegen neun Uhr, kam ein Landmann m seinen hohen Stiefeln den Feldrain entlang gestampft. Das Fenster flog herunter, Taschentücher wur­den geschwenkt, und als der Mann so nah als möglich herangekommen, suchte man sich schreiend mit ihm zu ver­ständigen. Der Brave, welcher die Hände über dem Kopf zusammenschlug, als er in dein leer geglaubten Wagen Menschen -erblickte, fand sich- willig, nach der Blockstation Weisfig zurückzukehren, wohin sich nachts bereits die Passa­giere des von Dresden gekommenen Zuges geflüchtet, um dahin die Mär von der Existenz der vergessenen Passagiere und ihrer Schicksale zu tragen und um Hilfe zn bitten. Doch Stunden vergingen noch, ehe er in Begleitung des Bahnmeisters mit mehreren Arbeitern, sowie mit einigen Lebensrnitteln zurückkehrte. Ein Weg zu dem Coups und zum Bahndamm war bald geschaufelt, und die Damen herausgetragen.

Helfen Sie nur meinem armen, alten Mann," rief fortwährend Frau Caroc, indem sie mit den eigenen, zit­ternden Händen, trotz der sie umgebenden Hilfsbereiten, das graue Köfferchen krampfhaft festhielt, während ihr Gatte Anstalt machte, jugendlich- leicht in den Schnee hineinzu­springen. Wie ein Hündchen vorauf, kollerte sich- dann, den Bahndamm -entlang, der Knabe durch den Schnee. Für .ihn begann nun das Reiseabenteuer ein Vergnügen zu werden! Am "Arme -eines Schneeschippers folgte, etwas mühseliger, die junge Frau; der alte Herr inmitten zweier solcher branntweinduftender Jünglinge, welche das Hand­gepäck trugen, und am Arme ihres Sohnes machte die Mut­ter den Beschluß. Die Kräste wollten sie fast verlassen, aber die Gewohnheit des eisernen Willens siegte über die körper­liche Schwäche.

(Fortsetzung folgt.)