731
lich'e Grenze bildet das Jahr 1806, wo Hessen Großherzogtum ward, und das Jahr 1900, das letzte des 19. Jahrhunderts. Wessen Wirksamkeit im Großherzogtum oder Tod vor das Jahr 1806 fällt, bleibt von der Aufnahme ausgeschlossen, ebenso wer nach dem Jahre 1900 gestorben ist. Diese letzte Grenzbestimmung hat nur vorläufige Geltung, sie wird später hinausgeschoben werden, wenn eine unparteiische Schilderung der später Gestorbenen allgemein möglich sein wird.
Wird die Aufnahme in ein biographisches Sammelwerk von der Eigenschaft als Schriftsteller abhängig gemacht, so ist die Entscheidung über die Frage der Ausnahme oder Ausschließung im einzelnen Fall sehr leicht, weil eben das entscheidende Merkmal rein äußerlicher Natur ist. Viel schwieriger gestaltet sich diese Frage bei Fürsten, Offizieren, Beamten, Geistlichen, Lehrern, Merzten, Technikern, Malern, Bildhauern, Bühnenkünstlern, Kaufleuten usw., die ja alle in den hessischen Biographien Berücksichtigung finden müssen. Wie schwer ist es ost, hier die Bedeutung der einzelnen Persönlichkeiten abzuwägen! Da mag es auch vorkommen, daß eine weniger bedeutende Persönlichkeit behandelt wird, während eine bedeutendere zunächst fehlt —• was auch darin liegen kann, daß sich noch kein Bearbeiter dafür gefunden oder der vorgesehene Bearbeiter diesen Aussatz noch nicht fertig gestellt hat. Dieser Umstand machte es unmöglich, alle der Aufnahme würdigen Personen schon jetzt endgültig zu bestimmen und die Artikel in alphabetischer Reihenfolge, wie sie z. B. die Werke von Strieder, Scriba und die Allgemeine deutsche Biographie aufweisen, anzuordnen. Der Reihenfolge der Artikel liegt darum kein bestimmtes System zugrunde. Da aber jeder Lieferung und jedem abgeschlossenen Bande ein alphabetisches Register beigefügt wird, so ist es jederzeit möglich, ohne langes Suchen einen bestimmten Namen in den verschiedenen Heften oder Bänden zu finden. Außerdem bietet diese Anordnung den Vorteil, daß jederzeit ein Artikel eingeschoben werden kann, daß ein rückständiger Artikel das Erscheinen eines Heftes oder Bandes nicht verzögern muß, und daß die berufenen Bearbeiter, von denen mancher vielleicht weg- gefallen sein könnte, bis nach alphabetischer Anordnung der Artikel die Reihe an ihn käme, gleich zu Wort kommen kann.
Bei sämtlichen Artikeln war es das Bestreben der Verfasser und Herausgeber, daß aller bis jetzt zugängliche Quellenstoff bei der Abfassung der einzelnen Biographien benutzt wurde. Hierbei handelt es sich nicht nur um amtliches Material, das in staatlichen Archiven oder in den Registraturen der Behörden aufbewahrt wird, sondern auch um das in Privatbcsitz befindliche, das häufig lebensvollere Einblicke in den Werdegang eines Menschen gewährt als die oft knappen und trockenen Akten. Daß jedoch bei Persönlichkeiten, von denen noch nahe Verwandte vorhanden sind, auf diese Rücksicht genommen werden mußte, soweit es die geschichtliche Wahrheit zuläßt, liegt in der Natur Der Sache. Diese Rücksichtnahme stellt die Verfasser und Herausgeber manchmal vor gar heikle Fragen. Denn oft pflegen Nachkommen in übertriebener Weise empfindlich zu sein, wenn es sich um ein nicht ganz günstiges und vorteilhaftes Urteil über ihren Vorfahr handelt. Sie erwarten sich von den Aufsätzen der hessischen Biographien ein Elogium, eine Lobrede, während diese sich doch, als ein geschichtliches Quellenwerk, strenger Objektivität befleißigen müssen. Sind Nekrologe oft von dem ersten Schmerz über den kürzlich erlittenen Verlust diktiert, der sich häufig nur in Superlativen ausspricht, so darf doch keine Biographie auf diesen Ton gestimmt sein. Dem steht ja auch schon der verhältnismäßig enge Raum entgegen, der den einzelnen Artikeln zugebilligt ist; die größten Artikel sollen ohne die bibliographischen Angaben nicht mehr als sechs Seiten umfassen. Daher müssen die einzelnen Artikel mit lexikalischer Kürze und Knappheit abgefaßt sein. Der Philosoph Kuno Fischer sagt in dem Vorwort zu dem dritten Bande seiner philosophischen Schriften, der Ü. a. auch den von ihm für die Allgemeine deutsche Biographie verfaßten Artikel über Johann Gottlieb Fichte enthält: „W ahrhaft kompendiös läßt sich nur schreiben, was voluminös geschrieben worden ist." Dieser sehr richtige Satz zeigt deutlich, welche Schwierigkeit ein einzelner Artikel der Biographiensammlung, der nur ein paar Seiten umfaßt, machen kann und in der Regel auch macht. Ein solcher Artikel erfordert die Sichtung und Durchsicht alles Materials, das sich über einen Gegenstand auffinden läßt, während der vorgeschriebene geringe Umfang des Artikels den Verfasser dazu zwingt, vieles nur ganz kurz anzudenten, worüber ihm reicher Quellenstoff zur Verfügung steht, es sei denn, daß er sich von vorn herein dazu entschließt, dem kurzen Aufsatz in den hessischen Biographien eine ausführlichere Bearbeitung an irgend einer andern Stelle vorausgehen zu lassen. Das ist aber nur in den wenigsten Fällen möglich; regelmäßig werden sich die Verfasser mit der entsagungsvollen Arbeit an den kurzen Artikeln ab- zufinden haben.
An dem einen oder andern Urteil, das in den Aufsätzen der hessischen Biographien gefällt ist, werden spätere Generationen, denen weitere Quellen vorliegen, manchmal etwas zu ändern haben. Aber auch den künftigen Arbeiten leisten die hessischen Biographien dadurch eine nicht unerhebliche Hilfe, daß jedem Artikel ein möglichst vollständiges Literaturverseichnis beigefügt
ist; das gleiche gilt auch von den Schriftverzeichnissen bei Artikeln über solche Persönlichkeiten, die sich literarisch betätigt haben.
Ein nekrologisches Nachschlagebuch für Deutschland für die Zett von 1854, wo der „N eue Nekrolog der De ut- f ch e n" mit seinem dreißigsten Jahrgang einging, bis zum Jahre 1896, wo, das „Biographische Jahrbuch" zu erscheinen beginnt, fehlt gänzlich. In dieser Beziehung haben die hessischen Biographien für das ihnen zugewiesene Gebiet eine lang empfundene Lücke auszufüllen. Die genannten beiden Nekrologen- sammlungen bieten für einige Artikel der hessischen Biographien wertvolles Material. Da dies aber doch nur bei einer sehr kleinen Anzahl der Fall ist, so fehlt feit dem Jahre 1843, wo der zweite Band von Scribas Schriftstellerlexikon erschien, int Grunde jede Vorarbeit für die hessischen Biographien. Bei dieser Sachlage ist es auch bis jetzt unmöglich, ihren Umfang schon letzt zu übersehen. Zunächst wird in den nächsten fünf Jahren alljährlich ein Heft zu je acht Bogen erscheinen, die zu einem Band vereinigt werden. Der Preis eines Heftes beträgt für Subskribenten 2,40 Mark, int Einzelverkauf dagegen 3 Mark, doch werden nach Abschluß eines Bandes die ihn bildenden Hefte nicht mehr einzeln abgegeben, sondern nur der abgeschlossene Band, der auf 15 Mark zu stehen kommen wird. Die Subskription ist also die bei weitem vorteilhaftere Art des Bezugs, die es auch .jedem ermöglicht, nach und nach das vollständige Werk zu erroer6ett.
Eine hessische Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts fehlt noch. Bis eine solche einmal geschrieben wird, müssen vorher manche andere Arbeiten vorausgehen, von denen eine, die Herausgabe der politischen Korrespondenz des Großherzogs Ludwig L> ebenfalls auf dem Arbeitsprogramm der historischen Kommission steht. Eine andere Vorarbeit hierzu sind die hessischen Biographien. Der Schwerpunkt dieser hessischen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts werden weniger große politische Aktionen Hilden, als eine Schilderung der inneren kulturellen Entwicklung des Großherzogtums. Das Drama, das hier der Geschichtsschreiber aufzurollen haben wird, dürfte personenreich werden. In der Kenntnis dieser Persönlichkeiten werden ihn die.hessischen Biographien wesentlich unterstützen und ihm manchen Fingerzeig geben, den er ohne sie vergeblich suchen würde, da vielleicht die eine ober andere Quelle, die dem Verfasser einer solchen Biographie zu Gebote stand, inzwischen versiegt ist. Ehe aber die hessischen Biographien dem künftigen Geschichtsschreiber als Hilfsmittel dienen, werden sie manchem Familienforscher willkommene Aufschlüsse gegeben und manchem Freunde der hessischen Geschichte die noch nicht geschriebene Geschichte des 19. Jahrhunderts ersetzt haben, insoweit nämlich, als der Inhalt gewisser; Zeitläufte das Werk einzelner kraftvoller Persönlichkeiten ist.
Endlich können die „Hessischen Biographien" durch die Förderung des Interesses an Biographien und die einzelnen in der Sammlung enthaltenen Aufsätze eine nicht zu unterschätzende pädagogische Sendung erfüllen, eine Sendung, die der namhafte Pädagoge Adolf Diester weg einmal mit den Worten umschrieben hat: „Eine gelungene Biographie ist eine praktische Psychologie, eine Weltgeschichte int kleinen, ein Mikrokosmus. Pragmatisch zeigt sie, wie, wodurch und warum der Dargestellte so wurde, wie er geworden. Das Gute und Böse in der Erziehung erscheint in einem konkreten Bilde. Dadurch angeregt, steigt man in feine eigene Jugendzeit zurück; man lernt die Faktoren, die an uns selbst gearbeitet, nach ihren heilsamen oder schädlichen Folgen kennen; man gewinnt einen unbefangenen Blick zur Beurteilung der Jugend, deren Erziehung man sich widmet, was für die glückliche Wahl der Erziehungsmittel, wie für die _ eigene Gemütsruhe des Erziehers, welche oft in dem Grade in Gefahr ist, als der Erzieher die Gewissenhaftigkeit in sich ausgebildet hat, von der außerordentlichsten Wichtigkeit ist; man lernt manches bis dahin für gering Geachtete nach feiner oft entschiedenen Wichtigkeit betrachten."
Im Saufe des Oktobers 1912 kann ans das Erscheinen des ersten Heftes der hessischen Biographien gerechnet werden. Möchte es ihm gelingen, viele von der Wahrheit des Satzes zu überzeugen, den Wilhelm R o t h e r t in der Vorrede zu dem ersten Bande der „Allgemeinen hannoverschen Biographien" ausspricht „D e r Mensch sel bst i st das hö chst e Ziel des Heimat- sch ntz es. A l l es an d er e i st Bei w er k." Erreicht das Werk dieses Ziel, dann wird es seinen Weg macheit.
krankhafter im Seelenleben des Müder.
Hebet dieses Tbema schreibt Tr. I. Sadger in der „Wissen- schacklicben Nundschau"*> unter anderem:
Kaum minder wichtig als die Vererbung sind Umwelt und Erziehung. Tie Umgebung drückt der Kinderseele ihren Stempel ans. Häusliches Unglück, Kummer der Eltern gibt den Kindern gern etwas Sentimentales, Weltichmerzliches, Verbittertes; steter Umgang mit Erwachsenen Allklugheit ober frühreife Blasiertheit;
*) Zeitschrift für die allgemein-wissenschaftliche Fortbildung. Verlag von Theodor Thomas in Leipzig. Preis vierteljährlich (6peste) 1,50 Mark.


