Ausgabe 
21.11.1912
 
Einzelbild herunterladen

730

Frau Marie starrt ihn erschrocken an.Ich ich sollte" stammelt sie. Die Frage kommt ihr so überraschend, daß, sie sie gar nicht sogleich erfaßt.

Aber Herr Jrmisch fährt mit eindringlicher Freundlichkeit fort:Es ist doch ganz sicher, daß er Zuchthaus kriegt. Unter zwei Jahren wirds wohl nicht abgehen. Das ist ohne weiteres ein Scheidungsgrund. Haben Sie denn das nicht gewußt?"

Nein. Ich ich habe noch gar nicht daran gedacht."

Aber es leuchtet Ihnen jetzt ein nicht wahr? Sie sind das nicht bloß Ihrem Kinde schuldig, sondern auch sich selbst. Ein so junges und hübsches Weibchen wie Sie braucht sich nicht an einen Verbrecher zu hängen. Ich wüßte schon jemand, der Ihnen was Besseres zu bieten hätte."

Dabei ist er ihr etwas näher gerückt. Frau Marie aber weicht vor ihm zurück, soweit es die Enge der Droschke gestattet.Nein, Herr Jrmisch. Sv sollen Sie nicht reden. Was mein Mann auch Schreckliches getan hat, er hat es doch bloß getan, damit wir nicht hungern sollten. Und ich werde ihn ganz gewiß nicht verlassen. Wenn er wieder frei ist, wird er notwendig jemand brauchen, der ihn Pflegt' und tröstet."

Herrn Jrmischs freundliches Gesicht hat einen sehr verdrieße lichen Ausdruck angenommen. Man kann es' ihm deutlich ansehen, wie unangenehm er enttäuscht ist.Na, ich hoffe, Frau Reinicke, Sie werden sich das noch überlegen."

Da ist nichts zu überlegen. Ob er int Zuchthaus gewesen! ist oder nicht, er bleibt darum doch mein Mann und der Vater meines Kindes."

Der andere brummt etwas Unverständliches, dann hüllt er sich in mürrisches Schweigen.

Der Wagen hält vor dem Gebäude des Kriminalgerichts. Frau Marie fühlt sich einer Ohnmacht nahe beim Anblick der Mauern, hinter welchen sich innerhalb der nächsten Stunden das Schicksal ihres unglücklichen Mannes entscheiden soll. ,

Ihr Begleiter steigt mit ihr die steinernen Stufen empor. Vor der Tür des Sitzungssaales müssen sie warten. Dem armen, jungen Weib flimmert es vor den Augen. Sie sieht alles nur in einem dicken Nebel.

Aber als sie in der Nähe jemand halblaut sagen hört:Das ist der Herr Leuenberg mit seiner Frau, in deren Billa er ein- gebrochen ist. Und sie haben auch das Kinb mitgebracht, das er ermorden wollte," da nimmt sie ihre ganze Kraft zusammen, um die Leute anzusehen, denen ihr Mann so Gräßliches hatte zufügen wollen.

Das kluge, energische Gesicht des Herrn Leuenberg, der kaum zehn Schritte von ihr entfernt am Fenster steht, und die kalte, hoch­mütige Miene seiner schönen Frau flößen ihr Furcht ein. Als ledoch ihr Blick auf dem blonden Kraustöpfchen des ahnungslosen und von der neuartigen Umgebung sichtlich sehr interessiertest Knäbleins. ruhen bleibt, da steigt es aus ihrem Herzen auf wie eine tröstliche Zuversicht, daß man ihrem Manne wenigstens in diesem einen Punkte ganz gewiß unrecht tut. Denn nach dem Leben dieses holden Kindes hat er sicherlich niemals getrachtet. Dazu kennt sie ihn doch zu gut.

Sie ist mit einem Male viel ruhiger geworden, und wie be­glückende Hoffnung beginnt es sich leise in ihr zu regen.

Wenn man ihn in diesem einen zu Unrecht beschuldigt, kamt sich dann nicht auch vielleicht für alles andere eine Erklärung finden, die sein Vergehen in einem milderen Lichte erscheinen läßt. Sie ahnt selbst nicht, welcher Art eine solche Erklärung sein könnte, aber sie klammert stich mit aller Kraft ihres verzweifelten Herzens an die schwache Hoffnung, und ihr Gang ist sicherer, ihre Haltung aufrechter als vorhin, da sie nun bei dem Zeugenaufruf gleich den anderen den Saal betritt, sobald der Gerichtsdiener ihren Namen genannt.

Es ist gut gewesen, baß ihr noch im letzten Augenblick wie dura) ein Wunder solche Ermutigung gekommen, denn der Anblick, der drinnen ihrer wartet, »würde sie sonst wahrscheinlich überwältigt haben. In dem von hohen Schranken umgebenen kleinen Ver­schlage seitlich vor dem grünen Richtertisch steht ihr Mann, ab­gezehrt und bleich, die Stirn und das linke Auge mit einer schmalen schwarzen Binde umwunden. So erbarmungswürdig krank und hinfällig sieht er aus, daß bei seinem Anblick in ihrem Herzen Wt einem Male alles ausgelöscht ist, was sie vielleicht zuweilen gn Groll und Verachtung.gegen ihn empfunden, und daß darin Air nichts anderes mehr Raum ist als für die große, heilige mit­leidsvolle Liebe, flir die Liebe, die nicht fragt, was hast du gefehlt, weil sie ja bereit äst, alles zu verzeihen.

Er sieht nicht zu ähr hinüber, sondern schaut starr vor sich hin; sie aber kann ihren Blick nicht eine Sekunde lang von ihm wenden, und alles, was um sie her geschieht, geht an ihr vorüber, !als hätte sie nicht das mindeste damit zu schaffeii. Ihr Name wird aufgerusen; man stößt.sie an, um ihr bemerklich zu machen, daß sie sich melden müsse.

Wieder nach einer kleinen Weile erfaßt der Gerichtsdiener ihren Arm.Sie sollen Einstweilen mit den anderen Zeugen ab­treten, Frau Reinicke. Wenn chie Reihe an Ihnen ist, werden Sie wieder aufgerusen werden."

. iinb bann sitzt sie beinahe eine Stunde lang draußen auf £?rr Bank m her Fensternische. Herr Jrmisch leistet ihr nicht mehr Gesellschaft, denn er ist drinnen im Zuhvrerraum des Gerichts- Krales. Wer sie hat letzt auch kein Verlangen nach irgend jemandes.

Gesellschaft. Sie denkt an ihren armen, unglücklichen Mann) und sie wird nicht müde, sich auszumalen, Ivie sie ihn hegen und pflegm und trösten wird, wenn man ihn ihr wieder gegeben.

Sie hat Mühe, sich darauf zu besinnen, wo sie sich befindet, als sle ihren Namen Aufrufen hört. Erst als sie vor dem Zeugen­tische steht, hat sie ihre Gedanken wieder beisammen. Und mit FincLS^IultS'- bie alles in Erstaunen setzt, gibt sie Antwort auf die üblichen erfteit Fragen, die zur Feststelluiig ihrer Persönlichkeit dienen sollen. Der Vorsitzende, der einen sehr milden imo gütigen Ton gegen sie anschlägt, macht sie darauf aufmerksam, daß sie berechtigt sei, ihr Zeugnis zu verweigern. Aber sie schüttelt den Kopf. Es gibt für sie keinen Grund, etwas zu verschweigen

Dann aber müssen Sie die reine Wahrheit sagen, Fräst Reinicke. . Ob Sie nun vereidigt werden ober nicht. Sie dürfest Ihr Gewissen mit keiner Lüge belasten, weil Sie etwa Ihrem! Mann daiiiit zu nützen hoffen."

Ich werde nur die reine Wahrheit sagen, Herr Präsident."

Sie wissen, wessen Ihr Mami angeklagt ist. Er hat ist Gemeinschaft mit einem bis jetzt leider nicht ermittelten Genossen einen Einbruch in der Villa des Herrn Leuenberg verübt, zu einer Zeil, als, wie er ohne Zweifel wußte, sowohl Herr Leuenberg und seine Gemahlin, als auch die beiden männlichen Dienstboten, der Kutscher und der Diener, abwesend waren. Bon dem weit abse>is wohnenden Gärtner hatten die Diebe nichts zu fürchten, und die Entdeckung drohte ihueii nur von der Gouvernante, die eigentlich Bei dem kranken Leuenbergschen Kinde hatte wachen sollen. Sie arbeiteten nun offenbar mit verteilten Rollen in­sofern, als die Ausführung des Diebstahls dem unbekannten Ge­nossen zufalten sollte, während der Angeklagte es auf sich ge­nommen hatte, die Gouvernante und das Kind unschädlich zu machen. Die junge Dame hatte sich nach ihrer hier abgegebenen Erklärung von der Müdigkeit überwältigen lassen, und zwar ohne allen Zweifel zu ihrem Glück, denn wenn er sie nicht schlafend gesunden hätte, würde Ihr Mann sich wahrscheinlich eines noch gefährlicheren Mittels als des Chloroforms bedient haben, um ihr edjtoeigen zu erzwingen. So aber begnügte er sich damit, sie zu betäuben, und er darf von Glück sagen, daß die Zeugin aus dieser Betäubung wieder erwacht ist. Aus ein Wiedererwachen des Kindes scheinen die beiden Verbrecher nicht gerechnet zu haben, oder Ihr Mann glaubte vielleicht auch, den Knaben durch ein drohendes Wort einschüchtern zu können. Das Ehepaar Leuenberg ist etwas früher, als beabsichtigt war, nach Hause zurückgekehrt, und der Genosse Ihres Mannes hat Zeit gefunden, sich durch den Garten in Sicherheit zu bringen. Das Bündel, in das er seine reiche Beute gepackt hatte, muß ihm dabei allerdings hinderlich gewesen fein; denn man hat es noch in derselben Nacht im Ge­büsch am Gartengitter gefunden, so daß Herr Leuenberg und feine Frau einen Verlust nicht erlitten haben. Der Angeklagte äst hei feinem Fluchtversuch weniger glücklich gewesen als sein Spieß^- geselle. Er wurde, ehe er noch aus dem Fenster springen tonnte, von Herrn Leuenberg eingeholt und durch einen Säbelhieb über dm Kopf ziemlich schwer verletzt. Nach der Beftimmten Erklärung des Zeugen war Ihr Mann nur durch fein rechtzeitiges Eingreifen an der Begehung eines furchtbaren Verbrechens verhindert worden. Denn Herr SeueitBerg will deutlich gesehen haben, wie er den Versuch machte, den Knaben zu erwürgen. Dies ist in Kürze der durch die Zeugenaussagen festgestellte Tatbestand. Der An­geklagte selbst hat bisher in unbegreiflichem Eigensinn jede nähere Erklärung verweigert. Auf alle Fragen und Vorstellungen hat er nur immer wiederholt, daß er schuldig .sei und «verurteilt tverden wolle. Einzig gegen die Beschuldigung, daß er sich an dem Kinde habe Oergreifen wollen, sucht er sich mit einer höchst unglaub­würdigen Geschichte zu verteidigen, auf die ich noch zurückkommest werde. Zunächst ersilche ich Sie nun um die Beantwortung 'einiger Fragen. Ihr Mann ist bis jetzt unbestraft; aber das ist natürlich kein Beweis dafür, daß er sich noch nie meiner (unredlichen Handlung schuldig gemacht. Ist Ihnen von einer solchen etwas bekannt?"

Nein. Mein Mann >var immer der rechtschaffenste und ehrlichste Mensch von der Welt."

Es geht wie eine leichte Regung der Heiterkeit durch den Ziihörerranm. Da dreht die Zeugin sich nach den Lachenden um, und als sie in ihr Gesicht gesehen, sind sie mit einem Mal? alle ivjeder sehr ernst,

(Schluß folgt.)

Die hessischen Biographien.

Ein Geleitwort zu ihrem Erscheinen von Dr, Karl Esselborn.

(Schluß.)

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu denHessi­schen Biographien" zurück. Ziehen diese sich auch örtlich Ustd zeitlich engere Grenzen als das Werk von Strieder, so gehen sie doch in gegenständlicher Beziehung sowohl über dieses Werk als auch über das Scribasche Lexikon hinaus, da sie nicht nur Gelehrte und Schriftsteller behandeln, sondern überhaupt Persönlichkeiten, Männer und Frauen, die sich in Kunst, Wissen­schaft, Technik, Handel und Industrie, auf staatlichem, kirchlichem und sozialem Gebiet ober sonstwie hervorgetan haben. Ihre zeit-»