Donnerstag, den 2\. November
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Auch ein Verbrecher.
Erzählung von Reinhold Orlniftttit.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
An der Wand der Vorhalle, in der er steht, ist eine Waffen- trophäc bescstigt. Mit einem Sprunge ist der junge Hausherr davor und hat den ersten besten Gegenstand heruntergerissen, der ihm zu Angriff oder Abwehr tauglich scheint. Es ist ein gekrümmter ungarischer Sabel mit reich damaszierter srhngc. Dann stürmt er vorwärts durch ein paar dunkle Gemächer bis m das erleuchtete Toilettenzimmer, an dessen Sckpvclle ihm sein Weib entgegenwankt, geisterbleich und jetzt kaum eines Wortes mehr fähig. Mit ausgestreckten Armen deutet sie auf den Fußboden, über den in wilder Unordnung hundert Dinge verstreut sipd, die sie vorher wohl verwahrt in Fächern und Schubladen zurück- gelassen. Brutale Hände müssen während ihrer kurzen Abweseu- hcit alles durchwühlt n>ld durcheinander geworfen haben. Auch das eiscnbeschlagene Schmnckschränkchen in der Ecke ist erbrochen: die Tür steht weit offen, und eine Anzahl lederner und samtener Etuis liegt geöffnet und des kostbaren Inhaltes beraubt auf dem
„Meine Juwelen — mein Schmuck!" das ist alles, toas sie über die zitternden Lippen zu bringen vermag. Ihr Gatte aber hat kaum einen Blick für all die Verwüstung, beinahe heftig stößt er das junge Weib, das sich angstvoll an ihn geklammert, zur Seite und stürzt tociter durch das Schlafgemach in das Zimmer, dessen Wände für ihn das köstlichste aller Kleinodien umschließen.
Als er die Tür anfstößt, sieht er einen fremden Menschen neben dem Bettchen seines Kindes kauern, mit) er sieht das Kind halb ausgerichtet in den Kissen, mit gnalentstelltem, dunkelrot verfärbtem Gesicht und weit aufgerissencn hervorgnellenden Angen. Pfeifend und röchelnd geht der Atem der armen kleinen Brust, und ganz deutlich glaubt er im Moment seines Eintritts wahrzunehmen, wie der fremde Eindringling seine Hand von dem HalS des Kindes zurückzieht. ___ ' ..
Nun will der Verbrecher natürlich die flucht ergreifen. Mit einigen raschen Sätzen ist er am offenen Fenster. Aber der bis zum Wahnsinn erregte Vater ist schneller als er. Ein schwirrendes Geräusch, ein halbkreisförmiges Aufblitzen in der Luft und bann ein schwerer dumpfer Schlag. Der Verbrecher, dessen fahles, schmächtiges Gesicht sofort mit Blut überströmt ist, greift mit den Armen ins Leere. <
Dann stürzt er wie ein gefällter Baum vornüber zu Boden.
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Im Seitenflügel eines großen, von vielen Partien bewohnten Hauses im Arbeiterviertel, hoch oben im dritten Stock, rüstet sich drei Monate später eine blasse junge Frau für den schwersten Gang 'ihres Lebens. Unter der Anklage des Einbruchsdiebstahls und der schweren Körperverletzung soll ihr Mann heute vor seinen Richtern erscheinen, und fie ist als Zeugin geladen. Was sie eigentlich bezeugen soll, sie weiß es nicht. Seit jenem Nachmittag, da er entmutigt und verzweifelt zum hundertsten Male auSge» gangen war, sich nach Arbeit umzutun, hat fie ihren Mann nicht wiedcrgeseheit. Denn weder während seines langen Krankenlagers noch später während der Untersuchungshaft hat man ihr gestattet, ihn zu besuchen. Unzählige Male ist sie beim Staatsanwalt und hei dem Untersuchungsrichter gewesen, um die Erlaubnis zu solchem
Besuche zu erwirken. Aber immer hat man sie auf die Zeit nach der Hauptverhandlung vertröstet, wo sie ihren Mann, dessen Verurteilung ja außer allem Zweifel ist, in gewissen Zwischenräumest würde sehen können.
Daß sie über diese entsetzlichen Mrmate überhaupt hat Hinwegkommen können, ohne vor Gram zu sterben ober 'beit Verstand zu verlieren, ist ihr unbegreiflich. Und wäre nicht das Kind gewesen/ dies zarte, schmächtige Geschöpfchen, das beständig der sorgfältigsten Wartung unb Pflege bedurfte, so würde sie wohl auch kaum btej Kraft gefunden haben, ihr zerstörtes Dasein wetterzuschleppen. Nur um des Kindes Willen hat sie gelebt, nur für ihr Kind hak sie gearbeitet, unb in biefer Arbeit sogar manchmal für eine kurze Zeit vergessen können, was bas grausame Schicksal über fie verhängt hat.
Freilich ist es ihr nicht immer leicht gemacht worben, Arbeit zu finben. Nur solche Leute, die nichts von der schweren Schuld ihres Mannes wußten, haben sich dazu verstanden, ihr Beschäftigung zu gewähren. In dem Augenblick, wo man erfuhr, daß sie die Frau des Einbrechers Paul Reiuicke fei, hat man ihr die Arbeit immer wieder entzogen. Und die Not würde aufs neue in ihrer furchtbaren Gestalt auf der Schwelle des kleinen Heims erschienen sein, wenn nicht ein Freund dagewesen wäre, der großmütig immer wieder über die Stunden schwerer Bedrängnis hinweggeholfen. Frau Marie erschauert bei der Borstellung, was aus ihr und ihrem Hänschen wohl hatte werden sollen ohne Herrn Robert Jrmisch, diesen edlen unb hochherzigen Menschen, den einzigen, der sich nicht gleich allen anderen Bekannten eilig von ihr zurückgezogen, als das Schreckliche geschehen war. . Er hat nicht nur das Zimmerchen behalten, das er nun schon seit fiebert Monaten als ein ruhiger und anspruchsloser Mieter bewohnt, sondern »er haf sogar ans freien Stücken seinen Mietzins erhöht. Unb mit einem Zartgefühl, für das sie ihm fast noch inniger dankbar ist als für die Wohltaten selbst, hat er immer zur rechten Zeit ausgeholfen, wenn die Not gerade am höchsten gestiegen war.
Heute erhält sie einen neuen Beweis für die Aufrichtigkeit seiner Freundschaft. Denn als sie eben von der Nachbarin zurück- fommt, bei der sie Häuschen für die Dauer ihrer Abwesenheit untergebracht hat, findet sie Herrn Robert Jrmisch, fertig zum' Ausgehen angekleidet, in ihrem Zimmer. Er ist ein großer, kräftiger Mann zwischen dreißig unb vierzig Jahren, eine stattlichst Erscheinung, die einer Frau wohl gefallen kann.
Freundlich rctfyt er dem totenbleichen jungen Weib die Hand. „Guten Morgen, Frau Reiuicke! Sie haben doch nichts dagegen, daß ich mit Ihnen gehe'? Ich bin ja nicht vorgeladeii, aber ich meine, es kann nichts schaden, wenn Sie einen Bekannten bet sich haben, auf den Sie sich unter allen Umständen verlassen können."
Bon Herzen gern nimmt sie fein Anerbieten an. Hat fie doch zu keinem Menschen auf der Welt so uneingefchränktes Vertrauen wie zu ihm. Sie willigt auch ein, daß Herr Jrmisch eine Droschke nimmt, statt die so viel billigere Straßenbahn zu benutzen. Es wäre ihr heute unerträglich erschienen, die Gesichter von gleichgültigen oder von fröhlichen Menschen zu sehen, sie möchte ihrem Begleiter die Hände küssen vor Dankbarkeit, daß er so viel Rücksicht nimmt auf ihr unausgesprochenes Empfinden.
Es wird unterwegs nicht viel zwischen ihnen gesprochen. Aber als sie ihrem Ziel schon ziemlich nahe gekommen sind, fragte Herr Jrmisch ganz unvermittelt: „Wenn Ihr Mann verurteilt werden sollte, werden Sie sich doch wohl von ihm scheiden lassen?'


