Ausgabe 
21.11.1912
 
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kränkelnde Erzeuger, bei denen das Thermometer und die Diät jahraus, jahrein eine Rolle spielen, machen ungewollt ihr Kind - wenn es das einzige ist, ganz sicher zum Hypochonder. Die Erndrücke derKinderstube" sind von tieier Wirkiing a uf das Aeußere und die wedankemveit des Kindes. TieKtnderiehler" des pädagogischen Alters treten erlahrungSaemäg bei neuropathisch (neruöS) Veranlagteil doppelt stark in Erscheinung. Bei falscher Erziehung kann man von Schritt zu Schritt verfolgen, ivie mif dein Nährboden der ererbten krankyaiten Veranlagung Kinderfehler sich z>i seelisch-krankhaiten Symptomen ausivachsen. Das macht der Unverstand der tilütter, Tanten und Großmütter unb mancher Väter, die in der Verteilung von Zucht und Liebe, Beachtung und Vernachlässigung nicht das rechte Mittel siiiden, sonderir zwischen einem Zuviel und Zuwenig schwankell. Tie schlinmiereu Kraukhciis- prodiikte sind weniger au? Rechnung erzieherischer Vernachlässigung, als vielmehr forlgeiegter, in bester Absicht ausgeübter, fürsorgeiider Tyrannisierung und Systemwechsel zu setzen. Was solchen Kindern vor allem not tut, ist, ihr Gemütsleben in Zucht zu halten. Sie müssen Unlust, Aerger, Zorn und Kummer derart beherrschen, lernen, das; keine der Geniütsbeivegungen nachhaltig imb übermächtig ivird. Lautes Weinen, Schreien, Toben, Strampeln müssen schon bei fteine» Kinderii unter die verricba t des Willeiis gestellt toerden. Ganz besoiiders zu enipfehlen ist die Abhärtung gegen Schmerz, seelischer el<sio wie leiblicher Art. Fast alle nervös Veranlagten neiden jur Wenleidigkeit, die jedes vorübergeyende fory er liebe Ungemach, jeden alltäglicheii Schnierz zuni Ausgangs- und Anknüpfungspunkt nervöser Dauererscheinungen und seelischer Perstimmungen nimmt. Wenn das Kind sieht, daß man nu< seine Schmerzen allzu große Rücksicht nimmt, wird es bald schlau genug sein, daraus Kapital zit schlagen, lind der Wille zur Krankheit wächst. Deshalb muß die Erziehiing folgerecht sein, nicht weniger in der Abhärtung des Körpers gegen Kalte lind Hitze, Hunger lind Turst, als in der Festigung deS Cha­rakters im Schmerz. Gymnastik, Sport und die harte Schule der Gasse müssen den Körper stählen. Nichts ist verkehrter als die sorg­fältige Abschließung des Kindes von dem Umgang mit seinen Alters­genossen und von den kleinen Gefahren lind Unbilden der Kindheit. Es muß überivinden lernen, ivas ihnt peinlich und lästig ist, muß unangenehnie Eindrücke (Geräusche!) ertragen, auch den Anblick menschlicher Gebrechen.

Die Zeichen derpsychopathischen Konstitution" (auch psycho­logische Minderwertigkeiten", von Laien nicht linzutressendan­geborene Nervosität" geheißen) sind im großen und ganzen die gleichen wie bei Erwachsenen, und ihre genaue Kenntnis nm so notwendiger, als sie nebst dem angeboreilen Schwachsinn die hällfigste geistige Regelwidrigkeit des Kindesalters darslellt. Ebenso wie die Großen schweben auch die schwerbelasleten Kinder immer aus der Schileide zwischen geslNideiii uird krankem Seelenleben, ja, in ihrer seelisch-krankhasten Konstitution bringen sie direkt die Anwartschnit zu späteren Nerven- und Geisteskrankheiteii mit, in die sie auch oft genug veriallen. In nicht geringer Zahl ist übrigens die schwere Beladung der Kinder von Haus aus mit Schwachsinn gepaart, der freilich einseitige Begabung, zumal für Musik, Zeichnen, Rechnen, und teiliveise Gedächtnisleistungen (Daten, Namen, EisenbaHn- ftationen usw.) keineswegs ausschließt.

vermischtes.

W i e die Bulgaren Christen wurden. Cyrillus und Methodius, die treib en aus Saloniki stammenden Brüder, denen die Bekehrung der in Mähren und Böhmen wohnenden slawischen Völkerschaften gelang, sollen auch das Herz der Bttlgaren der Lehre Christi zugewendet haben. Und zwar ivird das Hauptverdienst daran dem heiligen Methodius zugeschrieben. Dieser war unt seiner Malkunst willen bei seinen Zeitgenossen ebenso bekannt wie durch seine Aposteltätigkeit. So kam es, daß der bulgarische König Bogoris ihtt im Jahre 853 nach Nikopolis berief, bamit ihm der pinselgewandte Priester dort eine Festhalle durch Wandmalereien verschöne. Was sich Methodius nun zum gewaltigen Vorwurf wählte, das war die erschütternde Szene des jüngsten Gerichts. Einen so machtvollen Eindruck rief dieses Bild bei dem Barbaren-- sürsten hervor, daß er samt seinem Heere das Evangelium an- nahm. Bald predigte Methodius es dem ganzen Volke gemeinsam Mit seinem Bruder Cyrill. Dieser, der um seiner Gelehrsamkeit willen den Beinamender Philosoph" erhielt, soll für die slawi­schen Völkerschaften, zu denen die Mission ihn rief, ein eigenes Alphabet erfunden haben. Ein Teil von ihnen gebraticht noch heute die sogenannteCyrillische Schrift". Ob es sich hier wirk­lich um eine persönliche Erfindung des Heiligen handelt, ist frei­lich zweifelhaft. Uebrigens stellt die strengere Forschung es auch ganz in Frage, daß die beiden heiligen Brüder, dieApostel der Slawen", auch gerade bei der Bekehrung der Bulgaren eine Rolle gespielt haben sollen. Dadurch verliert jene volkstümliche Legende von dem Gemälde in der Festhalle des Bulgarenkönigs freilich nicht an Interesse. Denn sie bleibt immer ein schönes Gleichnis auf dw hinreißende Macht, die dem Künstler über die Seelen gegeben ist. , kf. Ein Fisch, der in heißem Wasser lebt. Daß m den heißen Quellen des Yellowstone-Parks Algen bei einer Temperatur von 60 Grad gedeihen, ist seit langem bekannt: daß aber auch Wirbeltiere in heißem Wasser unter Umständen leben

können. Hat nun jüngst der amerikanische Physiologe I. Loeh m einer Reihe merkwürdiger Versuche nachgewiesen. Loeb hat einen Seefisch, den Fundulus, zunächst 30 Stunden lang ist Wasser von 27 CetsiuKgraden untergebracht und ihn dann Plötze lich m Master von 35 Grad geworfen. Merkwürdigerweise rea­gierte der Fisch hierauf gar nicht, sondern schien sich ganz wohl zu fühlen. Der Aufenthalt in dem um 8 Grad kälteren Wasser schien ihn gegen das heißere immunisiert zu haben. Ms der Fisch nun einen ganzen Monat lang in kühlem Wasser von IQ bis 14 Grad gelebt hatte, hatte er die Fähigkeit, in heißem Wasser zu leben, noch nicht eingebüßt, und er behielt sie sogar, nachdem er 14 Tage hindurch in eiskalteni Wasser gelebt hatte. Professor Loeb hat bisher für diese merkwürdige Erscheinung keine be­friedigende Erklärung finden können. Als mögliche Erklärung hat er die Hypothese ausgestellt, der Fisch bilde während des Aufenthaltes im warmen Wasser eine Art Schuhstoff in sich aus, der ihn auch gegen noch höhere Temperaturen sichert.

Kk. K i n e m a t o g r a p h i s ch e Bilderrätsel. Die Pariser sind darauf verfallen, die langweiligen Zwischenakte dttrch fine- malograpinsttze Bilderrätsel zu beleben. Man starrt nicht mehr aus die rasch wechselndeii und ermüdenden Reklamebilder, sondern sieht kinematographtsch vorgesührte Bilderrätsel, auf deren Lösung Preise ausgesetzt sind. Wer am Schluß der Vorstellung die größte Anzahl dieser kinematographischen Bilderrätsel gelöst hat, erhält als Preis ein paar Eintrittskarten für eine ter nächsten Vorstellungen.

Die Krone in der Hutschachtel. Sine lustige Anekdote aus dem Leben des bekannte» Tenors S l e z a k weiß der Gil Blas seinen Lesern zu erzählen. Slezak unternahm von Wien aus eine Gastspielfahrt, auf der er in einer großen Stadt den Propheten zu singen hatte. Sein erstes Reiseziel aber ivar Berlin. Ter Künstler hatte es sich in Wien im Abteil bereits bequem gemacht, als im letzten Augenblick vor der Ab­fahrt sein Kammerherr atemlos auf den Bahnsteig stürzte und feinem1 Herrn zurief:Hier ist die Krone des Propheten, es wurde vergaffen, sie in den Kostümkoffer zu packen." Ter Zug setzte sich bereits in Bewegung, mit einem raschen Griffe packte der Sänger noch die schwere, mit bunten Steinen und Hermelin besetzte Krone.^ Wo sollte man sie nun unterbriugen? Tie Gattin des Künstlers fand einen Ausweg, sie leerte eine ihrer Hutschachteln, bettete die Krone sorgsam in dieses Gehäuse und alles war in Ordnung. Tann kam man zur Grenze. Die Zollrevision beginnt unb einer J>er Zollbeamten kommt auch in was Abteil des'Tenors. Haben Sie zollpflichtige Gegenstände bei sich?"Nein, gar nichts."Wollen Sie bitte diese Schachtel hier öffnen." Tie Schachtel wird 'geöffnet und der Beamte sieht die Krone. Sofort richtet er sich stramm empor, die Hacken schlagen aneinander: und die Hand am Mützenrand, sagt der Zollbeamte ehrfurckstsvoll: Geruhen Eure Hoheit die Störung allergnädigst zu entschuldigen." Sprachs und verließ schleunigst das Abteil des Tenors.

Vüchertlsch.

V o n Nah und Fern. Unter diesem Namen ist eine reizende Neuheit erschienen, die sicherlich viel Beifall finden wird. Es sind 24 Chromoplastbilder nebst einem Apparat zum Durch­sehen. Chromoplastbilder sind Stereoskopbilder in natürlichen Far­ben. Die Chromoplastbilder sind sarbeuphotographisch ausgenom­men und durch Mehrfarbendruck vervielfältigt. Die Wirkung der Chromoplastbilder ist überraschend, wenn dieselben durch den nur wenig vergrößernden Stereoskopapparat betrachtet werden. In voller Naturtreue zieht Bild auf Bild an unserem Auge vorüber, die tvirklichen Farben der Landschaft, des Himmels, des Meeres, der dunklen Wälder, der Blumen und des ewigen Schnees zeigen sich in den wunderbaren Farben der Natur. Auch die volle Wirk­lichkeit des körperlichen Sehens, das Gefühl mitten in der Land- K zu stehen, jeden Grashalm, jede Blume, jedes bunte Blatt nndertfältigm Farben des Herbstes oder des grellen Sonnen­scheins über Thäler unb Wiesen veranschaulichen diese Chromo­plastbilder im Stereoskop. Die Chromoplastbilder sind ein bil­dendes Unterhaltungs- und Anschauungsmittel ersten Ranges und die beste Reiseerinnerung ml durchwanderte Gegenden.Bon Nah unb Fern" ist eine treffliche Zusammenstellung von 24 Chromo­plastbildern aus den bisher erschienenen 23 Serien zu 12 oder 6 Bildern.Von Nah und Fern" nebst Apparat ist durch die einschlägigen Geschäfte, ober direkt durch die Farbenphoto­graphische Gesellschaft m. b. H., Stuttgart, zu beziehen.

ErgäNMMrWel.

I . g >. d, . a . feb u.. . ie. e . in .

G.e.ch .re. sch . n . n .. üh .i. g .. ag .

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Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung der Königspromenade in voriger Nummer r Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet, Rauscht der Wahrheit tie' versteckter Born; Nur deS Meiseks fchiverem Schlag erweichet Sich des Marmors sprödes Korn. Schiller.

Rebakt!on: K. N e u r a t h. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gießet