Ausgabe 
21.10.1912
 
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Die haben etlnas ganz anderes im Werke. Dieses saubere Paar muß sofort verhaftet werden, um ferneres Unheil zu verhindern. Nach Lage der Sache können wir sie wegen des Versuches, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen fremdes Geld erheben zu wollen, festnehmen lassen.

Er füllte alsbald ein Formular aus, ließ es mich unter­schreiben und klingelte. Sofort trat ein Beamter herein.

Ist Wachtmeister Dixon hier? fragte Herr Beale.

Jawohl, Herr.

Dann sagen Sie ihm, er möchte hiermit unverzüglich nach Bow-Street gehen, sich einen Verhaftungsbefehl aus­stellen lassen und daun jo rasch wie möglich die Festnahme bewerkstelligen. Ich selbst werde in einer halben Stunde mit dem Antragsteller persönlich auf dem Gericht vor­sprechen.

Der Beamte grüßte und ging ab.

Wir wollen hoffen, daß die Vögel nicht unterdessen ausfliegen, sagte der Inspektor dann.

Da, wie ich bereits erwähnt hatte, das Wetter sehr schön war, schlenderten wir zu Fuß gemächlich' nach Whitchall. Im Laufe der Unterhaltung erzählte ich auch die Vorfälle, die mich damals in so große Verlegenheit versetzt hatten und mir ganz unerklärlich erschienen jetzt freilich sehr gut erklärt waren. Denn nun unterlag es keinem Zweifel mehr, daß das Weib, das wir damals auf der Chaussee nach Kew im Wagen hatten vorbeirasen sehen und die ge­heimnisvolle Dame im Pelz, die der Schaffner heute früh so genau beschrieben hatte, sowie die .Frau, die ich auf der Veranda am Mittag mit dem Baron'gesehen hatte, ein und dieselbe Person waren die Pseudo-Marcella.

Siehst du nun, Mortimer, sagte ich zu meinem Freunde, es waren demnach wirklich optische Täuschungen. Das Frauenzimmer hatte Marcella allerdings in jeder Hinsicht täuschend kopiert, aber sonst hat sie ihre Rolle doch recht schlecht gespielt.

Sagen Sie das nicht so leichthin, Herr Doktor, be­merkte der Inspektor. Der Anschlag heute nachmittag war gar nicht so übel und würde sicher gelungen sein, wenn Sie Ihre Marcella aus besonderen Gründen nicht mit verbundenen Augen sogar erkennen würden. Damit hatten sie natürlich nicht gerechnet, und nur daran ist die ganze Sache gescheitert. Aber nun werden sie die Augen schon offen halten, passen Sie nur auf es wird einen Kampf geben bis aufs Messer. Doch vielleicht können wir ihnen heute noch einen Strich durch ihre Rechnung machen. Das werden wir gleich sehen, denn hier sind wir ja schon in Bow-Street.

Wir erfuhren hier, daß der Verhaftungsbefehl gegen den Baron und seine schöne Begleiterin gleich ausgestellt worden war und Dixon sich sofort aufgemacht hatte, um ihn zu vollstrecken. Er war seit etwa einer Viertelstunde weg, und man erwartete jede Minute, daß er mit seinen Gefangenen zurückkehren würde. Mortimer und ich wurden in ein Vorzimmer gewiesen, wo wir Zeit hatten, uns eine halbe Stunde auszuruhen. Dann kam Inspektor Beale zu uns zurück. Er machte ein sehr mißvergnügtes Gesicht und sagte:

Die Vögel sind leider ausgeflogen kein Mechch hat sie fortgehen sehen. Sie haben ihre Rechnung nicht bezahlt, und ihr Zimmer !var abgeschlossen und hat erst durch einen Hauptschlüssel geöffnet werden können. Sie haben zwei Koffer zurückgelassen, aber, der Himmel weiß, was da drinn' sein mag. Der Direktor des Hotels glaubt, 'daß sie noch mal wiederkommen sie werden aber den Teufel tun. Immerhin werden wir das Hotel polizeilich überwachen lassen, und auch der eigene Detektiv wird auf der Hut sein. Auch die Bahnhöfe werden scharf kon­trolliert werden. Einen großen Borsprung haben sie ja nicht in dieser Beziehung sind sie im Nachteil, doch will dieser Umstand bei Leuten solchen Schlages nicht allzu­viel besagen.

Aber was ist aus dem Mädchen geworden? fragte ich. Ist die auch mit weg?

Ich glaube wohl, denn in den Ziinmern war keine Menschenseele. 1 /

Nach alledem schien uns weiter nichts übrig zu blei­ben, als uns in Geduld zu fassen und die weitere Ent­wicklung der Dinge ruhig abzuwarten. Bevor sich Herr Beale von uns trennte, gab er mir noch die Versicherung, daß die Polizei in der Umgegend der Hampsteader Heide irecherchieren und jede Verdachtspur eifrig verfolgen würde.

Wenn ich auf eigene Faust nach dieser Seite etwas unter­nehmen wollte, so stehe dem nichts im Wege; im Gegenteil würde er mir jede .erforderliche Unterstützung dabei zuteil werden lassen.

Damit verabschiedete er sich.

Ich möchte dich bitten, .Charleh, sagte ich dann zu meinem Freunde, mit mir nach Richmond zu kommen. Helen war bei meinem Weggang heute morgen sehr nieder­geschlagen. Der abscheuliche Brief heute früh hat sie schreck­lich aufgeregt. Sie war schon durch dein Schreiben gestern abend sehr elend, aber oas heutige hat ihr vollends den Garaus gegeben. Bis dahin hatte sie keinen Augenblick an Marcellas Aufrichtigkeit gezweifelt. . Aber heute früh war sie vollkommen erschüttert. Ich konnte es dem armen Mädchen auch wirklich nicht verdenken. Die fortwährende Aufregung der letzten Tage ist ihr zu stark auf die Nerven gefallen. Es war auch zu viel für sie. Du kommst also mit, nicht wahr?

Er hatte schon einen .Wagen gemietet.

Station Waterloo, rief er hem Kutscher zu. Spring 'nein, Ted. Natürlich komm .ich mit. Wir müssen das arme Kind irgendwie aufheiteru. Meinst du nicht, daß es besser wäre, wenn sie so lange an die See ginge, bis diese ganze Geschichte vorüber ist?

Das wird sie aber guf keinen Fall tun! Leiste du ihr lieber möglichst viel Gesellschaft und sage ihr, daß uns Marcella nicht betrogen hat, dann wird sie schnell wieder die Alte sein und mit uns zusammen durch dick imb- dümk marschieren. Außerdem steht Weihnachten .vor der Tür. Ich glaube, mein Lieber, es wird diesmal kein sehr fröh­liches Fest für uns werden.

Wer weiß es noch? Womöglich wendet sich bis dorthin noch alles zum Besten, .und Marcella ist mit in unserem kleinen Kreise; was würdest du dann tun, mein lieber Medikus?

Auf die Kniee fallen pud Gott danken, antwortete ich gerührt.

Damit fuhren wir in Pie Station ein.

(Fortsetzung folgt.)

Abenteuer des Brigadier Gerard.

Von C. Doyle.

(Fortsetzung.)

Eine Stunde lang saß ich in meinem Jammer auf einem! Bündel Reisig. Ich war geistig und körperlich abgespannt, hatte meinen Kopf auf die Hände gestützt und war in traurige Ge­danken versunken. Es Ivar ja noch kalt genug innerhalb dieser vier Mauern, aber ich stellte mir die Leiden meiner armen Reiter draußen vor und nahm Anteil an ihrem Elend. Dann schritt ich auf und ab, rieb mir die Hände und stampfte gegen die Wände, um die Füße nicht zu erfrieren. Die Lampe strömte etwas Wärme aus, aber es war trotzdem bitterkalt, und ich hatte seit dem Morgen nichts gegessen. Es schien mir, als ob mich alle vergessen hätten, aber endlich hörte ich schließen, und wer trat herein? Mein Gefangener vom Morgen, Rittmeister Alexis Barakoff. Er hatte eine Flasche Wein untenn Arm und trug eine große Schüssel voll dampfenden Fleisches in den Händen,

Pst!" machte er;Kein Wort! Behalten Sie den Kops hoch! Ich kann nicht lange bleiben, ums Ihnen genauer aus­einanderzusetzen. Bleiben Sie wach und bereit!" Mit diesen flüchtigen Andeutungen stellte er die willkommene Speise aus den Boden und lief rasch wieder weg.

Bleiben Sie wach und bereit!" Die Worte gingen mir im Kopf 'rum. Ich und trank, aber weder Fleisch mich Wein hatten mich innerlich erwärmt. Was sollten diese Worte von Barakoff bedeuten? Warum sollte ich munter bleiben? Wozu sollte ich mich bereit halten?. Sollte wirklich noch eine Möglich­keit, zu entfliehen, vorhanden sein? Ich habe stets den Mann gering geachtet, der nur betet, wenn er in Gefahr ist. Er gleicht! einem schlechten Soldaten, der seinein Obersten nur Respekt be­zeigt, wenn er etwas von ihm haben ivill. Aber trotzdem, wenn ich an die sibirischen Bergwerke einerseits, und an meine Mutter andererseits dachte, konnte ich nicht umhin, ein Gebet zum Himmel zlu senden, nidjt mit den Lippen, sondern aus dem Herzen, daß die Worte Barakosfs die erhoffte Bedejntung haben möchten. Aber die Kirchenuhr schlug eine Stunde nach der anderen, und ich hörte nichts außer dem Rnf der russischen Wachen auf der Straße draußen. ! _ c . m ..

Da endlich hüpfte mein Herz vor Freude ttt meiner Brust, denn ich hörte leichte Tritte auf dem 'Gang. . Im nächsten Mo­ment wurde aufgeschlossen, die Tür ging ans, und Sophie stand im Zimmer, wenn man's so nennen darf.

Monsieur" rief sie.