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„Etienne," sagte ich.
„Nichts scheint Sie uMzustimmen," sagte sie. „Wer ist's Möglich, daß Sie mich nicht hassen? Haben Sie mir den Streich verziehen, den ich Ihnen gespielt habe?"
„Was für 'nen Streich?" fragte ich. . i
„Gerechter Himmel! ist's möglich, daß Sie's jetzt noch nicht begriffen haben? Sie baten mich, die Depesche zu übersetzen. Ich sagte Ihnen, es hieße: „Wenn die Franzosen mach Minsk kommen, ist alles verloren!"
„Ja, wie hieß es denn?"
„Es heißt: „Laßt die Franzosen nur nach Minsk kommen, wir erwarten sie!"
Ich prallte vor ihr zurück.
„Sie haben mich verraten!" rief ich. „Sie haben mich in diese Falle gelockt. Ihnen verdanke ich die Vernichtung und Gefangennahme meiner Mannschaft. Tor, der ich war, einem Weib zu trauen!"
„Seien Sie nicht ungerecht, Oberst Gerard. Ich bin eine Russin, und 'meine erste Pflicht bin ich meinem Vaterlande schuldig. Würden Sie nicht von einer Französin verlangen, daß sie ebenso gehandelt hätte, wie ich's getan habe? Hätte ich Ihnen die richtige Bedeutung gesagt, so würden Sie nicht nach Minsk geritten, und Ihre Schwadron würde entkommen sein. Vergeben Sie mir! Tun Sie's!"
Sie sah bezaubernd aus, als sie so dastand Und sich verteidigte. Wer da ich an meine toten Leute dachte, konnte ich die Hand nicht anneh-men, die sie mir darbot.
„Gut," sagte sie, während sie sie heruntersinken ließ. „Sie fühlen für Jl>rc Nation, und ich fühle für meine, dann sind wir also gleich. Aber in diesem Hause haben Sie ein wahres und gutes Wort gesprochen, Herr Oberst Gerard. Sie sagten,, ein .Mann Mehr oder weniger macht keinen großen Unterschied beim Kampfe so großer Arnieen. Ihre edelmütige Lehre ist nicht vergeblich gewesen. Hinter diesem Holzhaufcn ist eine unbewachte Tür. Hier ist der Schlüssel dazu. Gehen Sie, Oberst Gerard, ich glaube, daß wir uns wohl nie Wiedersehen werden.".
Ich stand einen Augenblick da, den Schlüssel in der Hand und ganz wirr int Kopfe. Tann gab ich ihr ihn zurück.
,^Fch kann's nicht tun," sagte ich.
„Warum nicht?"
,/Jch habe mein Wort gegeben."
„Wem?" fragte sie.
„Nun, Ihnen."
„Und ich geb's Ihnen zurück."
Ich war voller Freude. Natürlich war's ganz richtig, was sie sagte. Ich hatte mich geweigert, Serschin das Wort zu geben. Ich hatte ihm gegenüber keine Verpflichtung. Wenn sie mich von meinem Versprechen entband, so war meine Elche rein. Ich nahm wieder den Schlüssel aus ihrer Hand.
„Am Ende der Dorfstraße werden Sie Rittmeister Barakoff finden," sagte sie. „Wir Nordländer vergessen weder Unrecht noch Güte. Er hat Ihr Pferd und Ihren Säbel und wartet auf Sie. Zögern Sie keinen Augenblick, denn in zwei Stunden wird's Tag." i
So ging ich hinaus in die sternhelle russische NachU Von Sophie bekam ich den letzten Blick, als sie hurch die offene Tür hinter mir herschaute. Es war ein ausdrucksvoller Blick, sie mochte etwas mehr erwartet haben, als ein paar kalte Dankesworte, aber auch der unglücklichste Mensch besitzt seinen Stolz, und ich will nicht in Abrede stellen, Messieurs, daß meiner durch die Täuschung, die sie mir bereitet hatte, beleidigt war. - Ich hätte es nicht über mich gewinnen können, ihr die Hand zu küssen, geschweige denn die Lippen. 'Die Türe führte in einen engen Gang, uni) am Ende desselben stand eine vermummte Gestalt, die Violetta am Zügel hatte. >
„Sie sagten mir, ich möchte gegen den erften französischen Offizier, den ich in Not träfe, mich gütig erweisen," sagte er. „Gut Glück! Bon voyage!" flüsterte er, als ich in den Sattel stieg. „Vergessen Sie nicht, „Poltava", wenn Sie an Wachen vorüberkommen."
Es war gut, daß er mir das eingeschärft hatte, denn ich mußte zweimal an russischen Feldwachen vorbei, ehe ich durch die Kosakenlinien hindurchkam. Ich hatte gerade die letzten Ve- dettcn passiert und hoffte, wieder ein freier Mann zn werden, als ich hinter mir ein Geräusch hörte, und einen schweren Manu auf einem Rappen rasch hinter mir herreiten sah. Im ersten Moment wollte ich Violetta die Sporen geben. Wer sofort, als ich einen langen, schwarzen Bart erkennen konnte, der auf einen stählernen Küraß herunterhing, machte ich Halt und erwartete den Reiter. <
„Ich dachte mir, daß Sie's wären, Sie Franzosenhund!" schrie er und kam mit erhobenem Säbel auf mich los. „Sie haben Ihr Wort gebrochen, Sie Lump!"
„Ich habe Ihnen kein Wort gegeben." -
„Du lügst, du Hund!"
Ich schaute mich um, niemand war zu sehen. Die Wachen waren weit entfernt. Wir waren ganz allein,_ über uns der Mond, unter uns der Schnee. Fortuna ist mir immer hold gewesen.
„Ich hab' Ihnen kein Wort gegeben."
„Aber der Dame haben Sie's gegeben."
„Dann will ich's auch vor der Dame verantworten." , „Tas könnte Ihnen freilich besser passen, zweifelsohne. MeV lewer werden Sie's vor mir zu verantworten haben." ;
„!Fch bin bereit."
„Ihren Säbel auch?! Das ist Verrat! Ah, ich durchschaue alles! Das Frauenzimmer hat Ihnen beigestanden. Für diese nächtliche Tat soll sie Sibirien kennen lernen."
Durch diese Worte hatte er sich das Leben verwirkt. Um! Sophiens willen konnte ich ihn nicht lebend zurückkehren lassen. Unsere Säbel kreuzten fick), und einen Moment später war meiner durch seinen schwarzen Bart tief in den Hals .gebohrt. Ich war fast ebenso, rasch am Boden wie er, aber der eine Streich genügte.. Er starb, indem er wie ein reißender Wolf mit den Zähnen nach meinen Füßen schnappte.
Zwei Tage darauf stieß ich iit Sniolensk wieder zu unseren Armee und bildete wieder einen Teil dieser jammervollen Prozession, die durch den Schnee weiter wanderte und eine lange Blutfährte hinterließ, um den Weg zu zeigen, den sie genommen hatte.
Genug, nies amis; ich will die Erinnerung an jene Tage des Elends und des Todes nicht wieder wecken. Sie schrecken mich noch im Traume. Ms wir endlich in Warschau Rast machten, hatten wir unsere Kanonen verloren, unseren Troß und drei Viertel unserer Leute, aber nicht die Elche EUenne Gerards. Man, hat behauptet, ich hätte mein Wort gebrochen. Es möge 's mir um Gottes willen kein Mensch ins Gesicht sagen, denn die Sache verhält sich so, wie ich erzählt habe, und wahrhaftig, Messieurs, so alt ich auch bin, meine Hand ist noch stark genug, um eilte Pistole zu halten, wenn meine Ehre auf dem Spiel steht.
(Fortsetzung folgt.)
Die Erdkröte — ein sehr nützlicher Geschöpf.
Durch das Entgegenkommen des Bibliographischen Instituts in Leipzig sind wir in der Lage, unsere Leser mit einem' interessanten Abschnitt aus dem vierten Bande (der Abteilung! „Lurche und Kriechtiere" erster Teil) von „Brehms Tierleben" bekannt zu machen, das, völlig neubearbeitet, gegenwärtig in vierter Auflage erscheint.
Als echtes Nachttier hält die Erdkröte sich! während des Tages stets verborgen, es sei denn, daß warmer Regen das Erdreich angefeuchtet hat und das Gewölk noch die ihr lästige Sonne verhüllt. Unter solchen Umständen versucht sie wohl auch ausnahmsweise bei Tage ihrer Jagd obzuliegen, während sie diese sonst erst nach Sonnenuntergang beginnt. Unbehilflich in ihren Bewegungen, kaum geschickt, weitere Sprünge auszufuhren, täppisch und schwerfällig, wie sie ist, vermeidet sie Streifzüge, sucht dafür aber das von ihr beherrschte kleine Gebjet um so sorgsamer ab und wird deshalb, und weil ihre Gefräßigkeit einen bedeutenden! Nahrungsverbrauch bedingt, der Oertlichkeit, wo sie sich augesiedelt hat, zum wahren Segen. Eine Folge ihrer Ungeschicklichkeit ist, daß sie oft in Keller, Brunnen, Schächte und Grotten hinabstürzt, aus denen es für sie kein Entrinnen mehr gibt, und wo sie sich mit der geringen Beute begnügen muß, die ebenso, wie sie, zufällig in die Tiefe fällt. Trotzdem gelingt es ihr auch hier, ost merkwürdig lange Zeit nicht bloß ihr Leben zu fristeu, sondern sich förmlich zu inästen. So fand Erber in Dalmatien bei seinen Besuchen von Grotten in einer Tiefe von 45 Metern und mehr sehr große, und zwar stets wohlgenährte Erdkröten, was, wie er sagt, mit der Ungeheuern Gefräßigkeit, die diese Tiere üt der Gefangenschaft entwickeln, durchaus nicht übereinstimmen will, da ja doch in den wenigsten Grotten Insekten regelmäßig Vorkommen. Ihre Beutetiere sind, nach Fothergill, kleine Würmer, Wespen, Bienen, Spinnen, Käfer, überhaupt alle Arten vonJnsekten, mit Ausnahme der Schmetterlinge, die sie deshalb nicht gerne nimmt, weil der Flügelstaub an ihrer schleimigen Zunge festklebt und ihr das Schlucken erschwert. Ungeachtet ihrer Gefräßigkeit, die man einen fortwährenden Heißhunger nennen möchte, verschmäht sie hartnäckig, tote Tiere zu genießen. Man wollte versuchen, ob nicht der Hunger sie zwingen werde, von solchem Eigensinn abzulassen, und verschloß eine kräftige Kröte in einem Blumentöpfe, in den man eine ziemlich große Anzahl frisch getöteter Bienen gelegt hatte; nach sechs oder sieben Tagen waren jedoch noch alle Bienen vorhanden, während anderseits lebende Insekten dieser Art sofort ergriffen und ohne jeglichen Schaden verspeist werden.
Die Art und Weise, wie die Kröte ihren Raub erwirbt, kann man leicht beobachten, da sie auch bei Tage keine Beute au sich vorübergchen läßt, vielmehr Nach allem, was in ihren Bereich kommt, gierig hascht, Insekten sogar auf kleine Entfernungen hin verfolgt. Ihre weit vorstehenden und höchst beweglichen Augen nehmen da, wo das sie blendende, grelle Sonnenlicht durch Pflanzen gedämpft wird, jedes Tierchen wahr, es mag erscheinen, von woher es will, und die Zunge wird mit einer wunderbarem Beweglichkeit und Gelenkigkeit aui das erspähte Beutestück geworfen, so daß dieses selten entkommen kann. Wer einer verborgenen Kröte, ohne sie zu behelligen, einen Wurm, eine Raupe oder ein anderes Insekt Vorhalt oder zuwirft, kann sie in ihrem vollen Treiben belauschen. Augenblicklich beginnen die Augen zu funkeln, und sie selbst erhebt sich aus ihrem scheinbar schlaf-


