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verlassen können. Ein Mas Wein wird ihr Wrigens ganz gut tun. . _
Damit eilte ich hinaus. Da ich meinen Kranken gar nicht in einem so kritischen Zustande fand, wie ich gefürchtet hatte, kürzte ich meinen Besuch nach Mogluytert ab und kehrte direkt nach Hause zurück. Wie ich voraus^ gesagt hatte, traf ich die schöue Fremde aufsitzend, und Helen nötigte sie gerade, ein Glas Wein anzunehmen.
Sie schlug die Augen zu mir auf, uud ich muß. offen gestehen, so glänzende, dunkle und sanfte Augen hatte ich noch nie gesehen, und doch lag etwas darin — ein Blick der Verwunderung, mit Furcht und Beunruhigung gemischt ■— das mich nicht wenig in Verlegenheit setzte.
Ich hoffe, Sie fühlen sich jetzt besser, sagte ich. .
Ich weiß nicht, stammelte sie. Ich habe so 'n ergen- tümliches Gefühl int Kopfe. Was ist denn eigentlich passiert? Wo bin ich denn?
Sie sind draußen auf der Straße in der Nähe meines Hauses von einem plötzlichen Unwohlsein befallen worden, antwortete ich. Ich bin Arzt und habe Sie hier hereiNj- bringen lassen.
Sie fuhr mit der Hand- über die Stirn und schien bc tilgen.
Das verstehe ich nicht. Mein Erinnerungsvermögen scheint geschwunden zu sein. Das ist Ihr Haus, sagen Sie?
Gewiß ist das mein Haus.
Ich verstehe immer noch uicht. Wo ist Ihr Haus?
Ich wechselte erstaunte Blicke mit Helen. Ei, sagte ich, hier, in Richmond natürlich.
Diese Worte erschienen ihr jedoch offenbar sinnlos.
Richmond! wiederholte sie. Richmond! Ich habe noch nie von einem Ort Richmond gehört.
Wieder tauschte ich mit meiner Schwester höchst erstaunte Blicke.
Das ist aber Richmond, sagte ich, und Sie müssen doch 'zu irgend einem Zweck hierhergekommen sein.
<sie faßte sich wieder an die Stirn, als ob sie tief uaclst zudenken sich bemühte, und schüttelte von neuem den Kopf.
Das muß ich vergessen haben, sagte sie dann.
Können Sie sich nicht entsinnen, zu welchem Behuf Sie hierhergekommen sind?
Ich kann mich gar nicht erinnern.
Aber gewiß, fuhr ich fort, wissen Sie, wo Sie herkamen. Sind Sie mit dem Zug gekommen?
Ich weiß wahrhaftig nicht, antwortete sie in sichtlicher Verlegenheit.
Es beschlich mich allmählich ein gewisses Gefühl der .Beunruhigung. Die Zeitungen hatten kürzlich über einige außergewöhnliche Fälle von Gedächtnisschwund berichtet, und ich war neugierig, ob ich einen solchen Fall vor mir hatte, und wie dann die ganze Sache auslaufen würde. Ich überlegte einen Moment, ehe ich die letzte und ausschlag-j gebende Frage an sie richtete; dann sagte ich endlich:
Nun, es erscheint ja sehr sonderbar, aber vielleicht kann ich Ihrem Gedächtnis etwas nachhelfen. Wenn Sie keinen besonderen Grund zur Verheimlichung haben, so können Sie mir vielleicht Ihren Namen angeben?
Meinen Namen? wiederholte sie und faßte sich wieder an die Stirn und zeigte einen schmerzlichen. Zng. Sie machte diesmal verzweifelte Anstrengungen, aber es war alles umsonst: dann nach einer Weile antwortete sie endlich, traurig den Kopf schüttelnd und erzwungen lächelnd:
Der Himmel steh' mir bei, Herr Doktor, aber ich habe ihn ganz vergessen.
Davor hätte id) Bange gehabt; nun wurde die Sache ernst. Was, begann ich zu bedenken, sollte ich mit diesem' reizenden Geschöpf anfangen, das auf so eigentümliche Und geheimnisvolle Weise in unser Heim gekommen war? Wer und was war sie?' Ihrem Aeußereu nach mußte sie entschieden eine Spanierin sein — sie hätte den Typus, dem man häufig im südlichen Kalifornien und Texas begegnet, und sprach mit ausgesprochen amerikanischem Akzent. Auch ihre Kleidung und ihre Manieren, selbst die Sitte, auf der Straße wertvolle Diamanten zu tragen, sprachen deutlich! für ihre transatlantische Herkunft. Auf alle Fälle stand soviel fest, daß sie keine Engländerin wär. Nach dieser Ueberlegung wandte ich mich ihr wieder zu und fragte sie:
Können Sie sich besinnen, ob Sie in London irgend welche Freunde haben?
London? sprach sie nach. Von London hab' ich gehört; und dabei verklärte sich ihr Gesicht.
Schön, versetzte tety, und ein glücklicher Gedanke stieg in mir auf. Vielleicht, sagte ich zu Helen, hat sie eine! Rückfahrkarte in der Tasche, womöglich auch eine Mch-t monder Adresse — in diesem Falle kann ich erneu Wagen bestellen und sie an ihrem Bestimmungsort fahren kaffen. Dann wird ihr zweifelsohne mit einem Male wieder alles einfallen.
Ei, natürlich, erwiderte Helen, sichtlich erleichtert, und wandte sich lächeln-d an unseren Besuchs.
Haben Sie eine Börse? fragte sie.
Die Fremde lächelte gleichfalls.
Gewiß muß ich eine Börse bei mir haben, antwortete! sie und griff mechanisch in dne Seitentasche, aus der sie den in Frage stehenden Gegenstand hervorzog und mir hinreichte. Er bestand aus Schlangenleder, und zu meiner Freude entdeckte ich etwas darauf, was ich, zuerst für ein Edelsteinmonogramm anfahj aber bald- als ein einfaches M erkannte, was ich mir merkte.
Wenn Sie gestatten, sagte ich, werde ich! das Porte-, monnaie mal ansinacheir.
Sie nickte hastig, und im Nächsten Moment fand ich darin, .außer Gold-, Silber- und Papiergeld, die unverkennbare Hälfte eines Retourbilletts-erster Masse d,om Bahn,'- hof Waterloo.
Genau, wie ich mir gedacht, sagte ich. Sie ist von London gekommen, — hier steht das Datum um in Richmond jemanden zu besuchen. Höchst wahrscheinlich ist auch die Adresse hier drin. Aha! rief ich und seufzte erleichtert auf, hier steht sie zweifellos drauf. Ich faltete ein Papierstückchen auf und las — ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen — meinen eigenen Namen.
Ich traute meinen Augen kaum. Aber die unninstöß-- liche Tatsache stand schwarz auf weiß vor mir, dagegen war nichts zu machen. Ich fühlte, daß. das Geheimnis mich, plötzlich persönlich anging, und war über diese Wendung' mehr als verwundert.
(Fortsetzung folgt.)
Zlstzundert Jahre §chlitzer Geschichte.
Von Pfarrer Hermann Knott in Wallenrod.*)
Schlitz, das altertümliche Städtchen mit seinen Burgen droben in der Nordostecke der hessischen Provinz Oberhesscn feiert in diesen Tagen ein seltenes Jubelfest. Am 20. September sind es 1100 Jahre, daß Erzbischof Richolf von Mainz (t 813) dort eine von dem fuldischen Abt und hervorragenden Baumeister Ratgarius erbaute Kirche weihte.
Wer weiß es noch, daß von jener Nordostecke das erste Licht nicht nur des Christentums, sondern auch jeglicher Kultur einströmte in die Provinz Oberhessen, daß jene alte Kirche in Schlitz, wie eine trotzige kleine Festung von Fulder Mönchen in die Urwaldwildnis auf dem Berg gebaut, wo einst ein heiliger Hain die Chatten versammelte, die älteste Kirche war, wahrscheinlich in ganz Hessen? Wer weiß es noch, daß Sturmius, der eigentliche Gründer des Klosters Fulda, dort einst als erster Missionar durch die Wälder zog, und daß Schlitz einst die alte Mutterkirche war jener ganzen Gegend?
Das 1100 jährige Jubiläum hat den Anlaß gegeben, einen Blick in die vorher noch nicht geschriebene, recht bewegte Schützer Geschichte zu tun und sie zu schreiben.
Der alte Fuldische Geschichtsschreiber S ch a n n a t teilt in seiner Buchonia (Seite 375) die Urkunde mit, die uns die älteste Kunde von Schlitz und der 812 dort auf dem Schlitzberg erbauten Kirche überliefert. Doch sei vorher ein flüchtiger Blick in noch ältere Zeiten dieser Gegend gestattet und daran erinnert, daß der Nordostabhang des Vogelsbergs überaus reich ist an den Ueberresten vorgeschichtlicher Besiedelungen, wie besonders die reichlichen Funde aus der Bronzezeit dort beweisen, ebenso die interessanten P f a h l b a u r e st e, die man in Fulda ausgegraben hat?) Ebenso reich ist die ganze Gegend an altgermanischen Kult platzen gewesen, deren Ringwälle, Namen und die sich daran anknüpfenden Sagen heute noch davon Kunde geben.
Ein solcher altchattischer Kultort war ohne Zweifel auch der aus der Schlitzebene sich erhebende Hügel, auf dem heute diese kleine' Stadt liegt. Alle Bergkirchen der ältesten Z e i wurden auf altgermanischen Kult statten erbantz und wer daran poch zweifelt, dem sei die Verordnung mitgeteilt,- die Gregor der Große dem angelsächsischen .Abt Mellitus
*) Eine wertvolle Ergänzung zu dem in der letzten Nummer der Gießener Familienblätter erschienenen Aufsatz über das Schlitzerland bietet der folgende Aussatz, der auch sehr interessante Einzelheiten mitzuteilen weiß. Die Red,
Vergl, Vonderau, Pfahlbauten im Fuldatal, Fulda 1899,


