Samstag, den 2\. Septemder
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Die Dame im Pelz.
Roman von G. SB. Appleton.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Daß Herr Garcia wohlbehalten in Southampton und New.Jork angekommen war, erfuhr ich einige Wochen danach Ms folgendem Briefe:
Lieber Herr Williams!
Ihre Güte in jener Nacht in London kann ich nie vergessen. . Nur Ihnen verdanke ich, daß ich noch am Leben bin. Warum, brauche ich Ihnen wohl nicht auseinander- zusetzen. , Die einfache Konstatierung der Tatsache mag genügen. Ich hoffe, meine Dankbarkeit noch in einer greifbareren Form ausdrücken zu können. Einstweilen verbleibe ich mit besten Grüßen
Ihr dankbarer
Emmanuel Garcia.
2. Kapitel.
Kurz nach diesem mer oürdigeu Abenteuer erlangte ich meine .Approbation als Arzt, und mit Hilfe meiner Tante gelang es mir bald, eine einträgliche Praxis in Richi- inoud zu erwerben. Mein neues Heim, idem meine Schwester Helen Vorstand, lag am Rande der Stadt; es war eine einzelne kleine Villa, an deren Gartentür ein glänzendes Kupferschild prangte mit der Aufschrift „Dr. med. Edward Williams, praki. Arzt", worauf ich in der ersten Zeit nicht wenig, stolz war.
Als Assistenten hatte ich einen jungen Herrn namens Gregory; außerdem hielt ich einen Laufburschen und ein Dienstmädchen. Ein Jahr lang, ging alles schön und gut. Helen war eine ausgezeichnete Wirtschafterin, so daß ich nicht im mindesten das Bedürfnis hatte, mich in die ehelichen Fesseln zu schlagen. Ich fühlte mich zufrieden und glücklich und lebte in wohlgeordneten Verhältnissen. Keinerlei Mißklang hatte unser ruhiges und gemütliches Dasein gestört, und' es versprach auch für die Zukunft alles Gute, als es sich mit einemmal ohne das geringste vorherige Anzeichen ganz und gar änderte. , r
Es war Ende Dezember. Ich war gerade mrt fruh^ stücken fertig, da bekam ich von einem Patienten, dessen Wiederherstellung mir sehr am Herzen lag, die Nachricht, ihn doch so rasch wie möglich zu besuchen. Ich zog also meinen Ueberzieher an und machte mich sofort auf den Weg. Es hatte schon seit einer Stunde geschneit, so daß. der Boden etwa einen Zoll hoch mit Schnee bedeckt war. Als ich die Gartentür hinter mir geschlossen hatte, bog rch scharf links um, nach der Wohnung meines Patienten zu. Da höre ich plötzlich von der entgegengesetzten Richtung meinen Namen rufen. Ich drehte mich um und sah eine Anzahl Menschen, die um einen dunklen Gegenstand herumstanden, der im Schnee guf dem Boden lag. Ein Wann winkte
mir, doch näher zu kommen. Ich ging auf die kleine Gruppe zu unb fand zu meiner großen lleberraschung, daß. ein hübsches junges Weib bewußtlos, mit dem Gesicht nach oben, auf dem kalten, schneebedeckten Boden lag.
Ich fragte, wer sie sei, aber niemand konnte mir Aus^ fünft geben. An ihrem kostbaren Pelzmantel und den Diamantohrringen sah ich, daß sie eine Dame der besseren Stände sein mußte. Die Ursache ihres Falles ließ sich im Augenblick nicht feststellen, ick wußte nur, daß es eine Zeitlang dauern könnte, ehe sie das Bewußtsein wieder- erläugen würde. Im Schnee sie liegen zu lassen, war ausgeschlossen, schon die pure Menschlichkeit verlangte, sie unter ein schützendes Dach zu bringen. Kurz entschlossen, ließ ich sie also in mein eigenes Haus tragen.
Die Umstehenden leisteten bereitwilli gst Hilfe, und auch Helen, die uns vom Fenster aus kommen sah, flog eilends aus dem Hause und machte die Türe weit auf.
Barmherziger Himmel! Was ist denn passiert? rief sie, als sie das bleiche Gesicht her Ohnmächtigen gewahr wurde.
Eine Dame ist draußen auf der Straße umgefallen, antwortete ich. Ich! halte es fürs beste, wir tragen sie ins Speisezimmer, dort ist's am wärmsten.
Wir legten sie aus eine Chaiselongue in der Nähe des Kamins, daun sagte ich den Leuten, die mir geholfen hatten, besten Dank und leistete der schönen Unbekannten die erste ärztliche Hilfe.
Helen betrachtete sie voll Staunen und Mitleid.
Wer mag sie sein? sagte sie. Schau mal den Pelz! — der hat wenigstens fünfhundert Pfund gekostet. Und die Steine im Ohr! Und diese Stiefeletten sind sicher amerikanisches Fabrikat. Auch ihr Anzug hat keinen englischen Schnitt; und — o, Ted! ist sie nicht wunderschön?
Und wahrhaftig, sie war wunderschön — von einer Schönheit, die sich nicht beschreiben läßt. Ich will nur erwähnen, daß, als Helen ihr die Kopfbedeckung abnahm, ihr rabenschwarzes Haar wie eine Kaskade znm Fußboden hinabsiel, und von ihren geschlossenen Lidern solche Wimpern sich auf die olivenfarbenen Wangen herabgesenkt hatten, wie man sie außerhalb des sonnigen Spanien und Mexiko nur selten findet. Die lieblich geformten weißen Lippen, die, wie ich wüßte, sich bald kirschenrot färben, würden, die anmutigen Züge und herrlichen Linien, die mein Auge überall gewahrte, das alles erregte mein Blut in dem Maße, daß ich es nicht wagte, Helens fragenden Blicken zu begegnen.
Ich denke, erwiderte ich möglichst berufsmäßig und ihre Frage gänzlich ignorierend, daß ihr Bewußtsein bald wieder zurückkehrt. Augenblicklich kann ich nichts mecker für sie tun; so bleibe du einstweilen bei ihr, während ich schnell mal zu Herrn Jones 'rumgehe, um 'itacl) seinem Befinden zu sehen. Sie werden sich so schon wundern, warum ich so lange auf mich warten lasse. Bei meiner Rückkehr wird sie wahrscheinlich wieder auf dem Damm sein und das Haus


