Ausgabe 
21.8.1912
 
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Rechten am Hebel, mit der Linken schlägt er sich in Verzweiflung gegen die Stirn, während ich, sest in dem Gehäuse eingeklammert, mit klapsendem Herzen warte. Endlich schlägt die Maschine auf. Eine unsichtbare Hand scheint mich am Nacken zu packen und schleudert mich gegen den Körper Marras,_ der seinerseits nach vorne geworfen wird. Ein paar Sekunden bin ich betäubt. Dann erwache ich, befreie mich von den Trümmern und Drähten. Marra liegt mit blutendem Gesicht wie tot. Ich rufe ihn, schüttele ihn, und dann ist auch schon die lärmende Menge um uns. Wir waren beide verwundet, aber ivir lebten."

kf. Das Fundbureau a l s Stahlkammer. Das Pariser Fundbureau in der Rue Ordener hat dieser Tage die Auf­klärung eines Vorfalles erhalten, der den dort tätigen Beamten Monate hindurch Kopfzerbrechen verursacht hat. Vor etwa einem Jahre erschien dort ein gutgekleideter Herr und gab für etwa 30 000 Franken Schmuckstücke ab, die er gesunden haben wollte. Es würbe das übliche Protokoll ausgenommen, unb man teilte bem glücklichen Finder mit, daß die ivertvollen Schmuckstücke sein Eigen­tum würden, falls sich nicht binnen Jahr und Tag ihr rechtmässiger Besitzer meldete. Es vergingen Monate, ohne daß irgend jemand den Verlust der wertvollen Schmuckstücke angemeldet hätte; nach einem halben Jahr aber erschien ein reicher Händler aus der Rue Championnet, gab an, ihm seien für etwa 30 000 Franken Schmuck­stücke abhanden gekommen und beschrieb die vor einem halben Jahre eingelieserten Schmuckstücke so genau, daß man nicht daran zweifeln konnte, daß sie ihm gehörten. Sie wurden ihm anstandslos ausgeliefert. Hieran ist nun, abgesehen von dem beträchtlichen Werte der Schmuckstücke, nichts merkwürdiges. Die Beamten des Fundbureaus waren jedoch nicht wenig erstaunt, als nach wenigen Monaten ivieder derFinder" der Schmuckstücke von einem halben Jahre vorher erschien und die gleichen Schmuckstücke als Fund ein­lieferte. Wieder vergingen ein paar Monate, ehe der Besitzer sich meldete, und wieder kam der Kaufmann aus der Rue Championnet und holte die Schmuckstücke ab. Den Beamten des Fundbureaus wurde die Sache jedoch zu bunt, als sich der gleiche Vorfall zum dritten Male abspielte. Es wurde nachgeforscht, und es stellte sich heraus, daß der Herr aus der Rue Championnet ein sehr pfifsiger Herr sei. der gemeinsam mit dem ehrlichen Finder, der einer seiner Angestellten war, die ganze Fundgeschichte inszeniert hatte, um für die Zeit seiner Abwesenheit von Paris seine Wertsachen in sicherem Gewahrsam zu wissen, ohne sich darum in Unkosten stürzen zu müssen.

kf. Das Ende ber Londoner Claque. Ter Londoner Claque ist das Todesurteil gesprochen! Die Theater der englischen Hauptstadt sind schon längst keine Freunde der Claque mehr ge­wesen, und nur noch wenige unter ihnen haben das notwendige Uebel bis in die jüngste Zeit beibehalten. Nun wird die'Claque auch aus dem Alhambra Variete, das bisher noch sozusagen ihre Hochburg war, hinausgetrieben; denn die Direktion hat mit dem Ende dieser Saison sämtlichen Mitgliedern ihrer Claque gekündigt und sich entschlossen, fortan ohne bezahltes Beifallklatfcheii Erfolge zu erzielen. Wie Eingeweihte wissen wollen, wollen sämtliche Theater und Varietes Londons jetzt gegen die Claques zu Felde ziehen. Aber gänzlich ausgerottet wird sie wohl doch nicht werden; denn manch Schausvieler und Variötekünstler ist zu sehr von der Notwendigkeit der Claque überzeugt, als daß er auf sie verzichten wird. Die Folge also wird sein, daß in Zukunft die privaten Claques um so zahlreicher aus der Erde sprießen werden. Wie sie ihr Geschäft zu handhaben verstehen, zeigt ein Erlebnis, das eilte bekannte Sängerin kürzlich hatte. Nach ihrer Ankunft in London erhielt sie den Besuch eines Claqueoberhauptes, der ihr seine Dienste anbot. Lachend wies sie ihn ab. Da aber runzelte der Gewaltige die Stirn und sagte in einem Tone, der keinen Zweifel darüber ließ, daß der Drohung auch die Tat folgen würde: Nun, dann werden wir eben stets an der falschen Stelle klatschen. Den Erfolg werden Sie ja sehen." Dann wandte er sich brüsk um und schritt zur Tür hinaus. Die eingeschüchterte Sängerin ließ ihn zurückrufen, und ein Kontrakt wurde abgeschlossen.

* Eine Märtyrerin der hygienischen Frauen - tracht. Die für eine Reform der Frauenkleidung kämpfenden Amerikanerinnen haben endlich eine Anhängerin gefunden, die den in solchen Fällen immer gern vermiedenen Schritt von der Theorie zur Praxis gewagt hat: Mrs. Rina Putnam, eine bekannte New Uorker Schriftstellerin, die tapfer ihre Ueberzeugung in die Tat umsetzte, anstatt ihr nur literarisch Ausdruck zu geben. Aber die Erfahrungen, die sie dabei machte, waren bitter und nicht er­mutigend. Die junge anmutige 5rmt Putnam entwarf ein Kleid, das den Ideen der Kleidungsreformerinnen entsprach. Nun hat sie mit der Führerin der Bewegung, Miß Ida Farbell, ihre Erfah­rungen in einem Briefe mitgeteilt.In meinem neuen Gewände bin ich von Kopf bis zu den Füßen gekleidet, ohne all jene zehn oder zwanzig unbequemen, häßlichen und überflüssigen Garderoben­stucke anlegen zu müssen und ohne die Formen der modernen Mode zu verballhornen. Das Kleid steht mir sehr gut, wenn es auch mit den herrschenden ungesunden Moden nicht völlig übereinstimmt. Aber wo ich auch erscheine: ich werde Gegenstand höhnischer Ova­tionen. In der Oper, wo ich sicher die am meisten bekleidete Frau war, starrt man mich an wie ein wildes Tier und ringsum schwirrt bte Luft von Bemerkungen:Wie komisch I"Wie peinlich J*

I Einige liebe alte Damen haben den Verkehr mit mir abgebrochen weil sie mein Kleid für unanständig ansehen. Meine männlichen Bekannten halten mir vor, ich sei exzentrisch. Ueberall gelte ich als eine Paria und werde als Kuriosität angestaunt." Die Beichte der Märtyrerin hat natürlich eine Reihe von Journalistinnen der Siem Uorker Zeitung zu dem Opfer seiner Ueberzeugungen ge­trieben : es zeigte sich, daß das Kleid aus einem Stück gearbeitet ist, ganz aus Seide, mit weißen Falten. Auch Herr Putnam will seine Frau bewegen, ihr neues Gewand wieder abzulegen, sie aber will standhaft bleiben und ihren Kelch auskosten bis zur bitteren Neige.

'Die wirklich k ü n st l e r i s ch e T r a u e r a n z e i g e. Aus Paris wird berichtet: Einen amüsanten Beitrag zu der verfeinerten ästhetischen Kultur des wahrhaft modernen Menschen hat in diesen Tagen ein in den literarischen und gesellschaftlichen Kreisen des vornehmen Paris wohlbekannter adliger Herr aufgestellt. Sein Bruder war gestorben und er versandte an die Freunde Todes­anzeigen, die in der Tat ein Muster kultivierten Geschmackes und künstlerischer Satzanordnung sind. Aber was den Freunden am meisten auffiel, war die merkwürdige Tatsache, daß die Anzeigen nicht die übliche 5 Centimes-Marke trugen, sondern statt dessen eine 5 Francs-Atarke. Man schüttelte den Kopf, grübelte und schließ­lich wagte einer den trauernden Hinterbliebenen nach der Ursache dieser Noblesse in der Frankierung zu fragen. Und der Aesthet er­zählte, wie sein künstlerisches Empfinden von dem Mißklang zwischen Papier, Trauerrand unb der groben Farbe der 5 Centimes- Marke so tief beleidigt worden war, daß er sich zu einer anderen Marke entschließen mußte. Versuche ergaben dann, daß nur das delikate tiefe Purpurrot der 5 Francs-Marke einen wirlich schönen künstlerischen Einklang mit dem Kuvert bringen konnte. Und so entstanden die in Hunderten von Exemplaren versandten, Stück um Stück mit 5 Francs frankierten, einzig künstlerischen Trauer­anzeigen.

* Vom luftigen Iohn Bull. Ein w ahr h'af t net* ter Mensch. -Das ist wirklich ein netter Mensch."Ja, das kann man wohl sagen; er ist imstande, Sie lang und breit poft Ihrer Sommerreise erzählen zu lassen, ohne daß er durchaus auch von seiner sprechen will." Die falsche Adresse. Eine Dame, die ihren Schirm' im Straßenbahnwagen hat stehen lassen, kommt in das Fundbureau, um sich nach seinem Schicksal zu erkundigen. -,,OH diese Damen, diese Damen!" sagt der Beamte auf ihre Frage, und bringt ihr etwa 30 Schirme, die sie sich an­sehen soll.Diese Damen sind doch zu vergeßlich!" Die Dante wirft einen prüfenden Blick auf die Schirme, lächelt und sagt; Aber da sehe ich nur drei Damenschirme, die andern sind ja alle Herrenschirme!" Gemütlich. Der dicke Herr (beim Fri­seur):Wie, Sie wollen mich von diesem kleinen Jungen d« rasieren lassen?" Friseur:Ach, lassen Sie den Jungen doch auch sein Vergnügen haben. Er hat ja heute Geburtstag." Der Schotte und der Ire. Zwei alte Pensionäre sprechen vom Sehen und Hören, ein Schotte von 72 und ein Ire vost 67 Jahren. Ter Schotte behauptet, er könne noch immer so gut sehen wie je. Ter Ire dagegen versichert, er habe noch nichts voll seinem scharfen Gehör eingebüßt.Sehen Sie den Hirsch da oben, der .da etwa 4 Meilen entfernt über die Spitze des' Berges läuft?" sagte der Schotte. Der Ire schaute und schaute, dann' sagte er:Ich kann ihn nicht sehen, -'M: ich höre ihn gehen." Der Schotte zog geschlagen ab.

Anthmogriph.

1 6 7 8 ein Nagetier.

2 3 4 7 8 nützliches Haustier.

3 8 9 8 7 italische Göttin.

4 8 9 6 Figur aus einem Grillparzerscheit Drama.

5 2 3 4 8 ein Zeitabschnitt.

6 4 9 Nebenfluß des Rheins.

7 8 3 4 7 ein Zahlwort.

7 3 4 5 8 9 ein Eigenschaftswort.

8 9 2 7 griechische Gottheit.

9 6 5 6 Stadt in Galizien.

Die Anfangsbuchstaben der gesundenen Wörter bezeichnen eilte gefürchtete Erscheinung aus beut Leben der Natur.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummer: Abkürzungen: tr Treff, p Pique, c Coeur, car Carreau trB Treff-Bube, pA Pique-, cD Coeur-Dame uff.

Im Skat liegen cZ und carA. Hinterhand wollte Pique-Solo spielen mit: carB, trA, tr8, pZ, pK, pD, p9, p8, p7, c9, Mittelhand hat beit Rest.

Verlauf des Spieles: Vorhand zieht der Reihe nach ihre drei Buben und spielt schließlich Coeur aus. Falls nun Mittelhand in der Absicht, die eZ zu fangen, um dadurch den Schneider zu retten, das cA zurückhält und zwei Mal klein zugibt, bekommt der Spieler sämtliche Stiche und die Gegner werden schwarz. Sticht jedoch Mittelhand mit dem cA, so werden höchstens 25 Augen eingebracht.

Daß das Pique-Solo der Hinterhand unverlierbar war, zeigt jede Probe.

Redaktion : I. V.: E. Heß. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheit Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießsck