619
Kloras Gewitterjacke.
Von Fritz Backer (Zürich).
Unser neues Dienstmädchen hieß Flora.
Sie trat Mitte August ein. Und noch, am gleichen Tage Hab es ein Gewitter. Nicht ein bildliches) sondern ein rich- I tigeS mit Blitz und Donnerschlag.
Schon als cs schwül wurde, ward Flora unruhig. Sie rannte zwecklos zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her.
„Paß auf," sagte meine Frau zu mir, „sie hat die Gewitterangst".
Und richtig — als' cs fern im Westen zuckte, zuckte Flora auch zusammen und rannte in ihre Kammer hinauf.
„Wirst sehen," sagte meine Frau, „sie holt sich, einen Wachsstock und läßt ihn zum Schutze gegen das Gewitter brennen."
Mer als Flora wieder herunterkam, hatte sie keinen Wachsstock in der Hand, sondern eine gelbe, dick gestrickte Jacke überm Körper, die fast an die Küie reichte.
Das sei ihre Gewitterjacke, sagte sie.
„Gewitterjacke?" sagten wir verständnislos.
„Ja, wenn ich, die anhabe, kann mir nix passier'n," sagte sie Zuversichtlich.
„Warum, Flora?"
„Mei' Gstvitterjacke is g'weiht, wissen S'."
„So, so, geweiht — wer hat sie denn geweiht, Flora?"
„Der Herr Pfarrer halt. Wissen S', an Schmied sei' Frau in Hintersteinkirchen, wo ich her bin, hat mir's selber g'strickk, die Gewitterjack'n, und nach« hab' i's ins Körberl 'neig'steckt unter die Ostereier, und wie der Herr Pfarrer mit'm Weihwedel vorbei- g'ang'n is, glei' vorn in der erscht'n Bank in der Kirch'n, da hat er ganz tief 'neitunkt mit sei'm Wedel, und wia ra g'spritzt hat, da es mt'i’ G'witterjack'n aa no ganz naß word'n — und jetzt kann mir scho' gar.nix mehr passier'n, wenn i di an hab'."
!Ein Blitzschlag fuhr dicht am Haus hernieder. Ein fürchterlicher Donner folgte. Wir waren alle zusammengefahren. ,, Nur Flora blieb ganz ruhig. ' Ich glaubte ein verächtliches Lächeln auf ihrem pfingstrosigen Gesicht zu entdecken.
„Gebt's euch fei’ Müh." schien dieses Lächeln zu den Blitzen zu sagen, „i hab' mei' G'witterjack'n an."
„Flora," sagte ich, „wir haben nun alle keine Gewitterjacke, glauben Sie, daß uns der Blitz —?"
„Wenn's ihr euch ganz nah zu mir herstellt, nacha kann euch aa nix g'schehen."
„Hm," sagte ich und sah auf Meine Frau.
Die lachte laut. Aber mir kam es vor, als wäre es ein wenig gezwungen, dieses Lachen. Dann ging die Flora mit der gelbgestrickten Gewitterjacke wieder ihrer Arbeit nach. Und während es draußen blitzte und donnerte, wollten unser Fritzel und unser Liesel die flatternden Bänder der Gewitterjacke gar nicht mehr loslassen und gingen mit der Flora hin und hier.
„Na, das ist denn doch —wollte ich mit väterlicher Gewalt aufbegehren gegen diesen Aberglauben, aber da sah ich, daß auch meine Frau merkwürdig viel in Floras Nähe zu tun hatte, so lange das Gewitter währte.
Predigen hilft nichts bei Aberglauben. Da versuchte ich es anders: Auch ich ging nah, ganz nah an die pfingstrosige Flora heran, und beschloß, ihr nimmer von der Seite zu weichen, während es da draußen wetterte. Meine Frau kämpfte einen harten Kampf. Schließlich aber sagte sie: .
„Kinder, das ist ein rechter Unsinn mit der GewUteriacke, nahm die Kinder auf die Seite und schickte Flora in den Kohlenkeller Aber ich las es ihr vom Gesicht ab, daß sie für sich und Mich und unsere Kinder fürs Leben gern auch Gewitterjacken angcschafft hätte.
Jfch hätte eine große Predigt auf den Lippen und — verschluckte sie. VernuNftgedanken müssen ganz von selber kommen. Zwang und Zornausbrüche halten sie nur auf.
Inzwischen war das Gewitter sortgegangen, und — was wahr ist, das ist wahr — ohne uns zu schaden.
„Weil ich meine G'witterjack'n. . .," dachte Flora.
-„Weil die Flora die Gewitterjacke . . .," dachte meine Frau.
„Weil auch der liebe Gott nichts machen kann gegen eine geweihte gelbgestrickte Gewitterjacke," dachte unser Liesel.
„Weil die Gewitterjacke —sing unser Fritzel an zu denken — aber sofort sprangen seine Gedanken auf die gewechten Eier über, und er erwog in Stille das Problem, ob, wenn man geweihte Ostereier esse, auch der Blitz nicht durch den Magen fahren könne. Ich erkannte es an seiner plötzlich!en Behauptung, daß ihm geweihte Ostereier lieber seien, als gestrickte Jacken.
Und dann kam es mir in den Sinn, was ich wohl sagen würde, wenn mich einer fragte, waruni das Gewitter ohne Unfall eben über unser Haus gezogen sei.
„Aus Zufall," hätte ich gesagt, „aus Zufall und aus einem Komplex unkontrollierbarer physikalisch-chemischer Ursachen, denn ich bin wissenschaftlich gebildet. ,
Hm, Gewitterjacke, Ostereier, Zufall und Komplexe — kam das im Grunde nicht aufs gleiche heraus? dachte ich noch im Einschlafen an diesem Abend. ~
Dann war lange kein Gewitter mehr. Friedlich hing die gelbe Jacke in der Kammer Floras. Bis der Fritzel, dieser Schlingel . . ,
Er kam gern zu spät zum Mittagessen. Vorgestern war das so, und gestern wieder, und für heute war ihm Strafe angedroht, im Wiederholungsfälle.
Wir waren schon beim Nachtisch, und noch war sein Sessel leer. Na, heute aber — eben klangen seine Schritte auf der Treppe — Wolken legten sich auf meine väterliche Stirn, Blitze sammelten sich in meinen Äugen, und der Mund war bereit zu einem fürchterlichen Donnergrollen.
Da — jetzt ging die Tür auf, und der Fritz erschien in — Floras gelber Gewitterjacke, die ihm fast bis zu seinen Stiefeln reichte.
„Jessmaria!" sagte Flora.
„Aber Fritzel," sagte Mutter.
„Gscks — gscklgsckl", gluckste Liest.
Was konnte ich da machen? Die Donner fielen glatt inH Wasser, und das Blitzen beschränkte sich aufs Zucken um die Augen. Und — was wahr ist, das ist wahr — Floras Gewitterjacke hatte wieder eine Probe glanzend überstanden.
Dann war's im Herbst. Wir machten einen großen Ausflug und kamen früher heim, als wir der Flora sagten. Tenn es stand den ganzen Nachmittag ein drohendes Gewitter am Himmel. Und wie meine Frau die Zimmertür öffnet, sitzt die Flora auf dem Sofa, hat ihre gelbe Gewitterjacke an und neben sich .— sehr neben sich — den Schatz.
„Weg'n dem G'witter, gnä' Frau, wiss'n S', weg'n dem G'witter," sagte sie entschuldigend.
Diesmal hätte wirklich nicht sehr viel gefehlt, und die ge- witterabwendcnde Qualität der gelben Jacke wäre zu Schanden geworden. Aber schließlich — einen Schatz hat jedes Mädchen, und es ist barbarisch, die Prämisse gutzuheißen und die Konsequenzen abzulehnen.
Also zog auch diesmal das Gewitter an der gelben Jacke glatt vorüber, ohne einzuschlagen.
„Meint er's denn auch ehrlich, Flora?" sagte meine Frau mit Bezug auf jenen Schatz.
„Maar net übel, gnä' Frau," sagte Flora zuversichtlich.
Das war Sonntags. Und Montag abend hatte unsere Flora einen Bries in Händen, zerknittert und zerweint. Ganz aufgelöst war ihr gutmütiges pfingstrosiges Gesicht
„Huhuu, gnä' Frau, huhuu."
„Was ist denn, Flora?"
„Ta, lesen S' selber, hü — hukst
Und wir lasen:
„Freilein Flohra! Indem daß die Gschicht mit uns doch kein richtingen Wert hat und weill Sie so was blädsinnix glaum mit Jhnerna blädsinnichen Gwitterjacken und indem ich erfarren habe, daß Sie des Sparbüchel von Ihnen erst erhem dürfen wenn Jhnerne Eltern gstorm sin iberhaupts des hettensmir sagen missen so daß Sie selwer dran schuld sin wenns nix. wern kan mitcm Heiraten jetz mit Jhnerna blädsinnichen Gwitterjacken des hett ich nich glaubt von Innen daß Sies wissen iberhaupts.
Hochachtungsfohl
Heinrich Schanderl Mezgergehilf.
„Hm, Flora," sagte ich mit einer väterlichen Einschaltung in ihr herzbewegtes Weinen, „wissen Sie, ich glaube, Sie dürfen sich trösten — sogar von Glück können Sie sagen."
„Von Glück!" sagte sie empört, „wo er mich hat sitzen lassen jetzt — der — der Heinrich weg'n der Gwitterjacken —? weg'n der Malefizgwitterjacken —!"
„Flora!" sagte ich, „versündigen Sie sich nicht an der geweihten Gcwitterjacke. Mir will es scheinen, daß Sie diesmal durch Ihre Gewitterjacke von dem allergrößten Gewitter, von einem lebenslangen Gewitter, Flora, gerettet worden sind.
Nachdenklich hat meine Frau dazu genickt.
vermischter.
'Was fühlt man beim Sturz in der Flug m a s ch i n e. Der einzige Beruisjournalist Italiens, der zugleich aktiver Flieger ist, Adone Nosari, der bereits vier Stürze mit der Flugmaschine durch eine gütige Fügung des Schicksals, überleben durste, erzählt jetzt im Maitino von seinem Sturze während des toskanischen Fluges von Lucca. Nosari begleitete damals als Passagier den Flieger Marra. »Tas Flugzeug war bereits empor, gestiegen und glitt im sicheren Fluge, zwischen langsam hmziehen-- den Wolken, den Gebirgskuppen von San Giuliano entgegen. Plötzlich ivill mir scheinen, als ob der Apparat bedenklich zu wanken beginnt. Wir fliegen 100 m über dem Boden und ich sche, wie die Wiese unter uns rasch empor zrl steigen scheint. „Wir stürzen", sage ich mir und ich fühle, dieser Wind, der da aus der Tiefe empor zu schlagen scheint: das ist der Wind des ^.odes. ~,te Tragödie, die sich nun vollziehen muß, ivirkt mir einen Augenblick auf meine Nerven, und ich frage mich: „Werde ich s überleben oder nicht?" Und doch, auch im Beichtstuhl mußte ich es bekennen: in jeneni Augenblicke geistiger Todesangst erschien, nur der Tod beinahe wie eiwas ivnnderlich Erwünschtes. Mem Auge gleitet nach rechts und nach links und befragt die allernächste Zukunft, während das Ohr schoii dnS Getöse des Aiifpralles erwartet. Tie Ma chine stürzt ohne Schivanlen mit herabgebeugter Seite. Es ist aus, Leben, fahr wohl! Der Pilot zerrt vergeblich mit der


