Ausgabe 
21.3.1912
 
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tauigster Diener

Graut, Ob erh ofmarscfyoIL

Mit zitternder Hand hielt der Erbprinz das Papier.

,Der arme Vater," sagte er dann leise und traurig.

Merkwitz druckte sein tiefstes Bedauern aus und fragte dann nach des Erbprinzen Dispositionen.

Ich reise mit Born noch diese Nacht, und zwar von Lindau aus mit Extrazug. Veranlassen Sie das Nötige. Die Fürstin und Begleitung folgen morgen. Teilen Sie Ihrer Hoheit der Prinzessin Clarissa das Wissenswerte mit und verlangen Sie größte Diskretion. Und jetzt lassen Sie

Er hätte sich auch so erledigt, beim Merkwitz und ich haben beschlossen, uns das Rütli überhaupt zu ersparen.

Ach den historischsten der Orte. Und darf man fragen, warum?" rief die Prinzessin bedauernd aus

Ich erhielt in Brunnen Nachricht, daß mich heute abend in Luzern Regierungsgeschäfte erwarten, und die müssen selbstverständlich erledigt werden.

Die Fahrt ging nun nach Süden. Niederbauenkukm und Obcrbaueustock, die beiden Bergriesen mit ihren zer­klüfteten düsteren Abhängen waren greifbar nahe. Man sah deutlich die noch mit Schnee ausgefullten Schluchten und Felsenriffe, und die Seenhütten klebten rote graue, g??Ste7ne an dem Geschiebe. In Sisikon war der Ver­kehr so stark, daß die Wagen langsam fahren mußten Esel­treiber und Sänftenträger drängten sich unter die zahlreichen Touristen. Ansichtskartenverkäufer und Edelweighanoler sprangen einfach auf die Trittbretter der Wagen und fuhren mit, ihre Waren mit kreischender Stimme feilbietend. Be­rufs-Jodler und Alpenhornbläser boten ihre Kunst für zehn Centime feil. Mau war froh, als der Trubel sich lichtete und die freie Straße Mieder gewonnen war. In wenigen Minuten hielten die Kutschen an der Tellsplatte. Die Fürstin und die beiden Exzellenzen von Hammer verztch- eentt auf den beschwerlichen Abstieg zur Platte und rasteten dafür in dem schattigen Garten des Hotels. So kletterten die jungen Herrschaften allein die Unzahl schlechter Stufen hinab zum See. ,

Die hohen Herrschaften betrachteten m stummer Ehr­furcht die prächtigen Bilder in der Tellskapelle, dann be­gannen sie langsam wieder den Aufstieg nach der Axen- straße, nachdem Prinzeß Clarissa noch ganze Strauße Edel­weiß gekauft hatte. ,

Prinzeß Clarissa schmollte em wenig ob der allzu- eiliqen Heimfahrt. Sie wäre gern noch nach Altdorf ge­fahren, um das berühmte Telldenkmal zu besichtigen, doch das war nun unmöglich. Sie erreichten gerade noch den Schnelldampfer. Es war aber so zugig, daß sie nicht aus Deck bleiben konnten und sie mußten in dem Salon ver- toetteti, und da die Fahrt reichlich zwei Stunden dauerte, war dies keineswegs angenehm. Gegen 7 Uhr endlich legte der Dampfer in Luzern am rechten User an. Hans Jochen und Merkwitz eilten sofort in das Arbeitszimmer Sr. Hoheit und entzifferten die Depesche. ,

Allergnädigster, erlauchtester Erbprinz und Herr! Ew. Hoheit eine trübe Nachricht zu übermitteln, ist mtr zur traurigen Pflicht geworden. Ew. Hoheit aller- gnädigster Herr Vater, Hochderselbe gestern abend m bester Gesundheit zu Bett gegangen, ist heute früh von einem leichteu Schlaganfall getroffen worden. Die beiden Leib­ärzte waren sofort zur Stelle und schafften dem hohen Pattenten die bestmöglichste Erleichterung. Sie erklärten auch, daß der Anfall bald vorüber fein werde und Se. Hoheit, der gnädigste Herzog in fpätestens zwei Wochen das Bett wieder verlassen können, vorausgesetzt, daß sich der Schlaganfall nicht wiederholt. Nach einer Konferenz mit Herrn Staatsminister Dr. Löwe und Herrn Grafen zu Hollen habe ich beschlossen, der offiziösen Presse den wahren Sachverhalt vorzuenthalten und eine einfache Er­kältung dem Volke als Erkrankung Sr. Hoheit anzugebeu. Die beiden Leibärzte werden ihre Bulletins auch in diesem Sinne formulieren. Aus diesem Gruiide bediente ich mich zur Benachrichttgung Ew. Hoheit auch der Chiffre. Re­gierung und Hofstaat bitten nun Ew. Hoheit ganz ehr­furchtsvoll, unverweilt an das Krankenbett Sr. Hoheit zu eilen.

In aller tiefster Ehrfurcht verharrt Ew. Hoheit unter-

Mühe gelang es der Fürstin, das Mädchen zu beruhigen.: Gegen 10 Uhr verabschiedete sich der Erbprinz von den Damen. Sein Gesicht sah versorgt und blaß aus, und durch zwei fast unmerkliche Furchen, die sich von den Augen­winkeln nach der Sttrn zogen, erschien er um Jahre gealtert. Als Jochen Kathinka die Hand reichte, 6 eg atm, sie wieder heftig zu weinen. Der Erbprinz drückte sie in ein Fauteuil und strich ihr mit der Hand kosend über das Haupt.

Beruhigen Sie sich, Käthe, es wird, dem Vater besser gehen, als wir annehmen, und ich will ihm erzählen, tote tief Sie an seinem Leide Anteil nehmen." Und er beugte sich nieder und flüsterte leise:Sie herzig gutes Kind."

Zehntes Kapitel.

Es toar am Spätnachmittage des anderen Tages. Im herzoglichen Schlosse toar kein Laut zu vernehmen. Dis Diener schlichen letse über die Korridore. Im Vorzimmer des Schlafkabinetts Sr. Hoheit saßen etliche Herren um den grünen Tisch und sprachen mit gedämpfter Stimme. Es waren die Leibärzte des Herzogs, die mit dem Oberhof­marschall und dem Kammerherrir Graf Hollen erne Kon­ferenz abhielten. , v, ,, ,

Sanitätsrat Dr. Löffler sagte endlich mit gehobener Stimme:Sie sehen also, meine Herren, daß ich es mit meiner Stellung als erster Leibarzt Sr. Hoheit, rn der ich dem ganzen Volke verantwortlich bin, nicht mehr m Ein­klang bringen kann, dem Volke den wahren Sachverhalt bezüglich des Befindens des Herzogs vorzuenthalten. 'Nach eingehender Besprechung mit meinem Herrn Kollegen bm ich zu der Ueberzeugung gekommeu, daß der Zustand des greisen Fürsten ein hoffnungsloser ist. ^ch bitte deshalb Ew Exzellenz, folgendes Bulletin auszugeben: Nachdem sich der Schlaganfall bei Sr. Hoheit heute morgen wieder­holt hat, ist der Kräftezustand in stetem Schwinden begriffen, die Nahrungsaufnahme gleich Null. Der Zustand gibt zur größten Besorgnis Anlaß." , .

Mit tiefem Schweigen hörten die Herren diese Worte Dr. Brian, der Geheime Sekretär Sr. Hoheit, verlas das Protokoll, das vom Leibarzt und Oberhofmarschall unter­zeichnet wurde. Dann verließen die Hofbeamten das VoM zimmer, während die Aerzte sich wieder in das Schlafgemach des hohen Patienten verfügten. Dr. Brtan verabschiedete sich und ging zur Geheimkanzlei, und Exzellenz Graul :und Graf Hollen schritten allein weiter. Sie sprachen m Flüster­ton miteinander. . , ... . .

Zu zeitig stirbt der alte Herr, viel zu zeitig, sagte @ta Jlnb was wird der neue Herr uns bringen? Mir jedenfalls nicht mehr und nicht weniger, als merne Ent­lassung. Ich bin ein kaltgestellter Mann. Uebrigens was Jagte der Erbprinz, als Sie ihn heute vormittag cm der Bahn empfingen?"

Er war sehr niedergeschlagen, fast apathisch, und als er an das Krankenbett trat, mußte er die Tranen gewaltsam

zurückhalten." ,, . ,

Hm hm. Sagte er nichts von der Fürstin?"

'Doch, doch. Er befahl, ich solle das Nötige ver­anlassen, damit das Gartenpalais in Stand ist, und vor allem soll ich Sorge tragen, daß Fräulein vom Hämmerling noch nichts vom Ernst der Sachlage erfährt."

Ah . . ., sehen Sie mal an, recht besorgt um das gnädige Fräulein." .

Den Rest des Weges schwiegen sie, nur als der Ober­hofmarschall in die Marschallsgemächer trat, sagte Hollen noch gedämpft zu ihm:Vielleicht kriegt mich der neue Herr doch nicht so leicht unter." Und dabei huschte em Zug teuflischer Freude über sein blasiertes Gesicht.

Der Oberhosmarschall übergab nun den ihn m fernem Amtszimmer erwartenden Vertretern der Presse das Bulletin und empfahl ihnen, das Volk recht schonend aus das Ab­leben Sr. Hoheit vorzubereiten. Dann kehrte er nach dem Krankenzimmer zurück. Graf zu Hollen fuhr unterdessen in einer Hofequipage zur Bahn, um bte Fürstin Clothilde und ihre Begleitung zu empfangen.

Kathinka sprang zuerst aus beut Coupe. Noch ehe sie dem Grafen ein Grußwort gönnte, fragte ste hastig:Wie geht es dem Herzog?"

Die Aerzte sind sich selbst noch nicht rnt klaren, wich mich bitte "allein"" " I der Kammerherr aus. Der Zufall wollte es jedoch, daß

Fürstin Clothilde und Kathinka waren sehr bestürzt, I gerade ein Austräger von Extrablättern voruberging. Kc^ als ihnen Merkwitz die Sachlage klarlegte. Kathinka ver- I thinka ließ sicherns reichen und las,Das Ableben dev! fiel in weinkrampfähnliches Schluchzen, und nur mit größter I Herzogs wird stündlich erwartet. Der Schreck raubte ihr