Ausgabe 
21.3.1912
 
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Eine Heldin

Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz^

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Von diesem Tage an vermieden es der Erbprinz und die Hofdame, allein miteinander zu sein.

Frühmorgens meistens schon kam Prinzeß Clarissa, oft vhne Begleitung, in denSchweizerhof" und holte den Erbprinzen und Kathinka ab. Herr von Merkwitz schloß sich an, und dann unternahm man Ruder-- oder Segelpartien oder man fuhr mit der Zahnradbahn nach dem Sonnen­berg zu einer Partie Golflinks. An diesen gemeinschaftlichen Ausflügen herrschte die größte Ausgelassenheit, und be- besonders Prinzessin Clarissa übertrumpfte alle anderen tot tollem Uebermut.

Der Erbprinz merkte wohl, daß Kathinkas Fröhlichkeit erheuchelt und gezwungen war, daß sie sich sichtlich bemühte, heiter zu sein, und dies verstimmte ihn. Aber wenn er in das lebensfrohe Gesichtchen der Prinzessin schaute, verbannte er alle trüben Geoanken.

Er war sich noch nicht klar über die Art seiner Gefühle sür Clarissa. Manchmal meinte er, starke Liebe zu ihr sei in ihm erwacht, aber in Stunden genauester Selbstbeobach­tung wurde ihm klar, daß es bloße Verliebtheit sei, und daß seine innige Liebe zu Kathinka noch nichts an Stärke eingebüßt hatte. Dieses Hin- und Herschwanken, dieser Zwie­spalt seiner Seele machte ihn nervös und reizbar.

Da trat eine Wendung ein.

Um die berühmten Tell-Stätten zu besuchen, fuhr man eines Morgens mit dem Frühdampfer nach Vitznau. Dort waren zwei Wagen bestellt ivorden. Die herrliche, berühmte Axenstraße sollte in ihrer ganzen Schönheit genossen werden. Im vorderen Wagen saßen die Fürstin und die beiden Ex­zellenzen von Hammer, während im zweiten Gefährt die Prinzessin und Kathinka, und auf dem Rücksitz der Erbprinz und Merkwitz Platz genommen hatten.

Anfangs war die Fahrt von wunderbarem Reiz. Zur Linken die riesenhaften Felsen und zur Rechten tief unten der grünschimmernde See, auf dem die Dampfer wie Nuß­schalen dahinzogen und noch viele hundert Meter ihre Kiel­furchen zurückließen. Und am jenseitigen Ufer die von der Worgensonne grell beschienenen, steil in den See abfallen­den Felsen des Bürgenstocks und die leuchtenden Matten des Buochserhorns und Schwälmis, auf denen die Rinderherden friedlich grasten.

Prinzeß Clarissa trällerte ein Stückchen von Rossinis Dell vor sich hin, und aller Augenblicke beehrte sie den Rosselenker mit einem gelinden Rippenstoß, worauf sich der btevere Schweizer gelassen umdrehte und fragte:Was Wollen denn das gnädige Fräulein schon wieder?"

Und immer hatte sie einen Wunsch: Er solle langsamer fahren, er solle einmal jodeln, er solle ihr sagen, warum er eigentlich mit Pferden fahre und nicht mit Maultieren, wie es sich doch für eine anständige Alpenpost gezieme?

Born, der mit auf dem Bock saß, hatte eine Landkarte bei der Hand und erklärte die Gegend, da man sich auf die Aussage des Kutschers, wie auf die Aussagen aller schweizer­ischen Eingeborenen überhaupt, nicht verlassen konnte.

Als aber die Sonne über die linksseitigen Felsen stieg, wurde die Fahrt bedeutend unangenehmer. Der Kalkstaub legte sich in Hals und Lungen, und da Fels und Straße blendend weiß waren, schmerzten die Augen.

In Gersau wurde gerastet, ebenso in Brunnen. Hier war im Strandhotel ein Frühstück bestellt worden. Der Hotelbesitzer überreichte dem Erbprinzen ein Telegramm, das vom Direktor desSchweizerhofes" nachgeschickt wor­den war. Nichts Gutes ahnend, erbrach Hans Jochen hastig die Depesche, doch sie war chiffriert.

Haben Sie den Chiffrenschlüssel bei sich, Merkwitz?" fragte er den Kammerherrn.

Ich bedauere sehr, Ew. Hoheit,i der ist leider tm Hotel."

Fatal, sehr fatal und Sie können die Depesche auch nicht entziffern?"

Leider nicht. Der Oberhofmarschall gab mir noch im letzten Moment den Chifsrenschlüssel und sagte, daß er nur im äußersten Notfall chiffriert drahten würde."

Demnach muß die Depesche Wichtiges enthalten."

Zweifellos."

Dann wäre es wohl das richtigste, wenn wir sofort nach Luzern zurückkehrten?"

Die hohen Damen werden sich ängstigen. Gestern abend erst ging der letzte Hofbericht ein, er ist vom Ober­hofmarschall selbst bearbeitet und vom Minister gegen- gezeichnet. Er lautet äußerst günstig, alles am Hofe ist wohl."

So dann wollen wir unsere Reise fortsetzen, aber versuchen, ob wir mit dem Fünfuhr-Dampfer von Füelen wegfahren können. Das Rütli können wir natürlich nicht besuchen."

Nun ging die Fahrt rasch weiter. Die Damen hatten von dem Telegramm nichts erfahren und freuten sich auf das Rütli. Prinzeß Clarissa sagte lachend, sie habe sich vorgenommen, den Schwur auf dem Rütli zu wiederholen.

Und was wollen Sie schwören?" fragte der Erbprinz.

Sie antwortete pathetisch:Daß ich nie unter Tyrannen­joch mich beugen werde."

Sie werden das nicht schwören."

Oho ich werde es," lachte die Keine Prinzessin^ und Kathinka wird mittun, nicht wahr Käthi?"

Ich fürchte mich vor keinem Tyrannen."

Bravo, Käthe, ich auch nicht, also hat sich der [ Schwur erledigt,"