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süWe das wie einen sanften, wohligen Schutz. Fest legte sie sich hinein, wie sie's als Kind getan. Die Lider sanken ntübe über die Augen. Und sie dachte: „Der gute alte Papa . . . wenn du ihm doch nein Herz ausschütten könntest . . . ja . . . aber er würde dich doch nicht verstehen . . ."
Da begann -er wieder: „Hör mal, Signe, du hast mal, vor Weihnachten, den Wunsch ausgesprochen, zu reisen. Wie wär's jetzt? Wenn wir's ein bissel schlau ansangen, kriegen wir Mama herum."
Sie schlug die Augen auf, sie richtete sich hoch.
„Papa, wenn du das tätest!"
Sie sagte es hastig, mit stockeudem Atem. Heraus- kommen! Ja. . . das war das Richtige. Ein anderes Land, andere Menschen, andere Eindrücke . . .
„Warum sollte ich das nicht tun?" Vater lachte leise. „Weißt du, nicht bloß deinetwegen. Auch Dodos wegen. Wie das mit der auch sei ,sie muß mal erst was sehen! Und Mutters wegen. Der tut eine Ausspannung auch gut. Na, nicht zu vergessen . . . auch meinetwegen. Ich bin noch nie in Italien gewesen. Siehst du: Gründe wie die Brombeeren! Du, und dann ist's auch gut, wenn man Friedel und seinen verehrten Schwiegereltern ein wenig aus dem Wege geht. Das ganz unter uns gesagt, Mama Braunstein fällt mir auf die Nerven. Neulich hat sie mir höchstihren Stammbaum vorkonstruiert. . ."
Das leise Lachen verstärkte sich. Er wischte sich rechts und links Den Schnurrbart und gab Signe einen herzhaften Kuß.
„Wann reisen wir?" bat sie sehnsüchtig.
„Na, das wollen wir erst mal mit Mutter überlegen. Und mit dem Sanitätsrat. Und der mnß im Notfall einen Spezialisten hinzuziehen, ein halbes Dutzend, wenn einer nicht reicht. Aber wir reisen ■— wir reisen! Darauf verlaß dich, Signe!"
Sie reisten wirklich.
Es war nicht ganz leicht gewesen, Frau Ida den Entschlich zur Reise abzuringen, und selbst der Nervenspezialist scheiterte. Wer die Hilfe kam ganz unerwartet von einer anderen Seite. Mutter hatte ein großes Bildungsbedürfnis in sich entdeckt. In allen Gesellschaften war im Laufe des Winters Kunst gesimpelt worden, und immer hatte sie schweigend dabeisitzen müssen. In allen Gesellschaften hatte man von Land und Leuten gesprochen, und ihre Kenntnisse erstreckten sich nicht über Allenstein im Osten und Hannover im Westen hinaus. Ein Paar- Male hatte sie unvorsichtigerweise doch mitgesprvchen, einmal die Uffizien nach Rom verlegt, ein andermal die Riviera Ponente mit der Riviera Levante verwechselt. Da traf sie, als sie mit Dodo wieder einnial im Kaiser-Friedrich,- Muscum umherpilgerte, Frau von Braunstein, die andächtig vor einem kleinen Palma Vecchio stand, den ihr Gatte kurz vor seiner Nobilitierung gestiftet hatte. Man kam in ein Gespräch, man sprach schließlich im Weiterschlendern wieder von Italien. Und es gab Mutter einen Stich tief ins Herz hinein, als sie hören mußte: „Aber liebste Frau von Gudarcza, Sie waren wirklich noch nicht irrt Wunderlande?"
Man reiste also.
Signe war mit der Ausarbeitung des Programms betraut worden; Mutter hatte in dieser Beziehung einen gewissen Respekt vor ihrer Erfahrung, und Vater erhoffte aus den Vorbereitungen eine Zerstreuung für sie. Aber schon bei den Vorkonferenzen traf sie es nicht gut: sie wollte zu vielfach vom üblichen Touristenwege abweichen, während Frau Ida auf den heiligen Bädeker und Vater vor allem auf dessen Hotelsterne schwur. Er hatte sich im Millionenklub noch einmal informiert, und seine Informationen deckten sich in erstaunlicher Weise mit jenen Sternen; vom Grand Hotel in Venedig bis zum Grand Hotel in Rom. Daran war nichts abzuhandeln. Und auch in der Ausführung ließen die Eltern nicht mit sich markten: Signes nervöse Ungeduld wollte am liebsten mit dem Expreßzug bis Rom durchfahren, sie bestanden auf der be- auemen Behaglichkeit des langsamen Reisens. Man kroch, mit reichlichen Erholungsaufenthalten in München und Bozen, südwärts und spähte vom Brenner ab vergeblich nach dem blauen Himmel nnb ber warmen Sonne Italiens aus. So begann bie Reise mit allerlei Enttäuschungen: rn Verona mußten bie wärmsten Sachen aus beit Koffern ausgegraben werben, in Venebig kränzte frühmorgens bie fernen Archttekturlinien bes Markusplatzes frischgefalleucr
Schnee, nnb in Florenz sah man anstatt heller Blusen Pelzjäckchen und Pelzkragen. Mutter meinte fröstelnd: „Und dazu reist man nach Italien!" G
lieber Rom, wo längerer Aufenthalt genommen werden sollte, leuchtete endlich die Sonne, und die Stimmung, hob sich. Anders freilich, als Signe es erhofft hatte. Vater und Mutter hatten für die stolze Schönheit der Ewigen Stadt nur ein minderes Verständnis. Der Major fand höchstens einige Erinnerungen an die „alten Römer" interessant, vor denen er aus der Schulzeit einen gewissen Respekt als vor dem gewaltigsten Kriegsvolk der alten Zeit hatte; bas „katholische" Rom, bas Rom ber Päpste, war seinem Protestantengemüt int Innersten unsympathisch; Frau Iba absolvierte gewissenhaft ihr tägliches Pensum' au Geschichte unb Kunstgeschichte, Ruinen, Kirchen und Galerien, war aber heimlich über die Strapazen entrüstet. Er fühlte sich am wohlsten int Rauchzimmer des Hotels; sie bei der Schokolade und den Dolces int Cafs Aragno ober auf einer Fahrt nach dem Pincio int bequemen Landauer.
Und auch Dodo war keine Reisegefährtin, wie Signe sie sich gewünscht hätte. Dodo hatte etwas eigen Ver- träumtes. Ost leuchteten ihre Augen, wenn Natur und Kunst sie begeisterten. Aber sie jubelte ihre Freude nicht mehr hinaus, wie sie es früher bei weit geringeren Anlässen getan hatte. Sie nahm sie still in sich auf, als ob sie alles Gute und Schöne aufsparen wollte ■— für später. Sie war anders geworden; das Verhältnis zwischen den Schwestern war anders geworden. Signe fühlte es deutlich, Dodos kindliches Vertrauen zu ihr war tot.
So war sie auch jetzt vereinsamt.
Und sie empfand es schmerzlich: Rom wirkte auf sie nicht mehr wie in jenen Tagen, in denen sie sich mühsam bie Stunbeu vom Dienst bei ber Fürstin erobert hatte, um von einer Bank bes Palatin auf bas Forum hinabzuträumen, um in irgenb einem entlegenen Kirchlein vor irgend einer Madonna, die keinen Stern int Bädeker hatte und doch so himmlisch schön war, zu schwelgen, um irgend einem Bambino auf der Straße die braunen Bäckchen zn streicheln.
(Fortsetzung folgt.)
Kdegsereigniffe im Vogelsberg vor 150 Jahren.
In der ersten Hälfte der 60. Jahre des vorigen Jahrhunderts lernte ich den eigentlichen Vogelsberg, den sog. „dicken" Vogelsberg, kennen. Eisenbahnen gab es damals noch nicht, höchstens Postwagen, oder Familienwagen, auch „Blamagen" genannt. Alan verließ sich auf seine „Untertanen", d. h. auf sein Beinwerk und machte Tagemärsche von 45, 50, ja 60 Kilometer. In neuester Zeit fängt die Jugend an, fiel) auch wieder für Fußwanderungen zu interessieren, wobei man mehr sieht, hört und erlebt, als wenn man mit dem Dampfroß durch die Welt rast.'
Vor 45 Jahren war der Vogelsberg noch von keinerlei Kultur beleckt: alles war noch Natur, ungekünstelt, einfach. Wenn man verstand, das Mißtrauen der Leute zu verscheuchen und den Dialekt einigermaßen zu handhaben, konnte man interessante Erfahrungen machen. Selbst die sog. ältesten Leute gingen aus sich heraus, sie erzählten ihre eigenen Erlebnisse, sowie was sie von Eltern und Großeltern überkommen hatten. Vom 7 jährigen Krieg wurde. noch viel geredet; die Erinnerung daran ist noch heute lebendig. Major v. Riede sei und General Luckner waren noch nicht vergessen worden, sie sind es bis jetzt noch nicht. Da der „Gießener Anzeiger" seine Spalten gerne für oberhessische Angelegenheiten öffnet, der Vogelsberg aber verhältnismäßig wenig hervortritt, möchte ich einiges bringen, was vor 150 Jahren — auch ein Jubiläum — im Gebirge vor kam und was die Bevölkerung durchznmachen hatte. Zuerst ein paar Worte über Friedrich Adolf v. Riedesel. Er wurde 1738 in Lauterbach (Oberhessen) geboren. Sein Vater gab ihn und seinen Bruder zu dem Pfarrer in Frischborn „in Kost und Lehre". Mit 15 Jahren wurde er Student in Marburg, wo ein Hessen-Kasselisches Jnfanteriebataillon in Garnison lag. Ricdesel schaute dem Exerzieren des Militärs mit Vergnügen zu.^ Die Kollegien schwänzte er regelmäßig, so daß ihn die Professoren fortjagen wollten. Zufällig machte er die Bekanntschaft des Bataillonskommandeurs, der ihn einlud: bei seiner Kompagnie einzutreten und auf Avanzement zu dienen. Die Einwilligung von Riedesels Vater wolle er (der Major) bald erhalten, weil er ihn gut kenne.
Daraufhin ließ sich der junge Riedesel anwerben. Mit der Kenntnis des Majors war es Lug und Trug. Alle Versuche, den jungen Mann vom Militär frei zu bekommen, schlugen fehl: er hatte zur Fahne geschworen und mußte Soldat werden. Dies wurde er mit Leib und Seele. Er avancierte schnell, war mit 22 Jahren Rittmeister, machte den 7 jährigen Krieg mit, ging 1761 in Braunschweigische Dienste, kommandierte int Jahre 1776 bte Braunschweigischen Truppen in Amerika, wurde hier gefangen.


