Ausgabe 
21.2.1912
 
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1780 ausgewechselt, kam 1783 nach Braunschweig zurück ünd starb hier als General-Leutnant im Kahr« 1800.

Ein noch bewegteres Leben hatte der General Nikolaus Luckner. Er war in dem Städtchen Cham in der Oberpfalz 1722 von bürger­lichen Eltern geboren. Das elterliche Haus konnte ihm nichts bieten, deshalb ließ er sich von bayerischen Werbern anwerben. Hier zeigte er großen Eifer und militärische Anlagen. Daß ein einfacher Soldat zum Offizier aufrückte, war damals eine Selten­heit. Luckner nahm bei den Holländern, später bei den Han­noveranern Dienste. Der siebenjährige Krieg (17561763) kam ihm sehr zu statten. Mit seinen Husaren saß er den Franzosen fortwährend im Nacken. Riedesel war mit ihm befreundet und führte gemeinschaftlich mit ihm kühne Reiterstücke aus. Nach dem siebenjährigen Kriege trat er als General-Leutnant in französische Dienste ,und wurde 1784 in den Grafenstand erhoben. Als die französische Revolution 1789 ausbrach, wandte er sich dieser zu. 1791 wurde er Marschall. Drei Jahre später, 1794, haben ihn die Franzosen guillionitiert, weil sie ihm er war lässig ge­worden nicht mehr trauten.

Als der siebenjährige Krieg ausbrach!, hatte Friedrich der Große fast ganz Europa gegen sich: Oesterreich, das Deutsche Reich, Rußland, Frankreich und Schweden. Auf seiner Seite standen: England mit Hannover, Braunschweig, Hessen-Kassel und Sachsen-Gotha. Friedrich der Große schrieb an den König Von England:Eine Armee kann ich nicht dazu (nämlich nach West­deutschland) geben, aber einen Führer, der eine solche aufwiegt."

Dieser Führer war Herzog Ferdinand von Braunschweig- Lüneburg. Unter diesem dienten Luckner und Riedesel. Der siebenjährige Krieg war anfangs für Friedrich den Großen in Westdeutschland verlustreich. Der französische General d'Estrees besiegte den Herzog von Cumberland bei Hastenbeck (26. Juli 1757) Und eroberte Hannover und Hessen, worauf die schimpfliche Kon­vention von Kloster-Zeven (8. September 1757Y folgte. Herzog Ferdinand von Braunschweig erhielt jetzt den Oberbefehl. Mit dem verbündeten preußisch-englisch-hessischen Heere ichlug er die Franzosen am 23. Juni 1758 bei Krefeld und jagte sie aus Hannover und Westfalen hinaus. Am 2. Januar 1759 besetzten die Franzosen in verräterischer Weise Frankfurt. Von da aus wollten sie weiter gegen Norddeutschland Vordringen. Herzog Ferdinand besiegte sie am 1. August 1759 bei Minden. 40 000 Mann verbündete Truppen schlugen 85 000 Mann Franzosen entscheidend. Ricdesel zeichnete sich hierbei als Adjutant des Herzogs aus. Die verbündete Armee rückte vor; Luckner mit seinen hannöverschen Husaren kam bis Homberg a. d. Ohm, wo er den Feind antraf, der in großer Stärke hier stand. Riedesel operierte im Reinhardswald mit seinen schwarzen Husaren.

Im Frühjahr 1759 hatte Oberhessen schwer unter den Kriegs­zügen zu leiden. Die Franzosen besetzten Gedern, Ulrichstein, Lauterbach!, Herbstein, Birstein, Gelnhausen und andere Orte. Tie Besatzungen von Hanau und Gießen wurden verstärkt. Am 30. März wurden die Franzosen aus Lauterbach Vertrieben. Prinz Holstein quartierte sich in Stockhausen ein. In Freiensteinau lagen noch Franzosen, die verjagt wurden Die Dörfer Schlechten­wegen, Weidmoos, Bannevod und Niedermoos wurden vom Feind gesäubert und dann die starke Bergfeste Ulrichstein umzingelt, das in den Händen der Reichs truppen war. Oberstleutnant v. Ried war Festungskommandant; er hatte 150 Mann mit 30 Pferden zur Verfügung. Die Manern von Ulrichstein waren sehr stark; hinter allen Zugängen waren große Steinhaufen auf- gerichtet.

In der Nacht vom 6. zum 7. April sammelten sich« um 2 Uhr die Preußisch-Hessischen Truppen unter Prinz Holstein, geführt von Major v. Bülow, befehligt von Oberst v. Ditfurth, bei Eichel­hain. Ein dichter Nebel verhüllte den Anmarsch der Truppen. Die Infanterie traf unbehelligt im Dorfe Ulrichstein ein; die Kavallerie nahm 800 Schritte davon Stellung. Die Jäger uitbi Husaren standen jenseits des Berges, um der Besatzung den Rück­zug zu verlegen.

Tie Zimmerleute wurden vorgezogen, ,Um das Festungstor einzuhauen; das Bataillon Grenadiere und zwei Kanonen folgten nach, um die Zimmerleute zu unterstützen. Es entstand ein groß­artiger Kampf auf kleinem Raum. Hinter dem Festungstor war ein mächtiger Steinhaufen ausgeschüttet, der den Axthieben wider­stand. Aus den Schießscharten und von den Dächern herab schossen die Verteidiger und schleuderten einen Hagel .von Steinen puf die Angreifer. Kiese erhielten Verstärkung durch zwei weitere Geschütze und Jäger; ihre Verluste wurden größer. Nach zwei­stündigem heißen Kampfe forderte Kapitän v. Weitershauscn die Verteidiger zur Uebcrgabe auf, wobei tu. Weitershauscn von einem Stein getroffen, fiel. Kurze Zeit darnach kapitulierte die Besatzung. Sie erhielt freien Abzug unter kriegerischen Ehren, behielt ihre Waffen und Gepäck, mußte sich aber verbindlich machen, ein Jahr lang nicht gegen Preußen und seine Verbündeten zu dienen.

Tie Belagerer Ratten an Verlust: 2 Offiziere und 20 Soldaten tot und 100 Mann verwundet. Oberst v. Ditfurth und Kapitän V. Massenbach waren unter den Verwundeten. Herzog Ferdinand schrieb in seinem Brief aus Fulda vom 9. April 1759 an Fried­rich II. über die Einnahme von Ulrichstein: Das Hess. Regiment Grenadiere habe Wunder der Tapferkeit vcrrick)tet. In Ulrich­stein wurden 200 Mann Besatzung gelassen.

Es soll hier sogleich erwähnt werden, daß dies die erste Erstürmung der Feste Ulrichstein im siebenjährigen Kriege war und daß das Bollwerk durch diese Belagerung keinen großen Schaden litt. Im Vogelsberg herrscht noch vielfach die Ansicht: die Feste sei im April 1759 zerstört worden. Die Sache ist anders! lieber zwei Jahr« blieb Ulrichstein in den Händen der Verbündeten Preußen-Hessen-Hannoveraner usw. In der ersten Augustwoche 1761 marschierten die Franzosen unter dem Prinzen Eondo mit den Oestreichern und Reichstruppen von Stangenrod, Bernsfeld und Grünberg einerseits und General Wurmser von Freiensteinau andererseits gegen Ulrichstein vor. Dieses wurde von Kapitän v. Wurmb und Leutnant (Seife verteidigt. Der französische General Gras Afsry lieh vier schwere Kanonen ünd zwei Haubitzen aus dem Lager ton Stangenrod heranbringen und begann am 9. August, morgens 8 Uhr die Beschießung der Feste, Tie Oestreicher und Franzosen plänkelten mit den Verbündeten, um sie von Ulrichstein abzuhalten. Taß Kapitän v. Wurmb und Leutnant (Seife mit ihrer Hand voll Leuten nichts gegen die zwanzigfache feindliche Uebermacht ausrichten konnten, ist begreif­lich.. Nach zweitägiger tapferer Gegenwehr ergab sich die Besatzung. Unverzüglich besetzte Wurmser die Festung mit leichten Truppen. Der Franzose Afsry aber trieb die Bauern mit ihren Fuhrwerken, Aexten, Hämmern, Beilen und Schaufeln aus der Umgegend zu­sammen, um das Bollwerk dem Erdboden gleich zu machen, ^ie Arbeit wurde gründlich besorgt. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts ließ derVogelsberger Höhenklub" Räumungs- und Verschöne­rungsarbeiten vornehmen. Man hat vomUlrichsteiner Schloß" aus eine prachtvolle Aussicht.

Bei einer Fußreise Mitte der 60. Jahre des 19. Jahrhunderts erzählte mir ein Bauer: sein Großvater sei dabei gewesen, als die Festung niedergerissen wurde. Di« Leute hätten die Arbeit nicht ungern verrichtet, weil sie von jetzt an keine Belagerungen und keine Verwüstungen mehr auszuhalten brauchten. Ist auch möglich! würde Konststvrialrat P. wahrscheinlich geantwortet haben. Es wird also hiermit sestgcstellt: Bei der ersten Belagerung und Erstürmung von Ulrichstein im Jahre 1759 waren die Verbündeten: Preußen, Hannoveraner, Hessen usw. die Angreifer und Eroberer. Bei der zweiten im Jahre 1761 waren die Franzosen, Oestreicher und die Reichstruppen die Angreifer, Eroberer und Verwüster von Ulrichstein. Nun zu General tii Riedesel zurück!

Infolge davon, daß Riedesel alle Wege und Stege in Ober­hessen kannte und daß er als Adjutant des Herzogs von Braun­schweig überall hingeschickt wurde, lernte er Kurhessen, Braun­schweig und Hannover ebenso kennen. Achnlich war es mit Luckner. Was Ziethen und Seidlitz sür Friedrich den Großen waren, das waren Riedesel und Luckner für den Herzog von Braunschweig. Der Herzog leistete mit seinen bescheidenen Mitteln im Verhältnis ebenso großes einem übermächtigen Feinde gegenüber, wie Friedrich der Große. Das beweisen die Schlachten bei Krefeld, bei Minden, der großartige Rückzug nach der Schlacht bei Bergen, die Siege bei Vellingshausen und bei Wilhelmsthal. Nur waren diese Siege nicht so ausschlaggebend wie diejenigen Friedrichs des Großen.

Es bleibt jetzt noch übrig, einige Erlebnisse der Männer vorzusühren. Riedesel hatte sich in Friederike v. Masfow verliebt; er besuchte die Familie öfters, besonders in der Winterszeit, wenn die Waffen ruhten. An einem trüben Dezembertag saß Ricdesel mit der Familie gemütlich bcisammeU, als eine der Tomen, die zum ^Fcnstcr hiuausschautc, plötzlich ausrief: Dort kommt ein Trupp Reiter! Riedesel erkaunte sofort, daß es Franzosen waren. Aus das Schlosse, das nur einen Ausgang hatte und von einem Wasser­graben umgeben war, erschien eine heimliche Flucht unmöglich. In eilt Versteck zu schlüpfen, war dem schneidigen Offizier ein Greuel. Kurz entschlossen, schnallte er den Säbel um, wickelte sich in den weißen Mantel, den sein Reitknecht einem französischen Husaren abgenommen hatte und ritt langsam und im Schritt zum Schloßtor hinaus, den Franzosen entgegen. Es waren Mann, die von einem (französischen) Wachtmeister geftihrt wurden.Platz machen!" rief Riedesel sianzösisch. Der Wachtmeister gab das Kommando weiter und fügte hinzu: es ist einer unserer Offiziere. Tie Franzosen rückten zur Seite und salutierten.Bon soir Messieurs!" brummte Riedesel und grüßte ebenfalls. Als er außer Schußweite war, ließ er feilt Roß traben; bald war er aus' den Augen der Franzosen verschwunden. Dem Mutigen hals fein Glück.

Taß die Familie t>'. Massow, insbesondere Friederike (nach damaliger HebungFritzchen" genannt) mit lebhafter Herzbe­klemmung der Begegnung vom Fenster aus zusahen, läßt sich denken. Tic Franzosen ritten in das Schloß, beluden sich und ihre Pserdc mit Lebensmitteln und Fourage die ganze Gegend war ausgesogen und trappten von dannen. Ten Reitknecht Ricdesels und fein Pferd fanden sie nicht, weil beide gut be­steckt waren. Als die Luft wieder rein war, schwang sich der Reitknecht auf den Gaul und kam glücklich zu seinem Herrn, ins Quartier.

Ein merkwürdiger Fall passierte Riedesel bei Höxter an der Weser, wo er gemeinschaftlich mit Luckner die Sachsen 'unter Prinz Tavcr am Uebergang über die Wcscr hiitderteu und sie zurück­schlagen sollte. Es war am 17. August 1761. Eine steinerne Brücke führt dort über die Weser. Tie Sachsen schossen herüber, Luckner hinüber. Er hatte aber nur 8 leichte Geschütze, mit denen er nichts ausrichtete. Nachdem die Kanonade zwei Stunden