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Aeußerungen und Niederschriften der führenden Penvulichkeiten, sondern auch bie Schriftstücke jeder Art, auS denen man dis Auffassungen und Empfindungen der verschiedenen Bolksklasien erkennen kann. Nirgends lernen wir ja den Geist, der die Heere beseelt, und die Stimmung, die das Volk erfüllt hat,^besfer kennen, als aus diesen Zeugnissen. Es erwächst daraus die Pflicht, diesen kostbareil Schatz für die Geschichte unseres Volkes, io lange es noch möglich ist, vor Verschleuderung und Vernichtung zu schützen." Zu diesem Zweck richtet der Aufruf „an alle Hessen, die an den Feldzügen teilqeuommeu haben, sowie nu deren An- aehörigen, die sich im Besitze von Feldzugsbriefen und Kriegstagebüchern befinden, die dringende Bitte, diese Schriftstücke der Groszh. HoWbliothck zu überlassen, sei es als Geschenk, sei es als Leihgabe unter Wahrung des Eigentumsrechtes". Daß aber nur militärische Erinnerungen eine solche Aufbewahrung und Erhaltung verdienen, wird niemand vernünftigerweise aus der besonderen Pflege, die diesen Erinnerungen zuteil wird, schließen dürfen und können.
(Schluß folgt.)
Aus der Schulzeit der Tiere.
Es fällt kein Meister vom Himmel — der Satz gilt für die Tiertvelt genau so gut wie für die Menschen. Niedere Tiere komßnen zwar in größter Lebensbereitschaft zur Welt, die höheren müssen wdoch erst alles lernen, luic man frißt, wie man sich richtii, bewegt, usw., uiid je höher man die Stufenleiter der Tierwelt emporsteigt, desto länger dauert die „Schulzeit der Tiere". Tie ganze Kindheit der Tiere ist ein Gebiet, über das zahlreiche, hier und da verstreute Arbeiten vorhanden sind, allein ein zusammenfassendes Werk über das ganze Gebiet fehlte bisher. Diese Lücke füllt nun der Engländer P. Chalmers Mitchell in seinem neuen, soeben 'bei Heinemann in London erscheinenden Werke „The Childhood of Animals" aus, in dem er eigene und fremde Beobachtungen zu einer fesselnden, einheitlichen Darstellung verschmolzen hat. Als Probe seiner Beobachtungs- und Tarstellungs- art seien ein paar besonders anziehende Abschnitte aus dem Kapitel über die Erziehung der Tiere herausgegrisfen.
Genau wie man es von dem jungen MeNschenkinde her kennt, sind junge Tiere häufig von einer wahren Zerstörungswut beseelt. Natürlich handelt es sich dabei für das junge Tier nicht um das Zerstören, sondern der Zweck ber Hebung ist die Unte r - suchung. Mitchell erzählt, wie junge Affen alle Spielzeuge, die man ihnen zur Beschäftigung gibt, zerbrechen, Decken zerreißen, ihr Lager zerpflücken unb eine unerschöpfliche Geduld darauf ver- wenden, die Gittermaschen ihres Käfigs aufzuzerren, bie Angeln der Käftigtüren zu zerbrechen usw., bis man ihnen beigebracht hat, alle' diese Dinge sorgsamer zu behandeln. Manche Tiere bilden sich in einem richtigen Selbstunterrichte ans, während andere sehr viele Tinge von ihren Eltern lernen. Mitchell erzählt z. B. von einem jungen Caracal (einer Luchsart), der sich zunächst mit einer Garnrolle und einem Wollknüuel genau so beschäftigte, wie man es bei jungen Katzen sehen kann. Allmählich jedoch ersann er besonders Uebuugsspiele. Mitchell hatte in seinem Hause einen langen Gang, in dem er einem Balle nachsagen konnte. Bald brachte er es dahin, .den (von Mitchell geworfenen) Ball zu fangen, ehe er das Ende des Flurs erreicht hatte, und nun entwarf er selbst eine schwierigere Form' des Spiels. Er verbarg sich nämlich in einer seitlichen Nische, von wo er den Ball nur in dem Augenblick sehen konnte, wo er an ihm vorbeirollte. Trotzdem lernte er es rasch, die kurze Zeitspanne auszunutzen, und schließlich erwischte er den rasch rollenden Ball regelmäßig.
Ein anderes junges Tier, das Mitchell in seinem Hause hatte, erlernte die schwierige Kunst des Kletterns ganz planmäßig. Es war ein junger Klippdachs (Klippschliefer, Hhrcix), also ein richtiges Klettertier. Im Hause waren nun die schönsten Kletier- gelegenheiten vorhanden, und diese wurden, nach steigender Schwierigkeit angeordnet, bemeistert. Zunächst sing der Klippdachs an, eine Bettstelle versuchsweise zu erklettern. Sie hatte runde eiserne Füße mit nicht allzu glatter Oberfläche. Nach verschiedenen unbeholfenen vergeblichen Versuchen kam der Klippdachs ziemlich rasch darauf, das in der Ecke stehende Bein als Kletterstange zu benutzen, indem er sich mit dem Rücken gegen die Ecke des Zimmers, mit den Füßen gegen das eiserne Bein ftemmte. Erst als er hierin sicher war, ging er zu den anderen Beinen über, und allmählich lernte er, auch die freistehenden Beine des Möbels zu erklimmen. Dann kam das Bein eines Mahägonistuhls an bie Reihe, bas wieder etwas mehr Schwierigkeiten machte, und dann wagte sich, das Tier an ganz glatte Gegenstände. Es dauerte ziemlich lange, bis es gelernt hatte, an den polierten Stangen eines Handtuch- ständers in die Höhe zu klettern, aber das Tier legte die größte Ausdauer an bett Tag, bis es sich an den senkrechten Staben sicher bewegen konnte. Dann (ernte es, auf bett wagerechten Stäben entlang zu balancieren, und als es auch hierin sicher war, machte es Versuche, sich von einer der wagerechten Stangen zur anderen zu schwingen, was schließlich auch gelang. Eines Tages entdeckte das Tier, daß man auch an Türrahmen fietterit kann. Die Türrahmen halten eine Breite von 10 Zentimetern
und ragten 3(4 Zentimeter über die Wand vor. Ler KltppdachS klammerte sich an den Kanten an und kletterte bann, in kleinen Sprüngen aufwärts. Das Abwärtsklettern an biefen breiten Holzleisten, den Kopf voran, erwies sich als schwieriger, und das Tierchen lernte diese Kunst nur mit Hilfe seines Herrn. , Beim ersten Versuche blieb es stecken, sing an zu schreien und ließ sich herunterheben. Dann jedoch machte eS sogleich einen neuen Versuch, und nach fünf weiteren Versuchen beherrschte es bie neue Bewegungsart. Was -es einmal gelernt hatte, behielt es dauernd..
Mitchells junger Caracal übte sich zusammen mit seinem Herrn auch int Zweikampf. Das Tier holte sich -einen Filzschuh unb forderte seinen Herrn dann auf, ihm diese Beute zu entreißen, wobei er sich mit Zähnen und Pranken verteidigte. Seine liebste Verteidigungsstellung war dabei (ganz nach Katzenart) die Rückenlage, in der er alle Viere frei hatte. „'Er lernte es rasch," sagt Mitchell, „bedeutend schneller zu sein als ich, und wenn er in seiner Lieblingslage war, konnte ich den Schuh nicht ohnü Gefahr bekommen."
Vermischter.
kf. Wenn Prinzen Treppengeländer [) e t u n t er rutschen . . . . In den „Erinnerungen einer Diplomatenfrau', die unlängst in englischer Sprache erschienen sind, findet sich auch eine hübsche Geschichte von unserem Kaiserhofe, die unseren Kaiser als sorgsamen „Pater familias“äeigt. Der Gatte ber Erzählerin — sie selbst verschweigt ihren Siamen und beutet nur an, daß sie Amerikanerin ist — würbe eines Tages zum Kaiser gebeten, ber mit ihm über eine gewisse Frage Rücksprache neunten wollte. „Als mein Gatte im kaiserlichen Paläste angekommen war unb gerade bie Treppenstufen zum Audieuzzimmer hinauf flieg", so beißt es in den Erinnerungen, „kam plötzlich der kleine Kronprinz dos Treppengeländer in wahnsinnigem Tempo heruntergerutscht, wobei er im Vorbeisausen vor meinem Gatten salutierte. Unten fing ihn ein Diener auf unb brachte ihn nach oben zurück, worauf ber Kronprinz ein fürchterliches Zetergeschrei von sich gab ..... Ungefähr eine Viertelstunde mußte mein Gatte im Vorzimmer warten, während welcher Zeit eine feiir hörbare Züchtigung hinter uer- schlosfencn Türen vor sich ging. Schließlich trat der Kaiser ein mit hochrotem Gesichte unb blitzendem Auge. Er schien ben Zweck der Audienz völlig vergessen zu haben; denn während einer vollen Stunde hielt er meinem (Sotten einen Vortrag über bie Notwendigkeit einer strengen väterlichen Zucht, wobei er nicht zuletzt betonte, daß insbesondere ber Hosenboden eines Lohnes nianchuial vorn Vater einer gründlichen Behandlung unterzogen werbe» müsse."
* Feine Witterung. Köchin (zu ihrem Unteroffizier, den sie trifft, als sie, um etwas zu holen, über die Straße springt): „Aber Josef, was schnupperst du denn so?" — Unteroffizier (begeistert): „Dich umgiebt ein Duft. . . ein Dust . . . heute kannst du sicher auf mich zählen!"
* Im Knpee. „Sagen Sie mal, mein Herr, Sie kommen mir nämlich so bekannt vor, find Sie nicht aus Meißen." — „Nee, ich bin aus Pirna." — „Ach, das trifft sich aber merkwürdig — ich bin Sie nämlich auch nicht aus Meißen."
* Standesgemäß. A.: „Also Ihr Sohn ist jetzt beim Militär?" — Bankier X.: „Jawohl, er dient bei den Kanomerenl. und zwar sitzt er auf dem Protzkasten. Wir könnens uns j.a leisten!"
ttönMprsmenade.
Man darf die einzelneu Wörter und Silben nur in der^Weise miteinander verbindeii, daß man — wte der König auf dem Schachbrett — stets von einem Feld aus auf ein benachbartes übergeht
Auflösung in nächster Nummer.
rem
schive
mci
des
wet
schlag
sels
nur
dorn
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chet mors
er
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tief steck
mar sich
sprö
ernst
mü
heit
blei wer
des
den
ne
dem
wahr
chet
fei
nur
der
rauscht
Auslösung des Kapselrätsels in voriger Nummer: Ernst ist der Anblick der Nolivendigkcit.
Redaktion: K. Nenrat h. — Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Stembruckerei, N. Lange, Gießem


