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Denn tote schnell verschwinden die in Privatbesitz befindlichen Unterlagen zu einer Biographie! Wie viele Briefe, Notizen und sonstige Quellen werden bei jeder Erbteilung dem Untergang preisgegeben! Das ist in der raschlebenden Gegenwart viel häufiger der Fall, als in früheren Zeiten, wo Familienbriese oft Generationen hindurch aufgehoben wurden. Damals war auch ein Brief etwas ganz anderes, als bei den jetzigen hochentwickelten Verkehrsverhältnissen, wo die kurze Postkarte eine große Bedeutung erlangt hat und wo ein Besuch oft an die Stelle einer brieflichen Mitteilung tritt. Mit dieser Entwicklung des Verkehrs, und mit der damit notivendig verbundenen Ausdehnung des äußeren und der Eindämmung des inneren Lebens, mag auch die Sitte, Tagebücher zu führen, geschwunden sein. Kein Wunder! Wieviel neue Eindrücke bot noch vor 100 Jahren eine gar nicht allzu weite Reise; wieviel noch nie gesehene Bilder traten vor das Auge des Reisenden, der wirklich die Gegenden sah und kennen lernte, durch die er kam! Jetzt dagegen besteigt der Reisende in einer Gegend, wo es Winter ist, am Abend den Schlafwagen eines Expreßzuges und findet sich, ganz unvermittelt in seiner Vorstellung, am nächsten Morgen in Gefilden, die im Frühlingsschmucke prangen. Von der Gegend, die er nächtlicherweile durchflogen, hat er nichts gesehen; vielleicht hat ihm die neueste Nummer einer illustrierten Zeitschrift, wie etwa der „Woche", Bilder aus der ganzen Welt vor Augen geführt, und der reich illttstrierte Führer des Ortes, den er aufzusuchen gedenkt, hat ihn mit dieseim schon "so vertraut gemacht, daß er bei dem ersten Besuche gar nicht den Eindruck hat, daß er noch nie dort gewesen sei. Was sollte er sich unter solchen Umständen nock; viele Aufzeichnungen über seine Reise machen, was sollte er viel in Briesen schildern, da ja alles, was er sagen könnte, gedruckt und jm Bilde zu haben ist?
Andere Papiere — von Tagebüchern abgesehen — wie Personalakten und dergleichen mehr mögen in ähnlicher Weise dem Untergange preisgegeben werden. Und dabei ist cs auffallend, wie wenig oft nahe Verwandte positive Ausknnft über, das Leben eines verstorbenen Angehörigen geben können. Oft ist das einzige, was sie tvissen, daß einmal Papiere, worauf niemand mehr Wert gelegt hätte und die vielleicht den gewünschten Aufschluß hätten geben können, vernichtet wordeit seien. Sicherlich ist, viel archivalisches Material erst im 19. Jahrhundert durch Unverstand und Nichtachtung der Zerstörung anheimgefallen; darunter auch manches, dessen Verlust man dem 30jährigen oder einem anderen Kriege oder irgend einem Brande im Jahre dazumal auf die Rechnung zu setzen gemeinhin geneigt ist.
Wie bei den meisten Biographien-Sammlungen, z. B. der „A llgemeinen d e n t f dj e tt Biograp hi e", den „B a - dischen Biographien", der von der Historischen Gesellschaft des Künstlervereins herausgegebenen „Bremischen Biographie des 19. Jahrhunderts" (Bremen 1912) und — mit wenigen Ausnahmen — auch bei der kürzlich im ersten Bande erschienenen „Allgemeinen Hannoverschen Bio- g r a p h i e" (herausgegeben von Wilhelm R o t h e r t, Band 1: Hannoversche Männer und Frauen seit 1866; Hannover, 1912) gilt ebenfalls für die Aufnahme in die Hessischen Biographien der Grundsatz „non vitam, sed mortem", d. h. es finden nur die Lebensbeschreibungen bereits Verstorbener Aufnahme. Hierdurch unterscheiden sie sich von zwei älteren Werken, die sie in gewisser Beziehung fortsetzen, nämlich dem großen, auch das Kurfürstentum Hessen behandelnden Werke von Friedrich Wilhelm Strieder: „Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriststeller-Geschichte seit der Reformation bis auf gegenwärtige Zeiten" — das von 1781 bis 1819 in 18 Bänden erschien und 1831 einen Band (Bd. 19) Fortsetzungen und Nachträge von Karl Wilhelm Justi, dem Herausgeber der letzten Bände des Werkes, sowie zwei weitere Fortsetzungsbande, 21 und 22, von Otto Gerland (Kassel, 1863—68) erhielt — und dem „Biographisch-literarischen Lexikon der Schriftsteller des Großherzogtums Hessen im 19. - Jahrhundert" von H e i n r i ch Eduard Seriba, das in zwei Abteilungen in den Jahren .1831 und 1843 veröffentlicht wurde.
Beide Werke enthalten eine große Zahl von Selbstbiographien. Das verleiht ihnen einen besonderen Reiz und Wert und schützt sie für alle Zeiten vor völligem Veralten. Denn selbst bei den häufigen Irrtümern in Selbstbiographien (vergl. Hans G lag au: Die moderne Selbstbiographie als historische Quelle, Marburg 1,903) wird doch auch der gründlichste Biograph keinen so tiefen Blick in die geheimsten Winkel des Lebens eines Dritten erhalten, wie der, der dieses Leben selbst gelebt hat. Deshalb wäre es wohl zu wünschen, wenn selbstbiographische Aufzeichnungen, gleichsam als Vorarbeiten zu den Hessischen Biographien, gesammelt werden könnten. Eine Zeitschrift für selbstbiographische Arbeiten hat Karl Philipp Moritz, der Verfasser der höchst interessanten Selbstbiographie, des „Psychologischen Romans" Anton Reiser, vom Jahre 1783 bis zu seinem Tode im Jahre 1793 unter dem Titel „rvwfh ceaurov Magazin für Erfahrungsseelenkunde" herausgegeben. Das Programm dieser Zeitschrift hat er in einer kleinen Schrift: „Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre" (Berlin 1782) entwickelt und daselbst (S. 15—18) die Wichtigkeit solcher eignen bio
graphischen Aufzeichnungen und Beobachtungen mit folgenden Worten hervorgehoben:
„Wer sich zum eigentlichen Beobachter des Menschen bilden wollte, der müßte von sich selber ausgehen: erstlich die Geschichte seines eignen Herzens von seiner frühesten Kindheit an sich so getreu wie möglich entwerfen; auf Erinnerungen aus den frühesten Jahren dec Kindheit aufmerksam sein und nichts für unwichtig halten, was jemals einen vorzüglich starken Eindruck auf ihn gemacht hat, so daß die Erinnerung daran sich noch immer zwischen seine übrigen Gedanken drängt. Dabei müßte er aber ja nicht etwa die Spuren seines Genies oder dasjenige, was schon in ihm steckte, in den frühesten Begebenheiten seines Lebens ober in seinen kindischen Handlungen suchen wollen. Er müßte auf sein gegenwärtiges wirkliches Leben aufmerksam fein; die Ebbe und Flut bemerken, welche den ganzen Tag über in seiner Seele herrscht und die Verschiedenheit eines Augenblickes von dem anderen; er müßte sich Zeit nehmen, die Geschichte seiner Gedanken zu beschreiben und sich selber zum Gegenstand seiner anhaltendsten Beobachtungen zu machen . . . Von dem Leben der Menschen, deren Geschichte beschrieben ist, kennen wir nur die Oberfläche. Wir sehen wohl, wie der Zeiger der Uhr sich dreht, aber wir kennen nicht das innere Triebwerk, das ihn bewegt. Wir sehen nicht, wie die ersten Keime von den Handlungen des Menschen sich im Innersten seiner Seele entwickeln. Dies bemerken wir so selten bei uns selber, geschweige denn bei anderen. Damit ist aber nicht ausgemacht, daß wir es nicht bemerken könnten., Dies ist eben noch das unbearbeitete Feld. Tausend Beobachtungen, die man schon gemacht hat, sind bloß von der Oberfläche genommen und nicht aus dem Innersten der Seele herausgehoben. So mancher, der über feine Seele nachdachte, tat es vielleicht erst in einem Alter, wo schon seine Leidenschaften ruhiger waren, und eine dunkle allgemeine Zurückerinnerung war die Grundlage seiner Beobachtungen. Wenige nahmen sich vielleicht nur die Zeit, ihre Seele zu beobachten, da sie noch gerade in der größten Wirksamkeit und Tätigkeit gegriffen war. Freilich scheint es mit einer widrigen Idee bei anderen Menschen verbunden zu sein, Beobachtungen über sich selber anzustellen; unb man kann den Gedanken nicht gut vermeiden, daß man seiner eigenen Person eine zu große Wichtigkeit beilegt, indem man gerade selber der Gegenstand dieser Beobachtungen fein will. — Aber kann es beim ein anderer sein? Können wir in die Seele eines anderen Blicken wie in die unserige?"
Die Gründung einer solchen Zeitschrift für Selbstbiographie soll hier keineswegs vorgeschlagen oder angeregt werden. Es gibt genug Gelegenheiten, selbstbiographische Aufzeichnungen, seien sie nun vom psychologischen oder zeitgeschichtlichen Standpunkte ans interessant, zit verössentlichen. Bei solchen Auszeichnungen/ und namentlich den zeitgeschichtlich interessanten, die infolge amtlicher und persönlicher, vielleicht auch politischer Rücksichten, oft erst, geraume Zeit nach dem Tode ihres Verfassers der Allgemeinheit mitgeteilt werden können, handelt es sich vor allen Dingen darum, daß sie schriftlich fixiert werden. Wie viele in hohem Alter stehende Persönlichkeiten, mit einem wunderbaren Gedächtnis begabt, nehmen eilten Schatz wertvoller Erinnerungen, der mit ihrem Tode unwiderbringlich verloren ist, mit sich ins Grab! Und doch könnten derartige Erinnerungen, die unter Umständen den Historiker ebenso wie den Psychologen, den Pädagogen oder den Familiengeschichtsforscher in gleicher Weise interessieren, dadurch erhalten werden, daß solche Persönlichkeiten veranlaßt würden, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen oder sie ihnen nahestehenden Personen zu diktieren. Abschriften solcher Erinnerungen sollten Bibliotheken oder Archiven zur Verfügung gestellt werden, wo sie, wenn das wünschenswert erscheinen sollte, für eine längere Zeit geheim gehalten werden könnten.
Am besten wurde noch für die Erhaltung militärischer Erinnerungen gesorgt. Eine ganze Anzahl von Aufzeichnungen hessischer Offiziere befindet sich, freilich leider meist, in gekürzten Abschriften, in dem Großh. Haus- und Staats-Archiv. Als Beispiel seien hier nur genannt die Erinnerungen der Brüder Friedrich Maurer (zuletzt Geh. Rechnungsrat und Georg Maurer (zuletzt Oberstleutnant), des späteren Oberstleutnants Ludwig Venator und des späteren Majors Karl Christoph Caspar y, die sämtlich von dem Krieg in Spanien und der darauffolgenden Gefangenschaft in England (1808—1814) handeln. Wie viele lebensvolle Bilder und Schilderungen in den genannten Erinnerungen enthalten sind, wird der im Herbst erscheinende 13. und 14. Band der von D. Dr. Milh elm Diehl heraus- gegebenen „Hessischen Volksbücher", der £ie Hessen in dem Feldzug schildern wird, deutlich erweisen. Erst neuerdings hat man Schritte getan zur Erhaltung von Kriegserinnerungen. So wurde int Sommer dieses Jahres von dem Präsidium der Krieger- kmneradschaft „Hassia", der Direktion des Großh. Hans- und Staatsarchivs unb der Direktion der Großh. Sofbibliotljc^ ein „Aufruf zur Sainmlnng von Briefen und Tagebüchern aus Kriegszeiten" erlassen. „In Preußen, Baden und anderen deutschen Ländern" — so heißt es darin — „bemüht man sich seit einigen Jahren mit Erfolg, die erhaltenen Briefe und Tagebücher aus Kriegszeiten zu sammeln, um sie an einer Stelle für die Zukunft zu erhalten. Mit vollem Recht, denn zu den geschichtlichen Quellen gehören nicht nur die amtlichen Aktenstücke und die


