Ausgabe 
20.11.1912
 
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Es ist die Kinderstube eines vsrnehmen Hauses, die da vor ihm liegt. Die schneeweissen zierlichen Möbel lassen es erkennen, die sorgsam auf Schränken und Regalen geordneten Spielsachen Und das weißlackierte englische Bettchen an der einen Längs- wand des Raumes. Ein von blondem Lockengewirr umrahmtes Köpfchen mit lieblichem, blassem Gesicht ruht auf dem spitzen­besetzten Kissen. Tie langen Wimpern der in friedlichem Schlum­mer geschlossenen Augen werfen seine Schatten auf die zarten, vielleicht etwas zu schmächtigen Wangen. Die kleinen Hände aber sind auf der seidenen Decke gefaltet, als wäre das Knäblein mitten aus seinem Abendgebet hinübergeglitten in das Wunder- reich der Träume.

Auf dem Tisch, unweit des Fensters, brennt die mit einem grünen Lichtschirm bedeckte Lampe. Ihr Schein fällt voll auf das unmittelbar daneben stehende Sofa und auf die ausgestreckte Gestalt des jungen Mädchens, das vollständig angekleidet darauf schlummert. Der Beobachter sieht, daß sie fahlblonde, glatt über die Schläfen gestrichene Haare hat. Aber er hat nicht Zeit, weitere Beobachtungen anzustellen, denn er gewahrt etwas, das ihn mit namenlosem Entsetzen erfüllt und ihm wieder für einen Moment das Blut in den Adern stocken läßt.

Der Schwarzbärtige hat sich hinter das Kopfende des Sofas geschlichen. Er hält ein Taschentuch in her Hand und in der anderen irgendeinen Gegenstand, den der Schmächtige nicht zu erkennen vermag. Aber es scheint ein Fläschchen zu sein, von dessen Inhalt er^ etwas auf das Tuch gießt. Und nun beugt er sich über die Schlafende herab. Er macht eine blitzschnelle Bewegung nach ihrem Halse, aber er ist doch nicht schnell genug gewesen, denn es geht wie ein Ruck durch den Körper des Mädchens, und sie macht tine heftig abwehrende Bewegung mit den Armen. Der Lauscher erwartet, daß sie schreien werde, aber sie schreit nicht nur ein schwacher, halberstickter Laut dringt unter dem Tuche hervor, das der Schwarzbärtige ihr jetzt auf Mund und Nase gepreßt hat. Und nach wenig Sekunden schon sinken die halb erhobenen Arme kraftlos wieder herab. Sie leistet keinen Widerstand mehr.

Der Schwarzbärtige verharrt noch eine kleine Weile in seiner Stellung, dann zieht er die Hand zurück, und nachdem er einen Blick auf das blasse, unbewegliche Gesicht des jungen Mädchens geworfen, atmet er tief auf, wie jemand, der eine schwierige oder gefährliche Verrichtung glücklich zu Ende gebracht hat. Aus dem Fläschchen in seiner Linken gießt er wieder etwas auf das Tuch, nur eilt paar Tropfen einer wasscrhellen Flüssigkeit, die einen angenehm süßen Geruch verbreitet. Und er will auf den Fußspitzen zu dem Bettchen des kleinen Knaben hinüber, als sich plötzlich ein Schatten zwischen ihn und die Lampe schiebt und er das angstverzerrte, fahle Gesicht seines jungen Gefährten dicht vor dem f einigen sieht.

Das Kind nicht!" keucht dieser.Du sollst das Kind nicht anrühren ich leide es nicht."

Die Hand des Schwarzbärtigen hat sich zur Faust geballt. Für einen Augenblick hat es den Anschein, als ob er gesonnem sei, den anderen niederzuschlagen. Dann aber mag er sich wohl besinnen, daß dies nicht der rechte Moment ist für eine Rauferei, And er begnügt sich, ihm ingrimmig zuzuflüstern:Narr du es schadet ihm ja nichts ich tue ihm doch nichts zuleide."

Aber ich leide es nicht," beharrte der Schmächtige.Gib mir die Flasche, oder"

Er spricht die Drohung nicht aus: aber der Schwarzbärtige mag es ihm Wohl in den Augen lesen, daß sie ernsthaft gemeint ist. Und er besinnt sich nicht lange, denn die Sekunden sind kostbar. Mit einer gemurmelten Verwünschung drückt er dem jtnbequemen Kameraden das Fläschchen und das Tuch in die Hand.

Jetzt aber hinaus auf deinen Posten. Und aufgepaßt sage ich dir! Wenn sie uns fassen, bist du ebenso reif für das Zuchthaus wie ich."

, Wenige Sekunden später steht der Schmächtige wieder draußen auf dem Geländer der Terrasse, den Körper dicht an die Haus­wand gedrückt, bte Augen starr in das Zimmer gerichtet und alle Sinne auf das äußerste angespaunt. Er kaun den Schlag seines eigenen Herzens hören, so still ist es um ihn her. Von dem Ge­fährten, der durch die Tür des Kinderzimmers verschwunden ist, steht und hört er nichts mehr. Und es ist ihm, als ob schon Stunden vergangen sein müßten, seitdem er hier steht eine endlose, grauenhaft qualvolle Ewigkeit, während deren ihm un­ablässig nur das Wort im Gehirn herumgegangen ist:Wenn sie uns fassen, bist du ebenso reif für das Zuchthaus wie ich."

*

Von den Gästen des Baukdirektors Halbach, die gekommen sind, um den achtzehnten Geburtstag des Haustöchkercheus zu feiern, denkt noch keiner an den Aufbruch; die rauschende Fröhlich- kert hat ja erst eben ihren Höhepunkt erreicht. Die lang aust- gedehnte Abendmahlzeit mit ihren erlesenen Gerichten und ihren feurigen Weinen ist zu Ende, und in dem großen Gartensaak durch dessen weitgeöfstiete Fenster die würzige Luft der schönen Herbstnacht so erquickend hereiuströmt, dreht sich die Jugend im -^anz. Die Gesichter sind erhitzt, und die Augen leuchten, denn nach der langen Erholung des Sommers bringt man dieser ersten improvisiert en Ballfestlichkeit noch volle Frische und Genußfähiq- rett entgegen. b

®iiie_ der begehrtesten Tänzerinnen ist die junge Fralu des' reichen Fabrikanten Leuenberg, eine mädchenhaft schlanke, fünf­

undzwanzigjährige Blondine mit klassisch regelmäßigem, wenn auch etwas kaltem und hochmütigem Gesicht. Sie tanzt wie eine Elfe, uud man hat ihr darum noch kaum eine Minute lang Ruhe gelassen. Mit heftig atmender Brust hat sie sich eben von ihrem Teilten Kavalier zu einem Stühle führen lassen. Da tritt ihr Gatte an ihre Seite. Er ist ein hochgewachsener stattlicher Mann. Auf ieinem hübschen Gesicht liegt es in diesem Augenblick wie ein Schatten der Unzufriedenheit oder der Sorge.

.Ich kann es nicht länger aushalten, Sidonie," flüstert er seinem schönen Weibe zu.Die Angst um unseren Kurt läßt mir keine Ruhe. Der Wagen wartet schon seit einer halben Stunde Und du hattest mir doch versprochen, daß wir nach dem zweiten Tanz umbrechen würden."

Etwas unwillig zieht die junge Frau die Brauen zusammen. Aber sie weiß, daß jetzt jeder weitere Widerspruch nutzlos fein würde, und darum steht sie auf.Wenn ich es einmal versprochen habe meinetwegen! Aber deine übertriebene Aengstlichkeit ist ein wenig lächerlich. Kurt ist unter Fräulein Artuers Obhut sehr gut aufgehoben. Und du weißt doch, daß mir ihm auch nicht Helsen können, wenn er seinen Anfall hat."

Ihr Gatte, der ihr bereits den Arm gereicht hat, um sie hinauszusühren, erwidert nichts. Er ist sichtlich froh, daß es ihm gelungen ist, sie fortzubringen. Hastig legt erihr draußen in der Garderobe den Abendiuantcl um die Schultern, und ohne daß sie die allgemeine Fröhlichkeit durch eine Verabschiedung gestört hätten, schreiten sie über den weichen Treppenläufer hinaus ziiin Wagen.

Fahren Sie so schnell wie möglich, Friedrich!" ruft Herr Leuenberg seinem Kutscher zu.

Der Diener schließt hinter ihnen den Schlag nnd schwingt fiel), behend auf den Bock. Ein leichter Peitscheukuall, daun geht es im scharfen Trab vorwärts durch die schweigende Nacht. Seiten» berg versucht eine Unterhaltung mit seiner Gattin anzuknüpfen. Aber sie ist ersichtlich verstimmt und stellt sich darum todmüde. Ihre mütterlichen Instinkte sind offenbar nicht so stark entwickelt wie feilte väterliche Liebe. Und sie schmollt, iveil seine nach ihrer Meiuuug grunblofe Sorge sie vielleicht um den schönsten Teil des- Festes gebracht hat.

Ohne sich seiner Unterstützung beim Aussteigen zu bedienen/ rauscht sie ins Haus, sobalb die Equipage in der Einfahrt der Villa hält. Eine ältere Dienerin, die offenbar erst durch den lauten1 Peitschenknall des vorfahrettden Kutschers aus tiefem Schlummer geweckt worden ist, hat ihr geöffnet, und mit einem kurzen, be­fehlenden Wort fordert Fraft.Leuenberg sie auf, ihr in das Toiletten- jimntcr zu folgen, damit sie.iHv dort beim Auskleiden behilflich sei.

Ihr Gatte wechselt im Vestibül noch ein paar Worte mit beut Diener. Da schlägt ein zweifacher gellender Aufschrei an sein Ohr, ein Schrei, wie nur der furchtbarste Schrecken ihn zu er» presseu vermag. Uud unmittelbar darauf schrillt die Stimme seiner Frau durch das Haus:Zu Hilfe! Diebe! Mörder! Zu Hilfe!"

(Fortsetzuug folgt.)

Die hessischen Biographien.

Ein Geleitwort zu ihrem Erscheinen von Dr. Karl Esselborn.

In der Verwirklichung des Gedankens der Denkmal-, pflege durch die Gesetzgebung schritt das Großherzogtum Hessen den deutscheit Staaten voran und war ihnen vorbildlich. Das hessische Gesetz vom 16. Juli 1902, beit Deukntasichutz betreffend, sucht bte Denkmäler ber Baukunst vor bem Untergang und der Zerstörung zu bewahren. Die Baudenkmäler sind aber nicht die einzigen, die Anspruch auf Schutz und Pflege machen. Die Er­zeugnisse der Druckerpresse werden in Bibliotheken gesammelt, und die Einrichtung ber Pflichtexemplare zieht bie Verleger und Drucker zur Mithilfe an biesem Denkmalschutz auf literarischem Gebiet heran, indem sie ihnen die Verpflichtung auf erlegt, ihre Verlags ober Druckwerke unentgeltlich bett Landesbibliotheken zur Aufbewahrung für spätere Zeiten zu überlassen. Für bte Er­haltung geschriebener Urkunden ist eine Organisation in der Ein­richtung ber Urkuudenpfleger geschaffen worden. Es gibt aber auch sozusagen immaterielle Denkmäler, bie Anspruch auf Erhaltung haben. Hierhin gehören vor allem die Nachrichten von dem , Leben solcher Männer und Frauen, bie durch ihr Wirken eilte gewisse über den Durchschnitt hiuausgeheude Be­deutung erlangt haben. Diesen Zweig der Denkmalpflege wollen die hessischen Biographien, die die im Jahre 1907 ins Leben gerufene Historische Kommission für das Großherzogtum Hessen in ihr Arbeitsprogramm aufgenommen hat, dadurch pflegen, daß ie das Leben solcher Persönlichkeiten, soweit sie durch ihre Ge­burt ober burdj ihre Wirksamkeit deut Großherzogtinit angehoren/ zu beschreiben unternehmen. Von Persönlichkeiten, bie einen all» gemein deutschen, europäischen ober gar Weltruf erlangt haben/ tote z. B. Justus Liebig, werden sich freilich die Unterlagen für eine Biographie erhalten; bei solchen aber, denen nur eine auf das Großherzogtum Hessen beschränkte Bedeutung zukommt und diese bilden doch vielleicht den Hauptbestand der Hessischen Bio­graphien ist eine solche Pflege viel nötiger, als man denkt,