MittGSch, den 20. November
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Auch ein Verbrecher.
Erzählung von Reinhold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
Eine Herbstnacht ist es, aber lind und weich, als Wäre man noch im Sommer. Die Luft ist ganz unbewegt, und der Sternenhimmel entfaltet in überwältigender Herrlichkeit all seine funkelnde und glitzernde Pracht. Die Uhr vom Marienturm, die einzige, deren weithin tönenden, hellen Sckstag man hier draußen in deni abgelegenen Villenviertel vernimmt, hat soeben Mitternacht verkündet, und in den von wohlgepflcgten Gärten eingefaßten Straßen ist cs totenstill.
Hallenden Schrittes wandert ein Schutzmann durch daS Revier, das ihm glücklicherweise so wenig zu tun gibt. Er braucht beinahe eine Stunde, tim eS abzupatrouillieren. Wessen Tun das Auge des Gesetzes zu scheuen hat, der hätte hinter seinem Rücken eine Stunde lang freies Spiel.
Und es scheint in der Tat, als wäre es hier draußen im Villenviertel nicht ganz so sicher, als die Bewohner und mit ihnen der Hüter der öffentlichen Ordnung es anuehmen. Noch könnte ein scharfes Ohr den Klang seines Schrittes in der Ferne vernehmen, da lösen sich aus dem Dunkel einer ganz beschatteten schmalen Villenzufahrt zwei Gestalten. Sie müssen sehr leichte Hausschuhe an den Füßen tragen, denn mit einer unheimlichen, schattenhaften Lautlosigkeit huschen sic dahin. Der eine ist groß und breitschultrig, mit einem wilden schwarzen Bollbart, der beinahe nichts als die Augen sehen läßt, der andere schmal und schmächtig, mit einem verhärmten oder kränklichen Gesicht. Er geht mit gesenktem Kopse und hält sich immer dicht hinter seinem Gefährten, der ihm wiederholt etwas Ermutigendes oder Anfeuerndes zuzuraunen scheint. Einmal bleibt der junge Mann sogar stehen und hebt wie bittend seinen rechten Arm gegen den Begleiter. Der aber ruft ihm halblaut ein paar unwillige Worte zu. Und dann gehen sie wieder weiter, beinahe denselben Weg, den wenige Minuten vorher der Schutzmann cingeschlagen hatte, bis der Schwarzbärtige vor einem hohen eisernen Gartengitter Haltmacht.
„Hier ist es! — Ich will zuerst hinüber."
Und mit einer für seine Jahre erstaunlichen Gewandtheit denn er ist dem Aussehen nach sicherlich lein Jüngling mehr beginnt er das Gitter zu erklettern und schtvingt sich oben so geschickt über die lanzenscharfen Spitzen hinweg, daß sic weder seiner Haut noch seinen Kleidern -etwas anhaben. Ein rasches Hinabgleiten, ein leichter Sprung, und er steht drinnen im Garten wieder auf sicheren Füßen.
„Vorwärts!" flüstert er. „Es ist kein Kunststück, wie du siehst. Nur vor den Spitzen da oben mußt du dich ein bißchen in acht nelMen." .
Es sieht aus, als ob der andere noch unentschlossen ser. Wer sein Zögern ist nicht von langer Dauer, ein Zittern geht über seinen Leib, als er mit den Händen die kalten Eiseustäbe um- ilammcrt, um sich einporzuzichen. Wie er aber erst einmal mit dem Klettern begonnen hat, steht er an Behendigkeit nicht hinter seinem Gefährten zurück, und er hätte wohl der Hilfe kaum bedurft, die ihm jener mit starkem Arm beim Herabspringcn (eiltet.
„Jetzt die Schuhe ans und in die Rocktasche damit!" klingt ein kurzes geflüstertes Kommando an sein Ohr. „Auf Strümpfen ists doch noch sicherer. Und kein Laut, was auch passiert! — Bleib immer dicht hinter mir, dann wirst du nichts riskieren.
Zwischen den Büschen und Hecken des dichtbewachsenen park
artigen Gartens gehen sie vorwärts, deut über den Baumwipfcltt cmporragenden Hause zu.
Plötzlich erfaßt der Schmächtige -mit angstvollem Griff den Arm des Voranschreitendcn. „Uni Gottes willen — nicht weiter! Da ist ja lioch Licht!"
Aergerlich hat sich der andere losgemacht. „Um so besser," zischt er dem Zaghaften zu. „So zeigen sie uns den Weg."
Und er nimmt seine Richtung in dec Tat gerade auf die beiden weitgeösfnetan Fenster im -Erdgeschoß zu, aus denen ein matter Lichtschein breit in das Dunkel des Gartens hinausfällt.
Sic liegen unmittelbar neben der kleinen Terrasse, zu der man auf einigen Stufen emporsteigt, zu hoch über dem Badens als daß ein mittelgroßer Wann von draußen über die Fenster- brüstung ins Zimmer schauen könnte.
Aber man braucht sich nur auf das steinerne Geländer der Terrasse zu schwingen, um mit einer kleinen Vorwärtsneigung des Oberkörpers bett Kopf -vor die Fensteröffnung zu bringen. Und der Schwarzbärtige zögert nicht. Er geht so vorsichtig zu Werke, daß auch nicht das leiseste Geräusch seine Bewegungen begleitet. Es ist nicht anders, als ob ein Schatten über die weiß schimmernde Hauswand hinglitte. Etwa zwei Minuten lang verharrt er regungslos auf dem Lauscherposten; dann huscht er die Stufen der Terrasse wieder hinab.
„Alles in Ordnung," tuschelt er dem Gefährten ins Ohr. „Es kann losgehen mit der Arbeit. Du wirst mir vom Geländer ans beim Einsteigen ein bißchen behilflich sein. Je rascher ich hineinkomme, desto besser ist es."
„Aber es sind doch nicht etwa Menschen in dem Zimmer?"
„Gewiß — ein Mädchen und ein Kind. Aber es gibt keinen besseren Weg als den. Und sie wachen nicht ans — dafür will ich schon sorgen."
Mit zitternden Fingern umklammert der Schmächtige das Handgelenk des Schwarzen. „Mensch, was hast du vor? — Hast du mir nicht gesagt, daß nichts passieren würde?"
„Was soll denn passieren, du Dummkopf? Ich werde sie nicht umbriugen."
Der Schwarzbärlige steigt wieder auf das Geländer, und der andere folgt seinem Beispiel. Noch ein Blick in daS Zimmer, dann schiebt der Große ebenso vorsichtig als gewandt den Oberkörper über die Fensterbrüstung. Eine geringe Nachhilfe nur, und er kann sich vollends hinemschwingen. Wäre es nicht so totenstill ringsumher, man würde nicht einmal das leise Knarren und Schnurren vernehmen, das er dabei trotz aller Behutsamkeit nicht vermeiden konnte.
Dem anderen aber, der draußen geblieben ist, erscheint es wie ein Lärm, von dem die Schläfer im Zimmer notwendig erwachen Müssen. Er hat eine Empfindung, als ob fein Herz plötzlich zu schlagen aufhore, und er fühlt zugleich eine fast unwiderstehliche Versuchung, davonzulaufen. _ ,
Aber da neigt sich der schwarzbärtige Kops seines Genopen zum Fenster hinaus, und die tonlos flüsternde Stimme, die alle seine Handlungen beherrscht, zischelt ihm zu: „Gib mir dein Taschentuch! — So! — Und nun rühre dich nicht, von der Stelle. Wenn sich drinnen oder draußen was regt, gibst du das Signal."
Damit ist er aus der Fensteröffnung verschwunden. Und als würde er von einer unsichtbaren Faust an den Haaren gezerrt, neigt sich nun auch der .andere vor, um in das Zimmer zu spähen. Er übersieht es mit einem einzigen Blick. Noch nie in seinem Leben hat -er mit so blitzartiger Schnelligkeit dass Innere eines ihm fremden Gemaches bis in die kleinsten Einzelheiten in sich ausgenommen.


