Ausgabe 
20.7.1912
 
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Ton äußerster Verachtung, innerlich aber begann sie sich vor ihm zu fürchten, denn obwohl ein Poverello, besaß er doch Mut Und Willen und seine Augen hatten sich so wild in die ihren gebohrt, daß es sie kalt durchrieselte, und zitternd vor Furcht trat sie inS Kuns.

Am anderen Tage hörte Marinella durch die Türe, daß der Vater im andern Zimmer einen heftigen Wortwechsel hatte. Eie erkannte auch Cesares Stimme und erbleichte. Er wieder­holte seinen Heiratsantrag beim Vater Marinellas, und dieser trieb ihn fluchend aus dem Hause und vom Hofe.Das geschah ihm recht," dachte Marinella,nun hat er sich mit seiner Dreistig­keit ums Brot gebracht." Kein Mitleid regte sich in ihr, nur Zorn und Verachtung und eine geheime Furcht. Cesare Caglione ließ sich, nun am Tage nirgends mehr blicken. Er arbeitete nicht. Nur spät am Abend bis in die Nacht hinein zechte er in den Osterien. Schon nach einigen Wochen stand er im Rufe, ein gefährlicher und verwahrloster Bursche zu sein. Seit Marinella ihn nie mehr sah, fürchtete sie ihn noch mehr. Und je schlimmer seine Streiche wurden, desto größer wuchs ihre Furcht. Es beleidigte und ekelte sie, an ihn zu denken. Was ging sie der verwahrloste Mensch an! Umsomehr quälte es sie, daß die Furcht ihre Gedanken trotzdem unterbrochen mit ihm beschäftigt hielt. Auf der Passeggiata schrak sie zusammen, so oft es ihr einfiel, er könne unerwartet auftauchen. Wenn sich ihr jemand unverhofft näherte, durchfuhr sie jedesmal diese Angst. Einmal hätte sie gerne die Annäherungsversuche des hübschen, sanften Nachbarsohnes geduldet. Aber sie fürchtete, Cesare könne sie heimlich belauschen und hielt sich deshalb ängstlich fern. Sie hatte noch nie im Leben etwas so Schreckliches kennen gelernt als diese Furcht vor Cesare.

Und eines Tages, am Fronleichnamsfeste geschah das Un­erhörte. Marinella war in der Frühe zur Messe gegangen und kniete eben mit gesenktem Haupte unter der versammelten Menge vor dem Altar. Plötzlich fühlte sie sich von zwei starken Armen umklammert, cmporgerissen und, ehe sie noch einen Schrei ausstoßen konnte, ihren Mund von glühenden Küssen verschlossen. Ihre Augen umschleierten sich, ihre Knie wankten. Sie ließ es ge­schehen, daß Cesare ihren Schal zerriß und hörte ihn sagen: Du bist jetzt mein Weib." Die umstehenden Männer und Frauen waren entrüstet, daß so ein armer, verkommener Bursche an der reichen, schönen Ragazza die Scapigliata zu verüben wagte. Wer niemand durste dagegen einschreiten, denn er handelte gemäß der calabresischen Landessitte. In den meisten Gegenden Cala- briens darf der von den Eltern der Geliebten abgewiesene Freier sein Mädchen durch eine öffentliche Mutprobe zu erringen suchen. Diese besteht formell darin, daß er sie am öffentlichen Orte oder in der Kirche auf den Mund küßt, ihr den Schleier zerreißt oder eine Haarflechte abschneidet und, indem er ihr seinen Hut auf den Kopf setzt, sie als sein Weib erklärt. Sind diese Formen erfüllt, so gilt die Ragazza als entehrt. Die Familie muß entweder in die Heirat willigen oder die Ehre des Mädchens durch Vendetta reinigen. Der mutige Freier ist nach dieser Tat glücklicher Besitzer der Geliebten oder der Blutrache seitens deren Familie, dem sicheren Tode verfallen.

Ms Marinella wieder zu Sinne kam, sah sie die andern Frauen und Männer um sich beten, als ob nichts geschehen wäre. Cesare war fort, aber seine Küsse brannten noch auf ihrem Munde. Ein ohnmächtiger Zorn und ein entsetzliches Scham­gefühl bemächtigte sich ihrer. Sie, die stolze Marinella hatte vor aller Augeir ein armseliger Taugenichts entehrt. Wenn sw auch durch die Veirdetta gerächt werden würde, sie war doch nun einmal geküßt worden, noch dazu in der Kirche und von lenem Cesare, jeder wußte das. Sie konnte nicht mehr den Kopf in den Nacken werfen und stolz an jedem Burschen vorbeisehen, sie, die bereits Berührte. Ihr Stolz, das stärkste Gefühl, das sie bisher besessen, schien gebrochen. Und nun, nach Beendigung der Messe, dursten ihr all die Freundinnen mitleidig die Hand drücken und ihr ernnitigende, tröstende Worte zusprechen um einen Flecken auf ihrer Mädchenehre. Marinella wankte zitternd nach Hanse, sie fühlte sich gepeinigt und gestochen von den Blicken der ihr Begegnenden; keinem Burschen, auch Nicht dem ärmsten, wagte sie ins Auge zu sehen, und obgleich sie ohne Schuld war, zwang sie zum erstenmal ein unbekanntes Etwas, mit ge­senktem Haupte cinherzuschreiteii. m ,,

Als Marinella nach Hause kam, nahm niemand von ihr Notiz. Denn das Gerückt hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet und die Familie, Onkel und Vettern hielten sich bereits versammelt, um über eine rasche Vendetta zu beraten. Marinella entschlüpfte schnell in ihr oben gelegenes Schlafzimmer und brach hier m Tränen aus. Von Zeit zu Zeit kam die Mutter sie zu trösten Und sagte jedesmal:Warte, Du wirst heute noch gerächt und . Meine Ehre wieder hergestellt sein."

Marinella aber konnte es nicht begreifen, wie ihre Schande zu tilgen sein sollte. Sie fühlte noch Cesares Lippen auf ren ihren brennen, ihren Körper von seinen Armen umklammert. Das war nicht ungeschehen zu machen Am wenigsten durch etnen Mord. Und war sie nicht die Ursache de- Mordes? Ein Ent­setzen überkam Marinella. Hatte er sich Nicht lediglich aus ^iebe zu ihr einem liederlichen Leben und schließlich dem Tode preis­gegeben? War er denn früher schlechter gewesen als die andern Burschen? Um ihretwillen kam es mit ihm so weit. Ein Wort

von ihr vermochte ihn zu retten und sie sprach cs nicht aus. Sie konnte Cesare, den armen Coutadino, doch nicht heiraten? Ihr ganzer Stolz bäumte sich dagegen. Aber was nutzte ihr denn noch der Stolz, Cesare hatte sie doch bereits vor allen geküßt. Sie blieb ja jetzt selbst gezeichnet und zurückgestellt wie er, konnte ihn töten lassen, aber nicht vergessen. Denn schließlich war er doch der erste gewesen, sein Kuß der erste bas blieb nun einmal Tatsache und unabänderlich. Sein Tod mochte sie in den Augen anderer reinigen aus ihrem eigenen Herzen ließ sich jener glühende Kuß doch nicht löschen, sie würde zur inneren! Schande nur noch Blutschuld fügen.

Mittlerweile war es draußen dunkel geworden. Marinella hatte, ohne recht zu wissen, warum, Tuch und Schleier umge- hängt und wankte im Finstern die Treppe hinab. Eine inner« eilige Gewalt schien sie zu bestimmen und zu leiten. Die Füße sträubten sich nur, so schnell zu folgen. Sie mußte unbedingt jemanden zu Cesare senden, sich seinem Willen fügen, mußt« nötigenfalls die Eltern verlassen und ihn noch heute in seinem Hause ausiuchen. Sie hielt es anders nicht aus, ob sie wollt« oder nicht, es gab weiter keine Rettung.

Im ganzen Hause konnte Marinella niemanden finden. Sie ging in den Garten und rief ihre Mutter. Aber auch im Garten blieb alles still. Ein plötzlicher Einfall machte ihr Blut stocken. Die Mutter wehklagte vielleicht bei einer Nachbarin, aber der Vater und die Vettern, sollten sie am Ende schon Cesare auf­lauern? Käme sie bereits zu spät?

In bebender Hast wollte sie die Gartentür öffnen,, als der Vater ihr begegnete.Wo willst Du hin," fragte er, sie.Zu Cesare," stieß sie angstvoll heraus,er darf, nicht sterben, ich will ihn" ihre Stimme versagte und ihr Herz erstarrte. Trotz der Dunkelheit las sie aus des, Vaters, verstörten Zügen/ daß es bereits geschehen war, auch hielt er einen Dolch in der Hand, von dem noch Blut tröpfelte. Marinella brach bewußt­los in den Armen des Vaters zusammen. Sie hörte nur noch/ daß auch die Mutter zurückkehrte und, mit zärtlich besorgter Stimme jene Worte flüsterte, die ihr wie Messerstiche durch die Seele drangen:Wenn sic ihn doch liebte, weshalb kam sre dann nicht etwas früher l" _______

Unter dem Dache.

Dem Himmel am nächsten, den Sternen vertraut unterm Dach hat der Künstler sein Heim sich erbaut." Ties VersleiN aus einem alten Holteischen Liederspicl mag uns heut wieder in den Ohren klingen, denn die letzten Zeugen des wahren Künstler- Heims, die D a ch a t e l i e r s, aus denen die Polizei unsere gungen Maler vertreiben wollte, sind nunmehr für Berlin in ihrem Fortbestehen gesichert, und weiter können Sezessiomsten und hunger der alten Schuleauf der Menschheit Höhen wohnen .

Für die Biedermeierzeit war mit dem Dachstübchen des Kunst- lers ctivas unendlich Rührendes und Poetisches verbunden. Diese Zeit gefiel sich ja darin, Künstlers Erdenwallen als den ewigen Dornenweg der Schönheit zu schildern, und seit Correggios Sehnen und Leiden in Oehlcuschlägers seiitimentalem Drama das Publi­kum zu unendlichen Tränenströmcn gerührt, begegnen wir immer wieder dem Künstler in enger Dachkammer, aus den kahlen vier Wänden verklärt hinauf zur Sonne des Ruhmes schauend. Holters Lorbeerbaum und Bettelstab" hatte dieser Dichternnsere unter dem Dach gleichsam die klassische Form verliehen und die Dach­kammer gehörte von nun an so selbstverständlich zum Poeten/ daß z B Weisflog in einer Novelle einen recht wohlhabenden: Musenjünger schildert, der sich zum Geschäft des Dichtens, aus seiner behaglichen Wohnung im ersten Stock nach der romantischen kahlen, öden Dachkammer hinaufbegibt, weil er nur m diesem stimmungsvollen Milieu seine Werke schaffen kann., Di« Freuden diesesMusensitzes" gestaltet Spitzweg in einem niedlichen Bild­chen ' im Schatten der mächtigen Dachbalken, unter den großen Löchern in den Schindeln, durch die der,Himmel hereinichaut/ umqualmt von Dunst eines baufälligen Ofens sitzt der Poet, im Schutz eines Regenschirmes, der das schadhafte Dach, unterstützen muß, vom Finger Apolls berührt und dichtet, dichtet. . .

Ans solch behaglichem Biedermeier-Stilleben führen die stan- zösischen Mansarden und ihre lustigen Bewohner, tote sie Würgers Zigeunerleben schildert, in eine aufgeregtere, feurigere, genialere Sphäre. Im Meer der Riesenhäuser von Paris war, e», für die armen Künstler schon damals eine bittere Notwendigkeit, Luft und Licht unter dem Dache aufzusuchen, ^n diesen engen Kam­mern ist aus Sehnsucht und Vision die große, französische Land­schaftsmalerei geboren worden; hier hat die Generation der Maler von Fontainebleau, der Thsodore Rousseau, Millet, Cour- bet usw. ihre ersten Schwingen geregt. Wundervoll hat der Kunst­kritiker Bürger-Thors dieses Zusammenleben unter den Dächern geschildert, aus dem eine so herrliche Kunst entstand "Gedttifft du noch", schreibt er in dem Widmungsbrief seinesSa on an Rousseau, der Zeit, da wir auf den engen Fenstern unseres Mansarden in der Rue de Taitbout saßen, die Fusie vom Rande des Daches baumeln ließen und die Winkel der Hauser und Schornsteine betrachteten, die du, mit den Augen blinzelnd, Ge­birgen und auf Erdwellen verstreuten, großen Baumen verglichst ? Da du nicht in die Alpen aufs fröhliche Land gehen konntest, so schufst du dir eine pittereske Landschaft aus diesen fcheußlichen